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Tanz-Trilogie

Ballettabend mit Choreographien von Young Soon Hue, Hugo Viera und Ricardo Fernando

Mind over matter
Choreographie von Hugo Viera, Musik von Max Richter

Touch
Choreographie von Young Soon Hue, Musik von Max Richter und Ezio Bosso

Nacht
Choreographie von Ricardo Fernando, Musik von Max Richter, Ólafur Arnalds, Bernardo Sassetti und Biosphere

Aufführungsdauer: ca. 2 h 45' (zwei Pausen)

Premiere im Theater Hagen am 23. März 2013
(rezensierte Aufführung: 05.04.2013)


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Zeitgenössischer Tanz in drei Choreographien

Von Thomas Molke / Fotos von Stefan Kühle (Rechte Theater Hagen)

Nachdem die beiden letzten Ballettabende mit Tschaikowskis Dornröschen (reloaded) und Der Nussknacker dem klassischen Handlungsballett gewidmet waren, beschäftigt sich der zweite große Ballettabend der Spielzeit mit dem zeitgenössischen Tanz, wobei Ballettdirektor Ricardo Fernando damit seiner Linie treu bleibt, die Ballettsparte in Hagen einerseits mit der ganzen Bandbreite des Tanzes zu bedienen und andererseits mit Gastchoreographen seiner Compagnie die Möglichkeit zu geben, auch andere Arbeitsweisen kennen zu lernen. Neben seiner eigenen Choreographie Nacht, die er zu diesem Abend beisteuert, hat er erneut die koreanische Choreographin Young Soon Hue gewinnen können, die mit Touch nach den beiden erfolgreichen Produktionen Glass House und Wave of Emotions bereits das dritte Mal mit der Hagener Ballett-Compagnie arbeitet. Hugo Viera, der dritte im Bunde, der seit 2012 Hauschoreograph des kroatischen Nationalballetts in Zagreb ist, präsentiert mit Mind over matter seine erste Choreographie für das Ballett Hagen. Die drei recht unterschiedlichen Stücke werden unter dem Titel Tanz-Trilogie zusammengefasst, wobei der Begriff "Trilogie" deshalb gewählt worden ist, weil zum einen für alle drei Choreographien Peer Palmowski das Bühnenbild und Heiko Mönnich die Kostüme entworfen haben, zum anderen in allen drei Produktionen Musik von Max Richter verwendet wird und schlussendlich natürlich alle drei Stücke für dieselbe Compagnie konzipiert worden sind.

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Ensemble in Mind over matter von Hugo Viera

Hugo Vieras Mind over matter, was im Deutschen so viel wie "Der Geist siegt über die Materie" heißt, eröffnet den Abend und ist als Hommage an die Tänzer zu verstehen, die in jeder Probe und bei jedem Auftritt durch den Tanz versuchen, über die Grenzen, die ihnen der Körper setzt, hinauszugehen. Als Musik hat Viera Max Richters Vivaldi: Recomposed ausgewählt, eine Bearbeitung von Vivaldis Vier Jahreszeiten, mit der Richter weltweit für Furore sorgte. In diesem Stück legt sich eine moderne elektronische Instrumentierung über Vivaldis klassische Klänge, so dass das Original größtenteils gar nicht mehr wiederzuerkennen ist und nur stellenweise die barocke Musik durchschimmert, was in gewisser Weise mit dem Titel korrespondiert, da sich auch hier die moderne Bearbeitung (Geist) die klassische Vorlage (Materie) gefügig macht. Peer Palmowski verwendet als Bühnenbild ein kreisförmiges Gerüst, das vom Schnürboden herabhängt und in dem zahlreiche Scheinwerfer angebracht sind, die zusammen mit der restlichen Beleuchtung großartige Lichteinstellungen erzeugen.

Zu Beginn steht Shinsaku Hashiguchi in einem grauen Anzug mit dem Rücken zum Publikum auf diesem Gerüst. Mit spinnenförmigen Bewegungen steigt er zu den elektronischen Klängen langsam von diesem Gerüst herab und scheint, sich mit seinen schnellen Bewegungen von den Fesseln befreien zu wollen, von denen er durch den Lichtkegel, der durch dieses Gerüst hindurchscheint, bedrängt wird. Hashiguchi begeistert in dieser Szene des inneren Kampfes durch abstrakten Tanz und kraftvolle Sprünge, die den Eindruck erwecken, dass bei ihm der Wille wirklich den Sieg über den Körper davonträgt. Doch dieser scheinbare Erfolg trügt. Im Folgenden treten fünf weitere Männer in grauen Anzügen auf, die sich nun als nächstes Hindernis in den Weg stellen. So geht der Kampf weiter und zieht sich durch den ganzen ersten Teil des Abends hindurch. Faszinierende Bilder entstehen vor allem durch die großartigen Lichteinstellungen, die mit dem Gerüst beeindruckende Schatten auf den Boden werfen, und den energiegeladenen und kraftvollen Tanz des Ensembles, das nach dem Kräfte zehrenden ersten Teil mit frenetischem Applaus belohnt wird.

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Eunji Yang und Brendon Feeney als 3. Paar in Young Soon Hues Touch

Young Soon Hues Touch beschäftigt sich mit dem "roten Faden", der in China und Ostasien für den Schicksalsfaden steht, durch den nach fernöstlichem Glauben zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind, unsichtbar an ihren Knöcheln verbunden werden. Nach dieser Vorstellung besitzt jeder Mensch diesen roten Faden, und die einzige Aufgabe besteht darin, den Menschen zu finden, zu dem dieser rote Faden führt. Der Begriff des "roten Fadens" stammt übrigens von Johann Wolfgang von Goethe, der in seinen Wahlverwandtschaften den roten Faden, der sich durch sämtliche Tauwerke der königlichen englischen Flotte vom stärksten bis zum schwächsten Tau durchzieht, mit einem Faden der Neigung und Anhänglichkeit vergleicht, der sich durch Ottilies Tagebuch zieht. Für Hue ist die erste Berührung das Wesentliche auf der Suche nach diesem roten Faden, weshalb ihre Choreographie auch Touch betitelt ist. Als Musik hat sie neben Ezio Bossos Io non ho Paura Max Richters Infra ausgewählt, ein Stück, das Richter für ein 2008 im Royal Opera House in London uraufgeführtes Ballett komponierte.

An der Rückwand, befinden sich drei gewundene rote Lichterketten, die als rote Fäden andeuten, dass es drei Paare gibt, die in diesem Stück zueinander finden werden. Ein Faden zieht sich dabei über den Bühnenboden weiter bis zur Rampe. In einzelnen Lichtkegeln werden die Tänzer zunächst isoliert dargestellt, so dass zu Beginn scheinbar alle noch auf der Suche nach dem geeigneten Partner sind. Die unterschiedlichen Farben der Kostüme lassen dabei vermuten, dass die Zusammengehörigkeit durch gleiche Farben bereits vorgegeben ist. Doch auch hier trügt der Schein. Denn es befinden sich drei Tänzerinnen und vier Tänzer auf der Bühne. Die paarweise Verteilung kann also nicht aufgehen. Während Juliano Pereira in seinem weißen Kostüm zunächst leer auszugehen scheint, wird im Verlaufe des Stückes deutlich, dass das 1. Paar Huy Tien Tran und Carolinne de Oliveira trotz der optischen Übereinstimmung in den Farben nicht zusammengehören, auch wenn Tran sich zunächst dagegen wehrt und den Faden, der ihn mit Pereira verbindet, abzustreifen versucht, muss er schließlich akzeptieren, dass ihn das Schicksal nicht mit de Oliveira, sondern mit Pereira zusammenführt. Das Stück geht wieder auf den Moment der ersten Paarfindung zurück, nur dass jetzt Oliveira allein bleibt. Während die Tänzerinnen und Tänzer langsam nach hinten schreiten, senkt sich der Vorhang. Der Applaus für diesen wesentlich ruhigeren Teil ist nicht ganz so frenetisch wie bei Vieras Mind over matter, drückt aber dennoch große Begeisterung beim Publikum aus.

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Ensemble in Nacht von Ricardo Fernando

Der Abschluss des Abends gehört dem Hausherrn Ricardo Fernando. Mit seinem abstrakten Stück Nacht widmet sich Fernando in neun kurzen Szenen der Atmosphäre, die zwischen Tag und Traum herrscht und die die unterschiedlichsten Emotionen von Angst, Liebe, Zweifel und Einsamkeit einfängt. Die ausgewählte Musik fängt mit ihren elektronischen Klängen die Nacht-Situation überzeugend ein. Bisweilen hört man auch ein Rauschen, das an rieselnden Regen erinnert. Unterstützt wird diese leicht unheimlich Atmosphäre, durch Nebelschwaden, die permanent aus dem Schnürboden herabwehen. Die Lichtstimmung ist bläulich gehalten, um die dunkle Atmosphäre zu betonen. Die Rückwand ist mit mehreren Vorhängen verdeckt, durch die die Tänzerinnen und Tänzer quasi wie aus dem Nichts auftauchen. In diesem Ambiente schafft Fernando nun beeindruckende Duette, die von Liebe und Gleichgültigkeit erzählen, und großartige Ensembles, in denen das Ensemble in kraftvollen Sprüngen sein Können unter Beweis stellt oder mit langsamen, kriechenden Bewegungen eine unheimliche Atmosphäre erzeugt.

Ein besonders beeindruckendes Bild gelingt Fernando, wenn er seine Tänzerinnen und Tänzer auf einem hellen Licht-Karree entlang laufen lässt, aus dem sie immer wieder ausbrechen und in ekstatischen Bewegungen gegen diesen Gleichschritt ankämpfen. Zunächst sind es immer nur einzelne Gruppen, die dabei in die Mitte treten, bis sich schließlich das ganze Ensemble in der Mitte die Seele aus dem Leib tanzt, bevor die Tänzerinnen und Tänzer allmählich wieder in den Gleichschritt verfallen. Ein weiterer Höhepunkt gelingt dem Quartett Juliano Pereira, Huy Tien Tran, Brendon Feeney und Shinsaku Hashiguchi, die zunächst in einzelnen Lichtkegeln zu elektronischer Musik mit nackten Oberkörpern ihre Muskeln spielen lassen, bevor sie zu einer Einheit verschmelzen, von der eine schaurige Bedrohung auszugehen scheint. Das Ende hingegen kommt etwas unvermittelt, so wie der Tag der Nacht auch am Morgen ein plötzliches Ende bereitet. Das Ensemble erntet für seine hervorragende Leistung - genau wie der Ballettdirektor - erneut frenetischen Applaus.

FAZIT

Wenn die Verantwortlichen der Stadt auf den großen Zuspruch hören würden, den das Ballett Hagen auch an diesem Abend wieder erhält, müsste es doch möglich sein, die endlosen Debatten über Schließung oder Kürzung dieser Sparte in Hagen für die Zukunft endlich zu beenden.



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Produktionsteam

Bühnenbild
Peer Palmowski

Kostüme
Heiko Mönnich

Dramaturgie
Maria Hilchenbach

 

*rezensierte Aufführung

Mind over matter

Choreographie
Hugo Viera

 

Tänzerinnen und Tänzer

Solo
Shinsaku Hashiguchi

Trio
Hayley Macri
Leszek Januszewski
Matt Williams

Duo
Lara Lioi
Huy Tien Tran

Duo
Juliano Pereira
Shinsaku Hashiguchi

Solo
Juliano Pereira

Duo
Yoko Furihata
Juliano Pereira

Gruppe
*Brendon Feeney
Yoko Furihata
*Shinsaku Hashiguchi
*Tiana Lara Hogan
*Leszek Januszewski
*Lara Lioi
*Hayley Macri
*Juliano Pereira
*Sandra Resende
*Huy Tien Tran
*Matt Williams
*Eunji Yang
*Carolinne de Oliveira

 

Touch

Choreographie
Young Soon Hue

 

Tänzerinnen und Tänzer

Solo
Tiana Lara Hogan /
Lara Lioi /
*Juliano Pereira

1. Paar
Yoko Furihata /
Leszek Januszewski /
*Huy Tien Tran /
*Carolinne de Oliveira

2. Paar
Brendon Feeney /
*Shinsaku Hashiguchi /
*Tiana Lara Hogan /
Lara Lioi

3. Paar
*Brendon Feeney /
Yoko Furihata /
Leszek Januszewski /
*Eunji Yang

 

Nacht

Choreographie
Ricardo Fernando

 

Tänzerinnen und Tänzer

Duo
Brendon Feeney /
Yoko Furihata /
*Leszek Januszewski /
*Carolinne de Oliveira

Duo
*Brendon Feeney /
Shinsaku Hashiguchi /
*Tiana Lara Hogan /
Eunji Yang

Duo
Hayley Macri /
Péter Matkaicsek /
*Sandra Resende /
*Matt Williams

Quartett
Brendon Feeney
Shinsaku Hashiguchi
Juliano Pereira
Huy Tien Tran

Gruppe
Brendon Feeney
Yoko Furihata
Shinsaku Hashiguchi
Tiana Lara Hogan
Leszek Januszewski
Lara Lioi
Hayley Macri
Péter Matkaicsek
Juliano Pereira
Sandra Resende
Huy Tien Tran
Matt Williams
Eunji Yang
Carolinne de Oliveira
 

Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




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