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Musiktheater
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b.13

Concerto Barocco

Ballett von George Balanchine (1941) © The George Balanchine Trust
Musik von J. S. Bach (Konzert für zwei Violinen und Orchester d-Moll BWV 1043)

Kleines Requiem

Ballett von Hans van Manen
Musik von Henryk M. Gorecki (Requiem für eine Polka op. 66 für Klavier und 13 Instrumente)

Ungarische Tänze

Ballett von Martin Schläpfer
Musik von Johannes Brahms (Ungarische Tänze WoO1, Orchesterfassungen von J. Brahms, A. Dvorak, I. Fischer und A. Pawlow)
- Uraufführung -

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (zwei Pausen)

Premiere am 10. November 2012 im Opernhaus Düsseldorf
(rezensierte Aufführung: 17. November 2012)


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Tanzen Sie nicht aus der Reihe!

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gert Weigelt, Fotos zu Concerto Barocco: © The George Balanchine Trust

Schluss mit Europa? Da stehen die Tänzerinnen und Tänzer des Ballett am Rhein in Reih' und Glied und schwenken mechanisch kleine Papierfähnchen, aber eine Tänzerin fällt aus der Formation, weil sie statt der ungarischen die blaugelbe europäische Flagge in der Hand hält. Das geht freilich nicht lange gut, der Vortänzer und Aufseher springt herbei und korrigiert umgehend den Fauxpas. Man muss diese kleine Anekdote aus Martin Schläpfers neuem Stück Ungarische Tänze sicher als Anspielung auf die tagesaktuelle politische Situation in dem kleinen Land verstehen, wo gerade eine ehemals liberale Regierungspartei die demokratischen Institutionen aushöhlt und mit einem von Antisemitismus und Antiziganismus begleiteten aggressiven Nationalismus die eigene Macht zu sichern versucht. Es gibt noch mehr solcher Szenen; da tanzt ein Bauernpaar und sieht sich plötzlich von einer Gruppe brutalen Schlägern bedroht – und nach dem plötzlichen Lichtwechsel trägt man die Leichen der beiden weg. Das vermeintliche Csárdás-Idyll ist in Wirklichkeit keines, sagen diese Bilder.


Vergrößerung Ungarische Tänze: Die zweite Dame von rechts irrt - in Ungarn hat man derzeit die nationale Flagge zu hissen und nicht die europäische. (Foto © Gert Weigelt)

Die beiden Hefte der Ungarischen Tänze, die Johannes Brahms zwischen 1859 und 1869 für Klavier zu vier Händen fast durchweg unter Verwendung von Volksmusik komponiert, spiegelten natürlich schon zur Entstehungszeit mehr die romantische Ungarnsehnsucht der Wiener Salons wider als die harte Realität in rückständigen, um den wirtschaftlichen wie kulturellen Anschluss ringenden Provinz des Habsburgerreiches wider. Und doch ist das große, auch authentische Musik. Martin Schläpfers Choreographie bewegt sich virtuos in diesem Spannungsfeld, räumt dem Tanz sogar eine Reihe von folkloristischen Momenten ein (ohne dass auch nur für eine Sekunde der Boden des modernen Tanztheaters verlassen wird). Schläpfer nimmt die Komposition als „echte“ Tanzmusik ernst, was aber jederzeit reflektiert wird – durch die oben beschriebenen kleinen Handlungsmomente, aber auch durch die Art und Weise, wie volkstümliche Elemente ganz natürlich in Bewegungsabläufe und Körpersprache integriert und sofort relativiert werden. Natürlich ist dabei kein vordergründiges Politstück herausgekommen, sondern eine ungeheuer vitale, oft ironische und bei aller Vielschichtigkeit sehr unterhaltsame Choreographie für großes Ensemble, vom Düsseldorfer Publikum bejubelt.


Vergrößerung

Ungarische Tänze (Foto © Gert Weigelt)

Eigentlich sollte dieser 13. Ballettabend b.13 der Ära Schläpfer einer ganz ohne eine eigene Arbeit des Hausherren werden, doch der als Gastchoreograph eingeladene Marco Goecke musste wegen einer schweren Erkrankung seine Arbeit an einem neuen Stück abbrechen. Schläpfer sprang ein und entwickelte die Ungarischen Tänze, die er Hans van Manen widmete, auf den er sich zwischendurch explizit bezieht – wie sich überhaupt eine Fülle von Anspielungen auf die Tanzgeschichte durch das etwa einstündige Werk zieht. Schläpfer verarbeitet oft sehr witzig das klassisch-akademische Tanzvokabular. Da gibt es eine hinreißende Szene, in der eine Tänzerin gar nicht anders kann als auf Spitze zu tanzen, als sei sie geradezu verdammt dazu. Von solchen Umdeutungen lebt das Stück, in dem die Tänzerinnen und Tänzer in vielen kleinen Szenen eben auch ihre exquisiten Fähigkeiten vorführen können – auch um die Vielfalt der tänzerischen Ausdrucksformen geht es hier. Die Collagentechnik, die der Abfolge der ausgewählten 15 (von insgesamt 21) Tänzen folgt und bewusst gar keine kontinuierliche Entwicklung anstrebt, wird noch dadurch unterstrichen, dass Schläpfer sehr unterschiedliche Instrumentierungen wählt – neben den romantisch großformatigen von Brahms selbst (der nur drei der Tänze für Orchester arrangierte) oder Antonin Dvorak etwa die sehr ungewöhnlichen Bearbeitungen von Iván Fischer mit irritierender Verwendung von Instrumenten der Volksmusik. Die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Christoph Altstaedt musizieren mit überbordender Spielfreude, und auch wenn in manchem Detail die Konturen verwischen, ist das eine sehr gelungene musikalische Umsetzung.


Vergrößerung Kleines Requiem: Vorübergehende Zweierbeziehung (Julie Thirault, Helge Freiberg); Foto © Gert Weigelt

Vorangestellt sind zwei famose Werke des Repertoires: Am Beginn steht George Balanchines Concerto Barocco (zu J.S. Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen und Orchester) aus dem Jahr 1941. Formal streng folgt Balanchine sehr genau der Musik, ordnet den beiden Soloviolinen zwei Tänzerinnen zu, deren Auftritte punktgenau den Einsätzen der Instrumente folgen (aber keineswegs die Imitationstechnik der Komposition übernehmen, sondern jeweils eigenes Gewicht entfalten). Da umkreisen sich zwei Diven (So-Yeon Kim, Ann-Kathrin Adam) vor dem Tutti aus acht Tänzerinnen, und nur im langsamen Satz kommt ein Mann (Andriy Boyetskyy) hinzu. Gleichzeitig ist das ironisch umweht vom Geist des Revuetanzes, was die klassischen Grundelemente der Choreographie sofort infrage stellt. Musikalisch übernehmen Franziska Früh und Egor Grechishnikov, 1. und 2. Konzertmeister der Düsseldorfer Symphoniker, sehr achtbar die Solopartien in diesem von Dirigent Altstaedt etwas breit genommenen Konzert.


Vergrößerung

Concerto Barocco: So schön kann ein "Largo, ma non tanto" aussehen (© The George Balanchine Trust: So-Yeon Kim, Ann-Kathrin Adam, Anna Tsybina, Doris Becker, Christine Jaroszewski, Andriy Boyetskyy; Foto © Gert Weigelt)

Den Mittelteil bildet Hans van Manens Kleines Requiem, 1996 am Nederlands Dans Theater I uraufgeführt. Musikalische Grundlage sind drei Sätze aus dem Kleinen Requiem für eine Polka des polnischen Komponisten Henryk Gorecki (der zweite Satz ist gestrichen). Van Manen betont die Bewegung quer über die Bühne, lässt die Tänzer immer wieder von links nach rechts und umgekehrt laufen – Ausstatter Keso Dekker unterstreicht das genial, indem er die seitlichen Gassen mit Zellophanvorhängen verlängert und damit erst so richtig sichtbar macht. In dieser Bewegung begegnet sich ein Paar, findet zusammen, bis einer der Partner von einem anderen abgelöst wird – auf diese Weise ergeben sich sechs Pas de deux. Das sind kurze (aber sehr prägnante) Augenblicke des Begegnens und wieder Verlierens, wobei einer der Männer auf Distanz bleibt. Im stark kontrastierenden Mittelteil entwickelt sich eine ziemlich schräge und derbe Polka (wobei der Titel doppeldeutig ist: Im Polnischen ist eine „Polka“ auch eine polnische Frau) mit gegenläufigen Bewegungen, unter denen sich die drei Tänzerinnen und vier Tänzer skurril verdrehen. Im Zentrum des Schlussteils steht ein Pas de deux unter Männern, der Sequenzen aus den vorangegangenen Pas de deux aufgreift, diese in einer Mischung (homo-)erotischen Spannung und latenter Gewalt konzentriert (Schläpfer greift das in den Ungarischen Tänzen später auf, umrahmt von einer Gruppe im Geiste Balanchines – eine sehr greifbare Verbindungslinie zwischen den drei Stücken dieses Abends). In der etwa 20-minütigen Choreographie van Manens wirkt auch nicht die kleinste Bewegung überflüssig: Ein ungemein spannender Beziehungsreigen.


FAZIT

Gerade hat Martin Schläpfer den Theaterpreis FAUST (für Ein deutsches Requiem) erhalten, da präsentiert er wieder einen grandiosen, klar und schlüssig konzipierten Ballettabend, nicht nur wegen Brahms' populärer Ungarischer Tänze noch dazu sehr publikumswirksam.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christoph Altstaedt

Violine
Franziska Früh
Egor Grechishnikov

Die Düsseldorfer Symphoniker

Concerto Barocco

Choreographie
George Balanchine
© The George Balanchine Trust

Einstudierung
Patricia Neary

Licht
Thomas Diek

Tänzerinnen und Tänzer

Soli
So-Yeon Kim
Ann-Kathrin Adam
Andriy Boyetskyy

Tänzerinnen
Doris Becker
Wun Sze Chan
Mariana Dias
Cristina Garcia Fonseca
Christine Jaroszewski
Nicole Morel
Virginia Segarra Vidal
Anna Tsybina

Kleines Requiem

Choreographie
Hans van Manen

Einstudierung
Mea Venema

Bühne und Kostüme
Keso Dekker

Licht
Joop Caboort


Tänzerinnen und Tänzer

Maksat Sydykov 
Julie Thirault 
Helge Freiberg 
Alexandre Simões 
Feline van Dijken 
Remus Sucheana 
Marlúcia do Amaral 

Ungarische Tänze

Choreographie
Martin Schläpfer

Kostüme
Sabine Schnetz

Licht
Thomas Diek


Tänzerinnen und Tänzer

Sachika Abe
Ann-Kathrin Adam
Marlúcia do Amaral
Camille Andriot
Doris Becker
Wun Sze Chan
Mariana Dias
Yuko Kato
So-Yeon Kim
Anne Marchand
Nicole Morel
Carly Morgan
Louisa Rachedi
Virginia Segarra Vidal
Julie Thirault
Christian Bloßfeld
Andriy Boyetskyy
Paul Calderone
Martin Chaix
Philip Handschin
Antoine Jully
Marquet K. Lee
Sonny Locsin
Marcos Menha
Bruno Narnhammer
Bogdan Nicula
Chidozie Nzerem
Sascha Pieper
Boris Randzio
Martin Schirbel
Alexandre Simões
Remus Sucheana
Pontus Sundset



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



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