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Träume aus Glas
Von Thomas Molke /
Fotos von Martina Pippich
Franz Lehárs Werke gehören sicherlich zum gängigen Operetten-Repertoire jeder
deutschen Musiktheaterbühne. In der Regel handelt es sich dabei jedoch um
Publikumsrenner wie Die lustige Witwe, Das Land des Lächelns oder
Der Zarewitsch. Dass das Staatstheater Mainz mit Eva 100 Jahre
nach der Uraufführung in Wien ein Werk auf die Bühne bringt, welches nach dem
zweiten Weltkrieg nahezu vollständig aus den Spielplänen verschwunden und
dadurch in Vergessenheit geraten ist, stellt schon eine Besonderheit dar, zumal
bei der musikalischen Vielfalt und der Eingängigkeit der Melodien kaum
nachvollziehbar ist, wieso diese Operette im Gegensatz zu Lehárs anderen
Meisterwerken solch ein Schattendasein führt. Liegt es an dem sozialen Milieu,
in dem das Werk spielt? Schließlich löste die Tatsache, dass in einer Operette
erstmals Fabrikarbeiter auf die Bühne gebracht wurden, bei der Uraufführung
einen gewissen Theaterskandal aus. Man beabsichtigte nämlich, sich in der
Operette in eine realitätsferne Welt zu träumen, die nichts mit dem eigenen
tristen Alltag gemein hatte. Wollte man folglich in Zeiten des Wiederaufbaus
nach dem Krieg auch lieber weiter in Operettenseligkeit schwelgen, die ferne
Länder oder längst vergangene Zeiten heraufbeschwor? In Mainz jedenfalls wagt
man den Versuch, diesen versunkenen Schatz auf Operettentauglichkeit für ein
heutiges Publikum zu untersuchen, und trifft bei den Zuschauern auf breite
Zustimmung.
Eva (Vida Mikneviciute) träumt sich bei der
Arbeit in der Glasfabrik in eine andere Welt.
Lehárs Vorlage für die Textdichtung war Ernst von Wildenbachs 1890 in Berlin
uraufgeführtes Drama Die Haubenlerche, welches in einer Papierfabrik in
der Nähe von Berlin spielt und das Schicksal der jungen Arbeiterin Lene
beschreibt. Lehárs Librettisten verlegen die Handlung nach Brüssel in eine
Glasfabrik. Dort arbeitet die junge Eva, die der Vorarbeiter Larousse aus
Verbundenheit zu ihrer verstorbenen Mutter bei sich aufgenommen hat. Eva träumt
von einem mondänen Leben fern vom tristen Alltag in der Fabrik, und ihr
Traum scheint sich zu erfüllen, als der neue Fabrikchef Octave Flaubert, der
seine Zeit bisher als Lebemann in der Pariser Halbwelt verbracht hat, der jungen
Frau Avancen macht. Doch während Eva an eine tiefe innige Beziehung glaubt,
sucht Octave in der jungen Arbeiterin nur einen amourösen Flirt. Enttäuscht
verlässt Eva Brüssel, findet in Paris bei Pipsi, einer Verkäuferin, die sich
ihren Lebensunterhalt mit Beziehungen zu wohlhabenden Männern aufbessert,
Unterschlupf und steht kurz davor, einen einflussreichen Herzog zu erobern, den
sie zwar nicht liebt, der ihr aber ein sorgenfreies Leben bieten kann. Doch da
steht plötzlich Octave vor der Tür, weil er sich seiner Gefühle für Eva bewusst
geworden ist, und will mit ihr einen Neuanfang wagen.
Octave Flaubert (Alexander Spemann, rechts) zeigt
sich als neuer Fabrikchef sehr spendabel (Mitte: Prunelles (Joachim Mäder), im
Hintergrund: Chor).
Regisseurin Cordula Däuper scheint diesem operettenseligen Happy End sehr
kritisch gegenüberzustehen. So lässt sie zu Beginn als eine Art Traumbild Evas
Mutter in einer Videoprojektion in einem weißen Hochzeitskleid mit einer großen
roten Rose auf dem Kleid aus einem Pappkarton der Glasfabrik aufsteigen und an
der Rückwand entlang tanzen, während Eva in der Arie "Im heimlichen Dämmer der
silbernen Ampel" ihre Mutter als Vorbild idealisiert. In diesem Kleid tanzt die
Mutter auch mit Larousse im dritten Akt über die Bühne, während Eva sich mit dem
Gebet "Herrgott, lass mir doch den Leichtsinn nur" in den reißenden Strom der
Großstadt Paris stürzen will. Evas Mutter hat bei diesem Tanz das Gesicht einer
Toten und mit diesem Totenkopf beobachtet sie auch im Folgenden ihre Tochter,
die nicht nur das gleiche Kleid mit der Rose anlegt, sondern auch die Frisur
ihrer Mutter imitiert. Will Däuper damit andeuten, dass Eva genauso wie ihre
Mutter enden wird? Dass der Buchhalter Prunelles Eva am Ende eine hellblaue
Schärpe mit den Worten "Happy End" umhängt, während sie mit Octave in einem
Pappkarton der Glasfabrik steht, kann nicht vom Gegenteil überzeugen, sondern
lässt Evas Schicksal, wenn überhaupt, eher offen.
Pipsi (Tatjana Charalgina) liegt nicht nur
Dagobert (Thorsten Büttner) zu Füßen (im Hintergrund: der Herrenchor).
Auch Jochen Schmitts Bühnenbild unterstützt den eher pessimistischen Ansatz,
dass die halbseidene Pariser Welt keine Alternative zu der eintönigen Glasfabrik
darstellt. Während die einzigen Farbtupfer in der grauen Fabrik das rote Schild,
welches die Arbeiter auf die Pappkartons kleben und mit dem sie auf die
Zerbrechlichkeit der Ware hinweisen, und das grüne Firmenemblem sind, das
zynischer Weise einen zerbrochenen Kelch zeigt, was durchaus nachvollziehen
lässt, wieso Eva dieser Welt entfliehen will, bieten die Glaswände, die im
zweiten Akt Octaves Villa hermetisch von der Außenwelt abriegeln und im dritten
Akt Pipsis und Evas recht ärmliche Behausung in Paris darstellen, auch kein
besseres Leben. Während zu Beginn zahlreiche Kleiderständer mit weißen
Hochzeitskleidern Eva das Gefühl geben, mit Octave dem Fabrikalltag entfliehen
zu können, ist der Raum, nachdem Eva selbst das weiße Kleid angelegt hat,
klinisch leer und bietet weder Schutz noch Geborgenheit. Im dritten Akt wirbeln
dann mit Pappkartons aus der Glasfabrik und bunten Kostümen beide Welten in dem
Glaskäfig durcheinander und deuten eine gewisse Ausweglosigkeit an.
Justina Klimczyk kleidet die Fabrikarbeiter in tristes Grau, während die Pariser
Gesellschaft in sehr üppigen und bunten Kostümen auftritt. Aber alles ist nur
falscher Schein, wie die zahlreichen Totenkopfmasken der Pariser Halbwelt
zweigen. In diesem Ambiente muss ein unschuldiges Mädchen wie Eva in ihrem
weißen Kleid eigentlich zwangsläufig so zerbrechen, wie es ihrer Mutter einst
auch widerfahren ist.
Happy End für Eva (Vida Mikneviciute) und Octave
(Alexander Spemann)?
Gesungen wird auf hohem Niveau. Obwohl Vida Mikneviciute vor der Vorstellung als
indisponiert entschuldigt wird, merkt man ihr die Erkältung nur in den
gesprochenen Passagen an. Ansonsten meistert sie die Titelpartie mit leuchtendem
Sopran, der auch in den Höhen über die erforderliche Durchschlagskraft verfügt.
Alexander Spemann stattet Octave Flaubert mit kräftiger leicht baritonaler
Färbung aus und überzeugt vor allem in den innigen Duetten mit Mikneviciute.
Auch das Buffo-Paar begeistert auf ganzer Linie. Tatjana Charalgina gibt eine
recht quirlige Pipsi, die es mit leichtem Sopran versteht, die Männer nach ihrer
Pfeife tanzen zu lassen. Thorsten Büttner gefällt als ihr Verehrer Dagobert mit
strahlendem Tenor und legt die Figur herrlich naiv an. Joachim Mäder setzt als
Prunelles vor allem komische Akzente. Da er als Gast vom Schauspiel kommt,
verfügt er eher über eine Musicalstimme und kann in den Terzetten und Duetten
stimmlich nicht so auftrumpfen wie seine Kollegen. Dagegen verfügt er allerdings
über eine ungeheure Bühnenpräsenz, die sich auch dann äußert, wenn er sich
während des Liebesduettes zwischen Eva und Octave im zweiten Akt eigentlich nur
aus dem Bild schleichen will.
Der Chor überzeugt stimmlich durch einen sehr homogenen Klang und macht auch in
den Tänzen mit der Statisterie eine gute Figur. Sebastian Hernandez-Laverny holt
mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz einen sehr süffigen
Operetten-Klang aus dem Orchestergraben, wobei die Melodien teilweise an Lehárs
lustige Witwe oder an Filmmusik der 50er Jahre erinnern. So gibt es am
Ende großen Beifall für alle Beteiligten.
Wer in der Operette einmal etwas anderes als das gängige Repertoire kennen
lernen möchte, ist gut beraten, nach Mainz zu fahren. Für den Silvesterabend (20
Uhr) beziehungsweise -nachmittag (15 Uhr) bietet diese Produktion eine
willkommene Abwechslung.
Ihre Meinung
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme Licht Choreinstudierung Dramaturgie
Philharmonisches Solisten
Octave Flaubert
Dagobert Millefleurs
Pepita Désirée Paquerette (Pipsi)
Bernard Larousse
Eva
Prunelles
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