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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Große Oper auf kalten MarmorstufenVon Stefan Schmöe / Fotos: Oper Köln / Paul LeclaireWenn über Schuld und Strafe verhandelt wird, ist ein Oberlandesgericht kein ganz falscher Ort. Wenn allerdings der Herrscher unter Umgehung der Judikative Strafen so mir nichts, dir nichts erlassen kann, dann hat das mit deutscher Gerichtsbarkeit wenig zu tun. So ist der Entschluss der Kölner Oper, Mozarts La Clemenza di Tito im Treppenhaus des pompösen neubarocken Gerichtsbaus am Reichensperger Platz spielen zu lassen, doch mehr durch die imposante Architektur gerechtfertigt als durch die Symbolkraft des Ortes. Was ursprünglich aus der Not, nämlich der anstehenden Sanierung des Opernhauses, geboren war, nämlich die Ausquartierung aus dem Stammhaus und Bespielung unterschiedlichster Orte, hat der Kölner Oper einen kaum fassbaren künstlerischen Aufschwung gebracht. Und auch dieser Spielort erweist sich, mancher räumlichen Unzulänglichkeiten zum Trotz, als ausgesprochen inspirierend.
Tito (Rainer Trost)
Da ist vor allem das ganz ausgezeichnete Gürzenich-Orchester in Miniaturbesetzung, das unter der Leitung von Konrad Junghänel so zupackend und detailfreudig spielt, dass allein das die Aufführung unbedingt besuchenswert macht. Der Klang ist immer wieder geprägt von den Bläsern, was die Nähe zur Zauberflöte hörbar macht, ohne dass die Schärfe in den eher konventionell komponierten Passagen in der Tradition der opera seria verloren Ginge. Jede Note erhält ihre Bedeutung, keine Phrase, die nebensächlich bliebe und doch ist alles im Fluss, nichts akademisch. Das ist ganz große Orchesterkunst.
Vitellia (Adina Aaron, r.), Sesto (Franziska Gottwald, l.) und Annio (Adriana Bastidas Gamboa) Der ausgezeichnete Chor (Einstudierung: Andrew Ollivant) und das sehr gute Solistenensemble greifen diese musikalischen Impulse bestens auf. Rainer Trost in der Titelpartie des geradezu penetrant Gnade verströmenden Kaisers Titus hat einen höhensicheren, von der Klangfarbe leicht brüchigen Tenor, was der Figur gut ansteht und die Momente des Zweifelns, damit auch die latenten Widersprüche hervorhebt. Franziska Gottwald singt den verhinderten Königsmörder Sesto mit höchster Intensität, wobei die leicht maskulin abgedunkelte Stimme weniger durch Schönheit als durch Ausdruckskraft beeindruckt. Adina Aaron trumpft mit großem Ton, aber auch der notwendigen Beweglichkeit als zum Verrat anstiftende Intrigantin Vitellia auf. Anna Palimina ist eine glockenreine und mädchenhafte Servilia mit selbst im Pianissimo wunderbar tragfähigem Sopran. Ihrem Liebhaber Annio gibt Adriana Bastidas Gamboa einen vollen, aufregend dunkel timbrierten Klang. Matias Tosi schließlich ist ein klarer und stimmgewaltiger, aber nie poltriger Pubblio.
Servilia (Anna Palimina, l.) und Annio (Adriana Bastidas Gamboa)
Der hallige Raum umgibt die Stimmen mit einer besonderen Aura das ist sicher nichts für Puristen (und immer möchte man das auch nicht haben), verleiht der Aufführung hier aber einen besonderen Reiz und ermöglicht Klangwirkungen, die im Opernhaus so natürlich nicht zu haben sind. Die Balance zwischen Orchester und Sängern ist dabei ausgezeichnet. Interessant ist diese Akustik aber auch deshalb, weil das Publikum auf verschiedenen Etagen um die große Treppe herum sitzt und jeder Zuhörer dadurch je nach Spielsituation näher oder weiter weg von den Sängern sitzt, diese aber entsprechend auch aus ganz unterschiedlichen Richtungen wahrnimmt. Dadurch ist man als Hörer viel stärker mitten im musikalischen Geschehen als in der konventionellen Opernsituation mit trennendem Orchestergraben zwischen Publikum und Bühne. Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat gut daran getan, die Inszenierung im Wesentlichen auf eine durchdachte Personenregie zu reduzieren. Die Spielstätte ist ein im besten Sinne theatralischer Raum mit logenartigen Bögen und Balkonen, auch an einen Kirchenraum erinnernd. Die imposante Treppe signalisiert Macht und Würde, die dem Gestus der Oper entspricht. Antje Sternberg hat moderne Kostüme entworfen, die auch die Sängerinnen in den Hosenrollen (Sesto und Annio) gut kleiden. (Worin aber besteht die Leistung des als Bühnenbildner ausgewiesenen Tobias Hoheisel? Roter Teppich und ein paar Lorbeerbäumchen? Da hätte man vielleicht eher den Architekten des Gebäudes, Paul Thoemer, nennen sollen).
Nach dem Umsturzversuch Je nach Sitzplatz sieht man mehr oder (an vielen Plätzen) weniger davon, aber das muss nicht von Nachteil sein. Auch hier entsteht der Eindruck, mittendrin im Geschehen zu sein, fast wie ein heimlicher Beobachter, der eben nicht alles sieht (aber zum Glück alles hört) für eine Verschwörungsgeschichte ist das ja nicht unpassend. Eine schöne Idee ist es, in der Arie des Sesto Parto, ma tu ben mio mit konzertierender Soloklarinette den Solisten (Ekkehardt Feldmann spielt bravourös, hebt etwas einseitig die Virtuosität seines Parts hervor) auf die Bühne respektive Treppe zu bitten, sodass sich auch szenisch ein Dialog zwischen Sänger und Instrumentalist entwickelt. Eher überflüssig dagegen ist das wiederholte Hantieren mit heutigen Gerichtsakten. Am Ende bleibt die große Huldigung aus, Laufenberg zeigt Titus als Sonnenkönig, der über allen steht und eben auch alle in ihrer Machtlosigkeit und Abhängigkeit zurück lässt. Ovationen für alle Beteiligten.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten
Tito Vespasiano
Vitellia
Servilia
Sesto
Annio
Publio
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- Fine -