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Der erste Gang

Das Ballett im Revier stellt sich vor

Aufführungsdauer: ca. 2 h 20' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Musiktheaters im Revier am 14. Oktober 2012

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Musiktheater im Revier
(Homepage)

Kleine Gala zur Vorstellung des Ensembles

Von Thomas Molke / Fotos von Costin Radu


Einen Tag, nachdem sich im Theater Münster der neue künstlerische Leiter der Tanzsparte, Hans Henning Paar, mit seiner neuen Compagnie dem Publikum vorgestellt hat, legt auch im Musiktheater im Revier das neue Ballett im Revier unter der neuen Leiterin Bridget Breiner den ersten Gang ein und präsentiert die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer in insgesamt 11 Choreographien. Wie in Münster hat man auch in Gelsenkirchen mit großer Spannung auf diesen Tag gewartet, weil sich damit vielleicht schon ein Ausblick abzeichnet, wie es im Revier nach dem Ballett Schindowski im MiR weitergehen wird. Von daher kommt ein bisschen Nervosität auf, wenn vor Beginn der Vorstellung der Intendant Michael Schulz die Bühne betritt. Und leider hat er auch nicht nur die Aufgabe, den Abend als Gala zur Präsentation des neuen Ensembles anzukündigen, sondern muss leider mitteilen, dass sich bei den intensiven Probenarbeiten Iván Gil Ortega, der in der kommenden Spielzeit als Gast das Ballett im Revier unterstützen wird, verletzt habe und somit das Pas de Deux On the Nature of Daylight ausfallen müsse, in der sich Bridget Breiner mit Ortega, mit dem sie in ihrer Zeit am Stuttgarter Ballett eine lange Tanzgeschichte verbindet, nicht nur als Ballettchefin sondern auch als Tänzerin vorstellen wollte. In seiner gewohnt charmanten Art nutzt Schulz allerdings diese schlechte Nachricht dazu, das Publikum aufzufordern, diese Produktion noch einmal zu besuchen, um sich auch diese Choreographie nicht entgehen zu lassen.

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Bojana Nenadović in Architektur der Stille

Es folgt eine bunte Mischung aus unterschiedlichen Tanzstilen, mit denen das Ensemble seine Vielseitigkeit unter Beweis stellen kann. Der große Bogen von klassischem Ballett auf Spitze bis zum Modern Dance lässt hoffen, dass Breiner bemüht sein wird, ihr zukünftiges Programm breit zu fächern und sich nicht auf einen Stil festlegen zu lassen. Eines wird bei diesem Abend aber bereits deutlich. Ausgangspunkt für die weitere Arbeit sind die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer, und zwar nicht nur als Ensemble, sondern als Individuen. So haben die präsentierten Stücke zwar untereinander keine Verbindung, sind aber für die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer entweder eigens kreiert oder von diesen bereits an anderen Bühnen getanzt worden, so dass jeder sich mit einer Portion persönlicher Tanzgeschichte dem Publikum vorstellt. Und diese ist durchaus beeindruckend. Zu nennen ist hier zunächst Bojana Nenadović, die vor der Pause mit zwei sehr unterschiedlichen Stücken auf sich aufmerksam macht. Während sie in der für sie eigens kreierten Architektur der Stille von Edward Clug mit eher modernen pantomimischen Bewegungen überzeugt, begeistert sie mit Wieslaw Dudek in Renato Zanellas Choreographie Adagietto zum "Adagietto" aus Gustav Mahlers fünfter Sinfonie mit regelrecht fragilem Spitzentanz.

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Bridget Breiner in Tué

Eine Uraufführung, die der brasilianische Choreograph Luiz Fernando Bongiovanni für den brasilianischen Tänzer Junior Demitre anlässlich des ersten Ganges kreiert hat, lässt unter dem Titel Cultural Cannibalism die brasilianischen Wurzeln des jungen Tänzers erkennen. Von Johann Sebastian Bach geht Demitre in sehr körperbetonte von perkussiven Rhythmen unterlegte Bewegungen über, die gewaltige Energie und Lebensfreude spüren lassen. Auch Alina Köppen und Joseph Bunn begeistern in dem eigens für sie entwickelten Pas de Deux Weißer Schatten von dem Berliner Choreographen Raimondo Rebeck durch eine Kombination von klassischen und modernen Tanzelementen. Joseph Bunn eröffnet den Abend außerdem mit Aidan Gibson in dem recht komödiantischem Stück La Grande Parade du Funk von Bridget Breiner, das mit einem leichten Augenzwinkern den Geschlechterkampf ebenso karikiert wie Bridget Breiners Choreographie Sirs, in der Min-Hung Hsieh, Hugo Mercier und Fabio Boccalatte zu Nina Simones Gesang um eine kokette Dame konkurrieren, die von Maiko Arai mit großem Spielwitz dargestellt wird.

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Min-Hung Hsieh blickt in Blau Blue Bleu auf den Neuanfang.

Nach der Pause kommt dann der lang ersehnte Auftritt der Ballettchefin selbst. In Marco Goeckes Tué beweist Breiner, welchen umfangreichen Bewegungsapparat sie zur Verfügung hat, um Barbaras melancholisch düstere Chansons zu bebildern. Teilweise benötigt sie auch gar keine Musik, um mit expressiver Körpersprache magische Momente zu erzeugen. Wenn das zweite Chanson verklungen ist, fangen die ersten Zuschauer bereits an zu applaudieren, bis sie merken, dass Breiners Tanz noch nicht zu Ende ist. Erst wenn sie in einer Position verharrt, aus der sie das Licht wie eine Kerze auspustet, findet die Choreographie einen beeindruckenden Schluss, der vom Publikum frenetisch gefeiert wird. Ähnlich eindrucksvoll gelingt auch das Stück Fugaz, das der spanische Choreograph Cayetano Soto seinem 2005 verstorbenen Vater gewidmet hat. Aidan Gibson, Alina Köppen, Bojana Nenadović und Xiang Li tanzen zur bedrohlichen Musik von George Ivanovitch Gurdjieff eindrucksvolle Soli unter einem weißen Scheinwerferkegel, bis jeweils schwarze Gestalten aus dem Zuschauerraum auftreten und zwei der Tänzerinnen mit sich nehmen, während sie an den anderen beiden nur vorübergehen. Ist das der personifizierte Tod, der den einen aus dem Leben reißt und den anderen noch einen Moment auf Erden verweilen lässt? Das anschließende Pas de Deux zwischen Alina Köppen und Hugo Mercier beziehungsweise Bojana Nenadović und Junior Demitre jedenfalls lassen auf einen Kampf mit dem Tod schließen, den dieser in Form des jeweils männlichen Tänzers zu gewinnen scheint.

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Das Ensemble in Blau Blue Bleu in erwartungsvoller Haltung

Während die ersten Choreographien alle ohne Bühnenbild auskommen und nur mit Lichtstimmungen arbeiten, beherrscht in der letzten Choreographie Blau Blue Bleu, die Breiner eigens für ihr Ensemble unter dem Eindruck der Foyer-Gestaltung durch Yves Klein entworfen hat, ein riesiges schwarz umrandetes milchiges Glasfenster die Bühne, das aus dem Schnürboden herabgelassen wird und hinter dem weißgrauer Nebel wellenartige Lichtspiele entstehen lässt. Breiner hat für dieses Stück Dvořáks 12. Streichquartett, das "Amerikanische" ausgewählt, das musikalisch einen Aufbruch in eine neue Zukunft andeutet und damit auch für den neuen Weg steht, den das Ballett im Revier einschlagen wird. Das Streichquartett wird live von vier Musikern der Neuen Philharmonie Westfalen von der linken Bühnenseite aus begleitet. Ein grandioses Bild gelingt direkt zu Beginn des ersten Satzes, wenn Min-Hung Hsieh, einer der beiden Tänzer, die schon dem Ballett Schindowski angehörten, vor einen weiteren roten Vorhang tritt, der herabfällt und das große Glasfenster dahinter sichtbar macht. Im Folgenden machen die Tänzerinnen und Tänzer sich augenscheinlich auf den Weg.

Von der Farbe Blau sieht man in dieser letzten Choreographie allerdings sehr wenig. Lichtstimmungen und Hintergrund sind eher in Grau, Weiß und Schwarz gehalten. Die Kostüme von Jürgen Kirner sind in der Farbe dem jeweiligen Hautton der Tänzerinnen und Tänzer angepasst. Erst wenn Maiko Arai bei den klassischen Elementen auf Spitze mit den durch Reifen angedeuteten Tutus scheinbar nicht mithalten kann und von den anderen regelrecht auseinandergenommen wird, setzt sie sich zur Wehr, legt ihr helles Kostüm ab und erhält durch das darunter befindliche blaue Kostüm eine ganz individuelle Note. Und genau darauf scheint es Breiner bei dieser Choreographie anzukommen. Die Tänzerinnen und Tänzer stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. Ihre Geschichten sollen erzählt werden, ihre Erfahrungen eingebracht werden. Sie sind die Hauptakteure und zwar nicht als reine Masse, sondern als Einzelpersonen mit persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen. So verneigt sich Breiner am Ende des Abends nicht nur vor dem begeisterten Publikum sondern vor allem auch vor ihren Tänzerinnen und Tänzern und lässt die folgenden Projekte mit großer Spannung erwarten.

FAZIT

Dem Ballett im Revier gelingt ein rundherum geglückter Einstand, der vermuten lässt, dass die Tanzsparte auch ohne Schindowski in Gelsenkirchen seinen festen Platz in der Kulturszene behaupten wird.


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Produktionsteam

Gesamtkonzept
Bridget Breiner

Lichteinrichtung
Jürgen Rudolph

Dramaturgie
Anna Melcher

La Grande Parade du Funk

Choreographie
Bridget Breiner

Musik
Chris Brubeck

Kostüme
Bridget Breiner
Diana Schmiedecke

Tänzerin und Tänzer

Aidan Gibson
Joseph Bunn

Architektur der Stille

Choreographie
Edward Clug

Musik
Zbigniew Preisner

Kostüme
Leo Kula

Tänzerin

Bojana Nenadović

Sirs

Choreographie
Bridget Breiner

Musik
Nina Simone

Tänzerin und Tänzer

Maiko Arai
Fabio Boccalatte
Min-Hung Hsieh
Hugo Mercier

On the Nature of Daylight

Choreographie
David Dawson

Musik
Max Richter

Kostüme
Yumiko Takeshima

Licht
Bert Dalhuysen

Tänzerin und Tänzer

Bridget Breiner
Iván Gil Ortega

Cultural Cannibalism

Choreographie, Kostüme und Licht
Luiz Fernando Bongiovanni

Musik
Johann Sebastian Bach
Barbatuques

Tänzer

Junior Demitre

Adagietto

Choreographie, Kostüme und Licht
Renato Zanella

Musik
Gustav Mahler

Tänzerin und Tänzer

Bojana Nenadović
Wieslaw Dudek

In the Middle, Somewhat Elevated

Choreographie, Kostüme und Licht
William Forsythe

Musik
Thom Willems

Tänzerin und Tänzer

Kusha Alexi
Iván Gil Ortega

Weißer Schatten

Choreographie
Raimondo Rebeck

Musik
Wolfgang Amadeus Mozart
Hughes de Courson
Ahmed Al Maghreby

Kostüme
Valeria Lampadova

Tänzerin und Tänzer

Alina Köppen
Joseph Bunn

Fugaz

Choreographie, Kostüme und Licht
Cayetano Soto

Musik
George Ivanovitch Gurdjieff

Tänzerinnen und Tänzer

Aidan Gibson
Alina Köppen
Xiang Li
Bojana Nenadovi
ć
Junior Demitre
Hugo Mercier

Tué

Choreographie, Kostüme
Marco Goecke

Musik
Barbara

Licht
Udo Haberland

Tänzerin

Bridget Breiner

Blau Blue Bleu

Choreographie
Bridget Breiner

Musik
Antonín Dvo
řák

Bühne und Kostüme
Jürgen Kirner

Licht
Bert Dalhuysen

Tänzerinnen und Tänzer

Kusha Alexi
Maiko Arai
Aidan Gibson
Alina Köppen
Shaina Leibson
Xiang Li
Bojana Nenadovi
ć
Fabio Boccalatte

Joseph Bunn
Junior Demitre
Hugo Mercier
Iván Gil Ortega
Min-Hung Hsieh

Streichquartett der
Neuen Philharmonie
Westfalen

Violine I
Natalia Gilfer

Violine II
Andrea Campianu

Viola
Johannes Range

Violoncello
Andreas de Witt


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