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Deca Dance

Tanzstück von Ohad Naharin
Musik von Agustín Lara, Ignacio Fernández Esperón, Richard Adler, Jerry Ross, Margarita Lecuona, Hugh Williams, Francisco Canaro, The John Buzon Trio, Paul Smadbeck, Brian Eno, Antonio Vivaldi, Harold Arlen, Richard A. Whiting, Pablo Beltrán Ruiz, Morton Stevens und traditionelle Musik

Aufführungsdauer: ca. 1h 5' (keine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 27. April 2013
(rezensierte Aufführung: 30.04.2013)


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Und das Publikum tanzt mit

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöß

Große Stilvielfalt ist das erklärte oberste Ziel des Essener Ballettdirektors Ben Van Cauwenbergh, und so gibt es nach den beiden Handlungsballetten Ein Sommernachtstraum in der eher klassischen Choreographie von Heinz Spoerli (siehe auch unsere Rezension) und Othello in einer recht modernen Sichtweise der beiden Ensemble-Mitglieder Michelle Yamamoto und Denis Untila (siehe auch unsere Rezension) nun einen sehr abstrakten Tanzabend ohne Handlung, der sowohl für das Corps de ballet als sicherlich auch für einen Großteil des Publikums ein Novum darstellen dürfte. Ohad Naharin, der seit 1990 die Batsheva Dance Company in Israel leitet, konnte gewonnen werden, um mit dem Essener Ensemble eine Bewegungssprache einzuüben, die Naharin unter der Bezeichnung "Gaga" in die Tanzwelt eingeführt hat. Dabei zeigt sich Van Cauwenbergh besonders stolz, da die Essener Compagnie das erste deutsche Tanzensemble ist, das eine abendfüllende Choreographie von Naharin präsentieren darf. Ob man allerdings bei einer gut einstündigen Vorstellung von einem abendfüllenden Tanzabend sprechen kann, ist diskutabel.

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Ensemble bei "Echad mi Yodea"

Deca Dance wurde im Jahr 2000 anlässlich Naharins 10-jähriger Tätigkeit als Leiter der Batsheva Dance Company uraufgeführt. Dabei stand der Begriff "Deca" einerseits für die 10 Jahre (lat. "decem" = zehn), andererseits für die 10 Tanzeinheiten, in die der Abend unterteilt werden konnte. Naharin choreographierte hierbei einen Teil seiner Tänze neu und verband sie mit Auszügen aus seinem Repertoire, so dass ein sich ständig weiterentwickelndes abendfüllendes Werk entstand. Bis heute finden weltweit immer wieder neu zusammengestellte Aufführungen unter diesem Titel mit der Batsheva Dance Company statt. Wichtiger Bestandteil dieses Abends ist die Bewegungssprache "Gaga", die Naharin ursprünglich als Trainingsmethode eingeführt hat, um durch Isolation einzelner Körperteile zu bewussteren Bewegungen zu gelangen. Somit werden Elemente der Improvisation mit physischer und emotionaler Körperwahrnehmung verbunden und vermitteln die Fähigkeiten zu einem völlig neuartigen Energiefluss, der in kräftigen, schnellen und dennoch kontrollierten Bewegungen gipfelt. Da es dafür keine vorgeschriebenen Regeln gibt, sondern sich alles aus dem eigenen Körper heraus entwickelt, gibt es auch "Gaga"-Klassen für Anfänger und Laien, was vielleicht der Grund dafür ist, dass an diesem Tanzabend auch Zuschauer zum Mittanzen aufgefordert werden.

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Liam Blair, Armen Hakobyan, Viacheslav Tyutyukin, Denis Untila und Igor Volkovskyy in "Black Milk"

Wenn man den Saal betritt, scheint der Abend bereits in vollem Gang zu sein. Denis Untila tanzt sich zu leise im Hintergrund erklingenden lateinamerikanischen Rhythmen auf leerer Bühne gewissermaßen die Seele aus dem Leib. Sein Körper scheint ihm dabei nicht zu gehorchen, sondern vom Tanz regelrecht zu den Bewegungen getrieben zu werden. Immer wenn er das Gefühl vermittelt, aufhören zu wollen, beginnt ein neues Lied, und sein Körper verfällt sofort wieder in scheinbar unkontrollierte Bewegungen. Zur Musik "It Must Be True" von The John Buzon Trio tritt nach und nach das komplette Ensemble in schwarzen Anzügen hinzu und verfällt in zuckende Bewegungen, die von der Musik ausgelöst zu sein scheinen. Erst danach verlöscht das Licht im Zuschauerraum und der Vorhang senkt sich zu einer von Dick Dale bearbeiteten Fassung des traditionellen "Hava Nagila", das einen Bezug zu den hebräischen Wurzeln des Choreographen herstellt.

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Techno-Rhythmen zu "Somewhere over the Rainbow" im Stück "Jumping"

Es folgt ein beeindruckendes Stück unter dem Titel "Echad mi Yodea", das ebenfalls von traditioneller hebräischer Musik begleitet wird, die Naharin mit The Tractor's Revenge selbst arrangiert und eingespielt hat. In schwarzen Anzügen und mit großen schwarzen Hüten sitzt das Ensemble in einem großen Halbkreis und verfällt zur Musik in heftige ruckartige Bewegungen. Wie bei einer La-Ola-Welle strecken sich die Tänzer von links nach rechts jeweils nach hinten, wobei nur der letzte Tänzer auf der rechten Seite bei diesem Versuch nach vorne fällt. Während die Tänzer dabei in jeder Sequenz ein weiteres Kleidungsstück ablegen, bis sie am Ende nur noch in Unterwäsche tanzen, bleibt der Tänzer auf der rechten Seite angezogen, um seine Isolation von der Masse noch deutlicher zu machen.

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Michelle Yamamoto und Denis Untila in "Mabul Duet"

Die nächsten Teile bleiben musikalisch und szenisch recht abstrakt und unverständlich. Zunächst stellen sich sieben Tänzerinnen in Unterwäsche in einer Reihe auf und bewegen sich zu "Metronome" ziemlich ruckartig. Auch die Darstellung "Humus" mit neun Tänzerinnen gibt keine weiteren Einblicke. Wieso sich Liam Blair, Armen Hakobyan, Viacheslav Tyutyukin, Denis Untila und Igor Volkovskyy in "Black Milk" mit braunem Schlamm beschmieren müssen, bleibt ebenfalls unverständlich. Beim "Mabul Duet" gelingt Michelle Yamamoto und Denis Untila zur Musik von Vivaldi zwar eine beeindruckende Bewegungssprache, aber einen tieferen Sinn sucht man in dieser Sequenz vergeblich. Dann wechselt der Musikstil vom klassischen Vivaldi zu einer grauenhaften Techno-Version von "Somewhere over the Rainbow", zu der die Tänzer erneut in schwarzen Anzügen mit großen Hüten im Techno-Rhythmus über die Bühne stampfen, bevor sie sich im Publikum verteilen und Zuschauer bewegen, mit ihnen zum Tanzen auf die Bühne zu gehen. Bei "Dance with the Audience" ist es schon erstaunlich, wie die Tänzer zu "Hooray for Hollywood" und "Sway" die Zuschauer in den Tanz integrieren und mit dem Publikum ästhetisch schöne Bilder erzeugen. Das Publikum hat auch sichtlich Spaß an dieser Szene.

Nach einem Trio zur Musik von Vivaldi gibt es zum Abschluss noch einmal ein Musik-Medley, das auf "Hawaii Five-O" von Morton Stevens basiert und in seiner Fröhlichkeit noch einmal sprühende Lebenslust verbreitet. Jetzt sind die Tänzer bunt gekleidet und lassen den Abend mit beschwingter Musik ausklingen. Große Beifallsbekundung von Seiten des Publikums.

FAZIT

Auch wenn einzelne Passagen schön anzuschauen sind, fehlt dem Abend ein roter Faden. Der musikalische Stilmix wirkt zu uneinheitlich und ohne Zusammenhang.


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Produktionsteam

Choreographie und Inszenierung
Ohad Naharin

Kostüme
Rakefet Levy

Licht
Avi Yona Bueno




Tänzerinnen und Tänzer

Man Impro
Denis Untila

First Cha
Ensemble

Echad mi Yodea
Ensemble

Metronome
7 Tänzerinnen

Black Milk
Liam Blair
Armen Hakobyan
Viacheslav Tyutyukin
Denis Untila
Igor Volkovskyy

Humus
9 Tänzerinnen

Mabul Duet
Michelle Yamamoto
Denis Untila

Jumping
Ensemble

Dance with the Audience
Ensemble

Mabul Trio
Elisa Fraschetti
Yulia Tsoi
Igor Volkovskyy

Danz
Ensemble

Solisten und Corps de ballet
Artur Babajanyan
Xiyuan Bai
Liam Blair
Carolina Boscan
Carla Colonna
Elisa Fraschetti
Nwarin Gad
Alena Gorelcikova
Armen Hakobyan
Alexey Irmatov
Davit Jeyranyan
Ana Carolina Reis
Yanelis Rodriguez
Julia Schalitz
Svetlana Schenk
Simon Schilgen
Maria Lucia Segalin
Wataru Shimizu
Yulia Tsoi
Viacheslav Tyutyukin
Denis Untila
Igor Volkovskyy
Michelle Yamamoto
 





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