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La Bohème

Oper in vier Akten
Text von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica
nach Szenen aus Henri Murgers La Vie de Bohème´
Musik von Giacomo Puccini

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 24. September 2011

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Drück' doch mal einer auf den Lichtschalter, wenn die Kerze ausgeht!

Von Stefan Schmöe / Fotos von Stefan Kühle (© Theater Hagen)

Das Theater Hagen feiert 100. Geburtstag, und dazu durfte sich das Publikum ein Geburtstagsstück wünschen – dabei heraus kam Die Fledermaus (unsere Rezension). Auch sonst setzt man in der Jubiläumsspielzeit auf Bewährtes und Beliebtes: Ob jetzt La Bohème oder demnächst Hänsel und Gretel, die Höhepunkte aus Wagners Ring oder der oft als „Oper aller Opern“ gerühmte Don Giovanni, dazu die kultige Rocky Horror Show, das finanziell gebeutelte Haus setzt offenbar auf Risikominimierung (zum Glück hat man mit Carlisle Floyds amerikanischer Susannah wenigstens ein Stück eingeschmuggelt, das an die in den vergangenen Spielzeiten doch sehr erfolgreiche Reihe amerikanischer Opernentdeckungen anknüpft).

Vergrößerung in neuem Fenster Lustig ist das Studentenleben: (v.l.) Rodolfo Rafael Vázquez), Schaunard (Frank Dolphin Wong), Marcello (Raymond Ayers) und Colline (Rainer Zaun)

Bloß nicht zu viel Risiko, das scheint auch das Motto der Inszenierung dieser Bohème von Bruno Berger-Gorski zu sein. Jedenfalls erzählt der Regisseur die Geschichte sehr detailgetreu und auch sehr nuanciert nach, ohne dem Publikum eine nennenswerte Interpretationsleistungen abzuverlangen. Das entspricht ja durchaus Puccinis Intention, schließlich war dem Komponisten die Geschichte an sich und insbesondere die Feinzeichnung im Detail ungeheuer wichtig. Und weil das Hagener Ensemble ordentlich mitspielt und gerade in dieser Oper die Geschichte „funktioniert“ wie in kaum einem anderen Werk der Opernliteratur, geht die Rechnung in knapp zweieinhalb kurzweiligen Stunden recht gut auf, ohne dass man viele Worte darüber verlieren müsste. Ein bisschen verzettelt er sich in überflüssigem und dadurch störendem Aktionismus, etwa wenn in der großen Begegnungsszene zwischen Mimi und Rodolfo sehr schnell und dann gleich arg viel gefummelt und gegrabscht wird, während Musik und Text doch großformatig von Träumen und Lebensentwürfen sprechen – da dürfte die Regie ruhig einmal innehalten.

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Alle Kerzen sind ausgegangen, und so kommt man sich im Dunkeln näher - dabei gäbe es doch auch elektrisches Licht: Mimi Jaclyn Bermudez) und Rodolfo (Rafael Vázquez)

Aus irgend einem Grund hat Berger-Gorski versucht, die Geschichte in die Gegenwart zu verlegen – oder in die jüngere Vergangenheit kurz vor der Erfindung des PC, denn hier werden Dramen und Romane noch an der guten alten Schreibmaschine geschrieben (klar, denn ein digitales Manuskript ließe sich ja nicht, wie im Libretto vorgesehen, im Ofen verheizen). Die meisten Opernbesucher sind ja so gutwillig, über Absurditäten wie das Bitten um Kerzenlicht (wo die Wohnung doch elektrische Beleuchtung hat) hinweg zu sehen, aber die originale, eben doch fest im 19. Jahrhundert verankerte Geschichte klebt an den Figuren auch dann, wenn sie sich am Rande von Hagener oder Berliner Hochhaussiedlungen mit Russendisko im Wellblechcontainer herumtreiben (Bühne: Peer Palmowski). Weil Puccinis Oper als Sozialdrama nicht taugt, wird durch diesen Zeittransfer auch nichts gewonnen, so das man bestenfalls feststellen kann: Er stört auch nicht allzu sehr. Wir verstehen die Figuren trotzdem, und die sind von Puccini (und nicht von Fassbinder).

Vergrößerung in neuem Fenster Hier tanzt ein Star (und wird gleich Autogrammkarten verteilen): Musetta (Sarah Längle)

Ungeachtet der modern aufgemöbelten Kulisse wird ganz konventionell gespielt, gestorben und gesungen. Jaclyn Bermudez ist stilistisch sicher eher eine Mimi des 19. (na ja, 20.) Jahrhunderts als des 21., auf sympathische Weise im Ausdruck altmodisch, weil sie sehr „opernhaft“ und ohne Angst vor Pathos den großen Ton und Gestus sucht. Die Stimme ist nicht riesig, kann das vergleichsweise kleine Hagener Haus aber gut füllen, ohne zu forcieren. In der Höhe fehlt es im Forte ein wenig an den warmen Farben (die in der sehr schön gestalteten Sterbeszene in den leisen Passagen beeindrucken). (Szenisch noch anrührender wäre diese Mimi freilich, hätte Kostümbildnerin Christiane Luz ihr eine etwas weniger biedere Garderobe verordnet.) Ob Rafael Vázquez sich mit der Partie des Rodolfo wirklich einen Gefallen tut, darüber lässt sich streiten. Der recht leichte, lyrische Tenor kann sehr elegant im Parlandoton Charme versprühen, aber wenn Puccini die großen Noten fordert, dann muss er sich doch sehr anstrengen – und mitunter auch mogeln (was ihm meistens sehr geschickt gelingt). Vieles ist dann doch sehr schön, die meisten Phrase „sitzen“ – aber bei den ganz exponierten Tönen muss man sich eben doch immer Sorgen machen.

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Zwiegespräch an der U-Bahn: Marcello und Rodolfo

Sarah Längle ist eine Musetta mit leichter, beweglicher Stimme und großer Bühnenpräsenz (was die Akzente ein wenig in Richtung Operette verschiebt). Markant stimmgewaltig (und dabei ausgesprochen spielfreudig) sind die Herren Raymond Ayers als Marcello, Frank Dolphin Wong als Schaunard und Rainer Zaun als Colline. Chor und Extrachor singen zuverlässig (der Kinder- und Jugendchor war nicht zu bremsen und deutlich vor allen anderen im Ziel). Wenn es insgesamt doch oft sehr knallig klingt, dann liegt das an Dirigent Florian Ludwig, der grelle Effekte nicht scheut und manches überzeichnet. Mit dem gut disponierten Orchester hat er sorgfältig gearbeitet und phrasiert auch an sich sehr schön, nur müssten die Impulse bei Puccini mehr von den Sängern ausgehen, der Klang von den Stimmen her aufgebaut werden – hier schwimmen die Sänger auf dem (lauten) Orchester und müssen irgendwie mitkommen. Das sind kleine Nuancen, auf die es dann aber eben doch ankommt. Viel Beifall, vor allem für die Sänger, gab's trotzdem.


FAZIT

Eine aufwendige, fast aufdringlich detaillierte Inszenierung versucht vergeblich, das Stück in eine andere Zeit zu versetzen und bleibt letztendlich doch sehr konventionell. Musikalisch ordentlich, aber noch nicht wirklich „rund“ – da ist sicher noch Entwicklungspotential vorhanden.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Ludwig

Inszenierung
Bruno Berger-Gorski

Bühne
Peer Palmowski

Kostüme
Christiane Luz

Licht
Achim Köster

Choreinstudierung
Wolfgang Müller-Salow
Caroline Piffka (Kinderchor)

Dramaturgie
Jan Henric Bogen


Kinder- und Jugendchor,
Opernchor und Extrachor
des Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

Rodolfo, Dichter
Rafael Vázquez

Marcello, Maler
Raymond Ayers

Schaunard, Musiker
Frank Dolphin Wong

Colline, Philosoph
Rainer Zaun

Mimi
Jaclyn Bermudez

Musetta
Sarah Längle

Benoît, Hauswirt
Werner Hahn

Parpignol, ein fliegender Händler
Krzysztof Jakubowski

Sergeant der Zollwache
Dirk Achille

Ein Zöllner
Wolfgang Niggel

Alcindoro, Staatsrat
Ks. Horst Fiehl


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen (Homepage)




Da capo al Fine

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