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Musiktheater
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Aida 
Oper in vier Akten

Text von Antonio Ghislanzoni nach einem Handlungsentwurf von Auguste Mariette und einem Szenarium von Camille du Locle und Giuseppe Verdi
Musik von Giuseppe Verdi
  


In italienischer Sprache mit deutschen Seitentiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h (Pause nach dem 2. Akt)

Premiere im Theater am Domhof am 3. März 2012

Logo: Theater Osnabrück

Theater Osnabrück
(Homepage)

Verdis Welttheater  

Von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Jörg Landsberg

Über dem Osnabrücker Bühnenhimmel schwebt lastend eine trapezförmige, die Raumtiefe hervorhebende Deckenplatte. Dazu: ein stimmungsvoll beleuchteter Bühnenprospekt, der im zweiten Bild des 1. Aktes zur Projektion historischer Bilddokumente genutzt wird, ein ebenso perspektivisch ausgerichteter langer, mit schlichter, weißer Decke versehener Tisch, zwei einfache, schwarze Hocker. Oberhalb des äußeren Bühnenrahmens verweisen einige Jagdtrophäen auf die historisch-geographische Situierung der Oper. Mehr benötigen Yona Kim und Etienne Pluss nicht, um uns Aida als stimmig, spannend und eindruckvoll inszeniertes Antikriegsdrama vor Augen zu führen.

Bild zum VergrößernAmneris versucht ihrer Rivalin, ein Liebesgeständnis zu entlocken.

Schreiber spricht von "tiefster Desillusionierung", die Verdi während der Komposition seiner drittletzten Oper Aida angesichts der politischen Entwicklung in Europa befiel.  Sie wurde nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges im Dezember 1871 in Kairo uraufgeführt. Aida ist eine Mischung aus Melodramma und Grand Opéra. Kim nutzt die wirkungsvollen Aufmärsche, stimmungsvollen, folkloristischen, musikalischen Effekte, um Kriegsrausch und Heldentum zu thematisieren und um sie den dramatischen, differenziert ausgeloteten Beziehungs- und Charakterstudien der Amneris und Aida gegenüberzustellen. Ergebnis ist eine dem kontrastiven, musikalisch-dramatischen Aufbau folgende hochspannende Inszenierung, bei der die Ausgangsperspektive, der rote Faden immer gewahrt bleibt. Ausgangspunkt ist die Herkunft und Status sprengende Liebe der Bediensteten Aida und des jungen, aufstrebenden Radamès, die sich - noch während des Orchestervorspiels - leidenschaftlich begegnen. Doch schon der traurige, verneinende Blick, mit dem sie die verträumten Ideale des Liebsten in der Arie Celeste Aida kommentiert, verrät die Zerrissenheit und Tragik, die mit ihrem Schicksal verbunden ist. Amneris, die zweite ebenfalls Radamès liebende, stolze Frau, bleibt mit glitzernd geschminkten Augen, Hochsteckfrisur und langem blauen Seidenkleid im Pharaonenreich verwurzelt ebenso wie die Menschen mit Hundekopf, Symbole altägyptischer Todesriten, im ersten und letzten Akt.

Die Inszenierung schlägt geschickt einen historischen Bogen vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die kriegstreibende Ansprache des ägyptischen Königs mutiert zur Rede Kaiser Wilhelms I.. Während der folgenden Tempelszene beräuchern sich die Damen an der Verabschiedung des Radamès. Ironisch, geradezu burlesk gebrochen befühlen, bedrängen und begrabschen sie ihn zu weihevollen Harfenarpeggien. Sie sammeln Geld für den Krieg, während im Bühnenprospekt das Bild eines Massenauflaufs mit zum Hitlergruß erhobenen Armen projiziert wird. Die machtvollen Schlussklänge des 1. Aktes und Paukenwirbel nutzt die Regisseurin, um das Bilddokument unerwartet auf einen vorderen Bühnenvorhang zu vergrößern und uns den Krieg plastisch mit ohrenbetäubendem, den gesamten Theaterraum ausfüllendem Hubschrauberlärm vor Augen zu führen.

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Aidas Angstvorstellung bei der dreimaligen Anrufung des Phtha in der Tempelszene des 1. Aktes

Mit anspielungsreichem, satirischem Biss, differenzierter Beleuchtung, gezielten Bewegungspausen und einer der musikalischen Dramaturgie nachempfundenen Bewegungssteigerung ins maniriert Ekstatische kommentiert Yona Kim  auch den musikalischen Heldenmythos im 2. Akt. Zu Beginn der Boudoirszene, dem anmutigen, wiederholten Chorgesang der Frauen über den errungenen Sieg und die Liebe, kämmen sie immer aufgeregter ihre blonden Perücken und schminken sich hektisch erwartungsvoll - in weiß seidene Unterröcke gewandet. Und Gekreische, nein Schreie ertönen - ob jubelnd oder entsetzend bleibt offen - in Erwartung der Hochstimmung und Dramatik des Finale des 2. Aktes. Das Bühnenorchester ist auf die seitlichen Bühnenaufgänge verteilt. Die Aidatrompeten dialogisieren vom obersten Rang, die Uniformen wechseln die Besitzer. Kontrastierend zu den Triumphgesängen und -balletteinlagen werden vielschichtige Aggression, Leid, Trauer und Freude vermittelnde Alltagsszenen des Wiedersehens und machtpolitische Auseinandersetzungen vor Augen geführt. Was folgt, steht ganz im Zeichen der intimen Grundproblematik der Oper, der Auseinandersetzung zwischen Vaterlandstreue, Heimat und Liebe zu Radamès, im Zeichen des  Verrates und der ihren Leidenschaften ausgelieferten, verzweifelten Amneris. Am Ende gibt es keinen Liebestod lebendig Begrabener. Aida erlöst ihren Liebsten vor den schrecklichen Todesqualen mit einem gezielten Schuss und ergreift anschließend mit ihrem Vater die Flucht.

Bild zum Vergrößern

Amneris traktiert die Bediensteten in der Boudoirszene.

Wenn auch die stimmgewaltigen, leidenschaftlichen Fortissimo-Ausbrüche von Jeniece Golbourne und Ricardo Tamura die Akustik des kleinen Osnabrücker Hauses sprengten, die engagierte, schauspielerische und musikalische Darbietung von Orchester, Chor und Solisten unter der Leitung von Daniel Inbal mit präzisen dramatischen Effekten, differenzierter Lautstärke- und Tempogestaltung ist ein Genuss. Klangschön, schlank, lyrisch und mit gestützter, strahlender Höhe zeichnet Lina Liu ein anrührendes Bild der Tragik Aidas. Jeniece Golbourne ist mit brustig kraftvollem, dramatischen Sopran ganz die ihren Gefühlen und Leidenschaften ausgelieferte Amneris. Das dramatische Duett der Beiden im 2. Akt wurde mit viel Szenenapplaus bedacht. Ricardo Tamura ist ein kraftvoller Radamès. Seine Stimme - er hatte laut Ankündigung noch mit den Folgen eines grippalen Infektes zu kämpfen -klang in der Arie Celeste Aida noch sehr forciert, fand aber in der letzten Szene zu lyrischem, klangschönem Ausdruck. Kraftvoll, variantenreich, mal dramatisch schillernd, mal lyrisch gebunden überzeugt Daniel Moon als Amonasro. Passend zur Figur eines lebenden Gespenstes interpretiert Mark Sampson den König mit pastoser Klangfärbung.

FAZIT

Eine in allen Bereichen stimmige, spannende und überzeugende Regie- und Musikdarbietung.   



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniel Inbal

Inszenierung
Yona Kim  

Bühnenbild und Kostüme
Etienne Pluss     

Chor
Holger Krause
    

Choreographie
Corinna Mindt

Dramaturgie
Ralf Waldschmidt,
Kathrin Liebhäuser

 

Chor und Extrachor des
Theaters Osnabrück
Osnabrücker Symphonieorchester
Bläserphilharmonie Osnabrück e.V.

Statisterie des Theaters Osnabrück


Solisten

Aida
Lina Liu

Amneris
Jeniece Golbourne

Radamès
Ricardo Tamura

Amonasro
Daniel Moon

Ramfis
Genadijus Bergorulko

Der König
Mark Sampson

Ein Bote
Jong-Bae Bu

Operpriesterin
Chihiro Meier-Tejima




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Osnabrück
(Homepage)





Da capo al Fine

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