Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Acis und Galatea

Oper in der Fassung von 1718 (HWV: 49a)

Libretto von John Gay, Alexander Pope und John Hughes

Musik von Georg Friedrich Händel

in englischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Premiere im TiL-studiobühne in Gießen am 5. November 2011
(rezensierte Aufführung: 20.11.2011)
 



Stadttheater Gießen
(Homepage)

Arkadien in barocken Kostümen

Von Thomas Molke / Fotos von Dietmar Janeck

Georg Friedrich Händel hat Ovids mythologische Geschichte über die Liebe der schönen Nymphe Galatea zu dem Schäfer Acis, der deshalb von dem Zyklopen Polyphem aus Eifersucht erschlagen und anschließend von Galatea in eine Quelle verwandelt wird, mehrfach vertont. Die erste Fassung war eine 1708 komponierte Serenata unter dem Titel Aci, Galatea e Polifemo in italienischer Sprache. Zehn Jahre später entstand dann die Uraufführungsfassung der aufgrund der höfischen Maskenspiele als Vorläufer der Oper in England bezeichneten "masque" für eine Aufführung auf dem Landsitz des Earl of Carnavon. Während diese beiden Fassungen musikalisch noch keine Gemeinsamkeiten aufwiesen, widmete sich Händel 1732 erneut diesem Werk, indem er die Fassung von 1718 weitestgehend um Arien seiner früheren Serenata ergänzte und in drei Akte einteilte. Standen in dieser Version italienische Arien den englischsprachigen gegenüber, ging Händel erst 1739 weitgehend auf die Urfassung von 1718 zurück und kürzte das Werk auf zwei Akte zu der Version, an der sich heutige Aufführungen meistens orientieren.

Bild zum Vergrößern

Galatea (Naroa Intxausti Bolunburu, Mitte) bittet Damon II (Sang-Kiu Han, links), Acis (Florian Voss, 2. von links), Polyphem (Stephan Bootz, 2. von rechts) und Damon I (Heide Keller, rechts) zum Tanz.

Im Stadttheater Gießen hat man sich entschlossen, das Flair dieser Uraufführung im Frühsommer 1718 auf dem englischen Landsitz einzufangen, und präsentiert diese kleine Oper in recht intimem Rahmen auf der Studiobühne im Theater im Löbershof (TiL). Die Bühne von Mila van Daag besteht aus einem barock anmutenden Sofa, zwei Flügeltüren auf der rechten Seite, wenigen Requisiten und einem hellblauen Vorhang im Hintergrund mit mythologischen Gemälden, der von den Personen des Stücks zu Beginn des Spiels hergerichtet wird und so den Eindruck entstehen lässt, dass dies eine Aufführung im privaten Kreis ist. Die zehn Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Gießen, die auf der linken Seite Platz genommen haben, vermitteln ebenfalls eine kammerspielartige Atmosphäre. Wie jedoch Jan Hoffmann mit diesem Ensemble Animus Händels lautmalerische Musik zum Blühen bringt, zeugt von hohem Niveau, das sicherlich weit über derartige Salonaufführungen hinausgehen dürfte.

Bild zum Vergrößern

Galatea (Naroa Intxausti Bolunburu, Mitte) und Acis (Florian Voss, Mitte) beim Schäferstündchen, flankiert von Damon I (Heide Keller) und Damon II (Sang-Kiu Han) (hinter dem Vorhang Polyphem (Stephan Bootz)).

Die Gattungsbezeichnung "masque" spielt für die Regisseurin Stephanie Kuhlmann in ihrer Inszenierung eine wichtige Rolle. So wird schon vor Beginn des Stückes die Darstellerin der Galatea auf die Flügeltüren projiziert und gezeigt, wie sie für ihre Rolle geschminkt wird. Auch Polyphem, der während der Ouvertüre mit einer Augenklappe auftritt, bekommt seine passende Maske, eine hohe schwarze Perücke mit einem Auge in der Mitte, erst noch zugeteilt. Hier handelt es sich also um fünf Menschen, die in Form eines Rollenspiels in die Tiefen der antiken Mythologie eintauchen. Die Figur des Damon wird von Kuhlmann gedoppelt. Damon I und II stellen dabei ein Dienerpaar dar, das wohl bei der Gastgeberin, der Darstellerin der Galatea, angestellt ist. Die Kostüme, für die ebenfalls Mila van Daag verantwortlich zeichnet, sind sehr liebevoll und detailverliebt konzipiert und entsprechen einer barocken Welt. So wirkt Galatea mit ihrem türkisfarbenen Kleid und dem Kopfschmuck wie ein Wasserwesen. Acis trägt als Sohn des Gottes Pan Hörner, die seinem schlichten Hirten-Outfit eine besondere Note verleihen, und Polyphem wird bewusst unattraktiv gehalten, um die Vorliebe der Nymphe für den Schäfer ausreichend zu motivieren.

Bild zum Vergrößern

Damon I (Heide Keller) und Damon II (Sang-Kiu Han) versuchen, Polyphem (Stephan Bootz, Mitte) ein wenig attraktiver zu machen.

In diesem barocken Arkadien erwecken die fünf Solisten nun mit großer Spielfreude die mythologischen Figuren zu neuem Leben. Naroa Intxausti Bolunburu stattet die Nymphe Galatea mit einem warmen Sopran und großer Spielfreude aus. In den von Maike Hild choreographierten Tänzen glänzt sie durch große Eleganz und lässt nachvollziehbar werden, wieso der Schäfer und der Zyklop sie so sehr begehren. Besonders eindringlich gelingt ihre Arie "Hush, ye pretty warbling quire", in der sie sich nach dem geliebten Acis sehnt. Bolunburu lässt dazu einen Vogel aus dem Vogelkäfig fliegen, der dann in Form einer weißen Taube auf die Flügeltür projiziert wird und somit ihre Botschaft zum ersehnten Schäfer zu bringen scheint. Auch Florian Voss gelingt als Schäfer Acis ein eindringliches Rollenportrait. In der Mittellage wirkt sein Tenor anfangs zwar ein wenig belegt. Im Laufe des Abends singt er sich aber frei und verströmt in den Höhen tenoralen Schmelz. Im Zusammenspiel geben Voss und Bolunburu ein glaubhaftes Liebespaar ab. So bewegt die Szene, in der der erschlagene Schäfer in Galateas Armen liegt. Die Verwandlung wird angedeutet, indem Galatea Acis mit einem Schwämmchen ebenfalls grünlich schminkt und ihm den gleichen weißen Kopfschmuck aufsetzt, den sie ebenfalls trägt.

Stephan Bootz wird an dem Abend als stark erkältet entschuldigt, gestaltet die Partie des Polyphem aber dennoch mit großem Bass und Hang zur Komik. Erwähnenswert ist das Terzett mit Damon I und II, in dem Polyphem verzweifelt darüber ist, dass Galatea einen anderen liebt und die beiden Diener versuchen, ihn ein bisschen attraktiver zu machen, was aber schon allein daran scheitert, dass Polyphem kaum in der Lage ist, seine herabhängenden Mundwinkel zu einem Lächeln zu heben. In dieser Szene wirkt Bootz schon fast bemitleidenswert, während er in der Brutalität, mit der er den Schäfer mit dem Leuchter erschlägt, deutlich macht, dass er dem tapsigen Zyklopen recht grausame Züge verleihen kann. Warum Galatea am Ende der Oper dann doch heftig mit ihm flirtet, ist logisch nicht ganz nachvollziehbar. Vielleicht will Kuhlmann damit zum Ausdruck bringen, dass das Rollenspiel nun vorbei ist und sich im Gegensatz zum Spiel eine Beziehung zwischen den Menschen im Stück anbahnt, die nichts mit der mythologischen Geschichte zu tun hat.

Heike Keller und Sang-Kiu Han überzeugen darstellerisch in den Rollen der Diener, die den anderen Figuren stets mit Rat und Tat zur Seite stehen, ebenfalls durch komödiantisches Spiel. Während Heike Keller Damon I mit einem kräftigen Mezzo ausstattet, bleibt Sang-Kiu Han jedoch stimmlich ein wenig blass. Am Ende verlassen dann nicht nur alle Figuren außer Galatea die Bühne, sondern auch die Musiker gehen einer nach dem anderen, bis nach dem eigentlichen Schlusschor, in dem Galatea über den Verlust des Schäfers hinweggetröstet werden soll, da er ihr ja nun als Quelle erhalten bleibe, Galatea noch einmal ihre Schlussarie aufgreift und einsam und verlassen träumend auf dem Sofa sitzt, während das Licht langsam erlischt. Großer Applaus für das spielfreudige Ensemble und die hervorragenden Musiker am Ende des Abends.

FAZIT

Eine sehenswerte Rarität, deren einziger Nachteil darin besteht, dass die englischen Texte schon wegen der altertümlichen Sprache nicht so gut zu verstehen sind und auf eine Übertitelung leider verzichtet wird. Dennoch sollte man sich diese selten gespielte Händel-Oper in Gießen vor allem in dieser liebevollen Inszenierung nicht entgehen lassen (Weitere Termine: 4.12. und 18.12.2011 jeweils um 20.00 Uhr).


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jan Hoffmann

Inszenierung
Stephanie Kuhlmann

Bühne und Kostüme
Mila van Daag

Choreographie

Maike Hild

Dramaturgie
Christian Steinbock

 

 

Ensemble Animus
Mitglieder des
Philharmonischen Orchester
Gießen



Solisten

Acis
Florian Voss

Galatea
Naroa Intxausti Bolunburu

Polyphem
Stephan Bootz

Damon I
Heike Keller

Damon II
Sang-Kiu Han

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Stadttheater Giessen
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2011 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -