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In der Hölle der EinsamkeitVon Roberto Becker / Fotos: Monika Rittershaus, Theater an der WienMonteverdis L'Orfeo gilt gemeinhin als die erste vollgültige Oper in der Musikgeschichte. Es ist seine Variante der Sage um den Sänger Orpheus, der es mit seiner Musik schafft, die Götter dazu zu bewegen, seine geliebte Eurydice wieder aus dem Totenreich zu entlassen, in das sie durch einen Schlangenbiss befördert worden war. Wenngleich es eine Reihe von Vorgängern gibt, hat sich diese favola in musica in den mehr als vierhundert Jahren, die seit ihrer Uraufführung am Hofe des Herzogs von Mantua 1607 vergangen sind, erstaunlich gut gehalten. Die Gattung begann eben gleich mit dem Meisterwerk eines musikalischen Genies. Und die Grenzgängerei zwischen den Welt der Lebenden und der Unterwelt der Toten, die Geschichte von Liebe und Trauer, von göttlicher Großzügigkeit und menschlichem Kleinmut, die hat ihren Reiz über viele Epochen hinweg behalten. Sie erlaubt es, auch heute, nach dem Sinn oder der Sinnlosigkeit des Todes und dem Umgang mit dem Verlust eines Menschen zu fragen.
Bei Orpheus daheim im Treppenhaus
Bei Claus Guth spielt sich diese Geschichte im Theater an der Wien (wiederum) in einem treppenhausdominierten Bühnenbild von Christian Schmidt ab. Hierhin entführt uns die allegorische Frau Musica persönlich, nachdem die betörenden, ersten Bläserklänge Monteverdis aus der Tiefe des Zuschauerraumes und dann aus den Seitenlogen verklungen sind und dem Freiburger Barockorchester und seinem Dirigenten Ivor Bolton den Weg geebnet haben. Die dunkelsatt strömende Katija Dragojevic steckt als La Musica ihren Kopf durch den Faltenwurf des weißen Vorhangs und lässt das Spiel auf der Bühne beginnen. Auch da verdecken Vorhänge zunächst die Wände einer Bibliothek in einem, sagen wir, gut ausgestatteten Akademiker-Haushalt aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts. Sitzecke mit Relief überm Kamin zur Rechten. Der Arbeits-Salon zur Linken.
Der Blick in den Spiegel Die Treppe führt in die erste Etage, wo sich offensichtlich das Schlafzimmer und ein Bad befinden. Das verraten jedenfalls die Video-Projektionen, die den Trauernden vor dem Spiegel zeigen. Und die auch seinen Versuch protokollieren, wie weiland Jean Marais in Cocteaus berühmter Verfilmung, durch den Spiegel in eine andere Welt zu gelangen. Was in der prosaischen Wirklichkeit dieses Witwers mit einer veritablen Handverletzung endet. Aber bei Claus Guth geht es eh nicht um diesen Wechsel zwischen den Welten, sondern um das, was sich im Kopfe jenes Mannes abspielt, der hier offenbar genau am Tage seiner Hochzeit von einem Schicksalsschlag getroffen wird, an der er letztlich verzweifelt. Gerade noch hat nämlich eine ausgelassene Gesellschaft von Kollegen, Freunden oder auch Studenten unseres nicht mehr ganz jungen Bräutigams eine bunte Überraschungspartie zur Hochzeit entfesselt samt Pappkulissen eines griechischen Tempels, manche mit entsprechenden Kostümen und wohl auch ein paar diversen Pülverchen. In dieses ausgelassene Treiben bricht die Katastrophe herein, wird verkündet, dass Eurydice tot ist.
Für Orpheus ist seine Braut nicht tot
Alles, was sich dann abspielt, sieht im Grunde nur der trauernde Orpheus. Ob nun der Abstieg in die Unterwelt, die Verhandlung mit Charon (stimmgewaltig: Phillip Ens, vielleicht als Kollege unseres Prof. Orpheus), der göttlichen Bedingung, die zeitweise wieder ins Leben entlassene bei ihrem Rückweg nicht anzusehen und deren Bruch durch Orpheus, bis hin zum göttlichen Pseudo-Happyend eines paradoxen zwar tot aber unsterblich es ist eine Imagination des allein Zurückgebliebenen. Er sieht die Geliebte im Brautkleid durch das Haus geistern. Er folgt ihr, wenn sie ihn auffordert, ihr ins Schlafzimmer zu folgen. Er nimmt die Welt nur noch durch den Schleier einer Trauer und Einsamkeit wahr. Und weil das Weiterleben in dieser Hölle der Einsamkeit für ihn schlichtweg unmöglich ist, nimmt er einen Drink, dem er den Inhalt so vieler Medikamentenkapseln untermischt, das der tödlich wirkt. Wie in einem Wachkoma erlebt er dann noch einmal den Moment des Glücks seiner Hochzeit, und der Gott Apoll, der am Ende bei Monteverdi ja seinen Kompromiss-Vorschlag zur Güte macht, erscheint ihm wie ein Arzt ganz in Weiß.
Was bleibt sind Erinnerungen und Trauer Musikalisch sorgten im Theater an der Wien diesmal das renommierte Freiburger Barockorchester, der britische Barockspezialist Ivor Bolton, zusammen mit dem seinem Monteverdi Continuo Ensemble und dem Arnold Schoenberg Chor, sowie ein kundiges Protagonisten-Ensemble für einen Alte-Musik-Sound auf hohem Standard. John Mark Ainsleys überzeugt als Orfeo vor allem darstellerisch, sorgt aber zusammen mit seiner Euridice Mari Eriksmoen und dem übrigen Ensemble auch musikalisch für einen überzeugenden Abend.
Der Auftakt für den geplanten Monteverdi-Zyklus im Theater an der Wien ist mit Claus Guths und Ivor Baltons ins sich stimmigem L'Orfeo vielversprechend gelungen. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung
Licht
Videodesign
Chor
Dramaturgie
Solisten
Orfeo
Euridice
La Musica/ Messaggiera/ Speranza
Caronte/Plutone
Ninfa/Proserpina
Apollo
Pastore/ Spirito
Pastore/ Spirito/ Eco
Pastore/ Spirito
Pastore/ Spirito
Brautjungfern
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- Fine -