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Musiktheater
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Eva

Operette in drei Akten
Text von Alfred Maria Willner und Robert Bodanzky
Musik von Franz Lehár

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Staatstheaters Mainz am 10. November 2011
(rezensierte Aufführung: 13.11.2011)




Staatstheater Mainz
(Homepage)

Träume aus Glas

Von Thomas Molke / Fotos von Martina Pippich

Franz Lehárs Werke gehören sicherlich zum gängigen Operetten-Repertoire jeder deutschen Musiktheaterbühne. In der Regel handelt es sich dabei jedoch um Publikumsrenner wie Die lustige Witwe, Das Land des Lächelns oder Der Zarewitsch. Dass das Staatstheater Mainz mit Eva 100 Jahre nach der Uraufführung in Wien ein Werk auf die Bühne bringt, welches nach dem zweiten Weltkrieg nahezu vollständig aus den Spielplänen verschwunden und dadurch in Vergessenheit geraten ist, stellt schon eine Besonderheit dar, zumal bei der musikalischen Vielfalt und der Eingängigkeit der Melodien kaum nachvollziehbar ist, wieso diese Operette im Gegensatz zu Lehárs anderen Meisterwerken solch ein Schattendasein führt. Liegt es an dem sozialen Milieu, in dem das Werk spielt? Schließlich löste die Tatsache, dass in einer Operette erstmals Fabrikarbeiter auf die Bühne gebracht wurden, bei der Uraufführung einen gewissen Theaterskandal aus. Man beabsichtigte nämlich, sich in der Operette in eine realitätsferne Welt zu träumen, die nichts mit dem eigenen tristen Alltag gemein hatte. Wollte man folglich in Zeiten des Wiederaufbaus nach dem Krieg auch lieber weiter in Operettenseligkeit schwelgen, die ferne Länder oder längst vergangene Zeiten heraufbeschwor? In Mainz jedenfalls wagt man den Versuch, diesen versunkenen Schatz auf Operettentauglichkeit für ein heutiges Publikum zu untersuchen, und trifft bei den Zuschauern auf breite Zustimmung.

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Eva (Vida Mikneviciute) träumt sich bei der Arbeit in der Glasfabrik in eine andere Welt.

Lehárs Vorlage für die Textdichtung war Ernst von Wildenbachs 1890 in Berlin uraufgeführtes Drama Die Haubenlerche, welches in einer Papierfabrik in der Nähe von Berlin spielt und das Schicksal der jungen Arbeiterin Lene beschreibt. Lehárs Librettisten verlegen die Handlung nach Brüssel in eine Glasfabrik. Dort arbeitet die junge Eva, die der Vorarbeiter Larousse aus Verbundenheit zu ihrer verstorbenen Mutter bei sich aufgenommen hat. Eva träumt von einem mondänen Leben fern vom tristen Alltag in der Fabrik, und ihr Traum scheint sich zu erfüllen, als der neue Fabrikchef Octave Flaubert, der seine Zeit bisher als Lebemann in der Pariser Halbwelt verbracht hat, der jungen Frau Avancen macht. Doch während Eva an eine tiefe innige Beziehung glaubt, sucht Octave in der jungen Arbeiterin nur einen amourösen Flirt. Enttäuscht verlässt Eva Brüssel, findet in Paris bei Pipsi, einer Verkäuferin, die sich ihren Lebensunterhalt mit Beziehungen zu wohlhabenden Männern aufbessert, Unterschlupf und steht kurz davor, einen einflussreichen Herzog zu erobern, den sie zwar nicht liebt, der ihr aber ein sorgenfreies Leben bieten kann. Doch da steht plötzlich Octave vor der Tür, weil er sich seiner Gefühle für Eva bewusst geworden ist, und will mit ihr einen Neuanfang wagen.

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Octave Flaubert (Alexander Spemann, rechts) zeigt sich als neuer Fabrikchef sehr spendabel (Mitte: Prunelles (Joachim Mäder), im Hintergrund: Chor).

Regisseurin Cordula Däuper scheint diesem operettenseligen Happy End sehr kritisch gegenüberzustehen. So lässt sie zu Beginn als eine Art Traumbild Evas Mutter in einer Videoprojektion in einem weißen Hochzeitskleid mit einer großen roten Rose auf dem Kleid aus einem Pappkarton der Glasfabrik aufsteigen und an der Rückwand entlang tanzen, während Eva in der Arie "Im heimlichen Dämmer der silbernen Ampel" ihre Mutter als Vorbild idealisiert. In diesem Kleid tanzt die Mutter auch mit Larousse im dritten Akt über die Bühne, während Eva sich mit dem Gebet "Herrgott, lass mir doch den Leichtsinn nur" in den reißenden Strom der Großstadt Paris stürzen will. Evas Mutter hat bei diesem Tanz das Gesicht einer Toten und mit diesem Totenkopf beobachtet sie auch im Folgenden ihre Tochter, die nicht nur das gleiche Kleid mit der Rose anlegt, sondern auch die Frisur ihrer Mutter imitiert. Will Däuper damit andeuten, dass Eva genauso wie ihre Mutter enden wird? Dass der Buchhalter Prunelles Eva am Ende eine hellblaue Schärpe mit den Worten "Happy End" umhängt, während sie mit Octave in einem Pappkarton der Glasfabrik steht, kann nicht vom Gegenteil überzeugen, sondern lässt Evas Schicksal, wenn überhaupt, eher offen.

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Pipsi (Tatjana Charalgina) liegt nicht nur Dagobert (Thorsten Büttner) zu Füßen (im Hintergrund: der Herrenchor).

Auch Jochen Schmitts Bühnenbild unterstützt den eher pessimistischen Ansatz, dass die halbseidene Pariser Welt keine Alternative zu der eintönigen Glasfabrik darstellt. Während die einzigen Farbtupfer in der grauen Fabrik das rote Schild, welches die Arbeiter auf die Pappkartons kleben und mit dem sie auf die Zerbrechlichkeit der Ware hinweisen, und das grüne Firmenemblem sind, das zynischer Weise einen zerbrochenen Kelch zeigt, was durchaus nachvollziehen lässt, wieso Eva dieser Welt entfliehen will, bieten die Glaswände, die im zweiten Akt Octaves Villa hermetisch von der Außenwelt abriegeln und im dritten Akt Pipsis und Evas recht ärmliche Behausung in Paris darstellen, auch kein besseres Leben. Während zu Beginn zahlreiche Kleiderständer mit weißen Hochzeitskleidern Eva das Gefühl geben, mit Octave dem Fabrikalltag entfliehen zu können, ist der Raum, nachdem Eva selbst das weiße Kleid angelegt hat, klinisch leer und bietet weder Schutz noch Geborgenheit. Im dritten Akt wirbeln dann mit Pappkartons aus der Glasfabrik und bunten Kostümen beide Welten in dem Glaskäfig durcheinander und deuten eine gewisse Ausweglosigkeit an.

Justina Klimczyk kleidet die Fabrikarbeiter in tristes Grau, während die Pariser Gesellschaft in sehr üppigen und bunten Kostümen auftritt. Aber alles ist nur falscher Schein, wie die zahlreichen Totenkopfmasken der Pariser Halbwelt zweigen. In diesem Ambiente muss ein unschuldiges Mädchen wie Eva in ihrem weißen Kleid eigentlich zwangsläufig so zerbrechen, wie es ihrer Mutter einst auch widerfahren ist.

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Happy End für Eva (Vida Mikneviciute) und Octave (Alexander Spemann)?

Gesungen wird auf hohem Niveau. Obwohl Vida Mikneviciute vor der Vorstellung als indisponiert entschuldigt wird, merkt man ihr die Erkältung nur in den gesprochenen Passagen an. Ansonsten meistert sie die Titelpartie mit leuchtendem Sopran, der auch in den Höhen über die erforderliche Durchschlagskraft verfügt. Alexander Spemann stattet Octave Flaubert mit kräftiger leicht baritonaler Färbung aus und überzeugt vor allem in den innigen Duetten mit Mikneviciute. Auch das Buffo-Paar begeistert auf ganzer Linie. Tatjana Charalgina gibt eine recht quirlige Pipsi, die es mit leichtem Sopran versteht, die Männer nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Thorsten Büttner gefällt als ihr Verehrer Dagobert mit strahlendem Tenor und legt die Figur herrlich naiv an. Joachim Mäder setzt als Prunelles vor allem komische Akzente. Da er als Gast vom Schauspiel kommt, verfügt er eher über eine Musicalstimme und kann in den Terzetten und Duetten stimmlich nicht so auftrumpfen wie seine Kollegen. Dagegen verfügt er allerdings über eine ungeheure Bühnenpräsenz, die sich auch dann äußert, wenn er sich während des Liebesduettes zwischen Eva und Octave im zweiten Akt eigentlich nur aus dem Bild schleichen will.

Der Chor überzeugt stimmlich durch einen sehr homogenen Klang und macht auch in den Tänzen mit der Statisterie eine gute Figur. Sebastian Hernandez-Laverny holt mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz einen sehr süffigen Operetten-Klang aus dem Orchestergraben, wobei die Melodien teilweise an Lehárs lustige Witwe oder an Filmmusik der 50er Jahre erinnern. So gibt es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten.


FAZIT

Wer in der Operette einmal etwas anderes als das gängige Repertoire kennen lernen möchte, ist gut beraten, nach Mainz zu fahren. Für den Silvesterabend (20 Uhr) beziehungsweise -nachmittag (15 Uhr) bietet diese Produktion eine willkommene Abwechslung.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sebastian Hernandez-Laverny

Inszenierung
Cordula Däuper

Bühne
Jochen Schmitt

Kostüme
Justina Klimczyk

Licht
Peter Meier

Choreinstudierung
Sebastian Hernandez-Laverny

Dramaturgie
Carsten Jenß





Chor und Statisterie des
Staatstheaters Mainz

Philharmonisches
Staatsorchester Mainz


Solisten

Octave Flaubert
Alexander Spemann

Dagobert Millefleurs
Thorsten Büttner

Pepita Désirée Paquerette (Pipsi)
Tatjana Charalgina

Bernard Larousse
Ks. Jürgen Rust

Eva
Vida Mikneviciute

Prunelles
Joachim Mäder

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Staatstheater Mainz
(Homepage)



Da capo al Fine

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