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Teseo

Dramma tragico in fünf Akten
Text von Nicola Francesco Haym nach Philippe Quinaults Thésée
Musik von
Georg Friedrich Händel


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 10' (eine Pause)

Premiere im Bockenheimer Depot am 30. Mai 2013
(rezensierte Aufführung: 01.06.2013)



Oper Frankfurt
(Homepage)
Geschlossene Gesellschaft in Athen

Von Thomas Molke / Fotos von Barbara Aumüller


Obwohl Georg Friedrich Händel mit seiner dritten Oper für London, Teseo, nach dem Flop seiner Schäferidylle Il Pastor Fido an den großen Erfolg seines Rinaldo anknüpfen konnte, wurde die Produktion nicht nur aufgrund des aufwändigen szenischen Apparates ein finanzielles Fiasko, sondern verschwand auch nach der Uraufführungsspielzeit vollständig von den Spielplänen und gelangte erst 1947 bei den Göttinger Händel-Festspielen zu einer Wiederaufführung, der insgesamt zehn weitere Inszenierungen folgen sollten. So galt Händels einzige fünfaktige Oper, die sich eng an die Libretto-Vorlage für Lullys tragédie lyrique Thésée hält, lange Zeit als eines der am wenigsten bekannten Bühnenwerke, was Grund genug für die Oper Frankfurt ist, diese Rarität im Bockenheimer Depot zu präsentieren, das sich in den vergangenen Spielzeiten einen Namen für selten aufgeführte Werke des Barock erworben hat und jetzt wohl in seiner Existenz als Spielstätte für die Oper Frankfurt bedroht ist, so dass die Intendanz mit einer offenen Liste am Eingang die Zuschauer auffordert, eine Petition zum Erhalt dieses Spielortes zu unterschreiben.

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Medea (Gaëlle Arquez, rechts) als Fremde in Athen (von links: Arcane (Matthias Rexroth), Egeo (William Towers), Teseo (Jenny Carlstedt), Agilea (Juanita Lascarro) und Clizia (Anna Ryberg))

Die mythologische Handlung, die man unter anderem von Ovid kennt, reichert die bekannten Figuren Medea, Teseo (Theseus) und Egeo (Aigeus), den König von Athen, um weiteres Personal an, um die eigentliche Liebeshandlung durch mehrere Verwicklungen anzureichern. Medea hat Egeo, dem König von Athen, der ihr die Ehe versprochen hat, mit ihren Zauberkünsten zum Sieg in den kriegerischen Auseinandersetzungen verholfen. Doch dieser verliebt sich in die Athenerin Agilea, die allerdings Teseo liebt. Medea, die bereit ist, Teseo zur Königsherrschaft zu verhelfen, wenn er sich ihr zuwendet, muss erkennen, dass auch Teseo Agilea zugetan ist. Selbst ihre Zauberkraft kann die Liebe zwischen Teseo und Agilea nicht zerstören, so dass sie schließlich Egeo überredet, Teseo einen Gifttrank zu verabreichen, damit dieser ihm die Königskrone nicht streitig macht. Doch im letzten Moment rettet der König Teseo, weil er in ihm seinen eigenen Sohn erkennt, den er als Kind mit seinem Schwert zurückgelassen hatte. Medeas verzweifelter Versuch, das Glück des jungen Paares mit ihren Furien doch noch zu stören, scheitert. So kommt es zu einer Doppelhochzeit, in der nicht nur Teseo und Agilea, sondern auch das Dienerpaar Clizia und Arcane zueinander finden.

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Medea (Gaëlle Arquez, links) will Teseo (Jenny Carlstedt, liegend) und Agilea (Juanita Lascarro, rechts) trennen.

Tilmann Köhler wählt in seiner ersten Opernregie einen etwas sperrigen Ansatz, der bis zur Pause - sieht man einmal von der wunderbaren Musik ab - leider etwas Langeweile aufkommen lässt. Das Bühnenbild von Karoly Risz besteht aus einem riesigen Holzquader, der nur zum Publikum hin geöffnet ist und die Figuren gewissermaßen wie in einer Kiste einsperrt. So befinden sich die fünf Athener auch bis zur Pause permanent in diesem Quader, sitzen an der Rampe oder liegen schlafend in der Ecke, was teilweise im Widerspruch zum gesungenen Text steht. Wieso Jenny Carlstedt als Teseo zunächst in einem roten Kleid in diesem Quader herumläuft und erst mit dem offiziellen Auftritt der Titelfigur in einen Mann verwandelt wird, indem sie ihr rotes Kleid gegen eine blaue Jeans und ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck eines recht maskulinen Oberkörpers austauscht, bleibt genauso unverständlich wie die diversen Schaufensterpuppenteile, die überall auf der Bühne herumliegen. Sollen das die gefallenen Krieger sein? Hantiert Teseo deshalb permanent mit dem Bein einer Schaufensterpuppe herum, welches er zeitweise wie eine Keule schwingt? Dramaturg Zsolt Horpácsy versucht, im Programmheft zu erklären, dass die fünf Athener eine "geschlossene und in ihre Beziehungen verstrickte Gesellschaft" darstellen. Eine überzeugende Antwort auf die gestellten Fragen gibt diese Erläuterung allerdings nicht.

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Teseo (Jenny Carlstedt) und Agilea (Juanita Lascarro) gestehen sich ihre Liebe.

Spannend bleibt die Frage, wie Medea sich Zugang zu dieser abgeschlossenen Gesellschaft verschafft. Mit einer Axt haut sie ein riesiges Loch in die Rückwand, durch das sie als Fremde eindringt. In einem weiten dunkelblauen Kleid hebt sie sich deutlich von den Alltagskostümen der Athener ab. Wenn sie dann ihre Furien herbeiruft, weil ihre Intrigen Agilea und Teseo nicht trennen können, öffnet sich die Rückwand und gibt Ausblick auf einen tiefen leeren Raum, in dessen Mitte ein Podest steht, wohin Medea Agilea entführen lässt. Nach der Pause befindet sich ein Großteil der Schaufensterpuppen auf diesem Podest. Wieso Arcane, Clizia und Egeo im vierten Akt dort ebenfalls Platz nehmen, während im vorderen Bereich Agilea und Teseo gegen Medea um ihre Liebe kämpfen, bleibt unklar. Dass Medeas Axt, die sie häufig als Ausdruck ihrer Wut gegen die Wand knallt, hinterher die Waffe darstellt, an der Egeo Teseo als seinen Sohn wiedererkennt, ist ebenfalls nicht schlüssig. Auch Köhlers Personenregie wirft einige Fragen auf. So lässt er William Towers den König Egeo als lächerlichen Schwächling darstellen, der nur darauf bedacht ist, für die Öffentlichkeit werbewirksame Posen einzunehmen. Egeos Zorn, der sich in der Musik und im Text des vierten Aktes offenbart, wenn er Medea vernichten will, verpufft, wenn er mit dem Arm der Schaufensterpuppe zwar stets zu einem Schlag ausholt, dann aber immer wieder einknickt.

Als gelungen kann der Schluss-Auftritt Medeas bezeichnet werden, wenn Medea im Hintergrund der Bühne eine weitere Tür öffnet, was dem Raum noch mehr Tiefe verleiht. Ein letztes Mal versucht sie, mit ihren Furien Rache an Teseo zu nehmen. Doch die Athener verbannen sie mit verbundenen Kräften auf das Podest - auf den Auftritt Minervas als Retterin Athens wird in dieser Inszenierung verzichtet - und Teseo löst mit einem Streichholz einen regelrechten Feuerzauber aus, der in einer Videoprojektion auch auf dem Holzrahmen des Bühnenquaders fackelt. Zum Schlusschor senkt sich allmählich die Decke und zwingt die Protagonisten bei ihrem Jubel regelrecht in die Knie, was das lieto fine hierbei in Frage stellt.

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Medea (Gaëlle Arquez) schwört Rache.

Musikalisch begeistert vor allem Gaëlle Arquez als Medea mit großen dramatischen Ausbrüchen und intensivem Spiel. Einen Höhepunkt stellt dabei ihre große Arie "Morirò, ma vendicata" zu Beginn des fünften Aktes dar, wenn Medea beschließt, Teseo zu vergiften. Mit hervorragender Darstellungskunst und beweglicher Stimmführung changiert Arquez dabei zwischen verzweifelt Liebender und rasender Furie. Juanita Lascarro gelingen als Agilea vor allem die lyrischen Passagen. Großartig ist ihr Bekenntnis "Amarti si vorrei" im vierten Akt, wenn sie Teseo verzweifelt zu erklären versucht, dass sie ihn nicht lieben könne. Bei so viel Innigkeit lässt sich gut nachvollziehen, wieso Teseo diese Frau nicht aufgeben will. Für das berühmte "M'adora l'idol mio", im ersten Akt, wenn sie ihre Liebe zu Teseo besingt, fehlt Lascarro in den Koloraturen allerdings ein wenig die Beweglichkeit. Jenny Carlstedt überzeugt in der Titelpartie mit virilem Spiel und einem samtigen Mezzo. Matthias Rexroth begeistert als stets eifersüchtiger Arcane mit kräftigem und beweglichem Countertenor. Anna Ryberg stellt die Clizia mit leichtem Sopran sehr kokett dar. William Towers bleibt stimmlich als Egeo mit seinem Countertenor etwas hinter den Leistungen der anderen Solisten zurück. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester präsentiert unter der Leitung von Felice Venanzoni einen Barock-Klang, dem stellenweise ein bisschen der Drive und in den Medea-Szenen der Furor fehlt, alles in allem den Abend aber durchaus zu einem hörenswerten Klangerlebnis abrundet.

FAZIT

Mit Blick auf die seltene Präsentation dieser Opern-Rarität sollte man sich diese Inszenierung im Bockenheimer Depot nicht entgehen lassen. Die Regie ist kein großer Wurf, allerdings auch kein absolutes Ärgernis.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Felice Venanzoni

Regie
Tilmann Köhler

Bühnenbild
Karoly Risz

Kostüme
Susanne Uhl

Licht
Frank Keller

Dramaturgie
Zsoltan Horpácsy

 

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester


Solisten

Teseo
Jenny Carlstedt

Agilea
Juanita Lascarro

Medea
Gaëlle Arquez

Egeo
William Towers

Clizia
Anna Ryberg

Arcane
Matthias Rexroth



Weitere Informationen
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Oper Frankfurt
(Homepage)







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