Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum



Das Liebesverbot oder
Die Novize von Palermo


Komische Oper in zwei Akten
Text und Musik von Richard Wagner

in deutscher Sprache (keine Übertitel)

Aufführungsdauer: ca. 4h (eine Pause)
Koproduktion der Bayreuther Festspiele BF Medien und der Oper Leipzig

Premiere am 8. Juli 2013 in der Oberfrankenhalle Bayreuth


Theater-Logo

Wagnerjahr 2013
(Homepage)



Theater-Logo

Oper Leipzig
(Homepage)

Das Heitere ernst genommen

Von Roberto Becker / Fotos: Bayreuther Festspiele

In Sachen Liebesverbot hat sich nicht nur Richard Wagner geniert. Wobei diese Jugendsünde wenigstens zeitnah zu seiner Vollendung auf die Bühne kam und auf ein Talent aufmerksam machte. Die Feen, die dem künftigen Genie wahrscheinlich noch näher kommen, zumindest seiner Vorliebe für Märchen, Mythen und ausgefallene Namen frönen, haben es ja nur zu posthumen Aufführungsehren gebracht. Sucht man in den Theaterspielplänen nach Aufführungen des Liebesverbotes, dann drängt sich der Eindruck auf, dass sich auch die Nachwelt des Meisters für den Wurf des Zweiundzwanzigjährigen geniert und es ihr lieber gewesen wäre, wenn das Material abhanden gekommen wäre.

Szenenfoto Claudio (David Danholt)

Claus Guths Münchner Inszenierung oder ein jüngerer Versuch, bei dem Ansgar Haag in Meiningen Wagners Buffa mit einer Inszenierung der Shakespeare Vorlage Maß für Maß aus einer Hand und in einem Bühnenbild als Doppelevent kombinierte, gehören zu den Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Vielleicht gehört es zu den künstlerischen Erträgen des langsam heiß laufenden, sprich: auf den neuen Bayreuther Ring zusteuernden Wagnerjahres, dass man diesem Werk künftig mit mehr Sympathie entgegentritt. Und zwar so, wie es Constantin Trinks am Pult des Gewandhausorchesters und vor allem Aron Stiehl und sein Team mit ihrer Inszenierung getan haben. Sie war jetzt der Höhepunkt der kleinen Vorfestspiele, die Katharina Wagners BF-Medien GmbH in Koproduktion mit der Oper Leipzig in der Oberfrankenhalle mit den drei Frühwerken Wagners veranstaltet haben, die aus dem Kanon der fürs Festspielhaus zugelassenen zehn Werke verbannt sind. Und wohl auch weiterhin verbannt bleiben dürften (und sollten).

Aron Stiehl, der bislang vor allem mit seinem Zugriff auf eher komische Stoffe Furore machte, es aber auch sonst zumindest zu streitbaren szenischen Lösungen und eindrucksvollen Bildern gebracht hat, hat das Liebesverbot nicht als Vorläuferwerk überfrachtet, dem man auf Teufel komm raus (bzw. Genie geh rein) anhören und ansehen müsse, dass hier der Schöpfer des Parsifal oder der Schmied des Nibelungen-Ringes am Werke ist. Er nimmt es als eine an den Italienern vor Verdi geschulte Variante von gut gemachter Opernunterhaltung, über die man sich auch heute noch so amüsieren kann, wie eben über die Rossini- oder Donizetti-Originale. Wenn die gut gemacht sind. 

Szenenfoto

Mariana (Anna Schoeck, li.) und Isabella (Christiane Libor)

Und sie haben es in der Oberfrankenhalle (man muss eigentlich sagen: Trotz Oberfrankenhalle) erstaunlich gut gemacht. Das fängt schon mit der so intelligenten wir opulenten Bühne an, mit der Bühnenbildner Jürgen Kirner die begrenzten Möglichkeiten der Aufführungshalle so nutzt, als hätte er sie sich ausgesucht. Da ist zunächst der wunderbare Wald, der genau für die pure Sinnlichkeit steht, die in der Opernversion der deutsche Statthalter Friedrich seinen Sizilianern austreiben will. Diesem Völkchen nicht nur sein Karnevalsvergnügen, sondern auch noch die Liebesfreuden außerhalb des katholischen Ehedogmas zu verbieten, ist an sich schon ein Witz. Allerdings vergeht zumindest jenem Claudio, der wegen (seiner ernst gemeinten) Liebschaft in der Todeszelle sitzt, das Lachen.

Szenenfoto Brighella (Reinhard Dorn)

Gegen diesen Moralfundamentalismus wird denn auch alles aufgeboten, was sich denken lässt. Als ultima ratio und Geheimwaffe vor allem die Schwester des Delinquenten, bei der man (ja irgendwie zu Recht) darauf hoffen darf, dass ihre Novizinnentracht, dem Gnadengesuch beim Statthalter einen gewissen Nachdruck auf dessen eigenem Spielfeld verleiht. Der Ort ihrer Lebens(zu-)flucht, das Kloster, wird im Handumdrehen durch aufgeschlagene Stellwände imaginiert, deren nüchterne Kargheit durch ein aufscheinendes Lichtkreuz noch verstärkt wird. Doch der Statthalter, der wiederum in eigener Umgebung einer Machtzentrale mit Schreibtisch in der Mitte und Bürowänden aus lauter bürokratisch durchnummerierten Vorgangskästen in strengem hochgeknöpfte Gehrock residiert, blickt tiefer. Soll heißen: er sieht die Frau hinter der sakralen Verkleidung verlangt als Gipfel der Verworfenheit Sex mit der Schwester als Gegenleistung für eine Begnadigung des Bruders! Was natürlich eine Steilvorlage für diverse komödiantische Freundesdienste und Intrigen ist. Diese Schwester Isabella hat es nämlich auch faustdick hinter den Ohren. Und einen Trumpf in der Intrigenoffensive gegen den obersten Ganoven. Ihre Mitschwester Mariana (glänzend in der kleinen Rolle: Anna Schoeck) ist nämlich just jene Ehefrau, die Friedrich einst schnöde sitzen ließ. Jetzt wird sie ihm bei dem Rendezvous untergejubelt, das Isabella mit ihm vereinbart hat.

Szenenfoto

Friedrich (Tomas Pursio)

Aber auch ihrem Bruderherz verpasst die beherzte Schwester metaphorisch ein paar hinter die Löffel, weil der nichts dabei fände, wenn sich seine Schwester für ihn auch körperlich engagieren würde. Dass sie die Sache im Bunde mit Claudios Freunden im Griff hat und er ungeschoren seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann, ja sogar die alte, lebensfrohe Ordnung der Liebes- und Karnevalsdinge kurz vor der Ankunft des Königs wiederhergestellt wird, erfährt er als Letzter. Ein bisschen Erziehung durch Verschweigen muss schon sein. 

Tuomas Pursio gibt den stocksteifen Statthalter Friedrich mit einer Portion Selbstironie inmitten eines fantastisch bunten und wunderbar leicht durchchoreographierten, auf Hallodrie aller Art versessenen Volkes, das von einer von Sven Bindseil fantastisch kostümierten Mischung aus barock angehauchten Hippies mit jeder Menge Travestie und Zucker für den Komödiantenaffen profitiert. Da bedarf es schon der Übersicht und Präzision von Constantin Trinks, damit dieses durchdachte, bunte Durcheinander nicht ins musikalische Chaos abkippt. Aber Trinks und Stiehl nehmen das Ganz als ein Buffa-Unikum. Einmal ruft die Isabella der wunderbar und mit Witz auftrumpfenden Christiane Libor „Operette“ an passender Stelle zur allgemeinen Gaudi in den Saal.

Dabei läuft auch das übrige Leipziger Ensemble zur Hochform auf: Ob nun Bernhard Bechterhold als vielbeschäftigter Schlitzohr-Tenor Luzio, ob Jürgen Kurth als Angelo oder Martin Petzold als bestechlicher Helfershelfer Pontio Pilato, Dan Karlström als Kleintarzan Antonio oder  David Danholt als langhaariger Delinquent Claudio. Es macht einfach Spaß, ihnen allen zuzusehen und zuzuhören bei diesem Wagnervergnügen der besonderen Art. Von dem bald auch das Leipziger Opernpublikum etwas haben wird.


FAZIT

Weil Aron Stiehl Das Liebesverbot als Buffa und Komödie ernst nimmt, kommt seine witzige und quicklebendige Bayreuther Inszenierung einer Rehabilitierung dieses Jugendwerkes von Wagner gleich. 


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Constantin Trinks

Inszenierung
Aron Stiehl

Bühne
Jürgen Kirner

Kostüme
Sven Bindseil

Komparserie

Chor der Oper Leipzig

Gewandhausorchester Leipzig

Solisten

Brighella
Reinhard Dorn

Pontio Pilato
Martin Petzold

Claudio
David Danholt

Antonio
Dan Karlström

Angelo
Jürgen Kurth

Luzio
Bernhard Berchtold

Danieli
Sejong Chang

Friedrich
Tuomas Pursio

Isabella
Christiane Libor

Mariana
Anna Schoeck

Dorella
Viktorija Kaminskaite



Weitere
Informationen unter

www.wagnerjahr2013.de



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2013 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -