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Musiktheater
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Die Meistersinger von Nürnberg

Oper in drei Aufzügen
Text und Musik von Richard Wagner


Aufführungsdauer: 5 Stunden, 20 Minuten (2 Pausen)

Premiere im Opernhaus des Staatstheaters Nürnberg am 15. Oktober 2011
(rezensierte Aufführung: 9. Dezember 2011)

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Staatstheater Nürnberg
(Homepage)

Vom Sommernachtstraum zum Sommermärchen?

Von Bernd Stopka / Fotos von Ludwig Olah

Natürlich hat es seinen Reiz Die Meistersinger von Nürnberg in Nürnberg zu erleben. Dennoch ist Wagners Oper nicht ständig im Repertoire des Staatstheaters und hat damit die Chance, nicht zur Touristenattraktion zu werden – so wie Lebkuchen und Rostbratwürstchen. Die nun auf dem Spielplan stehende Neuinszenierung von David Mouchtar-Samorai trägt dazu bei, indem sie folkloristische und historische Anbiederungen vermeidet und sich  szenisch in modernen Gefilden bewegt.

Vergrößerung in neuem Fenster Meister, Lehrbuben und Stolzing im Seitenschiff

Bühnenbildner Heinz Hauser hat sich erklärtermaßen stilistische Anregungen bei Roy Lichtenstein geholt und Bilder geschaffen, die eine eigene Ästhetik haben – aber sie haben eine. Den ersten Akt dominieren Pop-art-Kirchenfenster und verschiebbare Stoffbahnen, die an stilisierte Säulen erinnern. Stuhlstapel verbreiten die offensichtlich für das moderne Regietheater unumgängliche Unordnung auf der Bühne.
Auch für den zweiten Akt bedient er sich der Stilisierung, gibt dem Zuschauer aber mit einer kurzen Projektion auf den Vorhang einen Hinweis zum Verständnis: Balken von Fachwerkbauten werden zu einer filigran anmutenden bläulichen Konstruktion umgedeutet. Das wirkt auf individuelle Weise sehr stimmungsvoll. Die Schusterstube dominieren ein paar farbige Bögen, angedeutete Türen und reichlich Rasterpunkte. Die Festwiese leitet schließlich ein Foto der Stadionsitz-Installation um den Schönen Brunnen ein, die im Jahr 2006 die  Gemüter der Stadt erhitzte, uns aber darauf hinführt, dass die Festwiese zum Fußballstadion wird, ein Ort, an dem zur WM 2006 ähnliche Begeisterung möglich war, wie Wagner sie für seine Festwiese komponiert hat. Urte Eicker hat eine Vielfalt von Stilen für ihre Kostüme herangezogen, Beckmesser ist  (natürlich) eher altmodisch gekleidet und trägt eine nicht eindeutige Kopfbedeckung, die aber sicher genauso bedeutungsvoll ist wie die ziemlich eindeutige gelbe Lilie an seinem Meistertalar. Fast alle anderen Meister versuchen ihre Erscheinung mit Accessoires der gleichen Farbe zu verschönern. Vergeblich, denn die Talare sitzen schlecht und wirken ein bisschen schäbig.

Vergrößerung in neuem Fenster

Pogner (Guido Jentjens), Eva (Michaela Maria Mayer)

Die Personenregie des Regisseurs hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Sie wirkt oft unmotiviert und seltsam künstlich. Entweder haben die überzeugenden unter den Sängerdarstellern mehr Eigeninitiative als die anderen gezeigt oder der Regisseur hat sich stärker für diese Figuren interessiert. Mit einigen Stellen hat er sich intensiv beschäftigt und überfrachtet sie mit symbolhaften Aktionen, Pointen des geistreichen Librettos lässt er dagegen gern verpuffen. Schön ist, dass unter den Meistersingern ein Stuhl für den erkrankten Niklas Vogel frei bleibt, eher peinlich wirkt dagegen, dass Stolzing die Hände wie zu einer Kreuzigung hochgehalten werden, während Kothner die Tabulatur vorliest. Dabei setzen sich die Meister immer wieder hin – als ob sie nicht wüssten, dass er mit den Regeln noch lange nicht fertig ist. Das Probelied erschlagen neue unruhige Projektionen in Blautönen. Feixende Lehrbuben beschließen den ersten Akt.


Vergrößerung in neuem Fenster Sachs (Albert Pesendorfer), Beckmesser (Jochen Kupfer)

Der zweite Akt plätschert ein bisschen dahin. Es scheint, als ob der Regisseur die praktischen Handlungsabläufe eigentlich verweigern will, sie aber doch widerwillig geschehen lässt. Der Fliedermonolog ohne Flieder wird zu einer Rampenarie und Sachs hantiert unmotiviert und unlogisch mit dem Schusterwerkzeug, ohne das Schustern auch nur andeutungsweise glaubhaft zu machen. Zu Beckmessers Fehlern schlägt er die Schuhe aufeinander, nicht mit dem Hammer auf die Sohle. Das verschenkt die textlichen Pointen hier und im dritten Akt. Schließlich tanzt er betrunken. Während die Prügelei von Tänzern dargestellt wird, sitzt der Chor unmotiviert auf der Bühne und singt in den Zuschauerraum. Der ebenfalls betrunkene  Nachtwächter bekommt eine Keule ins Gemächt, Liebespaare rollen sich von der Bühne und Puck legt sich zum Schlafen während Shakespeare durch eine Projektion seines Konterfeis grüßen lässt. Aber auch die Kobolde und Elfen, die während des ganzen Aktes immer mal wieder über die Bühne huschen, können nicht verhindern, dass dieser Sommernachtstraum ohne Zauber bleibt und die nächtliche Schlägerei ohne ihren besonderen, derben Reiz (deren  Texte sind immer mal wieder lesenswert).

Vergrößerung in neuem Fenster

Stolzing (hier: Michael Putsch), Sachs (Albert Pesendorfer) und Eva (Michaela Maria Mayer)

Zu Beginn des dritten Aktes blättert Sachs in einem Folianten mit der Aufschrift „Deutsche Geschichte“ und betrachtet eine kleine edle Truhe, die sich erst später bei Beckmessers Pantomime erklärt: Sie enthält Kippa, Davidsstern, Kreuz, Gebetsteppich und einen Ring. Beckmesser betrachtet alles und stielt den Ring, gibt ihn Sachs aber wieder zurück, nachdem der ihm den Preisliedtext geschenkt hat. Lessings Ringparabel aus „Nathan der Weise“ ist ebenso wundervoll schön wie hier fehl am Platze. Der Einfall wirkt unangenehm klug. 

Den Bund zwischen Eva und Stolzing besiegelt Sachs mit einem angedeuteten Zusammennageln ihrer Hände auf dem Leisten. Vor dem im konzertanten Stil vorgetragenen Quintett erhält nicht nur David, sondern auch Stolzing eine Meister-Ohrfeige (Das Preislied entspricht exakt den Regeln des Meistergesanges). Die Fußballwiese bietet ein quirliges Durcheinander von schwarz-rot-goldenen Kostümen, Perücken, Fahnen usw. Soll da wirklich ein direkter Weg vom  „Sommernachtstraum“ zum „Sommermärchen“ führen? Der Aufzug der Zünfte wird tänzerisch  dargestellt, der ganze Chor singt alle Zunftgesänge mit. Aus einem Scheiterhaufen mit dem Schriftbanner „Alte Geister“ entsteigt ein modernes Kunstwerk, Eva „Der Preis“ wird mit einer Sackkarre hereingefahren. Zu Sachsens Ansprache wendet sich das Volk ab und schwenkt dann zum Schlusschor keine deutschen Fahnen mehr, sondern hat sie durch europäische ersetzt. Eine deutliche, aber doch etwas aufgesetzte Aussage, die auf seltsame Weise belehrend wirkt.



Vergrößerung in neuem FensterSachs (Albert Pesendorfer), Eva (Michaela Maria Mayer), Stolzing (hier: Michael Putsch)

Albert Pesendorfer bringt anscheinend unerschöpfliche Kraftreserven für die anspruchsvolle Partie des Hans Sachs mit und singt sich in der Schlussansprache noch einmal richtig frei. Seinen kernigen, großen Bass könnte er gern mit einigen weiteren Stimmfarben bereichern. Gestalterisch und gesanglich ist Jochen Kupfer ein großartiger Beckmesser. Bis ins kleinste Detail hat er seine Partie ausgestaltet und ist damit einer der überzeugenden Sängerdarsteller des Abends. Gleiches gilt für Michaela Maria Mayer, die mit vielfarbig blühendem, innigem Sopran eine liebliche, aber doch selbstbewusste Eva gibt. Ausgesprochen schön timbriert singt Leila Pfister die Magdalene. Tilman Lichdi ist ein gleichermaßen spielfreudiger, wie schön singender David, Randall Jakobsh ein stimmgewaltiger Nachtwächter. Als Pogner lässt Guido Jentjens einen kultivierten, runden Bass hören, Martin Berner überzeugt als Kothner. Auch die so genannten „kleinen Meister“ sind ansprechend besetzt. Im kraftvoll singenden Chor haben die Männerstimmen bei der Prügelfuge ein paar Schwierigkeiten, was bei der Komplexität der Partitur immer mal wieder vorkommen kann. Für seinen erkrankten Kollegen war kurzfristig Richard Decker als Stolzing eingesprungen und sang die Partie vom linken Bühnenrand aus, während Ulrich Proschka, Regieassistent der Produktion, die Rolle auf der Bühne spielte. Das gelang ihm ausgesprochen überzeugend und verdient ein Extralob.

SzenenfotoSchlußbild: Sachs (Albert Pesendorfer), Beckmesser (Jochen Kupfer, links neben ihm), Chor

Das Orchester beherrscht seinen Part trotz kleinerer Ungenauigkeiten, ist aber fast durchweg viel zu laut. Guido Johannes Rumstadt hält Bühne und Graben zusammen, sein Dirigat wirkt aber oft eher poltrig und uninspiriert, auch legt er kein besonderes Augenmerk auf die filigranen Stellen der Partitur. So klingt zum Beispiel das Vorspiel zum dritten Akt langsam, aber nicht stimmungsvoll.



FAZIT

Eine uneinheitliche Inszenierung, die sich momentweise als modernes Regietheater recht aufdringlich selbst feiert, über lange Strecken aber langweilig dahinplätschert. Selten hat mich eine Meistersinger-Produktion so kalt gelassen. Gesanglich begeistern besonders Michaela Maria Mayer als Eva und Jochen Kupfer als Beckmesser.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Guido Johannes Rumstadt

Inszenierung
David Mouchtar-Samorai

Bühnenbild
Heinz  Hauser

Kostüme
Urte Eicker

Chor
Tarmo Vaask

Choreographie
Joshua Monten

Licht
Karl-Heinz Kornberger

Dramaturgie
Kai Weßler


Staatsphilharmonie
Nürnberg

Chor, Extrachor,
Statisterie und
Bewegungsensemble
des Staatstheaters Nürnberg


Solisten

Hans Sachs
Albert Pesendorfer

Veit Pogner
Guido Jentjens

Kunz Vogelgesang
Christoph Wittmann

Konrad Nachtigall
Oliver Weidinger

Sixtus Beckmesser
Jochen Kupfer

Fritz Kothner
Martin Berner

Balthasar Zorn
Martin Platz

Ulrich Eisslinger
Ulfried Haselsteiner

Augustin Moser
Jörn Lindemann

Hermann Ortel
Yong Jae Moon

Hans Schwarz
Vladislav Solodyagin

Hans Foltz
Ddaeyoung Kim

Walther von Stolzing
Richard Decker (singt)
Ulrich Proschka (spielt)

David
Tilman Lichdi

Eva
Michaela Maria Mayer

Magdalene
Leila Pfister

Ein Nachtwächter
Randall Jakobsh




Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatstheater Nürnberg
(Homepage)




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