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Othello

Ballett von Denis Untila und Michelle Yamamoto
nach William Shakespeares The Tragedy of Othello, the Moor of Venice
Musik von Max Richter, Ólafur Arnalds, Thomas Newman, Murcof, Kerry Muzzey, Múm, Mikis Theodorakis, From the Mouth of the Sun, David Rozenblatt, Nôze, Armand Amar, Jóhann Jóhannsson und Jason Graves

Aufführungsdauer: ca. 1h 25' (keine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 09. Februar 2013
(rezensierte Aufführung: 13.02.2013)


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Handlungsballett mit modernem Bewegungsvokabular

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöß

William Shakespeare scheint in dieser Spielzeit sowohl in Münster als auch in Essen einen thematischen Schwerpunkt für die Choreographien der Ballettsparten darzustellen. Während der neue Ballettdirektor in Münster, Hans Henning Paar, seinen Einstand mit einer Choreographie zu der Tragödie Macbeth gab (siehe auch unsere Rezension) und sein Programm anschließend mit einer Bearbeitung von Ein Sommernachtstraum fortsetzte (siehe auch unsere Rezension), begann Ben Van Cauwenbergh in Essen mit der Komödie Ein Sommernachtstraum in einer Choreographie von Heinz Spoerli (siehe auch unsere Rezension), um mit der folgenden Premiere dem künstlerischen Nachwuchs in der eigenen Compagnie eine Chance zu geben. So können Michelle Yamamoto und Denis Untila, die beide seit der Spielzeit 2006 / 2007 als Tänzer zum Aalto Ballett Theater Essen gehören, nach mehreren kleineren Choreographien im Rahmen der Ballettabende PTAH I und PTAH II im Grillo-Theater nun mit der Uraufführung Othello ihr erstes abendfüllendes Handlungsballett zur Uraufführung bringen.

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Othello (Armen Hakobyan) und Desdemona (Yulia Tsoi)

Der Vorschlag, eine Tragödie von Shakespeare auszuwählen, stammt dabei vom Ballettdirektor. Allerdings greifen Yamamoto und Untila musikalisch nicht auf eine der zahlreichen Ballett-Adaptionen zu diesem Stück zurück, sondern kreieren mit selbst zusammengestellter Musik ihre ganz eigene Sicht auf die Geschichte und konzentrieren sich auf ein zentrales Thema, das das Stück auch aus heutiger Sicht noch so aktuell macht: Eifersucht und Leidenschaft. Dass der Mohr von Venedig wegen seiner Hautfarbe Anfeindungen ausgesetzt ist, interessiert die Choreographen in ihrer Inszenierung weniger, so dass sie die Titelpartie weder mit einem farbigen Tänzer besetzen noch ihn dunkelhäutig schminken. Ansonsten folgen sie in groben Zügen der Darstellung Shakespeares, wobei sie den Personenkatalog auf die vier zentralen Figuren Othello, Desdemona, Jago und Cassio verdichten und einen Großteil der Hintergrundhandlung, wie beispielsweise die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Zypern, streichen. Statt eines Taschentuches ist es ein Armband, das Othello an der Treue seiner Frau zweifeln lässt. Die größte Änderung dürfte sein, dass es am Ende nicht Othello ist, der Desdemona tötet. Othello glaubt zwar, seine Gattin erwürgt zu haben, aber Desdemona lebt noch, bevor Jago sie dann endgültig umbringt. So ist es auch Jago, den das Volk bei der Leiche findet und für den Mord zur Rechenschaft zieht.

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Jago (Breno Bittencourt) mit dem Corps de ballet

Zu Beginn des Abends sieht man bereits das Ende. Armen Hakobyan schreitet als Othello zu den elektronischen Klängen von Max Richters "Infra1", die mit ihrem Rauschen beinahe an das Suchen eines Radiosenders erinnern, wie ein gebrochener Mann langsam in den Bühnenhintergrund. Dabei bringt der Bühnenbildner Dmitrij Simkin die Hebebühne eindrucksvoll zum Einsatz. Langsam wird die Bühne hochgefahren, auf der sich Hakobyan nach hinten bewegt, bis er plötzlich im Nichts verschwindet, gewissermaßen als ob er sich von einer Brücke stürzen würde. Das gleiche Bild wird am Ende des Abends wieder aufgenommen und bildet somit eine Klammer um die Geschichte. Othello erfährt hier weder von der Unschuld seiner Frau noch von der Schuld des eigentlichen Drahtziehers Jago. Motivation für seinen Selbstmord ist in dieser Inszenierung lediglich das Unverständnis für sein von Affekten gesteuertes Verhalten. Hakobyan verleiht dieser Figur eine unglaubliche Tragik.

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Jago (Breno Bittencourt, rechts) überzeugt Othello (Armen Hakobyan, links) von Desdemonas Untreue (im Außenkreis: Tänzer des Ensembles).

Das Bühnenbild von Dmitrij Simkin ist recht abstrakt gehalten. Drei aus dem Schnürboden herabhängende weiße Bühnenwände können quer über die Bühne gezogen werden und unterschiedliche Räume formen, die mal klaustrophobisch klein sind, wenn beispielsweise Desdemona ermordet wird und es keine Möglichkeit zur Flucht für sie gibt, und mal in ihrer Weite dem Corps de ballet genügend Raum für ihren Ausdruckstanz bieten. Interessant sind die Muster auf der unteren Hälfte dieser Wände, die in ihrer elliptischen Form mit den spitzen Enden hinter wellenförmig herabführenden Streben, an Augen erinnern, die alles beobachten. Wenn der hintere Teil der Bühne hochgefahren wird, taucht eine ähnliche Form auf, so dass die scheinbare Brücke, die sich auch als Wahrzeichen für Venedig deuten lässt, ebenfalls als ein Auge betrachtet werden kann, welches das Geschehen auf der Bühne genauestens beobachtet. Durch grünlich schimmernde Lichteinstellungen von Bernd Hagemeyer soll wahrscheinlich ein Bezug zur Eifersucht hergestellt werden, die bei Shakespeare als "grünäugiges Ungeheuer" bezeichnet wird.

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Othello (Armen Hakobyan, Mitte) zerbricht an seiner Eifersucht (Corps de ballet).

Die Musikauswahl konzentriert sich größtenteils auf zeitgenössische Komponisten, die im Stil der Minimal Music zu den sehr abstrakten Bewegungen des Ensembles passen. Während sich die Compagnie zu diesen fast sphärischen Klängen regelrecht die Seele aus dem Leib tanzt und mit wilden ruckartigen Bewegungen über die Bühne fegt, wirkt Mikis Theodorakis' berühmter Sirtaki aus "Zorbas the Greek" musikalisch eher wie ein Fremdkörper. Und genauso wird dieser Tanz auch inszeniert. Die Tänzer reagieren auf die melodischen Klängen bewusst steif und schaffen so die auch in der Shakespeare'schen Tragödie vorhandene komische Note. Zugleich wird an dieser Stelle klar, dass die Gesellschaft Desdemona und Othello als Paar in ihrer Mitte schwerlich akzeptieren kann. Beeindruckend gelingt auch die Eifersuchts-Szene, in der sechs Paare in einzelnen Pas de deux Othellos innere Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass zur elektronischen Musik von Ólafur Arnalds in expressiven Formen darstellen.

Neben dem ausdrucksstarken Ensemble begeistert vor allem Breno Bittencourt als Bösewicht Jago mit nahezu spinnenartigen Bewegungen. Mit welcher Kraft er die Boshaftigkeit dieser Figur in jeder einzelnen Bewegung auslebt, zeigt das große Potential dieses jungen Tänzers, vor allem, wenn man noch seine schelmische Interpretation des Lausbuben Max aus dem Ballett Max und Moritz vor Augen hat. Yulia Tsoi zeichnet auch ohne Spitzentanz in ihren weichen Bewegungen eine Desdemona, die sich bedingungslos ihrem Schicksal ergibt. Anrührend ist ihr Pas de deux mit Armen Hakobyan zu Beginn des Abends, wenn die Welt von Othello und Desdemona noch in Ordnung ist. So gibt es nach diesem intensiven Tanzabend großen Beifall für das Ensemble.

FAZIT

Yamamoto und Untila gelingt mit ihrem ersten abendfüllenden Ballett am Aalto Theater ein respektabler Einstand.


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Produktionsteam

Choreographie
Denis Untila
Michelle Yamamoto

Bühne
Dmitrij Simkin

Kostüme
Rosa Ana Chanzá Hernández

Licht
Bernd Hagemeyer

Dramaturgie
Nils Szczepanski




Solisten

Othello
Armen Hakobyan

Desdemona
Yulia Tsoi

Jago
Breno Bittencourt

Cassio
Simon Schilgen

"Eifersucht" - Pas de deux
Maria Lucia Segalin
Alexey Irmatov
Yanelis Rodriguez
Nwarin Gad
Alena Gorelcikova
Nour Eldesouki
Xiyuan Bai
Artur Babajanyan
Julia Schalitz
Marat Ourtaev
Ana Sánchez Portales
Liam Blair

Ensemble
Xiyuan Bai
Carolina Boscan
Carla Colonna
Elisa Fraschetti
Alena Gorelcikova
Ana Carolina Reis
Yanelis Rodriguez
Ana Sánchez Portales
Julia Schalitz
Svetlana Schenk
Maria Lucia Segalin

Artur Babajanyan
Liam Blair
Ordep Chacon
Nwarin Gad
Nour Eldesouki
Alexey Irmatov
Marat Ourtaev
Wataru Shimizu
Igor Volkovskyy





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