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Musiktheater
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Orlando
Opera seria in drei Akten
Unbekannter Librettist nach dem Epos Orlando furioso von Ludovico Ariosto
Musik von Georg Friedrich Händel


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 10' (eine Pause)

Premiere an der Sächsischen Staatsoper Dresden am 27. Januar 2013


Homepage

Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)
Hin und Her in der Beziehungskiste

Von Roberto Becker / Fotos von Matthias Creutziger

In der Semperoper wirkt es auch heute noch seltsam, wenn bei einer Premiere auffällig viele Plätze frei bleiben. Als Christian Thielemann seinen ersten Rosenkavalier hier dirigierte, da war die Nobelhütte natürlich voll. Die Dresdner wissen schon, wenn sie Exquisites vorgesetzt bekommen. Die verstorbene Intendantin Ulrike Hessler verfolgte eine Absicht mit der bewussten Öffnung des Repertoires. Die sollte nicht nur von den Hausgöttern Richard Wagner und Richard Strauss in Richtung Gegenwart (etwa bis zum Henze-Schwerpunkt, dessen Prunkstück We come to the river - unsere Rezension - der Moderne-Senior kurz vor seinem Tod in Dresden noch miterlebt hat) gehen, sondern auch in die andere Richtung der Zeitschiene, zu Monteverdi und zur mittlerweile sicheren Bank Georg Friedrich Händel. Was an der Elbe immer noch eine Art Weiterbildungsprogramm ist.

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Der Spielführer hält sich im Hintergrund, während bei den anderen die Gefühle toben. Georg Zeppenfeld (Zoroastro), Barbara Senator (Dorinda), Ensemble

Musikalisch muss sich ein Spitzen-Orchester wie die Sächsische Staatskapelle Dresden natürlich auch anderen Größen als nur seinen Hausgöttern widmen. Auch, dass Barockopern heutzutage nur noch mit historischen Instrumenten gespielt werden müssen, wäre dogmatisch. Die Komische Oper etwa hat mit Stefan Herheims Xerxes-Show gerade einen konventionell geblasenen und gefidelten Knüller gelandet. Und in München schaffte es einer wie Ivor Bolton allemal, das Orchester beinahe so klingen zu lassen, als wäre es historisch nachgerüstet. Beim jüngsten Orlando in Dresden gelang das nicht. Vielleicht wollte es der Brite Jonathan Darlington auch gar nicht. Doch die Differenz, die seine auf puren Schönklang getrimmter Arien-Begleitung zu einem lossprudelnden, manchmal knarzenden, aber immer höchst sinnlichen Originalklang offenbarte, fiel diesmal besonders ins Gewicht, weil die Szene nicht dagegenhielt.

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Jeder leidet vor sich hin: Barbara Senator (Dorinda), Christa Mayer (Orlando), Ensemble

Das Beste daran war das Bühnenbild von Harald Thor. Wenn zu Händels Zeiten sein Orlando als eine von vielen Varianten des damals geläufigen Epos des Ludovico Ariosto vom „Rasenden Roland“ über die Bühne ging, kann man ihn heute kaum anders als ein Beziehungskammerspiel interpretieren. Der Held Orlando liebt Angelica, die aber ihrerseits Medoro liebt (und am Ende auch kriegt). Dorinda wiederum liebt diesen Medoro und geht bei dieser Beziehungsarithmetik leer aus. Zoroastro schließlich spielt als Magier ein bisschen Schicksal, damit irgendwann der Großmut des Helden siegen kann. Orlando schwankt nämlich nicht nur ständig zwischen gefühlskrank und wütend, sondern verfällt vorübergehend sogar mal dem Wahnsinn. So ist also der großzügige, vollständig aus Holz gefertigte, mitten in einem sorgfältig gemalten Wald platzierte Salon eine Raum gewordene Beziehungskiste. Doch in dem eher elegischen Hin- und Her fällt der Wahnsinn gar nicht so sehr auf.

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Alle auf der großen Reise und das geht ohne Koffer nicht Auf dem Foto:Georg Zeppenfeld (Zoroastro), Gala El Hadidi (Medoro), Carolina Ullrich (Angelica), Barbara Senator (Dorinda)

Was sich dagegen optisch deutlich in den Vordergrund drängt, sind die Tänzer, mit denen sich Regisseur Andreas Kriegenburg und seine Choreografin Zenta Haerter den szenischen Tücken der Da-Capo-Arien entziehen wollen. Manchmal gelingt das auch mit den choreographierten Ausbrüchen, die zeigen, was an Gefühlen gemeint ist. Alsbald verselbstständigt sich aber die Tanztheater–Ebene und überlagert mit ihrem eigenen Ehrgeiz das recht verhaltene Spiel und den ordentlichen, aber nicht wirklich beglückende Gesang der Protagonisten.

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Die Bühne als Beziehungskiste: Ensemble, Barbara Senator (Dorinda), Gala El Hadidi (Medoro), Carolina Ullrich (Angelica)

Werden koloraturgespickte Partien mit bewährten Wagnersängern wie etwa Christa Mayer (als Orlando) oder Georg Zeppenfeld (Zoroastro) besetzt, dann hat man einen Spitzenplatz in der Händelrezeption nicht mal im Visier. Auch bei Carolina Ullrichs Angelica und Barbara Senator Dorinda verhielt sich das nicht anders. Die junge Gala El Hadidi (Medoro) kann sich wohl noch entscheiden, in welche Richtung sie sich als Sängerin entwickeln will. Barock ist eine Option. So wurde am Ende die neuerliche Händelannäherung in Dresden zu einer Geduldsprobe. Zumindest für die Händelfans, die sich gelegentlich andernorts vom Charisma eines historischen Originalklang- Orchesters gefangen nehmen lassen. 


FAZIT

Dass man versucht, das Repertoire der Semperoper in Richtung Barockmusik zu erweitern, ist ein ehrenwertes Anliegen. Allerdings zeigte sich dabei auch das Problem, dass selbst ein Haus wie das in Dresden vokal und beim Orchester hinter dem Standard zurückbleibt, den spezialisierte Ensembles hier vorgeben.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jonathan Darlington  

Inszenierung
Andreas Kriegenburg

Bühne
Harald Thor

Kostüme
Andrea Schraad

Licht
Stefan Bolliger

Choreographie
Zenta Haerter 

Dramaturgie
Valeska Stern



Tänzerinnen und Tänzer der Komparserie
der Sächsischen Staatsoper Dresden

Sächsische Staatskapelle
Dresden


Solisten

Orlando
Christa Mayer

Angelica
Carolina Ullrich 

Medoro
Gala El Hadidi   

Dorinda
Barbara Senator  

Zoroastro
Georg Zeppenfeld



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)



Da capo al Fine

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