Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum



The Turn of the Screw

Oper in einem Prolog und zwei Akten (1954)
Libretto von Myfanwy Piper nach der Erzählung von Henry James
Musik von Benjamin Britten


Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Premiere im Theater an der Wien am 14. September 2011

Logo:

Theater an der Wien
(Homepage)

Opernthriller mit Filmästhetik

Von Roberto Becker / Fotos: © Wilfried Hösl

Benjamin Brittens kleiner aber feiner Opern-Thriller The Turn of the Screw (1954) passt hervorragend in das ambitionierte Profil des Theaters an der Wien. Doch nicht nur mit dieser programmatischen Entscheidung hat Intendant Roland Geyer die Staatsoper, die „nur“ mit einer Übernahme beginnt, in den Schatten gestellt. Auch sein Produktionsteam kann sich sehen lassen. Mit Cornelius Meister steht einer der hoffnungsvollen deutschen Nachwuchsdirigenten am Pult des ORF-Radio-Symphonieorchesters Wien (dessen musikalischer Leiter er neben seiner Chefposition in Heidelberg ist). Meister führt seine 13 Instrumentalisten denn auch mit dramatischem Gespür und Sinn für Transparenz durch den Prolog und die zwei Mal acht Szenen. Außerdem verantwortet mit Robert Carsen einer der internationalen Regiestars die szenische Umsetzung. Die reichlich bekundete Zustimmung, die dem erfolgsgewohnten Kanadier diesmal auch in Wien zu Teil wurde, mag ihn für den Widerstand entschädigt haben, den er an der Staatsoper vor Jahren bei seiner Inszenierung der Frau ohne Schatten zu spüren bekam. Ein Zitat aus dieser psychologisierenden Deutung wirkt denn auch wie ein trotziges „Ich hatte doch Recht“: in einer erotischen Traumsequenz sieht man nämlich ein Bett in einer Draufsicht, ganz so wie damals in jener Strauss-Oper. Und dieses Bild hatte jetzt (wie damals auch) seine triftige Funktion. 


Vergrößerung Traumvisionen der Gouvernante

Nun ist eine spannende Umsetzung gerade dieser Geschichte auch kein so großes Kunststück. Ob Immo Karaman an der Musikalischen Komödie in Leipzig , Harry Kupfer an der Komischen Oper in Berlin (2002) oder auch Luc Bondy beim Festival in Aix-en-Provence (2001) – jedes Mal kam eine packende „Drehung der Schraube“ heraus, wie der Titel wörtlich übersetzt etwas arg sperrig lautet. Robert Carsen, der diesmal auch sein eigener Ausstatter ist, hat sich auf eine wie immer in sich geschlossene, filmisch traumhafte Ästhetik verlegt. Seine Bühne kommt mit wenigen verschiebbaren, verschiedene Räume markierenden Stellwänden aus, die an ein nobles Landhaus erinnern. Ergänzt wird das durch die stimmungsvollen videoprojizierten Blicke nach draußen in die Parklandschaft von Bly. Die Szenen sind durch Vorhänge voneinander getrennt, die nicht einfach hochgezogen werden, sondern wie ein sich öffnendes oder schließendes Objektiv den Blick auf das Geschehen freigeben.


Vergrößerung

Trotz Blick in den Park bleibt die Atmosphäre düster

Beim Prolog spielt Carsen mit einer gewissen Ähnlichkeit seines Erzählers Nikolai Schukoff mit Benjamin Britten. Man sieht ihn auf der Bühne hinter einem Stehpult und im Video am Schreibtisch. Schukoff ist dann auch jener Quint, dessen diabolischer Verführungs- und geheimnisvoll rumorender, zerstörerischer sexueller Anziehungskraft die Gouvernante beinahe und der Junge Miles tatsächlich zum Opfer fallen. Die namenlose Gouvernante war von einem geheimnisvollen und an den Kindern Miles und Flora nicht wirklich interessierten Vormund zu deren Betreuung auf dem einsamen englischen Landsitz engagiert worden.


Vergrößerung Flora und Miles

Dort wird die Haushälterin Mrs. Groves (mit der Alters-Güte wissender Verzweiflung: Sally Matthews) zu ihrer mütterlichen und einzigen Freundin. Nach und nach spürt die junge Frau den Einfluss dunkler Mächte, die in Geistergestalt nach den Kindern greifen und versucht sie zu bekämpfen. In dem Libretto, das Myfanwy Piper aus der amerikanischen Gruselstory von Henry James gemacht hat, und bei Britten bleibt alles seltsam in der Schwebe und fordert damit geradezu heraus, nach einem sexuell obsessiven Subtext zu suchen. Dabei können die Geistererscheinungen der toten Vorgängerin der Gouvernante, Miss Jessel (mit Vehemenz: Jennifer Larmore) und ihres Liebhabers, des Dieners Quint, und deren Versuche sich der Kinder zu bemächtigen, für ein Missbrauchs-Trauma stehen, das die Kinder beherrscht und zerstört. Die erotischen Traumbilder bei Carsen verweisen aber ebenso gut auf eine verquere Triebsublimierung einer unerfüllten Frau im viktorianischen England. Es könnte hier auch von allem etwas sein.


Vergrößerung

Quints Opfer: Die Gouvernante und Miles

Mit seiner eher dezenten Personenführung hält sich Carsen mit seiner Parteinahme weitgehend zurück. Wobei allerdings auch die Gefahr, die von den Kindern selbst („Die sündigen Engel“ – ist auch eine der gängigen Übersetzungen ins Deutsche) für die Gouvernante ausgeht, nahezu ausgeblendet wird. Carsen erzählt die Geschichte bei aller Unentschiedenheit klar und stringent. Dabei kann er darauf vertrauen, dass jeder Zuschauer in Zeiten eines exzessiven öffentlichen Missbrauch-Diskurses selbst, die Verbindung zwischen einer subversiven Tarnung des Themas unter anderen Verhältnissen zu deren verbliebener Relevanz herzustellen vermag.


FAZIT

Im Theater an der Wien hat Cornelius Meister eine präzise, intensiv suggestive musikalische Vorlage für ein exzellentes Ensemble geliefert. Gemeinsam mit seinen Darstellern hat Robert Carsen daraus ein Beilspiel überzeugenden Musiktheaters gemacht, das auf eine Geschichte vertraut und souverän mit deren Ambivalenzen spielt.



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Cornelius Meister

Inszenierung
Robert Carsen

Ausstattung
Robert Carsen
Luis Carvalho

Licht
Robert Carsen,
Peter von Praet

Video
Finn Ross

Dramaturgie
Ian Burton


ORF Radio-Symphonieorchester Wien


Solisten

The Prologue/ Peter Quint
Nikolai Schukoff

The Governess
Sally Matthews

Mrs. Grose
Ann Murray

Miss Jesse
Jennifer Larmore

Flora
Eleanor Burke

Miles
Teddy Favre-Gilly


Weitere Informationen

Theater an der Wien
(Homepage)





Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

© 2011 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -