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Musiktheater
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Siegfried

Zweiter Tag des Bühnenweihfestspiels Der Ring des Nibelungen
Text und Musik von Richard Wagner


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h (zwei Pausen)

Premiere im Anhaltinischen Theater Dessau am 30. März 2013


Logo: Anhaltisches Theater Dessau

Anhaltisches Theater Dessau
(Homepage)

Auf Drachenjagd im virtuellen Wald

Von Roberto Becker / Fotos von Claudia Heysel


Vergrößerung Virtuelle Bärenjagd: Siegfried (Foto: Claudia Heysel)

Richard Wagners Bühnenwerke haben in diesem Jahr Hochkonjunktur. Man könnte fast denken, dass die Macher, die sich gleich für den kompletten Nibelungen-Ring entschieden haben, den in der Tetralogie beschworenen Untergang einer auf Machtgier und der Jagd nach dem Geld beruhenden Welt als Menetekel für die Malaise der ja hierzulande immer noch gut bestückten Theaterlandschaft so ernst nehmen, dass sie es im Jubiläumsjahr nochmal wissen wollen. Wann, wenn nicht im Jahr von Wagners 200. Geburtstages, kann man den Geldgebern noch vier große Inszenierungen unter einer Hauptüberschrift verkaufen, scheinen die Intendanten zu denken und die Gelegenheit beim Schopfe zu packen. Womöglich hat der Dessauer Intendant André Bücker auch deshalb seine Ring-Inszenierung von hinten, mit der Götterdämmerung begonnen und jetzt den Siegfried folgen lassen. Da hat er schon mal die „größere“ Hälfte (wie es bei der Klopperei der Riesen Fasolt und Fafner um das Nibelungengold im Rheingold immer so schön falsch heißt) im Kasten. Sollte es brenzlig werden mit dem realen Geld – eine Walküre und Rheingold kriegen sie allemal noch gestemmt.

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Computerfreaks unter sich: Siegfried und Mime (Foto: Claudia Heysel)

André Bücker und sein Team bleiben bei der geschlossenen, stilisierten Ästhetik. Jan Steigerts Bühne schafft Räume durch Projektionswände. Die Projektionen auf dem linken und rechten Bühnenportal simulieren eine Art Computerspiel. Hier wird der Stand der Dinge registriert. Die Kostüme von Suse Tobisch sind - wie schon in der Götterdämmerung (unsere Rezension) - von der Bauhausästhetik inspiriert, vor allem die von Brünnhilde, dem Waldvogel und dem Wurm/Riesen Fafner. Nur die Kostüme von Siegfried und Mime sind näher an den menschlichen Natur dieser beiden Computerfreaks. Nur beim Wotan ist es nicht gelungen, dem Klischee eines Wanderers mit langem Mantel und breitkrempigem Hut zu kreieren. Im Vergleich mit dem Video-Overkill der Götterdämmerung haben Frank Vetter und Michael Ott diesmal ihre Projektionen durchgängig und sinnvoll integriert. In der letzten Szene findet Siegfried seine Brünnhilde auf respektive in jenem geschichteten Walküren–Felsen-Würfel, den schon in der Götterdämmerung zum szenischen Zentrum des finalen Ring-Teils wurde.


Vergrößerung Drachenjagd: Siegfried und Fafner

Über die frühe Jugend des mit der Rettung der Welt heillos überforderten Superhelden Siegfried ist freilich nur etwas zu erfahren, wenn man dazu einen Ausflug in den imaginären Wald unternimmt. In der Inszenierung kommen sie zumindest virtuell auch alle dort an: Siegfried und Mime, der Waldvogel und Fafner, und bei einem Abstecher zur Rate-Show auch der Wanderer. Die beiden Comupterspiel-Freaks Mime und Siegfried haben in ihrer mit Fastfood-Resten vermüllten Höhle die Natur immerhin auf dem Schirm ihrer Computer. Da lehrt dann Mime seinen Siefvater mit einem virtuellen Bären das Fürchten - und konstruiert sich auch das Schwert computergestützt neu. Diese Wunderwaffe schafft es dann auch in die dreidimensionale Welt. Wo der Rap liebende Knabe Siegfried dann Fafner und Mime zur Strecke bringt. Wenn er bei seiner einzigen Begegnung mit Wotan dessen Speer zerhaut, flackert ein „Game Over“ über die Portale.

Die zelebrierte Affinität zum Virtuellen produziert diesmal nicht nur sehr schöne Bilder, sondern hilft obendrein sogar beim Verständnis. Wenn Siegfried, wie vom Waldvogel versprochen, seine Brünnhilde auf bzw. im Felsen gefunden hat, dann verfallen diese beiden immer wieder in jene verzögerten Bewegungen, die auf die Bewegungsform der Figuren in der Götterdämmerung verweisen. Wie sich das am Ende runden wird, muss man sehen.

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Kurzes Liebesglück: Siegfried und Brünnhilde (Foto: Claudia Heysel)

Warum ausgerechnet Ulf Paulsen seinen Wanderer etwas läppisch vertänzeln muss, wird nicht ganz klar. Zudem muss der charismatische Darsteller vokal alle Kraftreserven für den Wanderer aufbieten.  Als Siegfried-Darsteller hat Peter Svenssons die verordnete Körpersprache der Computerkids von heute geradezu verinnerlicht. Leider überzeugt er vokal nicht in gleichem Maße. Gegen Ende hat er erhebliche Konditionsprobleme, doch schon am Anfang macht sich eine (nicht angesagte) gesundheitliche Indisposition bemerkbar.

Ansonsten freilich herrschte in Dessau vokal eitel Freude. Als Brünnhilde ist Iordanka Delirova in jeder Hinsicht vorzüglich. Eloquenz und der große Ton verbinden sich bei ihr aufs Beste. Albrecht Kludszuweit ist ein darstellerisch und stimmlich exzellenter Mime. Eine regelrechte Entdeckung ist Stefan Adam als fulminanter Alberich, und Angelina Ruzzafante steuert einen zart zwitschernder Waldvogel zu einem überzeugenden Ensemble bei. Als sicheres Fundament für diesen Siegfried musiziert die Anhaltische Philharmonie unter Leitung ihres GMD Antony Hermus nicht nur mit feinem Gespür für die Sänger und ihren verständlichen Gesang. Hermus hält dabei auch mit Überblick die großen Bögen und arbeitet präzise an den Leitmotiven.


FAZIT

Die Fortsetzung des Dessauer Ring-Projektes ist vielversprechend. Die Ästhetik des Siegfried verweist auf die Götterdämmerung. Am Ende des Siegfried bewegen sich Brünnhilde und Siegfried schon erkennbar so wie im letzten Teil der Tetralogie. Neben seiner originellen Szene überzeugt - alles in allem - auch die musikalische Qualtät.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Antony Hermus

Inszenierung
André Bücker

Bühne
Jan Steigert

Kostüme
Suse Tobisch

Video
Frank Vetter
Michael Ott

Dramaturgie
Felix Losert  
Sophie Walz



Anhaltische Philharmonie


Solisten

Siegfried
Peter Svensson

Mime
Albrecht Kludszuweit

Der Wanderer
Ulf Paulsen

Alberich
Stefan Adam

Fafner
Dirk Aleschus

Erda
Rita Kapfhammer

Brünnhilde
Iordanka Derilova

Stimme des Waldvogels
Angelina Ruzzafante


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Anhaltischen Theater Dessau
(Homepage)




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