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Feine Jade

Zweiteiliger Ballettabend mit Choreographien von Edwaard Liang und Xin Peng Wang

Immortal Beloved
Choreographie von Edwaard Liang, Musik von Philip Glass

Full Moon No Constancy
Choreographie von Xin Peng Wang, Musik von Julia Wolfe, David Lang, Michael Gordon, Meredith Monk und François Couperin

Aufführungsdauer: ca. 1h 45' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 16. März 2013
(rezensierte Aufführung: 22.03.2013)



Theater Dortmund
(Homepage)

Abstrakte Tanzpoesie zu Minimal Music

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöss (Stage Pictures)

Anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums als Ballettdirektor in Dortmund hat Xin Peng Wang sich in dieser Spielzeit vorgenommen, dem Publikum die Kultur seiner Heimat China näher zu bringen. Nach seinem Handlungsballett Der Traum der roten Kammer, in dem Wang einen klassischen chinesischen Episodenroman in Tanz umgesetzt hat (siehe auch unsere Rezension), widmet er sich im zweiten Ballettabend nun dem abstrakten Tanz. Der Titel des Abends Feine Jade mag dabei metaphorisch auf die beiden unterschiedlichen Choreographien anspielen. Wie Jade in China seit Tausenden von Jahren als Edelstein gilt, der aus einem Mineralgemenge in ganz spezieller Struktur besteht, so haben Xin Peng Wang und sein Landsmann Edwaard Liang auch den Tanz zu einer optischen Kostbarkeit geformt. Während es Liang aus China in die Vereinigten Staaten verschlagen hat, wo er mittlerweile unter die "25 Top to Watch" der zeitgenössischen Choreographen eingereiht wird, prägt Wang seit 1996 die europäische Tanzszene. In dem zweiteiligen Ballettabend gibt es nun eine europäische Erstaufführung von Liangs Immortal Beloved und die Uraufführung Full Moon No Constancy von Wang zu erleben.

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Howard Quintero Lopez (Mitte) mit dem Ensemble im ersten Satz des 1. Violinkonzertes von Philip Glass

Liang choreographierte Immortal Beloved erstmals 2009 am "National Ballet of Novosibirsk", wobei die Produktion so erfolgreich war, dass sie im folgenden Jahr bereits vom Kirov-Ballett ans Marinsky-Theater übernommen wurde und beim "Golden Mask Theatre Award" in den Kategorien "Beste Choreographie", "Beste Produktion" und "Bester Tänzer" nominiert wurde. Zu Philip Glass' 1987 komponiertem 1. Violinkonzert stellt sich Liang die Frage, wie ein Individuum mit seiner eigenen Unsterblichkeit umgeht, wenn alles um ihn herum vergeht. Gäbe es die eine wahre Liebe, an der man festhielte, oder würde man von einer Beziehung zur nächsten eilen? Die endlosen Wiederholungsschlaufen in Glass' Musik symbolisieren dabei die ewige Existenz dieses Individuums, die unruhigen Impulse der sich immer wieder neu aufbäumenden Musik lassen sich als die Rastlosigkeit bei dem Versuch der Selbstfindung interpretieren. Liang findet zu den drei Sätzen des Violinkonzertes beeindruckende Bilder. Auf der Bühne liegen Kronleuchter, die scheinbar von der Decke herabgefallen sind, deren Lampen aber noch funktionieren. Ein Kronleuchter hängt noch aus dem Schnürboden herab, nähert sich jedoch vor dem Auftritt der Tänzerinnen im zweiten Satz auch dem Boden. Stehen die Lüster für die Vergänglichkeit der Zeit, dass alles nur für den Moment glänzt und dann irgendwann vergeht? Welche schreckliche Vorstellung müsste dann die Unsterblichkeit sein.

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Pas de deux (Monica Fotescu-Uta und Howard Quintero Lopez) im zweiten Satz des 1. Violinkonzertes von Philip Glass

Zu Beginn sieht man einen Tänzer in einem dunkelroten Anzug (Howard Quintero Lopez), der sich langsam in Richtung des Bühnenhintergrundes bewegt. Auf dem Boden liegen sechs Tänzer, die eine ähnliche Hose wie der Tänzer in der Mitte tragen, deren Oberkörper jedoch frei ist. Zum ersten Satz der Musik erheben sich die Tänzer und scheinen mit Lopez zu einem Individuum zu verschmelzen. Ist die Zahl sieben hier bewusst gewählt, um mit sieben Leben die Unsterblichkeit des Individuums anzudeuten? Die sieben Tänzer scheinen auf der Suche zu sein, was die unruhigen Bewegungen, die eine grandiose Einheit mit Glass' Musik eingehen verdeutlichen. Im zweiten Satz treten dann die Frauen auf und es kommt zu diversen Pas de deux und Pas de trois, wobei Barbara Melo Freire und Marissa Parzei mal mit einem, mal mit zwei Tänzern Hebefiguren und Spitzentanz vorführen, der zwar einerseits vom neoklassizistischen Stil eines George Balanchine geprägt ist, andererseits sich aber auch deutlich davon unterscheidet, da die Figuren dabei so überdehnt werden, dass die Tänzerinnen scheinbar zu kippen drohen. Monica Fotescu-Uta gibt mit Lopez tänzerisch ein hervorragendes Paar ab, dessen Liebe zumindest im zweiten Satz für die Ewigkeit konzipiert zu sein scheint.

Aber der dritte Satz bringt eine Wende. Die drei Frauen treten nun in weiten roten Röcken auf, die sich farblich zwar den Hosen der Tänzer annähern, durch die heftigen Bewegungen, die die auflodernden Impulse der Musik imitieren, die Männer aber von ihnen wegzutreiben scheinen. Fotescu-Uta und Lopez finden nun bei ihrem Pas de deux kaum noch zueinander und entgleiten sich regelrecht. Alles geht wieder in die Ausgangsposition zurück. Die sechs Männer liegen wie im Anfangsbild auf dem Bühnenboden und Lopez schreitet erneut Richtung Bühnenhintergrund. Allerdings ist der Hintergrund jetzt nicht mehr einfach schwarz, sondern Fotescu-Uta steht nun an der Rückwand. Lopez bewegt sich gewissermaßen auf sie zu und das Stück nimmt ein positives Ende. Die Liebe ist trotz aller Widrigkeiten scheinbar doch für die Ewigkeit gedacht. Die Tänzerinnen und Tänzer werden am Ende des ersten Teils regelrecht frenetisch bejubelt.

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Marissa Parzei als weiße Frau im Mond in Full Moon No Constancy

Der zweite Teil von Xin Peng Wang, Full Moon No Constancy, ist zwar ebenfalls mit Komponisten der Minimal Music unterlegt, entwickelt sich im Gegensatz zum ersten Teil allerdings nicht aus der Musik, sondern benutzt sie nur, um die Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft zu bebildern. Mit dem Titel greift Wang auf das traditionelle Mondfest zurück, das Anfang Herbst in China gefeiert wird und auf einer alten Legende fußt, nach der der chinesische Bogenschütze Hou Yi die Welt vor den zehn Sonnen gerettet hat, die die Erde austrocknen lassen wollten, indem er auf den höchsten Berg stieg, neun Sonnen abschoss und der zehnten befahl, täglich auf- und unterzugehen. Als Dank erhielt er von einer Göttin eine Pille der Unsterblichkeit, die seine Frau Chang'e jedoch herunterschluckte und als unsterbliches Wesen zur weißen Frau im Mond wurde, die alljährlich zum Mondfest auf die Erde herabsteigt. Diese mythische Figur wird nun mit der Hektik der modernen Gesellschaft in Verbindung gesetzt. Zu Beginn des Abends sieht man Marissa Parzei in einem weißen Kleid am Bühnenrand stehen. Plötzlich lässt sie sich nach hinten fallen und verschwindet im Nichts. Aber der Bühnenboden wird emporgefahren und man sieht, dass sie von fünf Tänzern aufgefangen worden ist. Mehrere Male versucht sie an diesem Abend zu fallen, aber es sind immer Männer da, die sie auffangen.

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Howard Quintero Lopez und Monica Fotescu-Uta in Cheating, Lying, Stealing von David Lang (im Hintergrund von links: Denise Chiarioni, Alessandra Spada)

HC Gilje hat für diese Choreographie einen beeindruckenden Raum mit Licht- und Videoeffekten konzipiert. Im ersten Stück sieht man zu Julia Wolfes LAD für neun Dudelsäcke die Tänzer und Tänzerinnen in zwei Reihen auf der Bühne liegen, wobei jeweils eine Reihe beleuchtet wird, die dann auf die Rückwand reflektiert wird. Während jeweils die angestrahlten Tänzer in hektischen, abgehakten Bewegungen wie Maschinen funktionieren, liegen die anderen ruhig auf der Bühne, bis sie angestrahlt werden und in den gleichen Rhythmus verfallen. Die Musik entzieht sich dabei bewusst einem harmonischen Klangerlebnis und erinnert eher an das Lärmen einer Baustelle. Dies fällt besonders extrem im zweiten Stück zu David Langs Pierced auf, wenn zum Kratzen der Musik Lichtstreifen auf dem Boden erzeugt werden, die ebenfalls wieder an der Rückwand sichtbar sind. Während die Tänzerinnen zunächst noch auf den einzelnen Strahlen schreiten können, wird mit der Zeit alles vermengt und die Menschen verfallen in eine gewisse Orientierungslosigkeit. Der Horror dieser Szene wird nur unfreiwillig dadurch gebrochen, dass ein kleines Kind im Publikum anfängt zu weinen, was einem Teil des Publikums einen Kommentar über die nicht gerade harmonische Musik entlockt. Später wird auch eine schräge Spiegelwand aus dem Schnürboden herabgelassen, so dass die Tänzer nun mehrfach reflektiert werden. Nach einer kurzen barocken Verschnaufpause zu Les Barricades Misterieuses von Couperin, hämmert David Langs Cheating, Lying, Stealing auf die Zuschauer ein, und in grauem Licht wird eine moderne Welt gezeichnet, in der sich keiner Unsterblichkeit wünschen dürfte.

Von daher ist die Frau im Mond, die immer wieder in diesen Szenen auftritt und versucht sich fallen zu lassen, nicht zu beneiden, und ihr stummer Blick ins Publikum scheint zu fragen: Soll ich zum nächsten Mondfest wirklich wieder auf die Erde herabsteigen? Auch dieser Teil wird vom Publikum mit großem Beifall bedacht. Bedauerlich ist nur, dass bei der zweiten Aufführung an einem Freitag zahlreiche Plätze leer blieben. Lag es an den beginnenden Osterferien, die zahlreiche potentielle Besucher schon in den Urlaub geführt haben, oder daran, dass der Abend für ein breites Dortmunder Publikum zu abstrakt ist? Die Frage lässt sich schwerlich beantworten. Wang jedenfalls hat erneut die Vielseitigkeit seiner Compagnie unter Beweis gestellt und verdient dafür riesige Anerkennung.

FAZIT

Man muss Minimal Music nicht mögen, um bei diesem Ballettabend auf seine Kosten zu kommen, wird aber feststellen, dass diese Musik in dieser Choreographie eine ganze Menge mitzuteilen hat. Von daher ist zu wünschen, dass sich in den folgenden Vorstellungen mehr Zuschauer auf dieses Tanzerlebnis einlassen.


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Produktionsteam

 

Immortal Beloved

Choreographie, Bühne und Kostüme
Edwaard Liang

 

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

Solisten
*Howard Quintero Lopez /
Arsen Azatyan
*Monica Fotescu-Uta
*Barbara Melo Freire
*Marissa Parzei
Alessandra Spada
Jelena-Ana Stupar
Risa Tateishi

Ensemble
*Arsen Azatyan
*Sergio Carecci
*Eugeniu Cilenco
Armen Gevorgyan
Howard Quintero Lopez
*Gal Mazor Mahzari
*Andrei Morariu
*Friedrich Pohl
Yuri Polkovodtsev
Giuseppe Ragona
Giuseppe Salomone

 

Full Moon No Constancy

Inszenierung, Choreographie
Xin Peng Wang

Kostüme
Rosa Ana Chanza Hernandez

Licht- und Videodesign
HC Gilje

Idee, Konzept und Dramaturgie
Christian Baier

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

Solisten
*Monica Fotescu-Uta
*Barbara Melo Freire
*Marissa Parzei
*Howard Quintero Lopez
*Andrei Morariu
*Sergio Carecci
*Friedrich Pohl

Ensemble
*Jacqueline Bâby
*Denise Chiarioni
*Stephanine Ricciardi
*Alessandra Spada
*Jelena-Ana Stupar
Risa Tateishi
*Sayo Yoshida
*Luiza Yuk

*Arsen Azatyan
*Eugeniu Cilenco
*Armen Gevorgyan
*Gal Mazor Mahzari
*Yuri Polkovodtsev
*Jie Qu
*Giuseppe Ragona
*Giuseppe Salomone

 


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Theater Dortmund
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