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Joseph Süß

Oper in 13 Szenen
Libretto von Werner Fritsch und Uta Ackermann
Musik von Detlev Glanert (*1960)


in deutscher Sprache
Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Übernahme-Premiere im Theater Krefeld am 29. Oktober 2011
(Premiere im Theater Mönchengladbach am 16. April 2011)


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Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Vom Untergang eines Finanzjongleurs

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte


Ausgerechnet die Figur des Joseph Süß Oppenheimer als Sujet einer Oper zu wählen, ist eine mutige, in jedem Fall eine brisante Entscheidung. Veit Harlans Spielfilm Jud Süß (1940) mit gleichem Thema gilt als der antisemitische Hetzfilm schlechthin. Über 20 Millionen Menschen sollen den Film bis 1943 gesehen haben. Vorausgegangen war ein Roman von Lion Feuchtwanger (1925), den Harlan allerdings nicht gekannt haben will, vielmehr bezieht sich das Drehbuch auf eine Novelle von Wilhelm Hauff. Im Mittelpunkt steht bei allen Fassungen die Figur des jüdischen Finanzbeamten Joseph Süß Oppenheimer, der als Günstling des regierenden Herzog Karl Alexander zunehmend an Einfluss (und Geld) gewann, nach dessen Tod des Landesverrats angeklagt und im Jahr 1738 öffentlich hingerichtet wurde. Ein Stoff also, der historisch stark belastet ist.

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Uternehmerglück: Der Herzog (Christoph Erpenbeck, links) mit Joseph Süß Oppenheimer (Ivor Gavrilov), rechts Gegenspieler Weißensee (Walter Planté)

Die beiden Librettisten Werner Fritsch und Uta Ackermann hatten bei der Konzeption der vom Bremer Theater in Auftrag gegebenen und dort 1999 uraufgeführten Oper nicht nur die Geschichte an sich, sondern auch die, gelinde gesagt, schwierige Rezeption im Kopf. Der Anspruch, dem nach seinem eigentlichen Tod auch noch „künstlerisch“ abgeurteilten Joseph Süß Oppenheimer mit den Mitteln des Musiktheaters rehabilitieren zu wollen, ist irgendwo zwischen ambitioniert und vermessen einzuordnen. Er scheitert freilich schon dadurch, diesen Eindruck jedenfalls vermittelt diese (bereits im Frühjahr in Mönchengladbach gezeigte, jetzt ins Krefelder Haus des Zwei-Städte-Theaters übernommene) Inszenierung, dass die Handlung um einige arg opernkonventionelle Nebenstränge erweitert wurde, nämlich die Frauen – auch wenn das (in unterschiedlichen Konstellationen) bei Feuchtwanger wie Harlan vorgezeichnet ist. Der Titelfigur eine Tochter unterzuschieben, die dieser (natürlich vergeblich) vor dem lüsternen Herzog verbergen will, das entspricht so genau dem (auch nicht gerade besonders glaubwürdigen) Rigoletto-Plot, dass es schon unfreiwillig parodistisch wirkt. Eine italienische Opernsängerin einzufügen, die den Herzog zum Bau eines Theaters bewegen will, spielt mehr dem Regisseur (mehr dazu unten) als einer stringenten Handlung in die Karten, und dem Juden die Tochter seines ärgsten Widersachers als Geliebte zuzuordnen, ist tiefstes Opernklischee. Glanert beteuert im Programmheft treu, vor allem an der Theaterwirksamkeit des Stoffes interessiert gewesen zu sein – die hätte er dann ruhig etwas moderner denken und einfordern dürfen. (Die Theaterintendanten scheinen sich daran weniger zu stören, immerhin ist dies bereits die fünfte Inszenierung des Stückes.)

Vergrößerung in neuem Fenster Naemi, Tochter von Süß (Eva Maria Günschmann) wird weltabgeschieden vom Rabbi Magus (Tobias Scharfenberger) erzogen

Regisseur Jan-Richard Kehl zieht in seiner in weiten Teilen sehr eindrucksvollen Regie Parallelen von der Finanzkrise am Würtembergischen Hof des 18. Jahrhunderts zur aktuellen Finanzkrise. Als Schriftlaufband werden regelmäßig Börsenkurse oder braking news aus der Wirtschaftswelt eingespielt, darunter solche von Sponsoring mit Verweisen auf Mäzene wie den (inzwischen wegen illegaler Transaktionen verurteilten) Alberto Vilar, Unterstützer der MET wie der Bayreuther Festspiele und des Festspielhauses Baden-Baden, oder die aus dem dänischen Großkonzern Mærck hervorgegangene Møller-Stiftung, die das neue Kopenhagener Opernhaus ließ. Bei solcher Überschneidung von Kunst und Kommerz passt die ins Libretto aufgenommene Operndiva natürlich gut ins Bild. Süß Oppenheimer ist Finanzjongleur auf großer internationaler Bühne (zwischendurch werden Firmenübernahmen seiner Holding vermeldet), den Herzog darf man sich da wohl eher als Vorstandsvorsitzenden eines unter Liquiditätsdruck geratenen Unternehmens vorstellen. Süß Oppenheimers Rolle bleibt ambivalent, zunächst als Retter und Sponsor begrüßt, trifft ihn bei der erstbesten Gelegenheit der Volkszorn. Mehdorn oder Ackermann lassen freundlich grüßen. Bariton Ivan Gavrilov, von der Klangfarbe eher unauffällig und im Piano ziemlich farblos, gibt eine sehr eindrucksvolle Charakterstudie eines schmierigen und keineswegs sympathischen Dickkopfs, dessen Verweigerung des opportunistischen Bekenntnisses zum Christentum dann aber doch berührt und dessen brutales und alle Rechtsstaatlichkeit ignorierendes Ende Mitleid bewirkt.

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Volk in Aufruhr (Chor und Statisterie)

Der (durchweg hervorragend singende, im Rhythmus prägnante und sehr schlagkräftige) Chor sitzt zunächst im leider nur halb besetzten Zuschauerraum und beginnt mit Zwischenrufen („Judas“), was sich wegen des antisemitischen Kontextes nicht so leicht als Marotte der Regie abtun lässt. Eigentlich bräuchte die von Kehl mit kühlem Zynismus erzählte Geschichte aus der Hochfinanz diese Konnotation nicht; weil sie aber trotzdem da ist, irritiert sie doch stark. Wie man damit umgeht, ob man da einen latent existierenden Antisemitismus heraushören will oder das in den Bereich der historischen Zitate einordnet, bleibt dem Betrachter überlassen, was nicht der schlechteste Zugang zu dieser Problematik ist.

Eingebettet ist diese beunruhigende Interpretation in eine faszinierende und verfremdende ästhetische Ebene. Ausstatter Frank Hänig hat eine Betonmauer auf die Drehbühne gestellt, dessen wie Sterne funkelnde Lichtpunkte sich bald als Einschusslöcher erweisen. Hier wird Süß Oppenheimer in Kreuzigungspose hingerichtet, wobei er gleichzeitig wie ein Kunstwerk mit Klebebändern an die Wand angeheftet erscheint. Das Libretto von erzählt die Geschichte als Rückblick: Im Gefängnis erinnert sich der zum Tod Verurteilte an die Stationen seines Untergangs. In Kehls und Hänigs abstrahierenden Rahmen lassen sich die Szenenwechsel schnell realisieren, der etwas hölzerne Aufbau (eine Alptraumszene, eine Realszene, eine Traumszene, …) erscheint als Verschiebung von Nuancen.

Vergrößerung in neuem Fenster Die Hinrichtung: Süß und Henker (Tobias Wessler)

Detlev Glanert hat eine Musik geschrieben, die sich trotz des tonalen Aufbaus nicht anbiedert, allerdings mitunter ziemlich lärmend ist (beabsichtigt, aber das macht es nicht weniger lärmend). Bei der Komposition schwebte ihm vor, in einer Art Opern-Zyklus übergeordnet die Elemente „Trauer“ (in Der Spiegel des großen Kaisers), „Lachen“ (Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung und „Erschrecken“ (eben hier in Joseph Süß) zum Ausdruck zu bringen. Nach meinem Empfinden ist Joseph Süß trotz einiger Qualitäten das schwächste dieser drei Werke, auch weil Glanert hier aus Respekt vor dem Sujet auf eine Überästhetisierung verzichtet, sich aber dadurch einiger kompositorischer Möglichkeiten beschneiden muss. Gegenüber Bernd Alois Zimmermanns Soldaten als wohl der Oper des Erschreckens schlechthin kann Joseph Süß nicht bestehen. Qualitäten hat sie trotzdem in der souveränen Klangsprache. Eines bleibt aber sehr fragwürdig: Glanert verzichtet auf einige Orchesterinstrumente (vor allem in der Mittellage), um die „Leerstellen“ deutlich zu machen, die sich nach dem Berufsverbot für jüdische Musiker in deutschen Orchestern auftaten. Gut gemeint, aber wenn in der Komposition dann doch nichts zu fehlen scheint, dann verkehrt sich die Botschaft ungewollt ins Gegenteil: Da scheint Überflüssiges ausgespart. Ein wenig Bauchschmerz bleib bei dieser Oper schon. Die Niederrheinischen Sinfoniker spielen davon unbeeindruckt unter der Leitung von Kenneth Duryea sehr zuverlässig.

Neben dem schon erwähnten Igor Gavrilov hinterlassen in einem soliden, wenn auch nicht glanzvollem Ensemble Christoph Erpenbeck als agiler Herzog und Walter Planté als eleganter Gegenspieler Weißensee den stärksten Eindruck. Schwerer haben es die für das regiekonzept nicht unbedingt erforderlichen Damen Debra Hays (als koloratursichere, nicht allzu präsente Operndiva), Eva Maria Günschmann (als angenehm lyrische, etwas leichtgewichtige Tochter) und Isabelle Razawi (als schön timbrierte, aber ziemlich undramatische Geliebte). Tobias Scharfenberger bringt mit dünner Stimme zu wenig Akzente als Rabbi ein, Tobias Wessler reizt die Sprechrolle des Henkers nur teilweise aus, da wäre noch mehr Gefahrenpotential hörbar zu machen.


FAZIT

Wird Joseph Süß nun dem schwierigen Stoff gerecht? Am ehesten in der Inszenierung. Die Oper selbst weicht der Problematik weitgehend aus und bewegt sich auf vermeintlich sicherem Boden der Theaterkonvention. Die musikalische Umsetzung ist solide. So bleibt der Gesamteindruck ambivalent.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Kenneth Duryea

Inszenierung
Jan-Richard Kehl

Bühne und Kostüme
Frank Hänig

Choreographische Mitarbeit
Annett Scholwin

Chor
Maria Benyumova

Dramaturgie
Ulrike Aistleitner


Statisterie und Chor des Theater
Krefeld und Mönchengladbach

Die Niederrheinischen Sinfoniker


Solisten

Joseph Süß Oppenheimer
Igor Gavrilov

Karl Alexander, Herzog von Württemberg
Christoph Erpenbeck

Magus, Rabbiner
Tobias Scharfenberger

Naemi, Tochter von Süß
Eva Maria Günschmann

Graziella, italienische Opernsängerin
Debra Hays

Magdalena, Tochter von Weissensee
Isabelle Razawi

Weissensee, Sprecher der Landstände
Walter Planté

Henker / Haushofmeister / Stimmen des Gerichts
Tobias Wessler



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