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Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit
Von Stefan Schmöe
Seit dem Tod von Pina Bausch im Sommer 2009 befindet sich das Tanztheater Wuppertal in einem Schwebezustand. Eine Fortentwicklung der Arbeit scheint ohne die große Choreographin und Impulsgeberin (momentan?) unvorstellbar, und so hat es keine neue Produktion mehr gegeben. Man lebt vom Bestand und studiert die alten Stücke neu ein, das ungebrochen mit großem Erfolg, wie regelmäßig ausverkaufte Vorstellungen zeigen. Wim Wenders' für den Oscar nominierte Hommage pina tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren zeigt die künstlerische Kraft, die von Pina Bausch und ihrem Tanztheater ausging und ausgeht, mit filmischen Mitteln in eindrucksvoller Weise. Zwei der von Wenders in seinen Film dokumentierten Stücke, nämlich Café Müller von 1978 und Das Frühlingsopfer von 1975 sind jetzt in Wuppertal (und zuvor in Warschau) zu sehen. Bereits seit den 80er-Jahren werden die beiden ursprünglich unabhängig voneinander konzipierten Choreographien zusammen aufgeführt. Beide Werke nehmen einen Sonderstatus im Gesamtwerk des Tanztheaters Wuppertal ein: In Cafe Müller war Pina Bausch selbst als Tänzerin zu erleben (wie später noch in Dánzon, dort allerdings hatte ihr Auftritt bei weitem nicht die tragende Funktion wie in Café Müller); Das Frühlingsopfer zu Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps ist die einzige echte Ballettmusik, die Pina Bausch choreographiert hat. Stilistisch sind beide Arbeiten insofern vergleichsweise konventionell, als sie noch vor Pina Bauschs Öffnung zu einer Theaterform, die gesprochene und pantomimische Szenen integriert und die Bedeutung der Musik zurück schraubt, stehen. Die Musik des Sacre bleibt unangetastet. (Zwei Jahre später zerstückelte Pina Bausch Bartóks Blaubart-Oper in musikalische Fragmente und verlagerte die Bedeutung des Wortes Tanztheater fortan immer stärker auf den zweiten Wortteil). Im Frühlingsopfer wird noch durchgehend getanzt. Die Abrechnung mit dem klassischen Tschaikowsky- und Petipa-Ballettästhetik wohnt dem Werk natürlich seit der Uraufführung 1913, einem der großen Skandale der Theatergeschichte, inne. Sieht man sich die Rekonstruktionen der seinerzeit schnell abgesetzten Uraufführungschoreographie von Vaslav Nijinsky an (bei YouTube findet man Ausschnitte), so ist dort ja vieles von dem bereits angelegt, was hier zu sehen ist. Pina Bausch hat zusätzlich allen folkloristischen Ballast abgeworfen, schickt ihr Ensemble in erdig-weißen Unterkleidern (die Damen) bzw. schwarzen Hosen und entblößtem Oberkörper (die Herren) auf eine mit Torf bedeckte Fläche. Auch nach 30 Jahren sind Intensität und Kraft dieser Choreographie ungebrochen. Immer wieder stehen sich Männer und Frauen gegenüber, immer wieder brechen einzelne aus der strengen Formation aus. Bestechend ist in diesen 35 Atem raubenden Minuten aber auch, wie zeitlos und frei von Verfallserscheinungen diese Arbeit ist, wie alt es aber vieles (fast alles) aussehen lässt, was jenseits des Wuppertaler Tanztheaters danach gekommen ist. Das stark verjüngte Ensemble tanzt bis zur Selbstaufopferung. Im Film von Wim Wenders spricht Helena Pikon an, wie schwer es ihr gefallen sei, nach dem Tod von Pina Bausch deren Part in Café Müller zu übernehmen. Wer das Stück in früheren Jahren gesehen hat, wird das sofort nachvollziehen können. Natürlich kann Helena Pikon die Rolle tanzen, keine Frage, und sie ist in ihrer hageren Gestalt Pina Bausch gar nicht unähnlich. Trotzdem bleibt ein Schmerz, nicht mehr Pina Bausch zu sehen. Deren Auftritt war natürlich weit mehr als das Ausfüllen einer Rolle; wenn sie immer wieder in einer Geste der Hilf- und Schutzlosigkeit die Arme ausstreckte, die Handflächen nach oben, einsam durch den kargen Caféraum irrend, dann hatte das eine weitere Dimension. Da war da mehr als eine Tänzerin, die ihre Traurigkeit offenbarte in diesem Stück mit den schwermütigen Lamento-Arien von Henry Purcell (aus The fairy Queen und Dido and Aenaeas). Dieses Fehlen ist jetzt Teil des Stückes. "When I am laid to earth, [...] remeber me" singt Dido in ihrer Abschiedsszene in Purcells Dido and Aeneas. Café Müller ist auch ein Stück vom Abschied nehmen geworden. Ist im Frühlingsopfer das Ensemble komplett ausgetauscht, so sieht man in Café Müller noch einige Tänzer aus den goldenen 80er-Jahren. Von der Uraufführungsbesetzung ist Dominique Mercy übrig geblieben, der (gemeinsam mit Robert Sturm) die künstlerische Leitung des Ensembles übernommen hat. Dazu kommt neben der schon genannten Helena Pikon der charismatische Jean-Laurent Sasportes; Nazareth Panadero ist unter Mantel und Perücke kaum zu erkennen. Aida Vainieri (alternierend mit Azusa Seyama) und Michale Strecker gehören der nachfolgenden Generation an. Durch diese Besetzung erhält Café Müller, das wohl melancholischste und in seiner Reduktion auf nur sechs Tänzer und im Verzicht auf Sprache konzentrierteste aller Bausch-Stücke, zusätzlich eine wehmütige Note.
Auch über 30 Jahre nach den Uraufführungen gehören Café Müller und Das Frühlingsopfer zum allerbesten, was das Theater zu bieten hat. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Inszenierung und Choreographie
Bühne und Kostüme
Mitarbeit Café Müller
Mitarbeit Das Frühlingsopfer
Probenleitung Café Müller
Probenleitung Das Frühlingsopfer SolistenCafé MüllerHelena Pikon Dominique Mercy Nazareth Panadero Jean-Laurent Sasportes Michael Strecker Azusa Seyama / Aida Vainieri Das Frühlingsopfer Pablo Aran Gimeno Andrey Berezin Damiano Ottavio Bigi Wladislav Bondarenko Luiza Braz Batista Lea Burkart Da Soul Chung Chang-Wen Hsu Ching-Yu Chi Ale Èuèek Ji-Hye Chung Clémentine Deluy Darwin Diaz Cagdas Ermis Silvia Farias Heredia Mareike Franz Rudolf Giglberger Chrystel Guillebeaud Ditta Miranda Jasjfi Daphnis Kokkinos Kyungwoo Kwon Raymond Liew Jin Pin Thusnelda Mercy Blanca Noguerol Ramirez Jorge Puerta Armenta Franko Schmidt Azusa Seyama Julian Stierle Michael Strecker Fernando Suels Mendoza Aida Vainieri Tsai Wei Tien Anna Wehsarg Tsai-Chin Yu Andy Zondag Sergey Zhukov
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