Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Der Spieler (Igrok)

Oper in vier Akten (sechs Bildern) op. 24
Text vom Komponisten nach dem Roman Igrok (1866) von Fjodor M. Dostojewski in der deutschen Fassung von Karlheinz Gutheim
Musik von
Sergej Prokofjew


in deutscher Sprache mit  Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (eine Pause)

Premiere an der Oper Frankfurt am 13. Januar 2013
(rezensierte Aufführung: 20.01.2013)



Oper Frankfurt
(Homepage)
Zwischen Grand Hotel und Sanatorium

Von Thomas Molke / Fotos von Monika Rittershaus


Sergej Prokofjews Oper Der Spieler stellt für die Oper Frankfurt gleich in dreifacher Hinsicht ein Erstlingswerk dar. Zum einen ist das Werk, das Prokofjew eigentlich für das Mariinsky-Theater 1916 komponiert hatte, seine Uraufführung jedoch erst dreizehn Jahre später in einer überarbeiteten Fassung in Brüssel erlebte, noch nie in Frankfurt gespielt worden. Zum anderen ist die Produktion auch für den Frankfurter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle die erste Auseinandersetzung mit diesem Komponisten. Und selbst der renommierte Regisseur Harry Kupfer schließt mit dieser Inszenierung eine weitere Lücke in seiner mittlerweile mehr als 200 Arbeiten umfassenden Werkliste. Dass dieses Stück in Deutschland so selten auf dem Spielplan steht, dürfte wohl vor allem an der umfangreichen Besetzungsliste liegen, die von zahlreichen Bühnen sicherlich derzeit nicht zu stemmen ist. Musikalisch steht es der wesentlich bekannteren Liebe zu den drei Orangen nämlich in nichts nach.

Bild zum Vergrößern

Der General (Clive Bayley, links), Blanche (Claudia Mahnke) und der Marquis (Martin Mitterrutzner, rechts) warten in Roulettenburg auf das Ableben der alten Babuschka.

Die Handlung basiert auf dem gleichnamigen Roman von Fjodor M. Dostojewski, den Prokofjew selbst zu einem Libretto umgearbeitet und dabei einen Teil von Dostojewskis Dialogen nahezu wörtlich übernommen hat. In Roulettenburg, einem imaginären Ort, mit dem wahrscheinlich Wiesbaden gemeint ist, befindet sich ein Panoptikum skurriler Figuren, die alle hoffen, hier ihre finanziellen Probleme in den Griff zu kriegen. Da ist zum einen ein russischer General a. D., der bei dem französischen Marquis enorme Schulden hat, da er beim Quittieren des Dienstes auch veruntreute Staatsgelder zurückzahlen musste. Jetzt hofft er auf den Tod seiner alten Tante in Moskau, der Babuschka, mit deren Erbe er sich beim Marquis freikaufen will. Auch Polina, die Stieftochter des Generals, steht in der Schuld des Marquis. Alexej, der Hauslehrer der Kinder des Generals, ist unsterblich in Polina verliebt und versucht beim Roulette Polinas finanzielle Probleme zu lösen, zunächst jedoch ohne Erfolg. Als dann völlig unerwartet die für todkrank gehaltene Babuschka ebenfalls in Roulettenburg auftaucht und ihr ganzes Vermögen verspielt, damit der General nichts von ihr erben kann, verfällt der General dem Wahnsinn. Alexej unternimmt einen letzten Versuch, an Geld zu kommen, und gewinnt beim Roulette ein Vermögen. Doch Polina will sein Geld nicht, weil sie sich nicht von einer Abhängigkeit in die nächste begeben will, und lässt Alexej enttäuscht zurück. An dieser Stelle endet die Oper, während bei Dostojewski Alexej der Spielsucht verfällt und sein gesamtes Vermögen erneut verliert.

Bild zum Vergrößern

Die Babuschka (Anja Silja, links) bietet Polina (Barbara Zechmeister, Mitte) an, mit ihr nach Moskau zu kommen (rechts: Potapitsch (Dietrich Volle)).

Harry Kupfer betont in seiner Inszenierung die Ausweglosigkeit der Protagonisten, die sich in einem unentrinnbaren Teufelskreis befinden und deren Leben in das Chaos und den Wahnsinn steuert. Dazu schöpft Hans Schavernoch die bühnentechnischen Möglichkeiten des Opernhauses mit den beiden unabhängig voneinander beweglichen Drehbühnen voll aus. Neben einer schräg angebrachten drehbaren Scheibe, die sich auf der kleineren mittleren Drehbühne befindet und einen überdimensionalen Roulettetisch symbolisiert, befinden sich auf der linken Seite weiße Sessel, die wie ein drehbares Karussell um eine Lampenstange angeordnet sind und einerseits an eine mondäne Hotelhalle erinnern, andererseits aber auch die Isolation der Figuren deutlich machen, da die Sessel alle voneinander abgewandt sind, und auf der rechten Seite Rollstühle und Betten, die an ein Sanatorium oder eine Klinik erinnern. Auch der hinter der Bühne verlaufende Korridor mit Plexiglaswänden deutet einen Klinikflur an, zumal dort in einzelnen Szenen Schwestern und Pfleger in weißen Kitteln auftreten. Über der Szene hängen zwei spitz nach hinten zulaufende Bühnenelemente, die für diverse Videoprojektionen (Thomas Reimer) genutzt werden. In Momenten dramatischer Wendungen der Oper sieht man stets einen Kometen, der sich langsam auf die Erde zu bewegt. Während beim Auftritt der Babuschka oder beim Abgang des Generals dieser Komet die Erde aber noch nicht erreicht, kollidiert er im Schlussbild und lässt die Erde explodieren.

Den musikalischen und szenischen Höhepunkt des Stückes stellt das mittlere Bild des letzten Aktes dar, in dem Alexej im Spielcasino ein Vermögen gewinnt. Auch wenn die Personen in dieser Szene quasi in Chorstärke auftreten, werden sie als Individuen gezeichnet. So ist die Instrumentierung an dieser Stelle sehr durchsichtig, damit jedes einzelne Wort zu verstehen ist. Die beiden Roulettetische, die dabei in einer Videoeinspielung auf die Wände projiziert werden, ziehen mit der ekstatischen Musik den Zuhörer regelrecht in ihren Bann, so dass man auch noch elektrisiert bleibt, wenn die drehbare Scheibe von der Bühne verschwindet, und die beiden Croupiers in einer Art Vorraum des Casinos auftreten, um den wartenden Menschen mitzuteilen, wie es mit Alexejs Spiel weitergeht. Wie Kupfer an dieser Stelle mit einer geschickten Personenregie und faszinierenden Bildern die Spannung erzeugt, ist absolut beeindruckend.

Bild zum Vergrößern

Der General (Clive Bayley, Mitte) verfällt dem Wahnsinn (hinter der Scheibe: Statisterie der Oper Frankfurt).

Natürlich lebt eine solch dialoglastige Oper von den Darstellungsfähigkeiten der Solisten. Und da hat die Oper Frankfurt eine Sängerriege zusammengestellt, die keine Wünsche offen lässt. Zunächst einmal ist Anja Silja zu nennen, die als Babuschka unter Beweis stellen kann, dass ihre über 50-jährige Bühnenkarriere noch lange kein Ende genommen hat. Großartig gelingen ihr die dramatischen Ausbrüche der alten Dame, wenn sie dem General ins Gesicht schleudert, dass er sie nicht beerben wird. Bewegend gestaltet sie auch die leisen dunklen Momente, nachdem sie ihr gesamtes Vermögen im Spielcasino verloren hat und nun enttäuscht wieder nach Moskau abreisen will. Dabei strahlt sie auch als eine an den Rollstuhl gefesselte Frau eine ungeheure Dominanz aus. Claudia Mahnke besticht als flatterhafte Blanche mit weichem Mezzo. Dabei spielt Mahnke glaubhaft aus, wie diese Frau den General sofort fallen lässt und sich für den Fürsten Nilski (Peter Marsh mit recht hohem Tenor) entscheidet, wenn sie daraus größeren Nutzen ziehen kann. Interessant ist auch ihre von Kupfer in der Szene deutlich betonte Beziehung zum Marquis, der sie ebenfalls in der Hand zu haben scheint. Barbara Zechmeister präsentiert die Polina mit dramatischem Sopran als innerlich zerrissene Frau, mit der man jedoch wegen ihres relativ herzlosen Verhaltens Alexej gegenüber nicht allzu viel Mitleid empfinden kann.

Bild zum Vergrößern

Alexej (Frank van Aken, Mitte, mit dem Ensemble) gewinnt beim Roulette ein Vermögen.

Auch die männlichen Partien wissen zu überzeugen. Sungkon Kim gibt mit klangschönem Bariton einen undurchschaubaren Mr. Astley, bei dem nicht klar wird, welche Rolle er in diesem Reigen eigentlich spielt. Martin Mitterrutzner präsentiert den Marquis mit höhensicherem Tenor, der ebenso wie der General bei Kupfer dem Wahnsinn zu verfallen scheint. Nachdem die Babuschka ihr ganzes Vermögen verspielt hat, wirkt auch der Marquis recht verstört, da er wohl ebenfalls einen empfindlichen finanziellen Verlust gemacht hat. Clive Bayley begeistert als General mit markantem Bass. Besonders eindringlich gestaltet er das Ende des dritten Aktes, wenn er allmählich dem Wahnsinn verfällt und sich stammelnd mit einem Stuhl unterhält. Frank van Aken leistet stimmlich und körperlich als Alexej Gewaltiges. Obwohl er wie ein Irrer über die sich drehende Scheibe rennen muss, findet er noch genügend Luft, die anspruchsvolle Partie nahezu mühelos zu singen. Am Schluss lässt Kupfer ihn eine Pistole an die Schläfe setzen und abdrücken, was mit dem explodierenden Erdball korrespondiert, obwohl es so nicht im Libretto steht. Interpretiert man allerdings in die letzten Takte der Musik den von Dostojewski in den letzten Kapiteln des Buches geschilderten Untergang der Titelfigur, kann man diesen Eingriff durchaus rechtfertigen.

Sebastian Weigle lässt mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester den Abend zu einem grandiosen musikalischen Opernerlebnis werden. So gibt es am Ende lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT

Diese Produktion sollte man sich aus zwei Gründen nicht entgehen lassen. Zum einen steht diese Oper in Deutschland äußerst selten auf dem Spielplan, zum anderen findet Kupfer mit seiner Inszenierung einen Zugang zu dem Werk, der von der ersten bis zur letzten Minute fesselt.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sebastian Weigle

Inszenierung
Harry Kupfer

Bühnenbild
Hans Schavernoch

Kostüme
Yan Tax

Licht
Joachim Klein

Video
Thomas Reimer

Dramaturgie
Malte Krasting

 

Statisterie der Oper Frankfurt

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester


Solisten

General a. D.
Clive Bayley

Polina, Stieftochter des Generals
Barbara Zechmeister

Alexej, Hauslehrer der Kinder des Generals
Frank van Aken

Babuschka
Anja Silja

Der Marquis
Martin Mitterrutzner

Mr. Astley
Sungkon Kim

Blanche
Claudia Mahnke

Fürst Nilski
Peter Marsh

Baron Würmerhelm
Magnús Baldvinnsson

Potapitsch, Haushofmeister der Babuschka
Dietrich Volle

Direktor des Casinos
Vuyani Mlinde

1. Croupier
Michael McCown

2. Croupier
Simon Bode

Dicker Engländer
Magnús Baldvinnsson

Langer Engländer
Philipp Mehr

Eine aufgetakelte Dame
Anna Ryberg

Eine blasse Dame
Maren Favela

Eine Dame "comme ci comme ça"
Marta Herman

Eine verehrungswürdige Dame
Anikó Takács

Eine verdächtige Alte
Sofia Pavone

Hitziger Spieler
Peter Marsh

Krankhafter Spieler
Hans-Jürgen Lazar

Buckliger Spieler
Francisco Brito

Verbitterter Spieler
Iurii Samoilov

Alter Spieler
Carlos Krause

1. Spieler
Pere Llompart

2. Spieler
Constantin Neiconi

3. Spieler
Garegin Hovsepian

4. Spieler
Matthias Holzmann

5. Spieler
Nicolai Klawa

6. Spieler
Lars Rößler


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Konzert-Startseite E-Mail Impressum
© 2013 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -