Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Der Nussknacker

Ballett von Ricardo Fernando
Musik von Peter Iljitsch Tschaikowski

Aufführungsdauer: ca. 2 h 5' (eine Pause)

Premiere im Theater Hagen am 20. Oktober 2012
(rezensierte Aufführung: 26.10.2012)


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Vom schwarz-weißen Weihnachtsabend ins knallbunte Land der Süßigkeiten

Von Thomas Molke / Fotos von Stefan Kühle (Rechte Theater Hagen)

Nachdem Ballettdirektor Ricardo Fernando zum Ende der Jubiläumsspielzeit mit Dornröschen (reloaded) seit langem einmal wieder ein klassisches Handlungsballett auf den Spielplan gestellt hat, geht es in der neuen Spielzeit direkt mit Tschaikowskis letztem großen Ballett-Klassiker weiter, der trotz des Misserfolgs bei der Uraufführung und dem anfänglich geringen Interesse an weiteren Aufführungen mittlerweile zum Standardrepertoire aller Ballett-Compagnien, die den klassischen Tanz bedienen, gehört und häufig aufgrund der Geschichte in der Weihnachtszeit zu erleben ist. Für Ricardo Fernando dürfte der Nussknacker auch gerade mit Blick auf seine Zeit als Ballettdirektor in Hagen eine besondere Bedeutung haben, da er dieses Handlungsballett bereits 2004, in seiner zweiten Spielzeit als neuer Leiter des Ballett Hagen, für ein Publikum inszenierte, das viele Jahre vergeblich auf klassischen Tanz im Hagener Theater gewartet hatte und mit dem neuen vielseitigen Programm das Ballett Hagen in der Stadt letztendlich wieder einen Stellenwert erhielt, der zur Gründung der Ballettfreunde Hagen im Jahr 2007 führte, die seitdem mit unermüdlichem Einsatz - und bisher auch mit Erfolg - für den Erhalt der Ballettsparte in Hagen kämpfen.

Bild zum Vergrößern

Drosselmeier (Leszek Januszewski, Mitte) auf der Familienfeier bei Claramaries Eltern (Carolinne de Oliveira und Matthew Williams, rechts und links auf dem Tisch)

Fernando passt in seiner Neuinszenierung die Handlung an die Gegebenheiten der Hagener Compagnie an, die ja mit wesentlich weniger Tänzerinnen und Tänzern auskommen muss, als für dieses Werk eigentlich vorgesehen sind. Dabei versucht er, der phantastischen Erzählung der literarischen Vorlage von E. T. A. Hoffmann näher zu kommen, indem er die Skurrilität der Geschichte in die Inszenierung übernimmt. Dies drückt sich in erster Linie in der Ausstattung von Petra Mollérus aus. Für die Familienfeier im ersten Akt schafft sie einen Raum in Schwarz-Weiß, in dem alles schief ist. An den Wänden hängen Bilder von Escher, die den surrealen Charakter dieser Welt unterstreichen. Die Tänzerinnen und Tänzer sind ebenfalls in Schwarz-Weiß gekleidet, wobei auch die Kostüme recht grotesk wirken. Einziger Farbpunkt ist zunächst ein kleiner grüner Weihnachtsbaum, der auf einem Bild im Hintergrund zu hängen scheint. Erst wenn Drosselmeier mit Claramarie das Haus verlässt, wird aus diesem kleinen Baum ein großer Tannenwald mit tanzenden Schneeflocken, durch die Drosselmeier Claramarie ins Land der Süßigkeiten führt.

Bild zum Vergrößern

Der Nussknacker (Brendon Feeney) im Kampf mit der Mausekönigin (Carolinne de Oliveira)

Dass Claramarie und der Nussknacker nicht in diese Erwachsenenwelt passen, wird dadurch deutlich, dass Claramarie mit einem roten Kleid auftritt, das das Rot des Kostüms des Nussknackers wieder aufnimmt. So wie dem Nussknacker von den Gästen eigentlich keine Bedeutung geschenkt wird, er von Claramaries Bruder Fritz sogar beschädigt wird, erntet auch Claramarie in ihrem leuchtenden Kleid nur Ablehnung der Gesellschaft. Nur Drosselmeier steht zu ihr, der in seinem silbrigen Kostüm mit dem weiten Mantel an einen Zauberer aus einer anderen Welt erinnert. So grotesk wie die Handlung ist auch der Tanz im ersten Akt, der größtenteils auf klassische Momente wie Spitzentanz verzichtet, dabei aber trotzdem stets märchenhaft bleibt, was sich vor allem im Kampf zwischen den Soldaten und den kleinen Mäusen ausdrückt, die von Tanzkindern der umliegenden Ballettschulen in niedlichen Mauskostümen dargestellt werden.

Bild zum Vergrößern

Drosselmeier (Leszek Januszewski, vorne) bringt Claramarie (Tiana Lara Hogan) und den Nussknacker (Brendon Feeney) ins Land der Süßigkeiten.

Der zweite Akt stellt dann mit seinen knallbunten Farben einen starken Kontrast zur Schwarz-Weiß-Welt des ersten Aktes dar. Claramarie ist mit Drosselmeier und dem Nussknacker im Land der Süßigkeiten angekommen. Eine rosafarbene Torte mit quietschbunten Kerzen steht nun auf der Bühne und dient Claramarie und dem Nussknacker als Sitzgelegenheit, um die tanzenden Süßigkeiten zu betrachten, bei denen Fernando sich wohl eher am Geschmack heutiger Kinder orientiert und so auch beispielsweise M&Ms auf die Bühne stellt. Beim Finale stellen sich die ganzen Süßigkeiten auf die Torte, die dann mit den Figuren hinter einem schwarzen Vorhang verschwindet, was andeutet, dass Claramarie sich wieder in ihrer realen Welt befindet. Nun ist auch der Nussknacker nur noch eine Holzfigur und kein Prinz mehr, was aber an Claramaries Gefühlen für die Figur nichts ändert. So wie der zweite Akt also Claramaries Traumwelt der Realität gegenüberstellt, sind in der Illusion auch zunehmend klassische Tanzelemente vorhanden, so dass die Hagener Tänzerinnen und Tänzer unter Beweis stellen können, dass sie auch den Spitzentanz beherrschen.

Bild zum Vergrößern

Hayley Macri als Softeis (mit von links: Matthew Williams, Juan Bockamp und Péter Matkaicsek) beim Arabischen Tanz (im Hintergrund: der Nussknacker (Brendon Feeney))

An dieser Stelle ist vor allem Hayley Macri zu nennen, die als Softeis einen großartigen Arabischen Tanz auf Spitze präsentiert. Die Akrobatik, die sie dabei vollführt, wenn Péter Matkaicsek, Juan Bockamp und Matthew Williams sie zu den langsamen Klängen des Orchesters über die Bühne tragen, zeugt von großartiger Anmut. Williams und Bockamp gelingen dabei recht komödiantische Bewegungen, die sie gemeinsam mit Juliano Pereira als M&Ms noch einmal besonders unter Beweis stellen können. Letzterer überzeugt auch im ersten Akt als nörgelnder kleiner Bruder Fritz durch ausdrucksvolle Bewegungen. Yoko Furihata und Shinsacu Hashiguchi überzeugen als Baiser-Fee und Baiser-Prinz im Pas de Trois mit Tiana Lara Hogan als Claramarie durch anmutige Bewegungen, wirken aber in ihren Soli ein wenig unsicher. So gelingen Hashiguchi die Sprünge bei seiner Tarantella nicht ganz so sauber, und Furihata hat ebenfalls leichte Gleichgewichtsprobleme bei ihrem Spitzentanz. Für Péter Matkaicsek als Kaugummi scheint Fernando beim Tanz der Rohrflöten so recht nichts eingefallen zu sein. So wirkt dieser Klassiker in der Choreographie etwas lieblos und verschenkt. Begeistern hingegen kann der Chinesische Tanz, auch wenn Eunji Yang, Hinako Sakuraoka und Debora Buhatem in ihren fantasievollen Kostümen eher an Chips als an Waffeln erinnern.

Leszek Januszewski verleiht Drosselmeier mit kraftvollen Sprüngen und eleganten Bewegungen eine magische Aura. Tiana Lara Hogan gefällt als Claramarie durch kindliches Spiel und betonte Leichtigkeit in den Bewegungen. Brendon Feeney wirkt als Nussknacker stellenweise nicht ganz taktsicher, was aber vielleicht auch einer gewissen Nervosität geschuldet ist. David Marlow untermalt mit dem Philharmonischen Orchester Hagen souverän die Szenerie, so dass es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten gibt. Dem Ballettdirektor, der auch nach der zweiten Vorstellung vor den Vorhang geholt wird, wird ebenfalls frenetischer Beifall gezollt.


FAZIT

Das Ballett Hagen hat erneut seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt und deutlich gemacht, dass Gedanken über Schließung oder Kürzung dieser Sparte in Hagen für die Zukunft endlich vom Tisch kommen sollten.



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
David Marlow

Choreographie / Inszenierung
Ricardo Fernando

Ausstattung
Petra Mollérus

Kinder- und Jugendchor
Caroline Piffka /
Alexander Ruef

Dramaturgie
Maria Hilchenbach



Philharmonisches
Orchester Hagen

Statisterie des Theater Hagen

Kinder- und Jugendchor
des Theater Hagen


Solisten

*rezensierte Aufführung

Claramarie
Lara Lioi /
*Tiana Lara Hogan

Der Nussknacker
*Brendon Feeney /
Shinsaku Hashiguchi

Drosselmeier
*Leszek Januszewski /
Brendon Feeney

Fritz
*Juliano Pereira /
Matthew Williams

Mutter
*Carolinne de Oliveira /
Sandra Resende

Vater
*Matthew Williams /
Péter Matkaicsek

Mausekönigin
Tiana Lara Hogan /
*Carolinne de Oliveira

Soldaten
Duncan Saul
Huy Tien Tran
Juan Bockamp
Péter Matkaicsek
*Shinsaku Hashiguchi /
Brendon Feeney
Leszek Januszewski
Juliano Pereira
Matthew Williams

Lakritz
*Sandra Resende /
Tiana Lara Hogan /
*Carolinne de Oliveira /
Debora Buhatem /
Juan Bockamp /
*Huy Tien Tran /
Leszek Januszewski /
*Duncan Saul

Softeis
*Hayley Macri /
Eunji Yang
*Péter Matkaicsek /
Shinsaku  Hashiguchi
Juan Bockamp
*Matthew Williams /
Duncan Saul

Waffeln
*Eunji Yang /
*Hinako Sakuraoka /
Sandra Resende /
Tiana Lara Hogan /
Yoko Furihata /
*Debora Buhatem

M&Ms
*Juliano Pereira /
*Matthew Williams /
Shinsaku Hashiguchi /
*Juan Bockamp /
Péter Matkaicsek

Kaugummi
*Péter Matkaicsek /
Duncan Saul

Gäste / Schneewalzer / Zuckerwatte
Carolinne de Oliveira /
*Yoko Furihata
Eunji Yang
Hayley Macri
Sandra Resende
Tiana Lara Hogan /
*Lara Lioi
Debora Buhatem
Hinako Sakuraoka
Juan Bockamp
Juliano Pereira
Matthew Williams
*Shinsaku Hashiguchi /
Brendon Feeney /
Leszek Januszewski
Huy Tien Tran
Péter Matkaicsek

Baiser-Fee
*Yoko Furihata /
Hayley Macri

Baiser-Prinz
Huy Tien Tran /
Juliano Pereira /
*Shinsaku Hashiguchi

Mäuse / Ritter / Bonbons
Anna Balci
Karin Balci
Antonia Bayartz
Johanna Bayartz
Canseli Erdugan
Marie Gerecke
Nina Hösker
Lea-Marie Huber
Anna Koslowski
Eva Koslowski
Emelin Khodadady
Jana Lesmann
Katharina Maibaum
Jennifer Merten
Angelina Mohn
Hayda Özcan
Caronine Poll
Lena Scholz
Maya Scholz
Greta Stratmann
Renée Theimann

 


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2012 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -