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Bach tanzt

Ballettabend von Ricardo Fernando
Musik von Johann Sebastian Bach

Aufführungsdauer: ca. 2h 15'  (zwei Pausen)

Premiere im Theater Hagen am 25. Februar 2012
(rezensierte Aufführung: 01.03.2012)


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
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Aller guten Dinge sind drei

Von Thomas Molke / Fotos von Foto Kühle (Rechte Theater Hagen)

Nachdem der Hagener Ballettdirektor Ricardo Fernando sich im letzten Ballettabend eher zeitgenössischer Musik gewidmet hat, geht er im zweiten Ballettabend der Jubiläumsspielzeit musikalisch mit Johann Sebastian Bach zum Anfang der klassischen Musik zurück. Dabei interessieren ihn aber nicht die großen Messen und Oratorien des wohl berühmtesten deutschen Barockkomponisten, sondern kammermusikalische Werke, die jeweils nur von einem Solo-Instrument gespielt werden. Seine Wahl ist dabei auf die berühmten Goldberg-Variationen gefallen, die nur vom Klavier begleitet werden, zwei Suiten für Cello und die Chaconne, einem Satz aus einer Solopartita für Violine. Im Anschluss erklingen alle drei Instrumente in einer Triosonate und einem Ricercar aus Das musikalische Opfer, ein Werk, das ursprünglich für Traversflöte, Violine und Basso continuo komponiert wurde, von Michael Albert allerdings für Piano, Violine und Violoncello bearbeitet worden ist. Der großzügigen Unterstützung der Werner Richard - Dr. Carl Dörken Stiftung ist es zu verdanken, dass dieser Ballettabend mit Live-Musik zu erleben ist, da die Stiftung mit Kaori Yamagami und Nil Kocamangil zwei Stipendiatinnen als Solistinnen finanziert.

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Balletttänzer bei der Arbeit in Tanzminiaturen (Ensemble).

Der Abend beginnt mit Tanzminiaturen zu Auszügen aus den Goldberg-Variationen. Fernando zeigt in diesem ersten Teil den Arbeitsalltag der Balletttänzer. So ist zur einleitenden "Aria" in einer Videoeinspielung von Volker Köster das Aufwärmtraining der Tänzer im Ballettsaal zu verfolgen. Nach dieser Filmsequenz erblickt man das Ensemble auf der Bühne, das nacheinander zur wiederholten "Aria" in einen artifiziellen Tanz verfällt. Eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang die Bühne von Peer Palmowski, die die Tänzer durch mehrere durchsichtige Vorhänge zum einen voneinander, zum anderen vom Zuschauerraum trennt, und im Hintergrund zwei Stellwände mit Ballettstangen zeigt, die einerseits wie Spiegel im Ballettsaal funktionieren und die Tänzer reflektieren, andererseits aber je nach Lichteinstellung durchsichtig zu sein scheinen und die Tänzer auch hinter den Wänden sichtbar agieren lässt. Durch den Spiegel wirkt das Ensemble, das aus sechs Tänzern und sechs Tänzerinnen besteht, wesentlich umfangreicher.

Zu einzelnen Variationen zeigen die Tänzer mal als Trio, mal als Quintett oder Quartett verschiedene Ballett-Techniken, die das klassische Ballett mit zeitgenössischem und modernem Tanz verknüpfen und ästhetisch und artifiziell wirken. Dabei sprudelt das Ensemble vor Energie und präsentiert Bachs Musik frisch und jugendlich. Unterbrochen werden die einzelnen Sequenzen bisweilen von Videoeinspielungen, die die Tänzer erneut bei der Arbeit im Ballettsaal zeigen. Nach zahlreichen Variationen kehrt man wieder zum Ausgangsbild zurück und die "Aria" vom Anfang klingt erneut. Ana-Maria Dafova findet am Klavier einen eindringlichen Zugang zu Bachs Musik. Dennoch wirken die ohne Zusammenhang aneinander gehängten Tanzminiaturen nach einer Weile ein bisschen ermüdend, da keine Entwicklung zu erkennen ist. So scheint das Anfangsbild am Ende nicht recht motiviert zu sein. Andererseits dürfte das vielleicht gerade den Probenalltag zwischen zwei Aufführungen beschreiben.

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Männerensemble in Danse des Hommes (in der Mitte: Andre Baeta und Marcelo Moraes, außen: Leszek Januszewski, Péter Matkaiscek, Huy Tien Tran und Matt Williams, am Cello: Matias de Oliveira Pinto).

Der zweite Teil nach der Pause wirkt da schon ein wenig schlüssiger. Unter dem Titel Danse des Hommes lässt Fernando zu den ersten vier Sätzen aus der Cello-Suite 5 BWV 1011 und dem letzten Satz aus der Cello-Suite 2 BWV 1008 sechs Tänzer quasi als Statuen auf Sockeln zum Leben erwachen und in kraftvollen, expressiven Bewegungen die tiefe Grundstimmung des Cellos einfangen. Andre Baeta, Leszek Januszewski, Péter Matkaiscek, Marcelo Moraes, Huy Tien Tran und Matt Williams tanzen dabei mit nacktem Oberkörper in langen schwarzen Röcken und lassen beim Tanz im wahrsten Sinne des Wortes die Muskeln spielen. Dabei präsentieren sie sich zunächst als Ensemble, das zum Prélude zunächst den Sockel besteigt. Wenn zwei von ihnen im weiteren Verlauf in einer Art Pas de deux auftreten, erstarren die anderen vier jeweils in gewissen Heldenpositionen auf den Sockeln zu Statuen, bis sie selbst im Duett oder Ensemble erneut auftreten. Kaori Yamagami sitzt mit ihrem Cello auf einem erhöhten weißen Podest wie eine Göttin auf dem Olymp und vermag, mit ihrem expressivem Spiel das Gemüt der Zuschauer zu berühren.

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Lara Lioi und Huy Tien Tran als Paar in Ciaccona.

Während der zweite Teil doch eher abstrakt bleibt, erzählt Fernando im dritten Teil Ciaccona auf einen der berühmtesten Einzelsätze eines Solowerks, der "Chaconne" aus Bachs Partita für Violine solo Nr. 2 d-moll BWV 1004, eine richtige Geschichte. Lara Lioi und Huy Tien Tran spielen die Geschichte eines Paares, das nach langem Zusammenleben erkennt, dass es sich eigentlich nichts mehr zu sagen hat, und vor der Frage steht, ob man sich trennen oder zusammenbleiben soll. Die Bühne von Peer Palmowski zeigt vorne links einen weißen Tisch, an den Lioi sich zu Beginn klammert, wobei sie immer wieder verzweifelt versucht, ihre Beine unter den Tisch zu bekommen. Doch sie findet keinen Halt und auch keinen Stuhl, auf dem sie Ruhe finden kann. Zwei Stühle befinden sich weiter hinten zur Mitte der Bühne, wobei diese nicht in die gleiche Richtung zeigen. Tran scheint dort zu Beginn vergeblich auf seine Frau zu warten. Das Paar hat sich auseinander gelebt. Es gibt kein Nebeneinander und kein Miteinander mehr, was die Stellung der Stühle andeutet. Auch die Wand auf der rechten Seite, mit einem Fenster das in unerreichbarer Höhe angebracht ist, deutet an, dass es für dieses Paar wahrscheinlich keine Lösung geben wird.

Im Verlauf des Pas de deux fechten Lioi und Tran nun diverse Kämpfe aus. Es kommt zu Versöhnungen, Trennungen. Jedes Mal wenn einer von beiden einen Schritt auf den anderen zumacht, entzieht sich der andere. Nie finden sie gemeinsam zu den gleichen Bühnenelementen. Der bewegende Tanz von Lioi und Tran wird durch das eindringliche Spiel von Fédor Roudine an der Geige kongenial unterstützt, so dass dieser Teil zweifelsfrei den Höhepunkt des Abends darstellt.

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Ensemble in Sonate für drei.

Im letzten Teil des Abends finden nun alle drei Solo-Instrumente unter dem Titel Sonate für drei zu drei Sätzen aus der "Triosonate" und dem "Ricercar a 3" aus Das musikalische Opfer BWV 1079 zueinander. Dieses Spätwerk komponierte Bach als Antwort auf ein Thema, das ihm der preußische König Friedrich II. vorgegeben hatte, um daraus eine sechsstimmige Fuge zu machen. Die Kostüme von Christiane Luz greifen dabei diese Idee auf. Während sich bei den Tänzern grün leuchtende Streifen parallel durch das schwarze Kostüm ziehen, finden diese Streifen in den Kostümen bei den Tänzerinnen einen gemeinsamen Ausgangspunkt, der zum Kopf führt, beziehungsweise vermengen sich auf der Rückseite in der Mitte des Kostüms, was mit der Polyphonie des Werkes korrespondiert. Das Bühnenbild von Peer Palmowski zeigt in diesem Teil ein deformiertes quadratförmiges Drahtgestell, das in neun kleinere Quadrate unterteilt ist und in der Luft wie eine wehende Flagge schwebt. An diesem Drahtgestell werden die zunächst auf dem Boden liegenden Tänzerinnen und Tänzer hochgezogen, bevor sie in unterschiedlichen Gruppierungen die Dynamik der einzelnen Sätze in Bewegung umsetzen. Auch hier entstehen eindrucksvolle Bilder, die dem Ensemble lang anhaltenden und verdienten Applaus bescheren.

FAZIT

Dass auch die zweite Aufführung an einem Donnerstag vor einem nahezu ausverkauften Haus stattfand, unterstreicht, welchen Stellenwert das Hagener Ballett und sein Ballettdirektor für die Volmestadt haben und weshalb man hier nicht über Kürzungen in der Tanzsparte nachdenken sollte.



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Produktionsteam

Choreographie und Inszenierung
Ricardo Fernando

Bühne
Peer Palmowski

Kostüme
Christiane Luz

Licht
Ernst Schießl

Video
Volker Köster

Dramaturgie
Maria Hilchenbach


Klavier
Ana-Maria Dafova

Cello
Nils Kocamangil /
Matias de Oliveira Pinto /
*Kaori Yamagami

Geige
*Fédor Roudine /
Mayu Kishima

Tänzerinnen und Tänzer

Giulia Fabris
Yoko Furihata
Lara Lioi
Hayley Macri
Noemi Martone
Carolinne de Oliveira
Hinako Sakuraoka
Andre Baeta
Vladimir de Freitas
Leszek Januszewski
Péter Matkaiscek
Marcelo Moraes
Huy Tien Tran
Matt Williams

Pas de deux (Ciaccona)
*Lara Lioi / Noemi Martone /
Yoko Furihata
*Huy Tien Tran /
Matt Williams /
Leszek Januszewski
 

 


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