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Das Rheingold

Vorabend des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“
Text und Musik von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Dauer der Aufführung 2 ¾  Stunden. Keine Pause

Premiere am 28. Oktober 2011 im Nationaltheater Mannheim



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Nationaltheater Mannheim
(Homepage)
Noch unausgegoren

Von Christoph Wurzel / Fotos von Hans Jörg Michel


Der Start des neuen Mannheimer Ring stand unter keinem guten Stern. Im Spielzeitheft, das Anfang Juli erschien, war als Regisseur noch Christof Nel angegeben, fast gleichzeitig aber platzte die Nachricht mitten in die bereits angelaufenen Vorbereitungen zur Rheingold-Premiere, dass daraus nichts würde, denn „unterschiedliche Sichtweisen des Regisseurs und des Hauses im Arbeitsprozess“ hätten „nicht zur Deckung gebracht werden können“. Bereits Mitte Juli stand  der Einspringer schon fest: Kein Geringerer als Achim Freyer – in Mannheim bestens bekannt, beliebt mit Médée und Traviata, geschätzt als „Theatermagier“ und „Regisseur des Jahres 2011“, würde den Ring nun inszenieren. Zwar hatte Freyer erst kurz zuvor (2009/10) einen üppig ausgestatteten Ring in Los Angeles auf die Bühne gestemmt, in bunten Bildern, mit überbordender Phantasie, ohne Gesamtkonzept, doch dabei „radikal persönlich“, wie die Fachpresse urteilte, aber für Mannheim sollte es etwas Anderes sein, wie der Allrounder Freyer (Regie, Bühne, Kostüme, Licht) bekundete. Nun ist das Rheingold dort also zu Tage gefördert und man muss leider feststellen: die Zeit hat wohl nicht gereicht. Es ist eine nur sparsame und unausgegorene Aufführung herausgekommen. So furios wie an Amerikas Ostküste kam Freyer an Rhein und Neckar nicht an.

Foto kommt später Riesen, Puppen, Götter ratlos im Bühnenraum: Hans Peter Scheidegger (Fasolt), Edna Prochnik (Fricka), Jürgen Müller (Loge), Thomas Jesatko (Wotan), In-Sung Sim (Fafner) (von links)

Auch in Mannheim hat Freyer explizit darauf verzichtet, die Geschichte stringent zu erzählen, die Handlung parallel zur Musik zu entwickeln. Psychologische Durchdringung, dramaturgische Spannung sind Freyers Sache offenbar nicht. Die Rheingold-Szenerie ist ein mythischer und zugleich futuristisch bebilderter Ort, ja ein eigener Kosmos dessen Dimensionen „Bild“ und „Musik“ symbolisch an den Seitenwänden markiert sind. Dort hängen hoch über der Bühne im linken Eck die Figur eines Malers vor seiner Staffelei und rechts ein Paukenschlägel schwingender Brusttorso vor einer  Trommelscheibe ähnlich den Allegorien der Künste in manchen historischen Musentempeln. Und wirklich gehen Bühnenaktion und Musik zumeist recht deutlich entgegen gesetzte Wege. Freyers assoziative Art zu inszenieren ist sicher irgendwie originell, doch ähnlich wie die Regieweise von Robert Wilson, mit dem er offensichtlich die Vorliebe für schematisierte Gestik teilt, gerät auch er in Gefahr, in kunsthandwerkliche Beliebigkeit abzugleiten. Denn Freyer „erzählt“ nichts oder nicht viel, er lenkt nur den Blick auf optische Reize, während die Musik das Ihrige tut. Und das sind vor allem die skurrilen Kostümierungen der Darsteller zwischen Miro und Science Fiction: ein Wotan mit Tiara und Zyklopenauge, Fricka mit Baguette-Hut, Freia mit  Apfelbrüsten und –bäumchen auf dem Kopf, ein fünfarmiger Loge, Riesen, denen über dem Kopf noch ein Oberkörper aufgebockt wurde, Anspielungen, die irgendwie passen, sich aber auch im Verlauf des Abends abnutzen.

Nicht allein Graben und Bühne, auch Text und Aktion fallen zumeist recht deutlich auseinander. Regelrecht misslungen ist gleich die erste Szene „Auf dem Grunde des Rheines“, in der eigentlich die schwimmenden Rheintöchter den lauernden Alberich umgarnen, der ihnen dafür im erotischen Kampf das Rheingold entwindet. Freyer zeigt dies als statische Gesangsnummer der drei Frauen, die, jede mit anderen Attributen versehen (einem Fisch, einer Geige und Riesenbrüsten) vom Schwebebalken hoch über dem Bühnenboden den direkt an der Rampe dem Publikum zugewandt stehenden Alberich ansingen. Diese erste Szene, sonst geeignet, die Zuschauer  in die Geschichte zu ziehen, löst sich hier nur in Langeweile auf.

Foto kommt später

Der Tarnhelm-Zylinder: Karsten Mewes als Alberich

Die „Freie Gegend auf Bergeshöhen“ besteht aus den Scheiben der Drehbühne, die um einander kreisen und von denen aus sich die Figuren wie Bewohner von Nachbarplaneten klein wie Puppen wahrnehmen, die sich tatsächlich als kleine Modelle der Götterfiguren an einander vorbei drehen. Anscheinend planlos bewegen sich dazwischen auch die Götterdarsteller und wirken vollkommen verloren inmitten des Kreisens der Bodenscheiben. Erst in der letzten Szene wird es auch körperliche Nähe zwischen ihnen geben, wenn Fricka ihren eigenen Miniaturzwilling mit der Wotanpuppe zu einem Paar verbindet: Hoffnung wohl auf traute Gemeinsamkeit in Walhall. Am Schluss gibt es keine Brücke, über welche die Götter zur Burg schreiten, sondern buchstäblich stehen sie „ihrem Ende entgegen“, während Alberich einen kleinen Jungen im weißen Clownskostüm und mit roter Nase balancierend vor sich hertreibt. Ob das wohl Siegfried sein soll, der „Held“?

Wenn schon Magie, denkt man, dann müssten die Bilder doch Atmosphäre entwickeln, bannen, faszinieren. An diesem Abend jedoch gelingt dies allenfalls zur Hälfte, denn immerhin zwei überzeugend gelungene Szenbilder gibt es, in denen so etwas wie sinnlicher Zauber aufkommt. Es ist dies die Verwandlungsszene, wenn Alberich unter dem Tarnhelm verschwindet und Wotan aus dem großen Zylinder eine kleine Alberich-Puppe zieht. Da blitzt etwas von dem Witz auf, der hier angelegt ist. Die stärkste Szene ist Erdas Auftritt mit dem Medusenkopf aus Wurzelgeäst, verdoppelt in Gestalt der Sängerin aus dem qualmenden Erdloch und von oben zugleich herabfahrend als Videoprojektion. Hier kommt eine Ahnung von wirklicher Bühnenmagie auf und der Schauer der Szene kann sich ins Publikum übermitteln. Mehr davon hätte man sich den ganzen Abend über gewünscht.

Foto kommt später

Orakel und Warnung der Wala: Simone Schröder als Erda

 

Auch sängerisch überwiegt die Enttäuschung. Manche Solisten mussten am Schluss kräftige Buhs einstecken. Ganz überzeugen konnten nur die großartige Simone Schröder als Erda und der sonor deklamierende Thomas Jesatko als Wotan. Jürgen Müller gestaltete einen darstellerisch präsenten Loge, blieb stimmlich aber etwas eindimensional. Dagegen gewann Karsten Mewes der Alberich-Rolle auch sängerisch zahlreiche Facetten ab. In dieser Gestalt gibt Freyer als einziger einen konkreten Hinweis durch Führerbärtchen und Hitlergruß. Regelrecht ärgerlich das total inhomogene Rheintöchterterzett. Ansonsten hört man solides Mittelmaß, nicht genug dafür, was man sonst in Mannheim gewohnt ist.

Auch im Orchester kaum Glanz, zu viel Nervosität noch am Anfang, wo sich sinfonischer Wohlklang erst nach und nach einstellt. Dann gibt es auch ausgefeilte Passagen und schöne Bläsersoli. Bis zum Schluss kann die Spannung jedoch nicht ganz halten. Da zerfällt der Klang wieder in Einzelteile.


FAZIT

„So ein Mist!“ rief ein Premierenbesucher in den verlöschenden Schlussakkord. Ganz so schlimm war es dann doch nicht. Aber allein phantasievolle Gestalten und enigmatisches Dekor machen noch keine stimmige Inszenierung aus. Vielleicht hat Freyer zu sehr darauf vertraut, dass seine Manier allein für einen spannenden Abend genügend tragfähig ist. Eine Nachpolitur könnte dieses Rheingold also vertragen: subtile Aktion, raffinierteres Licht. Eine „Werkstatt Mannheim“ wäre hier anzuraten. Musikalisch waren die Leistungen alles in allem erträglich - kein Glanz, aber auch keine Ausfälle. Die Ring-Erwartungen waren recht hoch gesteckt. In Mannheim hat man dieses Mal jedoch kein Gold aus dem Rhein gehoben.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Dan Ettinger

Inszenierung / Bühne /
Kostüme / Lichtkonzeption
Achim Freyer

Licht
Ralph Schanz

Dramaturgie
Regine Elzenheimer

Mitarbeit Regie
Sebastian Bauer

Mitarbeit Bühne / Kostüme
Petra Weikert

Mitarbeit konzeptionelle Vorbereitung

Tilman Hecker



Statisterie des
Nationaltheaters Mannheim

Orchester des
Nationaltheaters Mannheim


Solisten

Wotan
Thomas Jesatko

Donner
Thomas Berau

Froh
Juhan Tralla

Loge
Jürgen Müller

Alberich
Karsten Mewes

Mime
Uwe Eikötter

Fasolt
Hans Peter Scheidegger

Fafner
In-Sung Sim

Fricka

Edna Prochnik

Freia
Iris Kupke

Erda
Simone Schröder

Woglinde
Katharina Göres

Wellgunde
Anne-Theresa Møller

Floßhilde
Andrea Szántó





Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Nationaltheater Mannheim
(Homepage)



Da capo al Fine

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