Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Die Monteverdi-Trilogie

Orpheus

Favola in musica in einem Prolog und fünf Akten (1607/2012)
Libretto von Alessandro Striggio d. J.
Deutsche Textfassung von Susanne Felicitas Wolf
Vorstellungsdauer: 1h 50' (keine Pause)

Odysseus

Dramma per musica in einem Prolog und drei Akten (1640/2012)
Libretto von Giacomo Badoaro
Deutsche Textfassung von Susanne Felicitas Wolf und Ulrich Lenz
Vorstellungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

 

Poppea

Opera musicale in einem Prolog und drei Akten (1642 oder 1643/2012)
Libretto von Giovanni Francesco Busenello
Deutsche Textfassung von Susanne Felicitas Wolf
Vorstellungsdauer 3h 40' (eine Pause)

Musik von Claudio Monteverdi
neu instrumentiert von Elena Kats-Chernin (Auftragswerk der Komischen Oper)

In deutscher Sprache mit mehrsprachigen Untertiteln

Premiere am 16.September 2012 an der Komischen Oper Berlin


Homepage

Komische Oper Berlin
(Homepage)
Amor und die Folgen

Von Roberto Becker

Ein Auftakt mit zwölf Stunden Monteverdi am Stück – das bleibt natürlich die Ausnahme. Für's Repertoire geht das nicht. Auch wenn ausführliche Pausen mit Zeit für Auslauf und Beköstigung eingeplant waren, so ist so eine Monsterveranstaltung, wie sie Barrie Kosky an den Anfang seiner Intendanz gesetzt hat, nicht wiederholbar. Es bleibt ein singulärer Kraftakt für ein neugieriges Publikum, das Nehmerqualitäten haben muss und Wagner-Sitzfleisch. Und ein Signal in der Art: Seht her, es lohnt sich zu kommen! Zudem fügte es sich zu einem wunderbar gegensätzlichen, spannenden Berliner Opernwochenende, weil der ebenfalls neu angetretene Intendant an der Deutschen Oper, Dietmar Schwarz, mit einem exemplarischen Solitär der zeitgenössischen Oper, Helmut Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern, als einem Werk vom entgegengesetzten Ende der Operngeschichte, ein ebenso deutliches Zeichen setzte.

Der Intendant Kosky freilich trat auch als Regisseur und Entertainer an, was bei ihm ungefähr dasselbe ist. Er nahm unter der Überschrift 3 Opern, 12 Stunden, 1 Spektakel mit Claudio Monteverdis (1567-1643) Orpheus (L'Orfeo ,1607), Odysseus (Il Ritorno d'Ulisse in Patria, 1640) und Poppea (L'Incoronatione di Poppea, 1642) die Anfänge des Genres ins Visier und holte sie in die Gegenwart seiner Bühnenwelt. Was bei ihm - erwartungsgemäß - nicht ohne ein geradezu dionysisches Gejohle einer halb oder völlig nackten, irgendwo zwischen den Geschlechtern changierenden Hilfstruppe olympisch-dekadenter Jugend, eine schrille Robe für die männliche Arnalta in der Poppea und einer Dosis Marlene-Dietrich-Glamour für den ansonsten im Röckchen alle drei Stücke durchstreifenden Gott Amor (mit nie erlahmender Präsenz wunderbar: Peter Renz) zu haben ist. Dieser Gott Amor liefert mit seinen Pfeilen immer wieder Anstöße für das sterbliche Personal, wobei sein Eingreifen oft auch Verwirrung anrichtet und ziemlich in die Hose geht.

Zwar strahlt die Liebe des Orpheus zu seiner Eurydike ebenso hell, wie später die Treue der Penelope, die zwanzig Jahre auf die die Heimkehr des Odysseus wartet, zum Sinnbild der Treue wird. Was dann aber Nero und Poppea im Namen der Liebe anrichten, würde heute für ein lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung reichen. Amor ist also nicht nur der niedliche Scherzkeks, der hinter den Büschen auf seinen Einsatz lauert. Er treibt die Liebenden für die Bestätigung seines Egos auch schon mal auf deren Lebenskatastrophe zu und zuckt mit den Schulter, wenn die dann eintritt. Kosky hat die drei Opern Monteverdis für sich genommen und wohl nicht nur aus Spielplangründen als einzelne Werke inszeniert. Aber es gibt doch diesen szenisch-inhaltlichen Continuo-Nenner der produktiven und destruktiven Kraft der Gefühle und Obsessionen, die dem Menschen lebenslang in die Quere kommen. Womit ja schon am Anfang des Genres ein Leitmotiv für dessen Entwicklung bis heute vorgeben ist.

Gesungen wird (ziemlich verständlich, aber ja auch mitlesbar) ganz so, als wollte man den Hausgeist von Walter Felsenstein nicht provozieren, nämlich in Deutsch. Diesmal jedenfalls. Susanne Felicitas Wolfs Textfassung changiert dabei zwischen einem Herz-Schmerz Reim-dich-oder-ich-schlag-Dich einerseits und einem ziemlich witzigen und theaterpraktischen Parlando andererseits. Das funktioniert besser, als man es gewöhnlich bei Barockoper geboten bekommt.

Orpheus beginnt mit einem grandiosen Jubel. Wenn zum Auftakt der Sänger Orpheus und seine Eurydike ihre Hochzeit feiern, dann entfesselt die durchweg überzeugende Ausstatterin Katrin Lea Tag eine Paradiesgarten–Opulenz hinter dem von Laufstegen umbauten Orchester, dass es eine wahre Freude ist. Mit flatternden Vögeln, die an riesigen Ruten im ganzen Haus geschwungen werden. Zwischen den ausgelassenen muskelbepackten Faunen und den gut gebauten Nymphen, die von Otto Pichler auch noch recht sinnlich choreographiert wurden, entfaltet Dominik Köninger erst die überbordende Ausgelassenheit und dann die Trauer seines Orpheus. Eine poetische Note erhält das Ganze durch das wie aus der Geisterwelt beigefügte Spiel mit feingliedrigen Masken und Gliedern des Paares.

Wenn Odysseus (mit dramatischem maskulinem Impetus den König beglaubigend: Günter Papendell) zu seiner standhaften Penelope (von dunkel samtener Schönheit in Stimme und Gestalt: Ezig Kutlu) nach Ithaka heimkehrt, dann wird das zum Spiel auf einer Rasenschräge vor einem entlaubten Hain im Hintergrund. Das Orchester ist dann auf der Bühne verteilt und wird von der Seite aus geleitet. Dieses Kammerspiel aus dem Geiste des Boulevards hat seinen bei aller Komik durchaus ergreifenden Höhepunkt beim Auftritt der wunderbar lächerlichen Freier. Wenngleich der Vielfraß Iros beim Multi-Amor Peter Renz in guten komödiantischen Händen war, wäre das so eine Stelle, wo man vielleicht doch besser gekürzt hätte. Beeindruckend dann aber wie der Menschenkenner Monteverdi vor den finalen Kuss einen ziemlich schwierigen Prozess der Wiederannäherung gesetzt hat.

In der Poppea dann ist das Orchester wieder umbaut, aber der Zaubergarten des Anfangs ist einer Geröll-Landschaft gewichen, was die Atmosphäre von vornherein ebenso verdunkelt wie das Personal um den Nero des expressiven Roger Smeets. Vor allem weil Kosky diesem perversen Finsterling nichts schenkt und hier weder an Blut (für Seneca, der eine von mehreren Rollen für den Erzkomödianten Jens Larsen ist), noch an Vergewaltigung und Mord spart. Dass Nero die seine taffe Gattin Octavia (mit Machtbewusstsein und Würde im Fall: Helene Schneidermann) abserviert, ist nur eine Facette des Charakterbildes eines perversen Finsterlings, das von Kosky erbarmungslos entlarvt wird. Man glaubt schon dem großen Liebesduett mit Poppea (Brigitte Geller) kein Wort mehr und wundert sich nicht, dass Nero diese Poppea nur ein paar Jahre nach dieser skandalösen Hochzeit mit Tritten in den schwangeren Bauch umgebracht hat. Dass die beiden dann in dem Teich versinken, in dem schon Orpheus und Seneca entsorgt wurden, ist da nur konsequent.

Kosky und sein Dirigent André de Ridder haben sich musikalisch nicht nur nicht auf einen Wettstreit mit den Spezialensembles der Branche eingelassen. Sie haben, im Gegenteil, sogar eine Neue-Instrumentierung durch die in Taschkent geborene Komponistin Elena Kats-Chernin riskiert. Da kamen dann im Orpheus Bandoneon und Cimbalom, im Odysseus, acht Celli, zwei Klaviere, Harmonium und Oud und in der Poppea E-Gitarre und Synthesizer in hinzu. Was mal mehr (beim Tango-Schmalzen der Freier um Penelope), mal weniger (vor allem bei den Synthesizer Zugaben in der Poppea) einleuchtend daherkommt, aber in einem solchen szenischen Kontext im Ganzen funktioniert.


FAZIT

Trotz einiger Abstriche, die man bei der musikalischen Umsetzung oder dem einen oder anderen szenischen Einfall haben kann, war der ungeteilte Jubel, der am Ende auch das Inszenierungsteam einschloss voll auf berechtigt. Ach, wenn Oper in Berlin doch nur immer so gut gearbeitet und extravagant daherkäme wie an diesem Einstandswochenende im September!


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
André de Ridder

Inszenierung
Barrie Kosky

Bühnenbild
Katrin Lea Tag

Kostüme
Katrin Lea Tag
Katharina Tasch

Choreographie (Orpheus)
Otto Pichler

Chöre
André Kellinghaus

Licht
Alexander Koppelmann

Dramaturgie
Ulrich Lenz



Chor der Komischen Oper

Orchester der Komischen Oper


Solisten

Orpheus

Orpheus
Dominik Köninger

Eurydike
Julia Novikova

Amor
Peter Renz

Sylvia/Proserpina
Theresa Kronthaler

Charon
Stefan Sevenich

Pluto
Alexey Antonov

Figuren Orpheus und Eurydike
Frank Soehnle

Tänzer
Meri Ahmaniemi
Martina Borroni
Sarah Bowden
Alexson Capelesso
Suleika Fichtner
Paul Gerritsen
Jesco Himmelrath
Nikos Fragkou
Marcell Prét
Alessandra Bizzarri


Odysseus

Odysseus
Günter Papendell

Penelope
Ezgi Kutlu

Telemachos
Tansel Akzeybek

Amor / Iros
Peter Renz

Melanto
Mirka Wagner

Eurymachos
Adrian Strooper

Eurykleia
Christiane Oertel

Eumaios
Thomas Michael Allen

Die Zeit / Antinoos
Jens Larsen

Pisandro
Christoph Späth
Tom Erik Lie

Anphinomos
Tom Erik Lie

Das Schicksal
Karolina Gumos

Minerva
Annelie Sophie Müller


Poppea

Poppea
Brigitte Geller

Nero
Roger Smeets

Octavia
Helene Schneiderman

Otho
Theresa Kronthaler

Drusilla
Julia Giebel

Seneca
Jens Larsen

Valletto
Tansel Akzeybek

Damigella / Das Schicksal
Ariana Strahl

Arnalta
Thomas Michael Allen

Amme
Tom Erik Lie

Amor
Peter Renz

Die Tugend
Annelie Sophie Müller

Liberto
Adrian Strooper



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Komischen Oper Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2012 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -