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Musiktheater
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Bella Vita

Choreographien von Mauro Bigonzetti

Rossini Cards
Musik von Gioachino Rossini, teilweise bearbeitet von Bruno Moretti

Cantata
Traditionelle Musik aus Süditalien, arrangiert von "Gruppo Musicale Assurd

Aufführungsdauer: ca. 2h 05' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 7. Juni 2013
(rezensierte Aufführung: Dernière am 03.07.2013)



Theater Dortmund
(Homepage)

Das Leben ist schön

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöss (Stage Pictures)

Mauro Bigonzetti, der von 1997 bis 2007 als künstlerischer Leiter die Geschicke des "Aterballetto" lenkte und gestaltete und damit nicht unwesentlich zu dem Ruf beigetragen hat, den sich diese Compagnie auch international erworben hat, zählt heute zu den bedeutendsten zeitgenössischen Choreographen und ist auch in Dortmund kein Unbekannter mehr. Bereits in drei Ballettabenden konnte man jeweils eine Choreographie von Bigonzetti erleben. Zum Abschluss der Spielzeit nimmt nun das Ballett Dortmund zwei Stücke von ihm wieder auf, präsentiert sie aber in einem neuen Kontext. Waren sie bei der Erstaufführung in Dortmund jeweils Bestandteil eines Ballettabends, in dem die Arbeiten von unterschiedlichen Choreographen auch verschiedene Tanzstile verknüpften, werden sie nun unter dem Titel Bella Vita zu einem humorvollen Abend um Italien zusammengefasst, der auf unterhaltsame Art und Weise mit südländischen Klischees spielt und dabei dem Titel des Abends alle Ehre macht.

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Mark Radjapov und Jacqueline Bâby in Rossini Cards

Den Anfang macht das 2004 in Modena uraufgeführte Stück Rossini Cards, das in Dortmund erstmals 2008 unter dem Titel Stars and Steps zusammen mit einer Choreographie von George Balanchine zu erleben war. In mehreren Szenen wird zur Musik von Gioachino Rossini die ganze Bandbreite von Tanzkomödie bis zu einer geheimnisvollen Todessehnsucht präsentiert, die sich in den recht unterschiedlichen Kompositionen des Schwans von Pesaro ausdrückt. Den Anfang macht dabei das "Trauerweidenlied" aus Otello in einer Bearbeitung von Bruno Moretti. In schwarzen Anzügen stehen die 18 Tänzerinnen und Tänzer an der Rampe aufgereiht und lauschen den Klängen der Musik. Die Bewegung besteht dabei einzig und allein aus einen langsamen Blick zur Seite. Plötzlich legt ein Tänzer (Mark Radjapov) seine Kleider ab und lässt sich in den leeren Orchestergraben fallen. Nach diesem kurzen Schockmoment geht es komödiantisch weiter. Zu dem berühmten Sextett aus dem zweiten Akt "Questo è un nodo avvillupato" sieht man die Tänzerinnen und Tänzer an einer langen Tafel sitzen und in recht abgehackten Bewegungen aristokratischen Dünkel karikieren. Auch nach Verklingen der Musik werden diese Bewegungen gewissermaßen mechanisch weiter ausgeführt.

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Barbara Melo Freire mit Giuseppe Ragona (rechts) und Giuseppe Salomone (links) in Rossini Cards

Es folgen einige bewegende Pas de deux und Pas de trois zu Rossinis eher unbekannten Klaviersonaten. Während Mark Radjapov und Jacqueline Bâby ihr Duett mit akrobatischen Bewegungen größtenteils im Liegen gestalten und eher eine depressive Stimmung transportieren, enthält das Pas de trois von Barbara Melo Freire, Giuseppe Ragona und Giuseppe Salomone schon mehr komische Momente. Genreüberschreitungen sind dann zu erleben, wenn Alessandra Spada vor den Vorhang tritt und mit großer Begeisterung aus einem Kochbuch die Zubereitung einer "Pasta a la Rossini" rezitiert. Bei der folgenden Ouvertüre aus La gazza ladra wird dann auch gesungen, wobei der männliche Tänzer zunächst die getragenen Passagen mit tiefer Stimme begleitet, während die Tänzerin die schnellen Töne regelrecht mitschnattert. Wenn dann die beiden auch noch die Rollen tauschen, ist die Komik erneut auf ihrem Höhepunkt angekommen. Bei der folgenden Ensemble-Choreographie kann man dann den Eindruck gewinnen, dass diese Ouvertüre wirklich für den Tanz komponiert worden wäre. Am Ende wird der Beginn in leichter Abwandlung wieder aufgenommen. Die Tänzer treten alle wieder in den schwarzen Kostümen des Anfangs auf. Doch jetzt stehen sie nicht mehr an der Rampe, sondern rennen jeweils quer über die Bühne, bis sie am Schluss alle in den Orchestergraben springen. Nur der Mann, der zu Beginn in den Orchestergraben gefallen ist, hält kurz vor dem Sprung inne und bleibt allein auf der Bühne zurück.

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Cantata: Die Frauen werden von der Tarantel gebissen.

Den zweiten Teil des Abends Cantata entwickelte Bigonzetti 1997 ursprünglich für das Ballet Gulbenkian Lissabon, bevor er es 2002 auch mit dem "Aterballetto" erarbeitete. Die Musik zu diesem Stück stammt von Gruppo Musicale Assurd, einer Band aus vier Frauen, die dafür traditionelle Musik aus Süditalien arrangierten. In Dortmund war dieses Stück zum ersten Mal 2012 unter dem Titel Träumer. Tanzen. Lieder zusammen mit einer Choreographie von Christian Spuck zu erleben (siehe auch unsere Rezension). Bigonzetti fängt in diesem Stück das Flair eines archaischen Dorfplatzes in Apulien, im Süden Italiens, ein. Hier besitzen die Frauen des Dorfes vier Tage lang im Mai absolute Narrenfreiheit. Angeblich werden sie zu dieser Zeit von einer kleinen Tarantel auf dem Feld gebissen, was einen gewissen Wahnsinn bei ihnen auslöst, der nur durch ekstatischen Tanz abgeschüttelt werden kann. Die Wurzeln der Musik liegen dabei in der typischen Erdverbundenheit der bäuerlichen Traditionen Süditaliens und dem Wunsch nach gemeinsamem Singen und Spielen. So stehen die 16 Tänzerinnen und Tänzer zu Beginn auch in mehreren Reihen im Hintergrund der Bühne und singen eine italienische Volksweise. Helena de Medeiros hat die Frauen dabei mit einfachen bunten Kostümen ausgestattet, die eine bäuerliche Atmosphäre erzeugen.

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Ensemble in Cantata

In diesem Ambiente beginnen die Frauen nun allmählich zu tanzen, wobei sie immer wieder von den Männern gezügelt werden, was zunächst wie ein Ausdruck der im Süden herrschenden patriarchalischen Strukturen wirkt. Doch dann beißen sich die Frauen bei der Pizzica, einer Art Tarantella, in die Hand, und ein hemmungsloser Tanz beginnt, in den auch die Männer einsteigen, die zunächst nur versuchen die zuckenden Frauen aus der Mitte der Bühne zu ziehen. Auch in diesem Teil werden Genre-Grenzen überschritten. So streiten Denise Chiarioni und Barbara Melo Freire in einem herrlichen Dialog zunächst über stinkende Füße und anschließend über die Notwendigkeit von Deodorant. In dem Tanz, der sich an diesen Streit anschließt, zeigt das Ensemble pure Lebensfreude und steckt voller Energie. Manchmal verharren die Tänzer in einzelnen Posen, rasten sozusagen ein, um im nächsten Moment auszurasten und sich noch wilder zu bewegen. Erst wenn die Tänzer am Ende wieder das Bild vom Anfang aufnehmen und erneut die italienische Volksweise anstimmen - bemerkenswert ist hierbei, dass sich die Tänzerinnen und Tänzer, nachdem sie sich die Seele regelrecht aus dem Leib getanzt haben, noch die Kraft besitzen, dieses Lied anzustimmen - wird der immer wiederkehrende Kreislauf dieser Tradition deutlich. Die expressive Emotionalität der Tänzerinnen und Tänzer überträgt sich in vollem Umfang auf das Publikum, und so gibt es nach beiden Teilen lang anhaltenden und frenetischen Applaus.

FAZIT

Das Ballett Dortmund verbreitet pure Lebensfreude und stellt in einem Mix aus Tanz, Gesang und Spiel die ganze Bandbreite seines Könnens unter Beweis.


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Produktionsteam

Choreographie und Bühnenbild
Mauro Bigonzetti

Kostüme
Helena de Medeiros

Lichtdesign
Carlo Cerri

 

Rossini Cards

Tänzerinnen und Tänzer

Jacqueline Bâby
Denise Chiarioni
Sara Coffield
Monica Fotescu-Uta
Barbara Melo Freire
Marissa Parzei
Alessandra Spada
Jelena Ana Stupar
Sayo Yoshida
Arsen Azatyan
Sergio Carecci
Eugeniu Cilenco
Andrei Morariu
Yuri Polkovodtsev
Jie Qu
Mark Radjapov
Giuseppe Ragona
Giuseppe Salomone

 

Cantata

Tänzerinnen und Tänzer

Jacqueline Bâby
Denis Chiarioni
Sara Coffield
Barbara Melo Freire
Marissa Parzei
Alessandra Spada
Jelena Ana Stupar
Sayo Yoshida
Arsen Azatyan
Sergio Carecci
Eugeniu Cilenco
Howard Quintero Lopez
Andrei Morariu
Yuri Polkovodtsev
Mark Radjapov
Giuseppe Ragona
 


Weitere
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Theater Dortmund
(Homepage)



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