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Cabaret

Musical in zwei Akten
Buch von Joe Masteroff nach dem Schauspiel I am a Camera von John van Druten, basierend auf Erzählungen von Christopher Isherwood, Fassung von Chris Walker
Musik von John Kander, Gesangstexte von Fred Ebb

in deutscher und englischer Sprache 

Aufführungsdauer: ca. 2 h 45' (eine Pause)

Premiere im Opus am 1. September 2012


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Willkommen im Opus-Cabaret

Von Thomas Molke / Fotos von Foto Kühle (Rechte Theater Hagen)

Obwohl das Hauptgebäude des Theaters aufgrund umfangreicher Brandschutzsanierungsarbeiten erst ab Oktober bespielbar sein wird, gehört das Theater Hagen dennoch wieder zu den ersten Bühnen in NRW, die die neue Spielzeit einläuten. Im Opus, das neben dem lutz als weitere Spielstätte für kleinere Produktionen fungiert, hat das Regie-Team um Thilo Borowczak eine Version des Erfolgs-Musicals Cabaret eingerichtet, das die Besonderheiten des Hauses ausnutzt und den Gedanken an eine Ausweichspielstätte vergessen lässt. So wirkt bereits das Foyer mit den roten Vorhängen wie ein Tanzclub vergangener Zeiten, die Kit-Kat-Girls begrüßen das Publikum und bieten Kaugummi-Zigaretten an und der Conférencier (Henrik Wager) lädt schließlich mit Trommelwirbel und dem berühmten "Willkommen" zur Klavierbegleitung das Publikum ein, ihm ins Opus zu folgen, während die Kit-Kat-Girls auf der Theke tanzen. So wird eine private Atmosphäre geschaffen, die im Großen Haus aufgrund der unterschiedlichen Etagen und Eingänge nicht möglich gewesen wäre.

Die Geschichte um den amerikanischen Schriftsteller Clifford Bradshaw, der auf der Suche nach Inspiration für seinen Roman Ende 1929 nach Berlin kommt, dort die Nachtclubsängerin Sally Bowles kennen und lieben lernt, bis ihre Liebe durch das Erstarken der Nationalsozialisten in Deutschland an den unterschiedlichen Lebensvorstellungen der beiden zerbricht und Clifford Berlin verlässt, während Sally die Augen vor der politischen Entwicklung verschließt und erneut im Cabaret auftritt, ist musikalisch und thematisch so eng mit den ausgehenden 20er Jahren des letzten Jahrhunderts verbunden, dass Inszenierungen - anders als bei zahlreichen Opern - ziemlich nah an der Vorlage bleiben und auf Aktualisierungen größtenteils verzichten. Dennoch nimmt Thilo Borowczak in seiner Inszenierung einige kleinere Eingriffe in die Geschichte vor, die mal mehr, mal weniger gelungen wirken.

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Sally Bowles (Marysol Ximénez-Carillo) bei ihrem ersten Auftritt: "Don't tell Mama"

Dass man neben den vier Kit-Kat-Girls zwei Kit-Kat-Boys in die Geschichte einfügt, die zunächst als Transvestiten durch das Foyer schlendern und dem Nachtclub später als Boys ein homoerotisches Flair geben, mag dem Zeitgeist geschuldet sein, beeinflusst die Aussage des Stückes aber eigentlich nicht. Diskutabler ist eher die Szene bei der Verlobungsfeier von Herrn Schultz und Fräulein Schneider, wenn Herr Schultz beim ausgelassenen Tanz der Gäste einen Kuss zwischen zwei Männern mit dem Satz unterbindet, dass er das hier nicht wolle, und anschließend zu seinem eindringlichen "Miesnick"-Lied überleitet, mit dem er Toleranz und Offenheit einfordert, die er selbst aber nicht in jeder Beziehung zu gewähren bereit ist. Die Wirkung des sich anschließenden "Volksliedes" "Der morgige Tag" verpufft ein wenig, da es eben nicht von Fräulein Kost auf der Verlobungsfeier angestimmt wird und damit die Stimmung durch das allmähliche Erstarken der Nationalsozialisten kippen lässt, sondern von dem Kinder- und Jugendchor gemeinsam mit dem Opernchor recht sanft intoniert wird, so dass der eigentliche Schock-Moment, mit dem der Zuschauer in die Pause entlassen werden soll, verloren geht. Da reichen auch die Hakenkreuzbinden nicht aus, zumal der Chor außerhalb des Obstladens das Lied anstimmt.

Ein sehr guter Einfall gelingt dem Regie-Team damit, Sallys Song "Mein Herr" an das Ende des Stückes zu verlegen, wenn Cliff und Sally sich getrennt haben. So gewinnt der Liedtext eine viel tiefere Bedeutung, weil er für Sallys Entscheidung steht, ihre Karriere nicht aufzugeben, um mit Cliff nach Amerika zu gehen. Ob man jedoch am Ende, wenn Cliff Berlin endgültig verlässt und noch einmal "Willkommen" anstimmt, den Chor und die Kit-Kat-Girls und Boys wie Zombies über die Drehscheibe auf der Bühne wanken lassen muss, ist fraglich. Der melancholische Tonfall des Finales wird dadurch ein wenig ins Lächerliche gezogen. Auch wird dramaturgisch nicht verständlich, wieso der Chor bei der Introduktion bereits die Bühne stürmt und in das "Willkommen" mit einfällt.

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Sally Bowles (Marysol Ximénez-Carillo) und Clifford Bradshaw (Jeffery Krueger) lernen sich im Kit-Kat-Club kennen.

Die Möglichkeiten der Bühne werden von Jan Bammes optimal ausgenutzt. So wirkt die kreisrunde Bühne mit der Drehscheibe und dem Orchester, das im Hintergrund über der Bühne platziert ist, beinahe wie eine Zirkusmanege. Die halbrunde Rückwand mit drei Öffnungen lässt sich von einem grauen Hintergrund, der die Welt Fräulein Schneiders darstellt, mit einem roten Vorhang in den Kit-Kat-Club verwandeln. Ein weiterer roter Vorhang, der die Bühne in der Mitte teilt, ermöglicht schnelle Umbauten hinter dem Vorhang, während vor dem Vorhang der Conférencier das Publikum unterhält. Das Mobiliar in Cliffs Zimmer ist auf ein Bett und einen Tisch mit einem Stuhl beschränkt. Die Kostüme von Christiane Luz sind zeitgemäß gewählt. Barbara Tartaglia hat für die Songs im Kit-Kat-Club einfallsreiche Choreographien entworfen. Besonders hervorzuheben ist dabei "Two Ladies", bei dem der Conférencier zunächst in einem Unterrock auftritt, während die beiden Ladies die Hosen anhaben und nach einem Instrumentalteil und einem Gerangel unter der Bettdecke, die Ladies Unterröcke tragen, während der Conférencier nun als Mann erscheint. Die Gitter, die die Kit-Kat-Girls und Boys bei "Mein Herr" als Requisiten benutzen, um Sally einzukreisen, scheinen jedoch eher einer Choreographie des "Cell Block Tango" aus Chicago entlehnt.

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Herr Schultz (Werner Hahn) hat Frl. Schneider (Sylvia Rentmeister) eine Ananas geschenkt.

Musikalisch bleiben nahezu keine Wünsche offen. Ann-Marie Lone-Gindner, Milena Hagedorn, Maria-Lena Hecking, Janina Keppel, Emanuele Pazienza und Timo Radünz überzeugen als Kit-Kat-Girls und Boys mit großer Beweglichkeit in den Choreographien und enormer Bühnenpräsenz. Richard van Gemert mimt den unsympathischen Ernst Ludwig absolut glaubhaft. Gleiches gilt für Maria Klier als Fräulein Kost. Werner Hahn legt den Obsthändler Herrn Schultz mit sehr leisen Tönen an und punktet vor allem in seiner Präsentation des "Miesnick"-Liedes, wenn er die besungene Geschichte mit Obst und Gemüse nachspielt. Sylvia Rentmeister präsentiert Fräulein Schneider als in die Jahre gekommene Dame, die fast verlernt hat, an eine glücklichere Zukunft zu glauben und nicht die Kraft besitzt, in der politischen Situation ein neues Leben mit einem Juden zu beginnen. Leider gelingt Rentmeister bei den Liedern nicht die gleiche Intensität wie in ihrer schauspielerischen Darstellung, so dass die Melancholie in den wirklich schönen Liedern von Frl. Schneider leider ein wenig verloren geht. Jeffery Krueger überzeugt stimmlich und darstellerisch als Clifford Bradshaw.

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"If you could see her through my eyes": Der Conférencier (Henrik Wager) mit der Gorilla-Dame (Ann-Marie Lone-Gindner)

Die Stars des Abends sind Marysol Ximénez-Carillo als Sally Bowles und Henrik Wager als Conférencier. Ximénez-Carillo verfügt einerseits stimmlich über das richtige Timbre, um die von Liza Minelli geprägten Ohrwürmer bestens zur Geltung zu bringen. Andererseits stellt sie optisch und mit ihrer eindringlichen Darstellung eine Idealbesetzung für diese Partie dar. Hinzu kommt ihr tänzerisches Talent, das sie auch als Star des Kit-Kat-Clubs absolut glaubhaft macht. Wager besitzt die Expressivität, den Conférencier zu einem undurchschaubaren Charakter zu machen, bei dem man eigentlich nie genau weiß, was er eigentlich wirklich denkt. Großartig ist sein Tanz mit dem Gorilla, wenn er mit "If you could see her through my eyes" für ein "bisschen Verständnis" wirbt, im nächsten Moment aber seine Kit-Kat-Girls und Boys mit großen Hakenkreuzen auf dem Rücken marschieren lässt. Steffen Müller-Gabriel führt das Philharmonische Orchester Hagen sicher durch die schmissige Partitur, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt.


FAZIT

Dem Theater Hagen ist ein überzeugender Start in die neue Spielzeit gelungen.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Steffen Müller-Gabriel

Regie
Thilo Borowczak

Bühnenbild
Jan Bammes

Choreographie
Barbara Tartaglia

Kostüme
Christiane Luz

Chor
Wolfgang Müller-Salow

Kinder- und Jugendchor
Caroline Piffka
Alexander Ruef
Melanie Maennl

Dramaturgie
Imme Winckelmann



Opernchor des
Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen

Statisterie des
Theater Hagen

Kinder- und Jugendchor des
Theater Hagen


Solisten

Conférencier
Henrik Wager

Sally Bowles
Marysol Ximénez-Carillo

Clifford Bradshaw
Jeffery Krueger

Fräulein Schneider
Sylvia Rentmeister

Herr Schultz
Werner Hahn

Ernst Ludwig
Richard van Gemert

Fräulein Kost
Maria Klier

Kit-Kat-Girls
Ann-Marie Lone-Gindner
Milena Hagedorn
Maria-Lena Hecking
Janina Keppel

Kit-Kat-Boys
Emanuele Pazienza
Timo Radünz

 


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




Da capo al Fine

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