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Le nozze di Figaro (Figaros Hochzeit)

Oper in vier Akten
Text von Lorenzo da Ponte
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart


Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Wiederaufnahme im Theater Bonn am 11. November 2012
(Premiere der Produktion: Januar 2007)

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Theater Bonn
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Kein wirklich toller Figaro-Tag

Von Michael Cramer / Fotos von Lilian Szokody


Ob der scheidende Bonner Intendant Klaus Weise, der wegen starker finanzieller Einschnitte für das Haus zum Saisonende 2013 seinen Hut genommen hat, mit einer Wiederaufnahme zweier eigener Inszenierung in seiner letzten Spielzeit noch einmal punkten kann, darf zumindest bezüglich Le Nozze Di Figaro bezweifelt werden. Während sein Don Giovanni von 2005, seither bereits mehrfach wieder aufgenommen, in der Fachpresse trotz einiger Ungereimtheiten durchweg positiv beurteilt wurde, war die Inszenierung des Figaro weitgehend durchgefallen. Alte Inszenierung immer wieder zu spielen ist natürlich preiswert; es ist zu befürchten, dass dies bei den knapper werdenden Kassen zunehmend Schule machen wird.

Szenenfoto

Zimmer ausmessen mit fraglicher Genauigkeit

Im Figaro ständig neue Facetten entdecken und auf der Bühne darstellen zu wollen, ist trotz der Genialität des Stücks schon ein schwieriges Unterfangen. Zu oft sieht man Zuckerguss, Mozartkugeln, Klamauk, harmloses Lustspiel, so auch in Bonn. Ein spannendes Gegenstück bot in Köln jüngst der junge Regisseur Benjamin Schad in seiner „last minute“-Inszenierung (unsere Rezension), zeitlos, mit karger Bühne, einem am zerfallenden Domizil des Grafen sichtbaren Autoritätsverlust und geschickter Mischung aus Tragödie und Komödie.

In Bonn schwadroniert der Graf deutsch/englisch nach der Pause und vor dem Vorhang, wie „fuckingconfusing“ dieses ganze Spiel doch sei, welches man mit ihm spiele, und das war es auch, zumindest für viele Zuschauer. Martin Kukulies hatte eine offene Bühne geschaffen, mit überlebensgroßen Putten an den Seiten, die später in die Mitte zusammenrücken, um den gräflichen Garten zu symbolisieren, das Ganze vor einem silbrigen Hintergrund-Park. In der Mitte dreht sich ein feudaler Toreingang mit sichtbarer technischer Rückseite während der Ouvertüre zum Publikum, eine Reinigungskraft wischt auf, Volk strömt herein, fein gewandet wie ein Opernpublikum, während Figaro und Susanna anfangs in silbriger Pagen-Montur Champagner servieren. Wieder eine „ Oper in der Oper“? Nein, weiter geht es in buntem Stil-Mix, Rokoko und Minirock, der anfängliche Regieansatz wird nicht aufgegriffen, bis auf die Putzfrau, die zum Schluss die Reste des Verwirrspiels aufwischt. Im zweiten Akt lauscht ein riesiger röhrender Hirsch den Klagen der Gräfin, später ersetzt durch ein imposant verwirrendes, fast surreales Stillleben; über allem ein goldener Fries im Mozartkugel-Design. Hübsch, aber harmlos.

Szenenfoto

Ganz schön gefährlich, diese Bande

Die Handlung plätscherte im Wesentlichen dann auch spannungslos vor sich hin, erkenntnismäßig „quasi so wie immer“; man stand auf der weiten Bühne auch meistens weit auseinander. Von einer intensiven Personenführung, welche die Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen, das erotische Verwirrspiel oder zum Schluss das wiedererlangte Glück erkennbar herausarbeitet, war nicht viel zu spüren. Stattdessen versuchte die Regie mit allerlei Mätzchen Spannung und Action zu erzeugen, ob mit einem totem Reh auf dem Arm des blütenweiß gekleideten Grafen, mit Bauernkindern in brandneuen Schubkarren, einem Akkuschrauber zum Öffnen der berühmten Türe der Gräfin im 2. Akt, alberne Tanz- und Popmusik-Einlagen, Mistgabeln, Gewehre, und Sonnenblumen für die Damen als sozialkritische Wurfgeschosse gegen den Grafen – außer verhaltener Heiterkeit war so richtig mit alledem nicht richtig etwas anzufangen, ein Mischmasch weder mit klarer politischer Ansage, noch nur als reine Komödie. Auch im letzten Akt bleibt es harmlos konservativ und idyllisch, wenn dieser auch mit herrlicher Schlussszene wieder ein wenig versöhnte: So schlimm ist der Graf ja nun auch nicht, alles lieben sich wieder, das Publikum applaudiert sehr reichlich und zufrieden.

Szenenfoto

Alle sind wieder lieb – alles wird gut

Musikalisch hatte die Aufführung indes deutlich mehr zu bieten. Wenn sich auch das Orchester unter Robin Engelen zunächst warm spielen musste und anfangs etliche kleinere Wackeleien und Ungenauigkeiten im Zusammenspiel mit der Bühne verdrossen, ergab sich dann doch ein klangschönes, differenziertes und rundes Musizieren. Die Bläser insgesamt erschienen jedoch durchgängig zu laut – was aber auch am Sitzplatz liegen konnte. Herausragend die Susanna von Emiliya Ivanova, mit einem hellen, beweglichen Sopran, hoher Spielfreude und ausnehmend hübschen Beinen unter dem Minirock (Kostüme von Fred Fenner). Aber auch die Gräfin (Julia Kamenik) mit eben diesem Kleidungsstück im vierten Akt konnte sich diesbezüglich absolut sehen lassen, sehr aber auch mit ihrer Stimme, ein jugendlich-dramatischer Sopran mit wunderbar weichem, getragenem Timbre in ihren beiden großen Arien. Auch Kathrin Leidig überzeugte stimmlich – mit gelegentlichen leicht schrillen Spitzentönen - als Cherubino, wenngleich für diese Hosenrolle eine etwas dunklere Tiefe wünschenswert wäre.

Martin Tzonev (Figaro) war vielleicht an dem Abend nicht in besonders guter Form; er sang zumeist fast „mezza voce“, die Stimme blieb dann überwiegend kraftlos und wenig ausdrucksstark. Ausgesungen bekam sie dann auf einmal Format, Biss und Klangfülle, wenn auch das Spiel nicht ganz überzeugte. Der Graf (Giorgos Kanaris) sang stimmgewaltig, ein agiler Bariton, auch als eleganter Herrscher und Frauenliebhaber. Die übrigen Rollen waren alle typisch und stimmlich gut besetzt, ein Sonderlob für Anjara I. Bartz (Marcellina). Der Chor (Einstudierung Sibylle Wagner) erfüllte seine Aufgabe zuverlässig und stimmschön, war aber szenisch auch schon präsenter zu erleben.


FAZIT

Eine musikalisch zwar ansprechende, szenisch aber schwache, verstaubt wirkende ältere Inszenierung, die man vielleicht besser im Archiv belassen hätte.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Robin Engelen

Inszenierung
Klaus Weise

Bühne
Martin Kukulies

Kostüme
Fred Fenner

Choreinstudierung
Sibylle Wagner

Licht
Thomas Roscher


Chor des Theater Bonn

Beethoven Orchester Bonn


Solisten

Graf Almaviva
Giorgos Kanaris

Gräfin Almaviva
Julia Kamenik

Susanna
Emiliya Ivanova

Figaro
Martin Tzonev

Cherubino
Kathrin Leidig

Marcellina
Anjara I. Bartz

Basilio
Mark Rosenthal

Don Curzio
Josef Michael Linnek

Bartolo
Ramaz Chikviladze

Antonio
Boris Beletskiy

Barbarina
Vardeni Davidian

Brautjungfern
Jeannette Katzer
Brigitte Jung



Weitere
Informationen

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