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Manon Lescaut

Dramma lirico in vier Akten
Libretto von Domenico Oliva, Giulio Ricordi, Luigi Illica und Marco Praga
nach der L'histoire du chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut von Antoine Francois Prévost
Musik von Giacomo Puccini

In italienischer Sprache mit flämischen und französischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (keine Pause)

Koproduktion mit dem Teatr Wielki Warschau
(Premiere in Warschau am 23. Oktober 2012)
Premiere im Theater La Monnaie, Brüssel am 24. Januar 2013
(Rezensierte Aufführung: 1. Februar 2013)


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La Monnaie
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Des Grieux erträumt sich Manon Lescaut

Von Thomas Tillmann / Fotos © Karl Forster


Protagonist in Mariusz Trelinskis Version von Manon Lescaut ist, wie bei Prévost angelegt, der junge Des Grieux. Manon ist dagegen nicht viel mehr als die Projektion der Wünsche dieses Mannes, der zu den Opfern einer sexualisierten, nach der Arbeit zu unbegrenztem Sich-Amüsieren verpflichteter Business-Gesellschaft gehört, in der barbusige Frauen in Schwarz von Golf spielenden Männern vorgeführt, gedemütigt und misshandelt werden (na ja, ein bisschen plakativ ist das natürlich schon), und der immer mehr dieser nicht realen, ihn vergiftenden Liebe verfällt, von der wir nicht wissen, ob sie eine sentimental-nostalgische Erinnerung ist oder sich erst später ereignen wird, die Zeitebenen gehen da durcheinander: Die digitale Uhr jedenfalls, die hoch oben auf der Bühne prominent installiert ist, gerät jedes Mal außer Kontrolle, wenn Des Grieux und Manon aufeinander treffen. Die Vorstellung exakt 120 Jahren nach der Uraufführung geriet wohl auch für Brandon Jovanovich zum Alptraum, der als Des Grieux sehr engagiert, nuancenreich und gut artikulierend begann, aber schon nach wenigen Minuten schweißgebadet war und stimmlich vor allem in der Höhe sehr abbaute, so dass ihn die Intendanz nach der Pause zurecht wegen Krankheit entschuldigte.

Vergrößerung in neuem Fenster Des Grieux (Brandon Jovanovich, links erschafft in seinen Träumen Manon Lescaut (Eva-Maria Westbroek; im Hintergrund: Aris Argiris als Manons Bruder und Zuhälter Lescaut und Guillaume Antoine als Oste).
(Foto: © Karl Forster)

Zu Beginn des Abends treffen wir den Chevalier in einer kühl-eleganten Bahnhofshalle (Bühnenbild: Boris Kudlicka), wie man sie heute allerorts findet, matt-schwarze Wände, links ein Metroplan, rechts ein paar offene Telefonzellen, Neonlicht, Videowände mit lüsternen Frauenaugen und -mund, ein paar Sitzgelegenheiten. Zu Manons Auftritt verändert sich wie von Zauberhand gesteuert die Bühnenmitte, wir befinden uns in einer stylischen Bar namens "Manon", an der Bar sitzt in rotem Trenchcoat, mit blonder Perücke und Sonnenbrille die Namensgeberin, eine Halbweltdame, der man die Aussage, sie sei auf dem Weg ins Kloster, natürlich nicht abnimmt (dass manches vom Libretto nicht ganz zu der gezeigten Situation passt, riskiert der Regisseur, ohne dabei die Geschiche im Großen und Ganzen über Gebühr zu verfremden). Im zweiten Akt räkelt sie sich in schwarzem Negligé auf einem edlen weißen Sofa im eisigen Palast Gerontes, hier als Medienmagnat mit ersten Kontakten in die Unterwelt gezeichnet. Nach Abgang ihres alten, aber nicht blöden, sondern verschlagenen Galans braucht sie erst ein Näschen Kokain, um sich für die Flucht und das Zusammenraffen einiger Wertgegenstände zu motivieren. Und dazu gibt es jede Menge Videos von Bartek Macias mit Skylines, Kamerafahrten durch Großstädte, manchmal auch nur abstrakte Lichtinstallationen - das Auge ist beschäftigt, technisch klappt das alles hervorragend, und es spricht nichts gegen diese moderne Optik. Allerdings verlässt sich Regisseur Mariusz Trelinski, der vom Film kommt und sich, im Programmheft an entsprechenden Fotos nachzuvollziehen, auch von berühmten Filmen zu seiner Inszenierung inspirieren ließ, für mein Empfinden ein bisschen zu sehr auf diese faszinierende Optik, spätestens wenn im 4. Akt wieder der Bahnhof (nunmehr menschenleer und verwüstet) zu sehen ist, hätten mehr interessante Regieeinfälle kommen müssen, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers wach zu halten, da werden die klugen psychoanalytischen Erkenntnisse, die im Programm durchaus überzeugend dargelegt werden, nicht mehr in nachvollziehbare, faszinierende Bilder umgesetzt.

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Des Grieux (Brandon Jovanovich) ist hin und weg von der attraktiven Manon (Eva-Maria Westbroek). (Foto: © Karl Forster)

Eva-Maria Westbroek ist eine kluge Sängerin und widmet sich nicht nur aus Gründen der Stimmhygiene immer wieder auch italienischen Rollen, und ihr üppiger, auch in der Mittellage fülliger, kräftiger Sopran hat natürlich die nötigen Reserven für die großen Ausbrüche der Partie. In der Höhe indes sollte die Stimme nicht noch flackernder werden, mancher Spitzenton wird auch mit einiger Kraftanstrengung erreicht und weist keine geringe Schärfe auf, aber noch ist dieser Sopran ein wirklich aufregender - man hofft, dass die für November/Dezember in Dresden angekündigte Isolde eine gute Entscheidung ist. Allerdings ist die Niederländerin nach wie vor keine allererste Darstellerin und vor allem keine wirklich femme fatale, sie wirkt ein wenig verkleidet in den Outfits von Magdalena Musial, die vermutlich auch für eine Frau mit Modelmaßen entworfen wurden (bitte richtig verstehen, aber Frau Westbroek ist eine stattliche, große Frau, daran ist nichts falsch, aber darauf hätte man beim Kostümentwurf oder deren Anpassung bei der Übernahme nach Brüssel noch besser achten müssen, vor allem das Hemdchen im dritten Akt wäre nicht zwingend notwendig gewesen, auch wenn man ihr noch weniger bekleidete stämmige Statistinnen zur Seite gestellt hat).

Vergrößerung in neuem Fenster Manon Lescaut (Eva-Maria Westbroek) ist der Star in Gerontes Luxuswelt, gemanaged von ihrem Bruder Lescaut (Aris Argiris im Hintergrund links) (Foto: © Karl Forster)

Die Stimme von Aris Argiris ist reifer und schwerer geworden, aber das passt nicht schlecht zu einer Figur wie dem Lescaut, auch wenn der Grieche in seinem Western-Outfit eher nach Jack Rance aussah. Giovanni Furlanetto war ein vielschichtiger, präsenter Geronte. Julien Dran gab mit leichtem, angenehmen Ton und schönem Legato den Edmondo (der für das Saubermachen des Bahnhofs zuständig ist), und auch die kleineren Rollen waren ansprechend besetzt, ebenso wie der Chor sich szenisch wie musikalisch gut einstudiert präsentierte.

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Der letzte Akt: Des Grieux (Brandon Jovanovich) mit diversen Manons Lescaut (eine von ihnen ist Eva-Maria Westbroek). (Foto: © Karl Forster)

Carlo Rizzi leitete stets vorwärtsdrängend und ein Maximum an Emotionen zu Tage fördernd das Symfonieorkest van de Munt (oder eben Orchestre symphonique de la Monnaie). In manchen Passagen hätte man sich aber vielleicht doch etwas mehr Raffinesse und einen weniger reißerischen Impetus gewünscht, und der eine Sänger oder die andere Sängerin hätte sich über eine etwas besser kontrollierte Lautstärke aus dem Graben gefreut.


FAZIT

Eine optisch angenehm moderne Manon Lescaut mit interessanten Regieansätzen, die aber noch konsequenter und einen ganzen Abend lang in packende Bilder hätten umgesetzt werden müssen, und auf gutem, aber nicht sensationellen musikalischen Niveau.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Carlo Rizzi

Inszenierung
Mariusz Trelinski

Bühne
Boris Kudlicka

Kostüme
Magdalena Musial

Licht
Felice Ross

Choreografie
Tomasz Wygoda

Video
Bartek Macias

Dramaturgie
Krystian Lada

Chor
Martino Faggiani



Koor van de Munt/
Choeurs de la Monnaie

Symfonieorkest van de Munt/
Orchestre symphonique
de la Monnaie


Solisten

Manon Lescaut
Eva-Maria Westbroek

Lescaut
Aris Argiris

Il cavaliere
Renato Des Grieux
Brandon Jovanovich

Geronte di Ravoir
Giovanni Furlanetto

Edmondo
Julien Dran

Il maestro di ballo/
Un lampionaio
Alexander Kravets

L'oste/
Un sergente
Guillaume Antoine

Un musico
Camille Merckx

Le Coro del madrigale
Amalia Avilán
Anne-Fleur Inizan
Audrey Kessedjian
Julie Mossay






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