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Chowanschtschina

Volksdrama in fünf Akten
Text vom Komponisten
Musik von Modest P. Mussorgski in der Bearbeitung von Dmitri D. Schostakowitsch


in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h 10' (zwei Pausen)

Wiederaufnahme-Premiere (Neueinstudierung) an der Oper Frankfurt am 12. Oktober 2012
(Premiere der Inszenierung: 27.03.2005)



Oper Frankfurt
(Homepage)
Russische Geschichte in einer packenden Inszenierung

Von Thomas Molke / Fotos von Wolfgang Runkel


Auch wenn man Modest Mussorgski auf der Opernbühne eher mit Boris Godunow verbindet, zählt seine relativ selten gespielte zweites Werk Chowanschtschina heute zu den Hauptwerken der russischen Oper des 19. Jahrhunderts und wird gewissermaßen als musiktheatralisches Vermächtnis Mussorgskis betrachtet, obwohl zu Mussorgskis Tod 1881 davon nur eine Klavierskizze ohne Orchestrierung und ohne Finale existierte und der erste Druck 1883 der russischen Zensur zum Opfer fiel. Im Folgenden nahm sich zunächst Nikolai Rimski-Korsakow des Torsos an und gestaltete die schroffe Musik Mussorgskis zu einem glatten Wohlklang um, der zwar dem Zeitgeist entsprochen haben mag, von Mussorgski selbst aber so sicherlich nie intendiert war. Erst Dmitri Schostakowitsch schuf in akribischer Feinarbeit eine Fassung, die Mussorgskis Vorstellungen sicherlich eher entsprochen haben dürfte. Die Frankfurter Oper hat sich bei ihrer Produktion für Schostakowitschs Bearbeitung von 1960 entschieden und nur die Finalszene aus einer Fassung entnommen, die Igor Strawinsky 1913 für Paris erstellt hatte. Nachdem dieses Werk in einer Inszenierung von Christian Pade in der Spielzeit 2004 / 2005 mit großem Erfolg in Frankfurt seine Premiere erlebt hat, gibt es nun eine Neueinstudierung des Werkes in einer neuen Besetzung.

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Fürst Golizyn (Frank van Aken, links), Fürst Chowanski (Askar Abdrazakov, Mitte) und Dosifej (Clive Bayley, rechts) haben unterschiedliche Vorstellungen von Russlands Zukunft.

Ob Mussorgski beabsichtigte, eine Operntrilogie über die russische Geschichte zu entwerfen, kann nur gemutmaßt werden. Jedenfalls beschäftigt sich auch seine zweite Oper mit diesem Sujet. Im Zentrum der Handlung steht der Strelitzen-Oberst Iwan Chowanski, der Ende des 17. Jahrhunderts gegen die Zarenfamilie eine Verschwörung geplant haben soll. Das Vorhaben scheitert aber letztendlich an den unterschiedlichen Interessen der Beteiligten. Fürst Golizyn sieht sich zwar wie Chowanski als Gegner Peters des Großen, unterstützt jedoch die Zarewna Sofia und gerät so in einen heftigen Streit mit Chowanski. Dosifej, der Anführer der Altgläubigen, hat wiederum andere Vorstellungen über die Zukunft Russlands, so dass es für den zarentreuen Fürsten Schaklowiti und die Anhänger Peters ein Leichtes ist, die Verschwörung zu zerschlagen. Chowanski wird in seinem eigenen Haus während einer Feier durch einen Messerstich getötet, Golizyn wird in die Verbannung geschickt und die übrigen Strelitzen zur Hinrichtung geführt. Die Altgläubigen versammeln sich in einer abgelegenen Gegend im Wald und gehen unter der Leitung von Dosifej und Marfa gemeinsam mit deren ehemaligem Geliebten Andrej Chowanski, dem Sohn des Strelitzen-Obersts, in den Flammentod.

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Die Altgläubige Susanna (Britta Stallmeister, links) tadelt Marfa (Daveda Karanas, rechts) für ihre Gefühle zu Andrej.

Alexander Lintl hat für die Inszenierung einen beeindruckenden riesigen Bogen geschaffen, der mit den hohen rechteckigen Öffnungen und den Stufen innerhalb dieser Öffnungen eher zeitlos wirkt und die Geschichte somit auch auf die Gegenwart übertragbar macht. Dieser Bogen ist nicht nur drehbar, sondern lässt sich auch noch in drei Teile zerlegen. Da er auch leicht schräg nach vorne gekippt ist, lässt sich daran vielleicht bereits der Verfall Russlands erkennen. Im ersten Akt hängt eine große Pfeilspitze wie ein Pendel aus dem Schnürboden herab und deutet mit den roten Farbtupfern den bürgerkriegsähnlichen Zustand im Land an, wobei die roten Abdrücke von Händen vor Augen führen, dass Blut an den Händen der Strelitzen klebt. Für den zweiten Akt wird der Bogen ein wenig gedreht und zeigt das Kabinett des Fürsten Golizyn. Hier sind auf mehreren Sockeln Herrscherköpfe aufgestellt. Während ein Sockel schon bereits zum Beginn der Szene umgestürzt ist und der Kopf in Einzelteile zersprungen ist, stürzt Golizyn im Laufe des Aktes auch noch einen weiteren Sockel um. Die schwarzen Striche an der Rückwand deuten vielleicht an, dass die Tage der jeweiligen Herrscher gezählt sind. Beeindruckend wird hierbei die Szene gestaltet, in der Marfa Golizyn die Zukunft aus einer Schüssel mit Wasser prophezeit und sich das Wasser blutrot färbt, wenn Marfa Golizyn das Ende seiner Karriere voraussagt.

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Der Schreiber (Hans-Jürgen Lazar, Mitte) berichtet dem Volk (Chor und Extrachor) von der Verfolgung der Strelitzen durch die Anhänger Peters des Großen.

Gelungen ist auch die Hand, die im dritten Akt aus dem Schnürboden herabhängt und aus deren Öffnung ein breiter werdender Strahl bis zum Bühnenboden herabreicht. Während Marfa zu Beginn des dritten Aktes in einem Liebeslied Andrejs Untreue beklagt und Dosifej gegenüber erstmals ihren Wunsch nach Selbstverbrennung äußert, erscheinen die Hand und der Strahl in warmem Gelb. Erst wenn Schaklowiti auftritt und eine Vision des zukünftigen Russlands zeichnet, verliert die Hand an Farbe und erscheint in fahlem Weiß-Grau. An dieser Stelle gebührt der Lichtregie von Olaf Winter ein großes Lob. Der Gedanke des Feuers wird auch im letzten Akt wieder aufgenommen. So haben die von Lintl entworfenen Kostüme der Altgläubigen alle ein gelbes Futter. Wenn Marfa und Dosifej am Ende mit ihren Anhängern in den Flammentod gehen, entzünden sie nicht nur Kerzen, die sie an der Bühnenrampe aufstellen, sondern hängen auch ihre Mäntel mit dem Innenfutter nach außen an einem aus dem Schnürboden herabgelassenen Quader auf, so dass das Gefühl entsteht, dass die Altgläubigen am Ende, wenn der Quader wieder nach oben gezogen wird, vom Feuer regelrecht eingeschlossen sind. Zu diesen beeindruckenden Bildern schafft Christian Pade eine stimmige Personenregie, die auch die Massen geschickt zu bewegen versteht. Erwähnt seien an dieser Stelle die Szene im vierten Akt, in der das Volk die Strelitzen zur Hinrichtung abführt, oder die jungen Mädchen in Chowanskis Haus, die nicht nur für Chowanski tanzen müssen, sondern ihm auch noch den Todesstoß versetzen.

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Fürst Iwan Chowanski (Askar Abdrazakov) mit den Altgläubigen

Auch musikalisch lässt die Produktion keine Wünsche offen. Lawrence Foster zaubert mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester aus dem Graben einen Klang, der der facettenreichen Musik Mussorgskis in all ihrer Vielschichtigkeit mehr als nur gerecht wird. So changiert er zwischen schroffem, unbeschönigtem Realismus, wenn es um politisches Kalkül geht, folkloristischen Elementen bei den Feierlichkeiten in Chowanskis Haus, und schon fast anmutigen Melodien, wenn Marfa ihre Gefühle besingt. Der Chor und Extrachor unter der Leitung von Matthias Köhler meistern die anspruchsvolle Aufgabe stimmlich und darstellerisch überzeugend. Gleiches gilt für die Ensemble-Mitglieder. Britta Stallmeister und Barbara Zechmeister statten die Susanna und Emma mit warmem Sopran aus. Michael McCown gefällt als Kuska mit hellem Tenor. Hans-Jürgen Lazar gestaltet die recht anspruchsvolle Partie des Schreibers mit höhensicherem Tenor und bewegendem Spiel. Auch Frank van Aken präsentiert sich als Fürst Wassili Golizyn auf dem gewohnt hohen Niveau und zeigt sich obendrein noch schwindelfrei, wenn er bei seiner Verbannung an einem roten Strick in den Schnürboden gezogen wird.

Askar Abdrazakov gab bereits 2005 sein Frankfurt-Debüt in dieser Produktion. Während er damals aber die Partie des Dosifej interpretierte, schlüpft er dieses Mal in die Rolle des Iwan Chowanski, und der Wechsel vom Anführer der Altgläubigen zum verschlagenen Strelitzen-Oberst gelingt ihm darstellerisch und stimmlich sehr gut. Mit profundem Bass verleiht er der Titelfigur nahezu mephistophelische Züge. John Daszak gefällt als sein Sohn Andrej mit kräftigem Tenor. Ilya Silchukov debütiert an der Oper Frankfurt und stattet die Partie des Schaklowiti mit finsterem Bariton aus. Clive Bayley begeistert als Altgläubiger Dosifej mit markantem Bass und eindringlichem Spiel. Zu guter Letzt ist Daveda Karanas zu nennen, die mit der Partie der Marfa ihr Deutschlanddebüt gibt. Mit warmem Mezzo schafft Karanas sehr emotionale Momente, wenn sie wehmütig an Andrejs Liebe denkt, und beweist im Gegenzug dazu dramatisches Talent, wenn sie Golizyn seine Zukunft prophezeit oder im letzten Akt entschlossen dem Flammentod entgegengeht. So gibt es am Ende lang anhaltenden und verdienten Applaus für eine Inszenierung, die zu Recht nach sieben Spielzeiten wieder auf den Spielplan gestellt worden ist.

FAZIT

Dieses Werk möchte man gern häufiger auf den Spielplänen sehen. Christian Pades Inszenierung ist ein guter Versuch, das Interesse an dieser Oper weiter zu fördern.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
*Lawrence Foster /
Hartmut Keil

Inszenierung
Christian Pade

Szenische Leitung der Wiederaufnahme
Orest Tichonov

Bühnenbild und Kostüme
Alexander Lintl

Licht
Olaf Winter

Chor und Extrachor
Matthias Köhler

Kinderchor
Felix Lemke

Dramaturgie
Norbert Abels

 

Chor, Extrachor und Kinderchor
der Oper Frankfurt

Statisterie der Oper Frankfurt

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester


Solisten

Fürst Iwan Chowanski
Askar Abdrazakov

Fürst Andrej Chowanski
John Daszak

Fürst Wassili Golizyn
Frank van Aken

Bojar Schaklowiti
Ilya Silchukov

Dosifej
Clive Bayley

Marfa, eine Altgläubige
Daveda Karanas

Schreiber
Hans-Jürgen Lazar

Emma
Barbara Zechmeister

Warsonofjew, Vertrauter Golizyns
Gerhard Singer

Kuska, Strelitze
Michael McCown

1. Schütze
Gerhard Singer

2. Schütze
Grigorij Kulba

Streschnew, ein junger Bojar
Pere Llompart

Susanna
Britta Stallmeister



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







Da capo al Fine

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