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Ein Sommernachtstraum

Ballett von Heinz Spoerli
Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, Steve Reich und Philip Glass

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 3. November 2012


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Theater Essen
(Homepage)
Ein Stück von Torheit und Liebesverrücktheit

Von Stefan Schmöe / Fotos von Bettina Stöß

Die Austauschbarkeit der Beziehungen, die Auswechselbarkeit der Partner – ist das ein spezifisches Phänomen unserer Zeit? In der Minimal-Music Steve Reichs hat Choreograph Heinz Spoerli ein Pendant zu solchem Minimalismus in den Beziehungen gefunden, so stellt er es im Programmheft in einer reichlich gewagten Assoziation dar. Die Grundidee seines Stücks, Flirts im Ballettensemble in der Theaterwelt Shakespeares widerzuspiegeln, Musik unserer Zeit (sehr gemäßigt vertreten durch Philipp Glass und eben Steve Reich) den romantischen Träumereien Felix Mendelssohns gegenüber zu stellen, ist doch sehr plausibel gelungen. Und ob Shakespeares Liebesreigen in A Midsummer Night's Dream nicht doch eher zeitlos als modern ist, das sei dahingestellt, wenn am Ende ein so schönes Tanz-Theaterstück daraus wird wie dieses, das 1996 am Opernhaus Zürich uraufgeführt wurde.

Vergrößerung in neuem Fenster Wataru Shimizu (Puck)

Zu Beginn sieht man eine Ballettprobe zu Steve Reichs Drummings, eine Folge sich verdichtender rhythmischer Patterns. Ziemlich schnell sprengen die Bühnenarbeiter die Arbeit, fordern eine Pause – und spielen Shakespeare: Denn eigentlich sind sie die Handwerker aus dem Sommernachtstraum, sprechen und spielen den Originaltext. Das zieht sich durch den Abend hindurch, sie führen später wie in der Schauspielvorlage das Spiel von Pyramus und Tisbe auf , in dem die hehre Liebe derb parodiert wird – da bleibt Spoerli ganz nah an Shakespeares Komödie. Drumherum rankt sich das Ballett, und dieser komödiantische Kern schützt die Choreographie auch davor, zu sehr in eine nur ästhetische Ebene abzudriften. Ein paar Kürzungen im Text allerdings könnten die allzu ausschweifenden Schauspieleinlagen ruhig noch stärker konzentrieren. Die Schauspieler um Wortführer Jeroen Egelsman, der sehr agil den Zettel spielt, bewältigen ihren Part ordentlich.

Dieser Zettel schläft ziemlich schnell am Bühnenrand ein, und was dann folgt, ist vielleicht alles nur geträumt – ob man diesem etwas unoriginellen Kunstgriff folgt oder nicht, ist aber egal, denn zu Mendelssohns Sommernachtstraum-Overtüre entfaltet der Tanz seinen ganz eigenen Zauber. Schade nur, dass die Essener Philharmoniker, an guten Tagen ein absolutes Spitzenorchester, bei den magischen vier Einleitungsakkorden ziemlich kleckern – wohl auch ein Indiz dafür, dass Ballettpremieren unter Leitung des Kapellmeisters (in diesem Fall Volker Perplies, der aber viel Sinn für die Klanglichkeit aller drei Komponisten zeigt) weniger Probenaufwand erhalten als eine „echte“ Opernpremiere unter dem Chef. Später dann, in den filigranen Passagen, präsentiert sich das Orchester dann doch auf gewohnt hohem Niveau. Neben der Musik zum Sommernachtstraum ist von Mendelssohn noch die Konzertovertüre Die schöne Melusine, eine Zwischenmusik aus dem Singspiel Die Heimkehr aus der Fremde sowie das Adagio aus der LobgesangSymphonie zu hören.

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Feenkönigin tanzt mit Handwerker-Esel: Ensemble, Jeoren Engelsman (Zettel), Barbora Kohoutková (Titania)

Shakespeares Rahmenhandlung um die Hochzeit des Herzogs von Athen ist gestrichen (und damit auch der populäre Hochzeitsmarsch), der Streit zwischen Feenkönig Oberon und Gattin Titania verkürzt (der indische Knabe, um den es im Schauspiel geht, kommt nicht vor). Diese Elfen und Feen sind keine ätherischen Wesen, sondern bodenständige Faune, erdfarben gekleidet und barfüßig, und der bekanntlich ziemlich irrend zaubernde Puck wird von Wataru Shimizu als kraftvolles Energiebündel getanzt. Überraschend blass bleibt der Pas de deux zwischen Titania und dem in einen Esel verwandelten Zettel – aus der absurden Situation, dass eine Feenkönigin mit einem Handwerker-Esel den Gipfel der Ballettkunst ertanzen soll, schlägt Spoerli kaum Kapital. Barbora Kohoutková, als Gast für diese Produktion verpflichtet, bleibt als Titania überhaupt ziemlich unterkühlt; ihr boshafter Gatte Oberon (Sergio Torrado) zeigt sich da facettenreicher zwischen Erdgeist und elegantem Liebhaber. In den wechselnden Liebesbeziehungen zwischen Hermia (Xiyuan Bai), Lysander (Breno Bittencourt), Helena (Yulia Tsoi) und Demetrius (Armen Hakobyan) zeigt sich Spoerlis Kunst, mit viel Humor und feiner Ironie kleine Geschichten zu erzählen. Das ist dann sehr unterhaltsames Handlungsballett.

Vergrößerung in neuem Fenster Die Handwerker spielen die traurige Geschichte von Pyramus und Tisbe: Jeoren Engelsman (Zettel/Pyramus), René Wedeward (Schnauz/Wand), Serkan Durmus (Flaut/Thisbe)

Großartig ist das Bühnenbild von Hans Schavernoch: Eine faszinierend spiegelnde und drehbare Glaswand trennt den halbrunden Bühnenhintergrund ab, auf den immer wieder Bilder projiziert werden: Oft ein geheimnisvoller Urwald, eben der Shakespearesche Wald von Athen, die Traumlandschaft dieser rätselhaften Nacht. Die Choreographie findet immer wieder bezwingend schöne Bilder in diesem Rahmen. Zur Pause dreht sich die Glaswand zum Zuschauerraum und hält dem Publikum ganz konkret den Spiegel vor. Neu ist diese Idee nicht, hübsch ist sie trotzdem.

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Feenkönigin tanzt mit Handwerker-Esel: Ensemble, Jeoren Engelsman (Zettel), Barbora Kohoutková (Titania)

Den Schluss bildet Philip Glass' schönes, ein wenig zu gefälliges Violinkonzert (Lucja Madziar spielt den Solopart unprätentiös souverän), und dazu hat Spoerli im Grunde ein eigenes Stück choreographiert. In hautenge Trikots gekleidet, die Herren mit entblößten Oberkörpern, kehrt die Choreographie wieder zurück in einen (angedeuteten) Ballettsaal. Der zeitgenössische Tanz hat Shakespeare und Mendelssohn aufgesogen, diese zu einem sehr elegant choreographierten Reigen abstrahiert. Das ist ein Bruch und doch keiner: Es zeigt radikal neues und schließt doch atmosphärisch wie inhaltlich stimmig an das alte an. Das Essener Ballettensemble zeigt sich in guter Verfassung. Viel Beifall.


FAZIT

Sehr unterhaltsames Tanztheater im Geiste Shakespeares, luftig-leicht für's große Publikum und doch mit intelligenten und feinen Zwischen- und Untertönen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Volker Perplies

Choreographie
Heinz Spoerli

Bühnenbild
Hans Schavernoch

Kostüme
Keso Dekker

Licht
Martin Gebhardt

Einstudierung
Chris Jensen

Ballettmeister
Alicia Olleta
Michel Bejar




Essener Philharmoniker


Solisten

Titania
Barbora Kohoutková

Oberon
Sergio Torrado

Puck
Wataru Shimizu

Hermia
Xiyuan Bai

Helena
Yulia Tsoi

Demetrius
Armen Hakobyan

Lysander
Breno Bittencourt

Zettel/Pyramus
Jeorén Engelsman

Schlucker/Mond
Andreas Baronner

Squenz
Jürgen Albrecht

Schnauz/Wand
René Wedeward

Schnock/Löwe
Alexander Milz

Flaut/Thisbe
Serkan Durmus

Drei Damen
Carolina Boscan
Elisa Fraschetti
Maria Lucia Segalin
Carla Colonna
Ana Carolina Reis
Yanelis Rodriguez

Elf Damen
Katya Bourvis
Carla Colonna
Juliette Fehrenbach
Jelena Grjasnowa
Alexa Koutzis
Ana Carolina Reis
Yanelis Rodriguez
Ana Sanchez
Svetlana Schenk
Julia Schalitz
Michelle Yamamoto
Alena Gorelcikova

Drei Herren
Artur Babajanyan
Davit Jeyranyan
Viacheslav Tyutyukin
Armen Hakobyan
Wataru Shimizu
Denis Untila

Acht Herren
Liam Blair
Nour Eldesouki
Nwarin Gad
Alexey Irmatov
Marat Ourtaev
Simon Schilgen
Denis Untila
Ordep Rodriguez Chacon






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