Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Hänsel und Gretel

Märchenspiel in drei Bildern
Libretto von Adelheid Wette
nach dem Märchen aus den "Kinder- und Hausmärchen" von Jacob Ludwig Karl und Wilhelm Karl Grimm
Musik von Engelbert Humperdinck


in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Halle am 12. Oktober 2012


Opernhaus Halle

Gottvertrauen und Konfekt

Von Joachim Lange / Fotos von Gert Kiermeyer

Wenn es die Absicht war, mit einer Wohlfühlproduktion, dem jüngsten Nachwuchs die Tür zur Oper zu öffnen, dann ist die glänzend eingelöst worden. Das ist ganz in Ordnung so. Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel ist immer noch das richtige Stück für den ehrenwerten Zweck. Denn auch mit seinen fast 120 Jahren ist diese Märchenoper erstaunlich lebendig und unverwüstlich. Da gibt es großen, fast wagnerschen Orchesterklang ohne jede Zugangs-Barriere. Vor allem aber reiht sich eine mitsingbare Nummer an die nächste. Dabei sind nur „Suse, liebe Suse“ und „Ein Männlein steht im Walde“ wirklich aus dem Volksliedschatz in die Oper gerutscht. Bei den anderen Ohrwürmern ist es umgekehrt, was allein schon für die Qualität dieses Komponisten spricht!


Vergrößerung Hänsel und Gretel allein im Wald und ohne Furcht

Sängern macht es offenbar Spaß, Kinder zu spielen, auch wenn die in fernen Zeiten und unter Bedingungen lebten, für die heute der eigene Erfahrungshintergrund glücklicherweise fehlt. Diese lieben Kleinen sind sympathisch, selbstbewusst, auch ganz schön frech, wissen sich aber zu helfen, wenn es daheim oder draußen im dunklen Wald brenzlig wird. Sandra Marxheimer als Hänsel und vor allem Ines Lex als Gretel sind nicht nur gut bei Stimme und singen auch (ohne Übertitel) erfreulich deutlich. Sie machen genau die richtige Kinderfigur bei ihrem Ausflug an den Rand des Abgrunds bzw. vor die Öffnung des Backofens der bösen Hexe.

Zumindest, soweit die Regie sie lässt, denn selbst die Hexe ist hier nicht so böse. Auch ihr Ofen mit seinen Dracula-Zähnen wirkt eher albern als furchterregend. Da wäre ein „richtiger“ Backofen überzeugender gewesen. Natürlich ist die Hexe dennoch der Star des Abends. Ralph Ertel kassiert für seinen vokal und darstellerisch furiosen Ritt auf dem Besen zu Recht Szenenapplaus. Seine Kolleginnen mit den rot funkelnden Augen unterm Kapuzenmantel (Kostüme: Stephanie Dorn und Juan León) hatten bei der Ouvertüre ihren Besenbedarf beim Besenbinder-Vater Peter gedeckt. Matthias Henneberg macht das mit stimmlicher Wucht (sein sicher noch spielfreudigerer, alternativ besetzter Kollege Gerd Vogel ist derweil mit der Vorbereitung großer Ring-Aufgaben in Ludwigshafen beschäftigt). Die Hexen hatten dafür mit den im Haushalt vom Mama Besenbinder (Romelia Lichtenstein in der etwas undankbaren Rolle des gutmütigen Hausdrachens Gertrud) fehlenden Lebensmitteln korrekt bezahlt. Doch die Hexe vom Dienst zieht hier eh' die Strippen. Lässt das Besenbinderzimmer auftauchen und verschwinden, den Wald aus kahlen efeubewachsenen Stämmen einschweben und einnebeln, sich auch mal von den blond gelockten Weihnachtsengelchen (Marke „allerliebst“) verjagen, um dann ihr kannibalisches Auge auf die beiden Kinder zu werfen, die am weihnachtsmarktkompatiblen Knusperhäuschen knabbern. Mit ihrer Ausrede, es sei der Wind, das himmlische Kind, kommen sie ja bekanntlich nicht weit, sondern landen im Käfig und dann um ein Haar sogar im Hexenofen.

Vergrößerung

Früchte naschen ist besser als Angst haben

Doch bei Regisseur Matthias Hüstebeck kommen diese beiden weder in erkennbare Bedrängnis, als daheim der Milch-Krug zu Bruch geht, noch ergreift sie erkennbar Furcht, wenn sie den Weg nach Hause nicht mehr finden. Hier suchen sie nicht mal danach. Gerade so, als hätten sie in dem Märchenbuch, zu dessen Illustration die Szene wird, schon das Ende nachgeschlagen. Dass Hänsel und Gretel bei der ersten Gelegenheit, ohne viel Mühe und mit erkennbarem Spaß, die Alte in den Ofen verfrachten und (Notwehr hin, Notwehr her) ein Tänzchen aufführen, wenn die bei lebendigem Leibe verbrennt, ist ja ein ziemlich starkes Stück. Diese „virtuelle“ Brutalität steht diversen Computerspielen von heute in nichts nach. Bei Bühnenbildner Juan León bleibt auch das ein netter Spaß.


Vergrößerung Am Knusperhäuschen knabbern kann einem schlecht bekommen!

Den großen Knall, mit dem sich alles zum Guten wendet und die schon verbackenen Kinder befreit werden, den gibt's dann auch noch. Aus heiterem Schnürbodenhimmel sozusagen. Dazu nehmen die wie Konfektstückchen verpackten Chorkinder nur die Masken ab und bilden ansonsten die zart und fein singende Umrahmung für das zelebrierte Gottvertrauen zum happy end. Da wird dann sogar die eigentlich verbrannte Hexe als schöne junge Frau wiedergeboren. Wie gesagt: Als familientaugliche Einstiegsoper geht das in Ordnung. Und doch hätte man auch als Märchen mehr draus machen können. Das hinter der scheinbar harmlosen Illustrations-Ästhetik mehr steckt, kann man bei Robbert von Steijn und der Staatskapelle in der reich instrumentierten, wunderbaren Musik mit ihren Assoziationsverweisen auf Wagner und die dunkle Seite der Romantik hören. Und da rumort mehr als ein kesses Der-Hexe-von-der-Schippe-springen. Nun kann und soll man den genialen Wurf, mit dem vor sieben Jahren Giancarlo del Monaco in Erfurt aus der gleichen Musik einen atemberaubenden Missbrauchsthriller von heute gemacht hat, sicher nicht wiederholen. Aber so nett, wie die Geschichte in Halle über die Rampe kommt, ist sie wirklich nicht.

Vergrößerung

Links Hänsel im Käfig, rechts Gretel und in der Mitte die Hexe. Sie ist der Star des Abends.

Dem Wagnerverehrer Humperdinck (1854-1921) hat Hänsel und Gretel einen Logen -Platz im Repertoire gesichert. Im andauernden Schatten dieses Welterfolgs hat er mit den 1910 in New York uraufgeführten „Königskinder“ dann sogar noch eins drauf gesetzt. In der Oper Frankfurt greift deren Schicksal gerade in einer grandios verknappenden, mit der Ästhetik von Kinderzeichnungen spielenden Inszenierung von David Bösch ans Herz. Ohne Happyend, mit einer Art Liebestod der vom blinden Volk verkannten und schmachvoll verreckenden Königskinder, der keinen Vergleich mit Wagner scheuen muss. Man sollte Humperdinck nicht unterschätzen und auch die Kinder im Publikum nicht. In Halle gab es viel Beifall für die Protagonisten zu denen auch Kaori Sekigawas Sand- und Traummännchen und natürlich der Kinder- und Jugendchor „Ulrich von Hutten“ gehörten. Und zum glücklichen Ausgang auch noch Kinder-Konfekt.


FAZIT

Mit ihrer ersten großen Neuproduktion geht die Oper Halle auf Nummer sicher.




Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Robbert van Steijn

Inszenierung
Matthias Hüstebeck

Bühne
Juan León

Kostüme
Stephanie Dorn
Juan León

Chor
Peter Schedding  

Dramaturgie
André Meyer 



Damen des Chores der Oper Halle

Damen des Extrachores der Oper Halle

Kinder und Jugendchor »Ulrich von Hutten«
(Einstudierung: Klaus Rhode)

Kinder des Ballettstudios in der Oper Halle
(Leitung: Kerstin Teska)

Staatskapelle Halle


Solisten

Gretel
Ines Lex

Hänsel
Sandra Maxheimer

Vater
Matthias Henneberg

Mutter
Romelia Lichtenstein

Hexe
Ralph Ertel

Sand-und Taumännchen
Kaori Sekigawa


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Opernhaus Halle
(Homepage)






Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum

© 2012 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -