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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Der Tod wird erbebenVon Ursula Decker-Bönniger
Ein geistliches Werk in Szene setzen? Das scheint
sich geradezu anzubieten, wenn es sich um die Messa da Requiem
des am politischen Leben aktiv teilnehmenden,
kirchenkritischen Atheisten Giuseppe Verdi handelt.
Komponiert nach Aida,
im Gedenken an den von ihm bewunderten Dichter
Alessandro Manzoni erlebte das Werk anlässlich
des Jahresseelenamtes 1874 seine Uraufführung
in Mailand. Wie ein großes Opernfinale bricht
nach Introitus
und Kyrie
das Dies irae
ein. Aber Verdis düsterem Klanggemälde des
Jüngsten Gerichtes, einem Bild von Schrecken,
aufbrausender Verzweiflung und dumpfer Resignation
werden auch trostspendende Zwischenglieder z.B. der
Bittgesang Quid
sum miser von Solosopran, Alt und Tenor
oder die tröstliche Melodie Salva me fons pietatis
gegenübergestellt.
Hauptspielort des Palladium, einer ehemaligen Werkhalle des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ist ein vor Dirigent und Orchester abgesenktes Bühnenquadrat. Es stellt eine zerrissene, aufgebrochene weiße Fläche dar aus - in Anlehnung an das Berliner Holocaust-Denkmal - rechteckigen, unterschiedlich hohen, begehbaren Inseln, die aus tiefen Gassen blaulich angestrahlt werden. Links befindet sich ein Arbeitsplatz mit Laptop, Buch und Aschenbecher, mittig ein Küchenregal mit Kaffeemaschine, Tassen, Weinflasche nebst -gläsern und rechts hinten ein Bett, mittig ein leicht zerrupftes Paket. Ein Telefon liegt am Boden.
Regisseur Clemens Bechtel versteht seine szenische
Auseinandersetzumg als provokativen Beitrag und
Anregung, sich gedanklich und emotional mit den
eigenen Erfahrungen von Schuld, Strafe, Gericht und
Religion zu beschäftigen. Dem Werk Verdis sind
- unverbunden - vier Sprechtexte, von Selbstreflektion
und Erschütterung geprägte
autobiographische Erzählungen, Erlebnisberichte
an die Seite gestellt, die den musikalischen
Spannungs- und Emotionsstrom unterbrechen.
Anschaulich - mit Mitteln des dokumentarischen
Theaters - rücken sie heutige, existentielle
persönliche Krisensituationen in den
Mittelpunkt. Wie eine Art geistiges,
psycho-soziales Gewissen kommentieren die
Requiem-Texte, die Musik Verdis die Erlebnisse.
Bechtel fasst die Messa da Requiem in vier Kapitel zusammen. Die Dies irae-Sequenz ist unterteilt in "Umbruch" und "Gericht". Im ersten Kapitel berichtet eine deutsche Touristin, wie sie während ihres Reiseaufenthalts in Japan die bebende, aufbrechende Erde erlebte und wie sie - wieder daheim - im Andenken an die Katastrophe, schuldbeladen das Reisemitbringsel-Paket in Empfang nimmt, das sie kurz vor der Katastrophe auf die Reise geschickt hatte. Im zweiten Text erzählt der in Köln lebende Schriftsteller Dogan Akhanli auch die persönlichen Gefühle und Haltungen mit einbeziehend von seiner Festnahme, der mehrmonatigen Untersuchungshaft in Istanbul, als er seinen im Sterben liegenden Vater besuchen wollte sowie von der solidarischen, kollegialen Unterstützung aus der Heimat Köln. Im 3. Kapitel "Verheissung", das mit dem Offertorium beginnt, berichtet eine ehemalige Finanzbeamtin, welche Grenzerfahrungen sie persönlich als Entwicklungshelferin macht. Wieder in Deutschland wird sie erneut mit der erlebten Angst konfrontiert, als sie einer Kollegin im Kongo hilft, die Flucht vor den näher rückenden Rebellen zu organisieren. Im letzten Kapitel "Erlösung" scheinen sich die musikalische Ebene der Totenmesse mit der des Schauspiels zu verbinden, als eine dem Tode näher als dem Leben stehende Magersüchtige sich unvermittelt für das Leben entscheidet, sagt, sie habe zu Essen begonnen und sich mit der unverständlichen Bemerkung an die Sopranistin richtet, sie trage ein wirklich schönes Kleid, nur die Federn seien zuviel. Die Geste bleibt ähnlich grotesk wie die der vier Schauspieler, die während des Lux aeterna mit dem Rücken zum Publikum gemeinsam das Abendmahl zelebrieren oder wie die Anspielung des rot befleckten Hemdes des Tenor auf die christliche Erlösungssymbolik des stellvertretenden Todes. Bechtels Inszenierung ist keine geistliche Oper.
Chor und Gesangssolisten stehen je nach
Requiemabschnitt und Textbedeutung im Raum oder
schauen dem Publikum direkt in die Augen. Mal
verkünden sie von einem oberen,
gerüstähnlichen Aufbau hinter dem
Orchester, mal stehen die Solisten vor dem Orchester
oder auf der Spielfläche den Erzählern zur
Seite.
Neben einer bewegten Personenregie der Schauspieler ist das Ausgangsbild eine wirklich eindrucksvolle, gelungene Szene: Verschiedenste Menschen - unter ihnen die bunt bekleideten Chormitglieder teilweise mit Fussball, Pflanze, Klavierauszug und Kuscheltier ausgestattet - finden sich auf den verschiedenen Ebenen der Spielfläche ein. Sodann setzt der Orchesterklang wie aus der Stille geboren ein und der Chor stimmt homogen, im Flüsterton und dem Publikum direkt in die Augen blickend das "Requiem aeternam" an. Ebenso beeindruckt ist der chorale Dies irae-Beginn, wo sich die Chormitglieder in eingefrorener Haltung ausdrucksvoll wie gegenseitige Ankläger mittels Text zu beschimpfen scheinen, die Halle in mehrfachem Fortissimo zum Erschüttern bringen. Demgegenüber vertraut Bechtel bei der solistischen, mit wenig Gesten ausgestatteten Darbietung überwiegend auf die Überzeugungskraft der musikalischen Interpretation. Unter der umsichtigen Leitung von Fabrice Bollon,
der in seiner Interpretation vor allem die langsamen
Tempi und die kontrastive Dynamik Verdis auskostet,
ist das musikalische Zusammenspiel von Extrachor und
Chor der Oper Köln, dem
Gürzenich-Orchester Köln und
Gesangssolisten ein sinnenfreudiger Genuss. Unter
dem offenen, kräftigen Basstimbre Dimitry
Ivashchenkos, dem dramatisch schillernden Tenor
Michael Fabianos, der vollmundig schlanken, mit
großen Legatobögen gestalteten
Linienführung der Mezzosopranistin Jovita
Vaskeviciute und nicht zuletzt unter der virtuos und
differenziert gestaltenden, sich auch in
extremer Tonhöhe und -tiefe lyrisch
zurücknehmenden Sopranistin Adina Aaron
blüht der Klangfarbenreichtum Verdis vor allem
auch in den opernhaften Ensembles, z.B.dem
Bittgesang "Quid sum miser", dem Duett "Recordare"
oder dem Quartett im Offertorio wunderbar auf. Der große Spannungsbogen wird jedoch - leider
- von den sehr authentisch vorgetragenen
Sprechtexten, einigen Raumwechseln des Chores, in
der Premiere vielen jahrezeitlich bedingten
Hustenattacken oft unterbrochen.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne Kostüme
Licht
Chor
Dramaturgie
Projektionen Recherche
Solisten*Besetzung der Premiere
Mezzosopran Tenor
Bass
Sprecher Sprecherin Sprecherin Sprecherin
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- Fine -