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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Der Teufel steckt nicht nur im DetailVon Roberto Becker / Fotos von Martin Sigmund und A.T.Schaefer
Ausgerechnet das bieder geschäftige Stuttgart ist in letzter Zeit ja immer für eine Überraschung gut. Da geraten die Schwaben so in Wut über einen Bahnhofsumbau, dass sie den Wir-sind-das-Volk - Aufstand proben und wenn auch nicht gleich das System, so doch die so gut wie unantastbare schwarze durch eine grün geführte Regierung ersetzen. Ob das den Bahnhofstunnel verhindert, wird sich freilich erst noch zeigen. Die Opernfreunde verwundert dieses Potenzial nicht so sehr wie den nur an den mentalen Eigenheiten der deutschen Stämme Interessierten. Die Oper mitten in Stuttgart gehört nämlich seit Jahrzehnten zum Aufmüpfigsten, was die Theater-Republik so zu bieten hat.
Faust (Foto: Martin Siegmund)
Dass nicht jeder die rot-weiß-grüne Fahne, die sich gleich am Anfang hinter dem Wohnwagen wie eine Wand herabsenkt, auf Anhieb als Nationalflagge Ungarns (und neben nicht Italiens) erkennt, gehört mit in den Kontext jener peinlichen Verdrängung und schmerzlichen Ohnmacht, die die deutsche Öffentlichkeit bislang davon abhält, das, was in Ungarn derzeit an gesellschaftlichem Umbau passiert, als die Schweinerei zu benennen, die es ist. Gegen die Globalisierung oder die Banken anzuprotestieren und die Feuilletonseiten mit halbgarer Kapitalismuskritik zu füllen, ist eben allemal komfortabler, als sich gegen das Wiederaufleben von finsterstem Antisemitismus und Antiintellektualismus, direkt vor unserer Haustür, zu wenden. Selbst ein in dieser Hinsicht unverdächtiger Protagonist des internationalen Kulturbetriebes wie der ehemalige Wiener Staatsoperndirektor Ioan Holender hat seine Beraterposition der längst gleichgeschalteten Budapester Staatsoper immer noch nicht an den überfälligen Boykottnagel gehängt. Zum Glück setzte wenigstens Christoph von Dohnanyi mit seiner jüngsten Konzertabsage ein deutliches Zeichen.
Faust und Chor (Foto: A.T. Schaefer)
In Stuttgart haben sich Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle jetzt die ziemlich willkürliche Verlegung einiger der von Goethe geborgten Faust-Episoden durch Hektor Berlioz in die ungarische Puszta natürlich nicht entgehen lassen. Sie zeigen im doppelten Wortsinn Flagge. Erst sieht man Faust als jungen Mann von heute, allein vor einem Wohnwagen Trübsal blasen und seinen Weltüberdruss pflegen, den er allenfalls noch für selbstgedrehte Videos kreativ umzumünzen versteht. Das da einbrechende turbulente Volk erweist sich schnell als eine Sinti-Hochzeit, die den Außenseiter gerne mit einbezieht. Plötzlich aber, zum (dramaturgisch im Grunde überflüssigen, aber zündend eingängigen) Rákóczi-Marsch, marschieren die Uniformierten des Neuen Ungarn auf, dreschen auf die ganze Gesellschaft ein, bis die in der Versenkung verschwunden ist. Auch bei dem Ausflug in Auerbachskeller wird mit gezogenem Säbel Militanz demonstriert. Hat Faust die Prügelorgie noch als Beobachter nur gefilmt, so greift er bei einer gerade beginnenden Bücherverbrennung immerhin im letzten Moment ein.
Faust und Méphistophélès (Foto: A.T. Schaefer)
Moses erzählt aber auch die Geschichte von Fausts Suche nach sich selbst und der Verführung durch Mephisto. Lässt der Marguerite zunächst als seine Assistentin dieses Spiel mitspielen, so kommt die erwachende Liebe der beiden zueinander seinen Plänen in die Quere. Faust unterschreibt den Teufelspakt, anders als bei Goethe, erst, als er kein anderes Mittel mehr sieht, um die des Muttermordes angeklagte Marguerite zu retten. Das geht natürlich schief. Die Kollateralschäden bei der rasenden Fahrt zu ihr (auf dem Sofa in einem schwindelerregenden Video-geschwindigkeitsrausch) müssen gewaltig sein. Der Teufel triumphiert mit ziemlichem musikalischem Pomp und Faust wird in eine Homunculus-Kugel verfrachtet und endet als possierliches menschliches Insekt und drohendes Beispiel für menschlichen Eigensinn. Den dramatischen Notausgang in Richtung verklärender Erlösung versperrt Moses mit einer radikalen, antiklerikalen Pointe. Aus dem Schnürboden hängende Strippen-Kulissen assoziieren zwar einen Kirchenraum, Marguerite hat es zur Marienfigur gebracht und der auftauchende Zeremonienmeister, der dieser Maria persönlich eine Hostie in den Mund schiebt, ist in päpstliches Weiß gehüllt. Wenn sie daran erstickt und sich der Mann im Papstornat als niemand anderer als der Teufel entpuppt, dann hat die Inszenierung zum brisanten Auftakt auch noch einen spektakulären Abschluss gefunden.
Faust und Marguerite (Foto: A.T. Schaefer)
Musikalisch geht dieser Neuanfang ebenso triumphal über die Bühne wie szenisch. Unter der Leitung von Kwamé Ryan laufen das Staatsorchester Stuttgart und der exzellente Chor zur Hochform auf. Und mit Robert Hayward als Méphistophélès, Pavel Cernoch als Faust und Maria Riccarda Wesseling als Marguerite stehen genau die vokal und darstellerisch überzeugenden Protagonisten auf der Bühne, die das vitale Musiktheater der Andrea Moses mit Leben erfüllen können. Den nahezu geschlossenen Jubel darf sie getrost als ein herzliches Willkommen verbuchen.
Der neue Stuttgarter Intendant Jossi Wieler und seine leitende Chefregisseurin Andrea Moses hätten sich Ihren Auftakt auch einfacher machen können, als ausgerechnet mit diesem Werk. Und doch konnte Moses gerade hier ihre handwerklichen und intellektuellen Vorzüge als Regisseurin voll ausspielen und aus der Nichtoper Faust Verdammnis psychologisch spannendes und politisch relevantes Musiktheater machen! Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Video
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten
Marguerite
Faust
Méphistophélès
Brander
Sopransolo
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- Fine -