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Manon Lescaut

Dramma lirico in vier Akten
Text von R. Leoncavallo, M. Praga, D. Oliva, L. Illica, G. Giacosa, G. Ricordi, G. Adami und G. Puccini
nach der Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut des Abbé Prevost

Musik von Giacomo Puccini


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (eine Pause)

Koproduktion mit dem Opernhaus Graz
Premiere an der Sächsischen Staatsoper Dresden am 2. März 2013


Homepage

Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)
Italienisch für Fortgeschrittene  

Von Joachim Lange / Fotos von Matthias Creutziger

Eigentlich sprachen zwei besonders gute Gründe für diese Manon Lescaut. Da ist zunächst der als Wagner- und Strauss-Dirigent ausgewiesene (und auch etwas darauf festgelegte) Christian Thielemann. Man war gespannt, wie er als nunmehr ordnungsgemäß installierter Chef der Sächsischen Staatskapelle (und derzeit nolens volens auch eigentlicher Chef der Semperoper) mit seinem ersten Puccini in Dresden ankommen würde. Hinzu kommt der Regisseur Stefan Herheim. Der norwegische Bilder-Zauberer mit der unbändigen Fantasie und dem Drang auch die Geschichten hinter der Geschichte zu erzählen, brachte, nach der Brüsseler Rusalka und der Kopenhagener Lulu, jetzt mit der Grazer Manon Lescaut das dritte Mal eine seiner Inszenierungen nach Dresden. Die verstorbene Intendantin Ulrike Hessler war auf damit auf gutem Wege, Herheim eng an das Haus zu binden und die musikalische Opulenz, die es sowieso bietet, mit szenischer Opulenz zu verbinden. Ob sich diese Absicht so umsetzen lässt, ist fraglich. Herheim gab im Vorfeld der Premiere in einer Lokalzeitung ein Interview, das daran Zweifel aufkommen lässt. Wenn er da sinngemäß von einem drohenden Übergewicht der Staatskapelle sprach, dann deutet das nicht auf ein besonders herzliches Verhältnis zum Orchesterchef hin. Zudem er auch die Zusammenarbeit bei der aktuellen Produktion als eher virtuell bezeichnete. Das sind schon Sätze, die man nicht sagt, wenn der Masterplan für eine langfristigen Zusammenarbeit in der Schublade liegt.

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Madonna oder Miss Liberty? Manon vor dem Modell

Aber wie dem auch sei: Bei dieser Manon Lescaut war das Publikum willig und die beiden Matadore durchaus ganz bei sich. Was den Vorteil hatte, dass jeder seine Ambitionen umsetzte und den Nachteil, dass es jeder für sich tat und tatsächlich nicht so recht auf den anderen einging. So funkte es denn nur auf der Bühne. Und das eher als Baustellen- oder Werkstattunfall denn als echter Knaller.

Gerade bei Puccini darf, ja muss sich auch Mitfühlen, Ergriffenheit, ja Rührung einstellen, so leidenschaftlich wie da jenseits aller Alltagsvernunft geliebt und gelitten wird. Wohl aus Sorge, zu sehr in die Nähe von Jules Massenets ein paar Jahre vorher uraufgeführter Manon-Version zu geraten, beschäftigte Puccini mehr als ein halbes Dutzend Librettisten (darunter so prominente wie Ruggero Leoncavallo). Was man auch merkt. Gleichwohl wurde Manon Lescaut nach der Turiner Uraufführung am 1. Februar 1893 zum internationalen Durchbruch für Puccini.

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Manon auf der Suche nach sich selbst und nach einer vergangenen Zeit

Stefan Herheim und sein Leib- und Magen-Stammteam (Heike Scheele für die raumgreifende Großmetaphorik der Bühne, Gesine Völlm für die Kostümopulenz vom Rokoko bis Puccini-Melone und Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach für den doppelten und dreifachen Boden der Deutungsebene) trauen der alten, erotisch aufgeladenen Roman-Vorlage des Abbé Prévost von 1731 nicht. Sie überhöhen ihre Manon zu einem Symbol der Freiheit, befördern den jungendlichen Liebhaber Renato Des Grieux zum Schöpfer der Freiheitsstatue und kombinieren das Ganze mit Puccinis eigenem Ringen um das Werk und seine Figuren.

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Das Datum der Unabhängigkeitserklärung und die Hintertür - große Metaphorik in Herheims Inszenierung

Ein Modell, schon fertige Teile der Miss Liberty, riesige Gerüstkonstruktionen und ein paar Vorhänge machen die Bühne zur somit im doppelten Wortsinn zu einer Baustelle bzw. Werkstatt. Mit einem XL-Lotterbett hinter der schon fertigen Stirn der Statue. Ein rauchendes alter ego Puccinis mit Melone geistert zunehmend aufgeregt durch seine Schöpfung, während die Protagonisten, der Handlungsfaden und die Emotionen im Wechsel der Bedeutungsebenen immer mehr verloren gehen. Dabei werden die Operngesten, die Puccini hier seinen Figuren verordnet, das vorgeführte Verfertigen der großen Leidenschaft, immer mehr zur bloßen Parodie und schaffen eine Distanz, bei der das Mitfühlen mit dem Schicksal der Figuren völlig auf der Strecke bleibt.

Besonders bei Thiago Arancams Des Grieux nervt die ausgestellte Operngeste mit der rechten Hand schnell. Diese auf dem Rücken festgebunden und die enge Mittellage befreit – das wäre die rechte Kombination. Aber von einer nachvollziehbaren Leidenschaft stellt sich eh nichts ein. Denn auch Norma Fantini vermag sich, weder stimmlich noch darstellerisch, aus dem Korsett ihrer vorgeführten affektierten, reifen Diva zu befreien. Eine derartige Fehlbesetzung ist für ein Haus wie Dresden und eine so wichtige Premiere schon bedenklich.

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Hinten der Strahlenkranz von Miss Liberty (man könnte denken, sie gehe unter)

Die von Stefan Herheim so bezeichnete eher virtuelle Zusammenarbeit mit dem Dirigenten meint man auch zu hören. Denn so Recht wollten Graben und Bühne diesmal einfach nicht zueinander finden. Während Thielemann volle Orchesterfahrt aufnimmt und auch vieles faszinierend gelingt, vergeht dem Personal auf der Bühnenbaustelle mitunter Hören und Sehen. Wo 1893 bei der Uraufführung noch Jules Massenets ein paar Jahre vorher herausgekommene Manon nach- und die eigene Auseinandersetzung mit Wagner durchgeklungen haben mag, da hört man heute eben auch die Patenschaft dieser Musik für einen ziemlich breiten cineastischen Sound mit. Während oben die Sterne verhalten flackern, tobt im Graben schon mal der Krieg der Sterne. Da scheint sich Christian Thielemann besonders wohl zu fühlen. Zum Applaus gab es diesmal jede Menge Buhs. Für den darstellerisch und stimmlich heillos überforderten Thiago Arancam. Und, anders als in Graz, auch für Stefan Herheim. Die Dresdner schlugen sich auf die Seite Thielemanns, der ja eigentlich auch vom Gesamtkunstwerk etwas versteht. Das wird man dann wohl wieder zu Ostern erleben, bei seinem Parsifal. Erst in Salzburg und dann damit auch irgendwann  in Dresden.


FAZIT

Christian Thielemann und Stefan Herheim flirten mit Puccini – so richtig landen sie aber diesmal beide nicht.    


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christian Thielemann 

Inszenierung
Stefan Herheim 

Bühne
Heike Scheele 

Kostüme
Gesine Völlm 

Licht
Fabio Antoci 

Chor
Pablo Assante

Dramaturgie
Alexander Meier-Dörzenbach



Sächsischer Staatsopernchor Dresden

Sächsische Staatskapelle Dresden


Solisten

Manon Lescaut
Norma Fantini 

Lescaut
Christoph Pohl 

Renato Des Grieux
Thiago Arancam 

Geronte di Ravoir
Maurizio Muraro 

Edmondo
Giorgio Berrugi 

Wirt
Scott Conner 

Ein Musiker
Christel Lötzsch 

Puccini (stumme Rolle)
Mathias Kopetzki 

Madrigalistinnen
Monika Harnisch
Fumiko Hatayama
Barbara Leo
Beate Siebert



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)



Da capo al Fine

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