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Musiktheater
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Messa da Requiem  

Musik von Giuseppe Verdi 
Szenische Fassung     


Aufführungsdauer: ca. 2h 

Premiere der Oper Köln im Palladium am 30. Oktober 2011  

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Oper Köln
(Homepage)

Der Tod wird erbeben  

Von Ursula Decker-Bönniger


Ein geistliches Werk in Szene setzen? Das scheint sich geradezu anzubieten, wenn es sich um die Messa da Requiem des am politischen Leben aktiv teilnehmenden, kirchenkritischen Atheisten Giuseppe Verdi handelt. Komponiert nach Aida, im Gedenken an den von ihm bewunderten Dichter Alessandro Manzoni erlebte das Werk anlässlich des Jahresseelenamtes 1874 seine Uraufführung in Mailand. Wie ein großes Opernfinale bricht nach Introitus und Kyrie das Dies irae ein. Aber Verdis düsterem Klanggemälde des Jüngsten Gerichtes, einem Bild von Schrecken, aufbrausender Verzweiflung und dumpfer Resignation werden auch trostspendende Zwischenglieder z.B. der Bittgesang Quid sum miser von Solosopran, Alt und Tenor oder die tröstliche Melodie Salva me fons pietatis gegenübergestellt.

Hauptspielort des Palladium, einer ehemaligen Werkhalle des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ist ein vor Dirigent und Orchester abgesenktes Bühnenquadrat. Es stellt eine zerrissene, aufgebrochene weiße Fläche dar aus - in Anlehnung an das Berliner Holocaust-Denkmal - rechteckigen, unterschiedlich hohen, begehbaren Inseln, die aus tiefen Gassen blaulich angestrahlt werden. Links befindet sich ein Arbeitsplatz mit Laptop, Buch und Aschenbecher, mittig ein Küchenregal mit Kaffeemaschine, Tassen, Weinflasche nebst -gläsern und rechts hinten ein Bett, mittig ein leicht zerrupftes Paket. Ein Telefon liegt am Boden.

Regisseur Clemens Bechtel versteht seine szenische Auseinandersetzumg als provokativen Beitrag und Anregung, sich gedanklich und emotional mit den eigenen Erfahrungen von Schuld, Strafe, Gericht und Religion zu beschäftigen. Dem Werk Verdis sind - unverbunden - vier Sprechtexte, von Selbstreflektion und Erschütterung geprägte autobiographische Erzählungen, Erlebnisberichte an die Seite gestellt, die den musikalischen Spannungs- und Emotionsstrom unterbrechen. Anschaulich - mit Mitteln des dokumentarischen Theaters - rücken sie heutige, existentielle persönliche Krisensituationen in den Mittelpunkt.  Wie eine Art geistiges, psycho-soziales Gewissen kommentieren die Requiem-Texte, die Musik Verdis die Erlebnisse.

Bechtel fasst die Messa da Requiem in vier Kapitel zusammen. Die Dies irae-Sequenz ist unterteilt in "Umbruch" und "Gericht". Im ersten Kapitel berichtet eine deutsche Touristin, wie sie während ihres Reiseaufenthalts in Japan die bebende, aufbrechende Erde erlebte und  wie sie - wieder daheim - im Andenken an die Katastrophe, schuldbeladen das Reisemitbringsel-Paket in Empfang nimmt, das sie kurz vor der Katastrophe auf die Reise geschickt hatte. Im zweiten Text erzählt der in Köln lebende Schriftsteller Dogan Akhanli auch die persönlichen Gefühle und Haltungen mit einbeziehend von seiner Festnahme, der mehrmonatigen Untersuchungshaft in Istanbul, als er seinen im Sterben liegenden Vater besuchen wollte sowie von der solidarischen, kollegialen Unterstützung aus der Heimat Köln.

Im 3. Kapitel "Verheissung", das mit dem Offertorium beginnt, berichtet eine ehemalige Finanzbeamtin, welche Grenzerfahrungen sie persönlich als Entwicklungshelferin macht. Wieder in Deutschland wird sie erneut mit der erlebten Angst konfrontiert, als sie einer Kollegin im Kongo hilft, die Flucht vor den näher rückenden Rebellen zu organisieren. Im letzten Kapitel "Erlösung" scheinen sich die musikalische Ebene der Totenmesse mit der des Schauspiels zu verbinden, als eine dem Tode näher als dem Leben stehende Magersüchtige sich unvermittelt für das Leben entscheidet, sagt, sie habe zu Essen begonnen und sich mit der unverständlichen Bemerkung an die Sopranistin richtet, sie trage ein wirklich schönes Kleid, nur die Federn seien zuviel. Die Geste bleibt ähnlich grotesk wie die der vier Schauspieler, die während des Lux aeterna mit dem Rücken zum Publikum gemeinsam das Abendmahl zelebrieren oder wie die Anspielung des rot befleckten Hemdes des Tenor auf die christliche Erlösungssymbolik des stellvertretenden Todes.

Bechtels Inszenierung ist keine geistliche Oper. Chor und Gesangssolisten stehen je nach Requiemabschnitt und Textbedeutung im Raum oder schauen dem Publikum direkt in die Augen. Mal verkünden sie von einem oberen, gerüstähnlichen Aufbau hinter dem Orchester, mal stehen die Solisten vor dem Orchester oder auf der Spielfläche den Erzählern zur Seite.

Neben einer bewegten Personenregie der Schauspieler ist das Ausgangsbild eine wirklich eindrucksvolle, gelungene Szene: Verschiedenste Menschen - unter ihnen die bunt bekleideten Chormitglieder teilweise mit Fussball, Pflanze, Klavierauszug und Kuscheltier ausgestattet - finden sich auf den verschiedenen Ebenen der Spielfläche ein. Sodann setzt der Orchesterklang wie aus der Stille geboren ein und der Chor stimmt homogen, im Flüsterton und dem Publikum direkt in die Augen blickend das "Requiem aeternam" an. Ebenso beeindruckt ist der chorale Dies irae-Beginn, wo sich die Chormitglieder in eingefrorener Haltung ausdrucksvoll wie gegenseitige Ankläger mittels Text zu beschimpfen scheinen, die Halle in mehrfachem Fortissimo zum Erschüttern bringen. Demgegenüber vertraut Bechtel bei der solistischen, mit wenig Gesten ausgestatteten  Darbietung überwiegend auf die Überzeugungskraft der musikalischen Interpretation.

Unter der umsichtigen Leitung von Fabrice Bollon, der in seiner Interpretation vor allem die langsamen Tempi und die kontrastive Dynamik Verdis auskostet, ist das musikalische Zusammenspiel von Extrachor und Chor der Oper Köln, dem Gürzenich-Orchester Köln und Gesangssolisten ein sinnenfreudiger Genuss. Unter dem offenen, kräftigen Basstimbre Dimitry Ivashchenkos, dem dramatisch schillernden Tenor Michael Fabianos, der vollmundig schlanken, mit großen Legatobögen gestalteten Linienführung der Mezzosopranistin Jovita Vaskeviciute und nicht zuletzt unter der virtuos und differenziert  gestaltenden, sich auch in extremer Tonhöhe und -tiefe lyrisch zurücknehmenden Sopranistin Adina Aaron blüht der Klangfarbenreichtum Verdis vor allem auch in den opernhaften Ensembles, z.B.dem Bittgesang "Quid sum miser", dem Duett "Recordare" oder dem Quartett im Offertorio wunderbar auf. Der große Spannungsbogen wird jedoch - leider - von den sehr authentisch vorgetragenen Sprechtexten, einigen Raumwechseln des Chores, in der Premiere vielen jahrezeitlich bedingten Hustenattacken oft unterbrochen.



FAZIT

Eine zeitgemäße, durchdachte Auseinandersetzung mit Verdis Requiem, dessen Ausführung, In-Szene-Setzen im Detail, z.B. der Übergänge, noch einiger Verbesserung bedarf.                          



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Fabrice Bollon  

Inszenierung
Clemens Bechtel

Bühne
Matthias Schaller

Kostüme
Sabina Moncys 

Licht
Andreas Grüter   

Chor
Andrew Ollivant

Dramaturgie
Georg Kehren 

Projektionen
Uli Sigg & Lucy Milanova

Recherche
Noemi Steuer


Extrachor  und  
Chor der Oper Köln

Gürzenich-Orchester Köln


Solisten

*Besetzung der Premiere  


Sopran
Adina Aaron*/
Tatiana Larina

Mezzosopran
Jovita Vaskeviciute

Tenor
Michael Fabiano*/
Joseph Calleja

Bass
Dimitry Ivashchenko

Sprecher
Dogan Akhanli

Sprecherin
Martina Franck

Sprecherin
Sonja Grolig

Sprecherin
Caroline Klütsch



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Köln
(Homepage)





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