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Hänsel und Gretel

Märchenoper in drei Bildern
Text von Adelheit Wette
Musik von Engelbert Humperdinck

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 10' (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 26. November 2011
(rezensierte Aufführung: 2.Dezember 2011)

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Alles nur geträumt

Von Stefan Schmöe / Fotos von Stefan Kühle (© Theater Hagen)

Wie keine andere Oper bringt Hänsel und Gretel Kinder in die Opernhäuser – weshalb die Regisseure gerade bei diesem Werk entsprechend bedacht sein müssen, die (unklaren) Erwartungen zu erfüllen. Das trifft natürlich auch auf ein Haus wie in Hagen zu, das es seit Jahren trotz begrenzter finanzieller Mittel sehr beachtlich versteht, eine Operngrundversorgung für die Stadt und das angrenzende Sauer- und Siegerland zu gewährleisten und gleichzeitig behutsam auf Neues aufmerksam zu machen. Zwar ersetzt Humperdincks Oper nicht das obligate Weihnachtsmärchen für die Kleinsten - dafür steht parallel das Rotkäppchen auf der (Sprech-)Bühne -, sie ist sicher dennoch fest als Familienstück eingeplant. Da macht das OMM die Probe auf's Exempel: Das Auto vollgepackt mit Kindern zwischen 10 und 13 Jahren geht's auf nach Hagen.

Vergrößerung in neuem Fenster Mit dicken Mauern geschützt gegen das Unbehagen draußen: Hänsel und Gretel

Der Sinn einer Ouvertüre erschließt sich dem opernunerfahrenen Nachwuchsbesucher nicht ganz leicht, so hölzern wie die Hagener Philharmoniker unter der Leitung von GMD Florian Ludwig das Vorspiel mehr buchstabieren als musizieren – das dürfte doch sehr viel fließender, romantisch schwelgender erklingen (das gilt, etwas abgeschwächt, auch für die beiden Zwischenspiele). Mehr überzeugt das zwar recht zuverlässig, aber wenig nuanciert spielende Orchester, wenn es die Sänger begleitet. Aber der kritisch-kindliche Blick zur Uhr am Ende des Vorspiels wird auch der letzte an diesem Abend bleiben, denn wenn der Vorhang aufgeht, nimmt das Spiel schnell gefangen.

Vergrößerung in neuem Fenster

Im Max-Ernst-Wald

Ausstatter Jan Bammes hat mit wenigen Möbelstücken und vielen von der Decke herabhängenden Besen die Atmosphäre im Hause des armen Besenmachers sehr schön eingefangen. Dass die meterhohen Wände den Raum gleichzeitig zur Trutzburg gegen Bedrohungen von außen machen, sich die Familie hier geradezu einbunkert, ist eine unaufdringliche, klug gestaltete Erweiterung. Musikalisch sind die mädchenhaft klare, mit fast kindlicher Stimme mitunter im Klang enge Gretel (Maria Klier) und der mit opernhaft voller Stimme (als sei er ein Rosenkavalier-Octavian) auftrumpfende Hänsel (Kristine Larissa Funkhauser) ziemlich unterschiedliche Geschwister, aber so etwas kommt ja vor, und im sehr schön gesungenen Abendsegen später unterstützt das vorgeschriebene Piano den homogenen Klang. Mutter Gertrud ist eine ziemlich depressive Frau, vielleicht auch deshalb, weil sie offenbar viel lieber im jugendlich-dramatischen Fach reüssieren möchte als in einer Märchenoper, die der schönen Stimme von Dagmar Hesse einen volksliedhafteren Tonfall (und viel bessere Textverständlichkeit) abfordern sollte. Den hat der spielfreudige Vater Peter (Rolf A. Scheider), dem allerdings in der hohen Lage die Töne wegbleiben. Sein Auftrittslied wird dennoch im Nachhinein als einer der Höhepunkte des Abends benannt.

Vergrößerung in neuem Fenster Hexenhaus

Dann geht's in den Wald – doch das ist gar kein richtiger Wald: Statt dessen haben Regisseur Thilo Borowczak und Ausstatter Hammes ein Bild von Max Ernst (Das Auge der Stille von 1943/44) nachgebaut. Rätselhafte, Furcht einflößende Skulpturen, die unzählige Augen zu haben scheinen. Ein Gruselambiente also, und weil das zwar nicht besonders raffiniert, aber atmosphärisch hinreichend passend aussieht, geht das gerade noch als Wald durch. Opernkenner dürfen sich auf den Spuren des Unbewussten bewegen und an Freud & Co. denken, was bei dieser Oper natürlich immer richtig ist. Das Sandmännchen im Flammenmantel wird prompt für die Hexe gehalten, auch weil Jaclyn Bermudez mit kräftigem Vibrato so gar nicht sandmännchenhaft klingt (eigentlich ist Tanja Schun für die Partie vorgesehen, die vom Fach als Soubrette natürlich besser in die Rolle passt). Im Traum erscheinen den beiden im Wald verlorenen Kindern nicht nur 14 Zwitterwesen, halb Engel und halb Vogel (warum eigentlich Vogel? stört aber auch nicht weiter), und die eigenen Eltern mit königlichen Roben und Insignien. Der Vorhang fällt. (Verwunderte Frage: „Jetzt schon Pause?“)

Vergrößerung in neuem Fenster

Alten Damen im Wald sollte man mit Vorsicht begegnen.

Die Hexe imponiert mit aufwändiger Frisur; psychologisch Geschulte mögen darin eine Projektion der vergleichbar struppigen Besen aus dem väterlichen Gewerbe erkennen. Marilyn Bennetts Stimme braucht immer etwas Zeit, um einzuschwingen, und weil die vielen kurzen Noten diese Zeit nicht hergeben, verfällt sie in eine Art Sprechgesang. Weil sie eine ganz ordentliche Bühnenpräsenz hat, fällt das nicht so auf. Der Sturz in den Ofen, immerhin dramatischer Höhepunkt der Oper, wird von der Regie ziemlich unspektakulär abgehandelt. Was dann kommt, ist für kindliche Besucher etwas kompliziert geraten: Das ist wohl eine Art Traumvision, in der Hänsel und Gretel eine Schatztruhe finden und in der etliche Kinder ihre Lumpen, Ausdruck der Verarmung, plötzlich abwerfen und fröhlich sein dürfen. Warum aber diese Kinder knielange Hosen oder Röcke tragen und im Ringelreihen herumhüpfen (und dafür wird eigens ein Choreograph auf dem Besetzungszettel notiert?), das bleibt auf anderer Ebene rätselhaft – denn das sieht furchtbar altmodisch und verstaubt aus und dürfte das Klischee von der Oper als ebenso altmodischer Institution verstärken. Warum dürfen diese Kinder nicht einfach normal aussehen, sich normal bewegen, wie Kinder sich eben bewegen? Gut, dass der Kinderchor trotzdem sehr passabel singt.

Wenn die Eltern auftauchen, dann senken sich die Wände des vertrauten Hauses herab, und die eben noch volle Schatztruhe ist so leer wie zu Beginn. Offenbar war alles nur ein Traum. Meinen Begleiterinnen und Begleitern hat's gefallen, und dass nicht alles wie im Märchen abging, wird wohlwollend vermerkt, schließlich ist man über das Märchenalter ja auch hinaus. Und es reicht völlig aus, manches Detail der Regie erst im Nachhinein zu verstehen, die unmittelbare Wirkung gibt den Ausschlag.


FAZIT

Thilo Borowczak gelingt eine alles in allem kurzweilige und familientaugliche Inszenierung, auch wenn der Spagat, für die Erwachsenen ein wenig Tiefenpsychologie einzuinszenieren, nicht allzu viel Mehrwert bringt. Leider ist die musikalische Seite nicht mehr als solide.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Ludwig

Inszenierung
Thilo Borowczak

Ausstattung
Jan Bammes

Choreographie
Ricardo Viviani

Video
Volker Köster

Choreinstudierung
Alexander Ruef
Caroline Piffka

Dramaturgie
Jan Henric Bogen


Kinder- und Jugendchor
des Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Peter, Besenbinder
* Rolf A. Scheider /
Frank Dolphin Wong

Gertrud, sein Weib
Dagmar Hesse

Hänsel
Kristine Larissa Funkhauser

Gretel
Maria Klier

Die Knusperhexe
Marilyn Bennet

Sandmännchen / Taumännchen
* Jaclyn Bermudez /
Tanja Schun


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




Da capo al Fine

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