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Musiktheater
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Der geduldige Socrates

Musikalisches Lustspiel in drei Akten
Libretto von Johann Ulrich von König
Musik von Georg Philipp Telemann


In deutscher und italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Halle am 26. Januar 2013


Opernhaus Halle

Ehe zu dritt

Von Joachim Lange / Fotos von Gert Kiermeyer

Bevor es in Halle mit der Götterdämmerung in einen schwergewichtigen und doppelbödigen Weltuntergang im Wagnerformat geht, gönnt Opernintendant Axel Köhler seinem Publikum ein Durchatmen. Was diesmal das seltene Vergnügen einschließt, im Opernhaus auch einmal zu lachen. Er übertrug seine Inszenierung des Geduldigen Socrates von Händel-Freund Georg Philipp Telemann (1681-1768), mit der er am Münchner Gärtnerplatztheater einen Erfolg gelandet hatte, ans eigene Haus. Und es hat sich in vielerlei Hinsicht gelohnt. Als Regisseur versteht sich Köhler nämlich bestens aufs Komödiantische. In dem Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann, das mit ein paar gewaltigen Bibliothekswänden hinter Wolkenvorhängen a la Magritte auf der Drehbühne und ein paar Versatzstücken der Eitelkeit auskommt, gibt er dem Theateraffen Zucker, hält aber auch Maß und bremst gerade rechtzeitig ab, wenn es nur albern zu werden droht.


Vergrößerung Xanthippe und Sokrates, wie sie im Buche stehen

Nun soll es ja auch hierzulande und heutzutage vorkommen, dass Männer ein Verhältnis mit zwei Frauen pflegen. Ein offizielles eheliches und noch ein inoffizielles. Was nicht nur den Liebhaber (über-)fordern kann, sondern auch den Taktiker. Im Falle des geduldigen Sokrates freilich war das weniger Vergnügungssucht, sondern Staatsdoktrin als ultima ratio zur Hebung der Geburtenrate in Athen. Selbst in der Komödie scheint zwar durch, dass es der Athener Obrigkeit vor allem um den Soldatennachwuchs ging.  Im Libretto von Johann Ulrich von König (nach einer älteren Vorlage von Nicolo Minato) wird das gesetzlich verordnete Sozialexperiment aber zur Steilvorlage für eine Komödie. So wie Köhler das ohne falsche Ausgräberehrfurcht oder überzogene Deutungsambition auf die Bühne bringt, ist es barockes Boulevardtheater mit Musik vom Feinsten. Im Tempo einer Sitcom von heute, bei der man die Lacher nicht mal einspielen muss.

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Dieser Prinz kann sich nicht entscheiden

Für den lebenslang produktiven Vielschreiber Telemann war der Geduldige Sokrates 1721 so etwas wie sein künstlerischer Einstieg in Hamburg. Wo er (anders als sein weltläufiger Freund Händel) nach dem Motto „Bleibe im Lande und nähre dich redlich“ aus freien Stücken fortan blieb. Bis zu dessen Schließung 1739, auch als fleißig komponierender und bearbeitender Operndirektor im berühmten Haus am Hamburger Gänsemarkt.

In der Händelstadt Halle trifft die Musik seines zu Lebzeiten hochberühmten Kollegen aus Magdeburg natürlich auf offene Ohren. Dass das Bühnenpersonal flott zwischen den deutsch gesungenen Rezitativen und italienischen Arien wechselt, ist dabei kein moderner Kompromiss, sondern entspringt der pragmatischen Theaterpraxis Telemanns und dem Bedürfnis seines bürgerlichen Publikums, der Handlung zu folgen. Wobei man ziemlich schnell durchschaut, wohin der Hase läuft. Sokrates versorgt uns dabei mit philosophischen Erkenntnishäppchen, so in der Art von „Ein Mann, der sich zwo Frauen angetraut, hat seinen Kerker selbst gebaut“. Womit er sein häusliches Dilemma und die Moral von der Geschicht' auf den Punkt bringt. Auch sein berühmtestes Zitat, wonach er weiß, dass er nichts weiß, kommt im Arienformat vor. Seine Frau Xantippe hat es (wohl mehr durch schlechte Nachrede) zu sprichwörtlicher Berühmtheit als Urmutter aller streitsüchtigen Ehedrachen gebracht. Dem musikalischen Lustspiel machen im Grunde zwei „Dreier“ Beine. In der einen soll sich Prinz Melito (zwischen Ironie und Schmachten: Michael Smallwood) zwischen Rodisette (Ines Lex) und Edronica (Marie Friederike Schöder) als Zweitfrau entscheiden. Er würde beide nehmen, aber der fürstliche Papa (mit rutschender Lockenperücke und geschminkt wie ein kleiner Sonnenkönig: Ásgeir Páll Ágústsson) hat schon eine Frau für ihn vorgesehen. Damit am Ende bei der Rückkehr zur monogamen Ehe keiner leer ausgeht, steht für Edronica mit Julia Böhmes smarten klangschönen Prinzen Antippo auch noch ein Mann bereit.


Vergrößerung Hinter jedem Lächeln wartet das Nudelholz für die andere - Sokrates mit seinen zwei Frauen in scheinbarer Idylle

Die andere Menage a trois ist schon über das kribbelnde Werben und Entscheiden hinaus und spielt sich als Ehe-Stress (und Inspiration für seine Philosophie der Gelassenheit) bei Sokrates zu Hause ab. Anke Berndt als wirklich hinreißend zänkische Xantippe hat nämlich mit Melanie Hirsch eine Amitta an ihrer Seite (bzw. im Dauerstreit-Visier), die ihr in nichts nachsteht. Der gute Sokrates (mit stimmgewaltigem Charisma: Ki-Hyun Park) immer mittendrin, muss sich auch noch mit einem sauflustigen Schüler-Quartett im Commedia dell'arte Format herumärgern, bei dem Christopher O'Conner als Trunkenbold Pitho den größten Durst und die noch größere Klappe hat. Besonders die Frauen singen und spielen das mit einer großen Portion Selbstironie, wenn sie sich von angeheuerten Künstlern die Oberweite ziemlich vergrößern lassen. In Marmor die eine, in Öl die andere. Politisch korrekt ist das alles nicht. Aber es macht Spaß. Auch dank der prachtvollen, zwischen Antike und Entstehungszeit changierenden Kostüme von Katharina Weißenborn. Das ganze Ensemble (inklusive Chor) ist fabelhaft, wobei Anke Berndt und Marie Friederike Schöder einen Hauch vor den anderen durchs Ziel gehen.

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Immer Ärger mit den Schülern, auch wenn er weiß, dass sie nichts wissen können

Die eigentliche Attraktion des Abends kam aber aus dem Graben. Das Händelfestspielorchester in seiner vollen historischen Instrumentenpracht und der höchst barocksouveräne Wolfgang Katschner am Pult sorgten für eine musikalische Offenbarung. So sinnlich, lebensdrall und ohne einen Anflug der Telemann oft angelasteten Routine bekommt man seinen geduldigen Sokrates wohl nirgendwo geboten. Keine Spur von Langeweile bei den deutschen Streit-Rezitativen, sondern farbenreicher Klang und Parlandotempo zum Spielwitz. Im Wechsel mit den wunderbar italienisch gesungenen Arien und der dramaturgisch zwar nicht plausiblen, aber poetisch–schönen Trauer- und Festmusik.


FAZIT

Auch wenn im Dreistundenformat noch gewissen Längen bleiben, brauchte das Publikum in Halle nicht so viel Geduld wie der Sokrates auf der Bühne, um am Ende einhellig und vergnügt über diese lohnenswerte musikalische Komödie auf bestem musikalischen Niveau zu jubeln. 




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Wolfgang Katschner  

Inszenierung
Axel Köhler 

Bühne
Frank Philipp Schlößmann  

Kostüme
Katharina Weißenborn 

Dramaturgie
André Meyer 



Chor der Oper Halle

Händelfestsspielorchester Halle


Solisten

Socrates
Ki-Hyun Park

Rodisette
Ines Lex

Edronica
Marie Friederike Schöder

Xantippe
Anke Berndt

Amitta
Melanie Hirsch

Melito
Michael Smallwood

Antippo
Julia Böhme

Nicia
Ásgeir Páll Ágústsson

Pitho
Christopher O'Connor

Alcibiades
Andreas Guhlmann

Xenophon
Kristian Giesecke

Plato
Till Voß

Cupido
Paul Eisenmann

Adon
Jonathan dos Santos


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Opernhaus Halle
(Homepage)






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