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Campen am Rande des Vulkans
Von Roberto Becker
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Fotos von Annemie Augustijns
So plakativ und unverhohlen belehrend die Zutaten auch sein mögen, so verblüffend ist ihre Langlebigkeit: vom Super-Las Vegas über den drohenden Hurrikan bis hin zu einer zelebrierten Hinrichtung. Diese Stadt Mahagonny, die ihre Netze zur großen Abzocke nach dem Verführer-Motto Du darfst! auswirft, hat sich längst als world wide web reproduziert. Jede Katastrophe wird heute zur Schlagzeile. Und just am Tag der Mahagonny-Premiere in Gent spritzen die Amerikaner einen farbigen Häftling, über zwanzig Jahre nach einem immer mehr angezweifelten Urteil, zu Tode. All das, womit Bertolt Brecht und Kurt Weill 1930 in Leipzig der zu Ende gehenden Weimarer Republik einen veritablen Theaterskandal verschafften, fasst auch 80 Jahre danach noch das Neueste vom Tage aus der Neuen Welt zusammen. Und zwar nicht nur als Metapher für einen neoliberal globalisierten Kapitalismus, sondern leider auch ganz wortwörtlich. Nur macht sich heute die Gesellschaft längst nichts draus, wenn ihr der Spiegel vorgehalten wird und darin ohne jede Schminke ein Fratze zu sehen ist, für die das Sein oder Nichtsein, ganz selbstverständlich zum Haben oder Nichthaben mutiert ist. In Mahagonny darf man fast alles, fast ungestraft - das einzige todeswürdige Verbrechen ist hier, kein Geld mehr zu haben.
Leandra Overmann beim Bananen-Missbrauch
Brecht und Weill haben mit ihrem belehrenden Singspiel vom Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny den angeblich so Goldenen Zwanzigern einen Epilog nachgereicht, dessen dialektischer Erkenntniswert eine verdammt lange Halbwertzeit, aber längst keinen enthüllenden Neuigkeitswert mehr hat. Was freilich für jede Neuauflage des nach der Dreigroschenoper zweiten großen Hits des Duos zum Problem wird.
Nun zielt ja auch die Ästhetik des Katalanen Calixto Bieito, zumindest auf den ersten Blick, durch ihre drastischen Mittel und Bilder auf jene aufklärende Verdeutlichung, die die beiden Deutschen im Sinne hatten. Er will mit seiner Art Theater den Blick für die Brisanz der Stoffe schärfen und hat dafür den exzessiven Bildervorrat der Mediengesellschaft bewusst dem Erbe des sogenannten realistischen Musiktheaters zugeschlagen. Was ihm besonders seit seinem Berliner Amoklauf in der Entführung aus dem Serail und dem Hannoveraner Troubadour den Ruf des Berserkers eingetragen hat. Obwohl in seiner Ästhetik längst abgeklärter und gereifter, greift er jetzt in Gent bei Mahagonny auch auf seine Blut-und-Sperma-Ingredienzien zurück.
Er treibt den Oberflächen-Exzess in der von Rebecca Ringst imponierend in drei Etagen übereinandergeschichteten Camping-Wagen-Stadt mit all ihren flackernden All you can
Verlockungen (von eat über drink bis fuck versteht sich) auf die Spitze, setzt immer noch einen masturbierenden Griff in die Hose, noch eine nackte Frau, noch eine Vergewaltigung oder noch ein (echtes) Gemächt auf dem Silbertablett drauf, bis die Überdosis dieses Peepshow-Gewusel seine Aufmerksamkeits-Wirkung einzubüßen droht. Doch wenn dann der wegen Geldmangel zum Tode verurteilte Jim Mahoney im Einkaufswaagen mit Batteriestrom (zeitgleich mit einem nicht ganz freiwilligen Orgasmus am Bühnenrand) zu Tode gegrillt und obendrein auch noch entmannt worden ist, da verteilt sich diese ganze schrille Camper-Truppe am Rande des Vulkans im Zuschauerraum. Wenn jetzt Spruchbänder mit We are Mahagonny oder We love Mahagonny entrollt und aus allen Kehlen Erkenntnisse, wie die, dass wir keinen Hurrikan für den großen Crash brauchen, skandiert werden, findet der Abend plötzlich zu jene Kraft, der Wie-man-sich-bettet,-so-liegt-man Erkenntnis zurück, die er vor allem da hat, wo die furiosen Protagonisten und ein schnell zu rhythmisch auftrumpfender Verve findender Yannis Pousourikas am Pult des Orchesters der Flämischen Oper, an der Rampe dem Brecht- und Weill-Affen Rampenzucker geben.
Hinrichtung im Einkaufswagen
Auch wenn sie ihr eigenes Verhältnis zu Noten und Text hat, ist Bühnenurgewalt Leandra Overman hier als Leokadja Begbick Glücksfall und Zentrum der Inszenierung. Noëmi Nadelmann als Jenny verausgabt sich vokal ebenso imponierend wie als Sex-Objekt der Vergewaltigungs-Begierde von William Bergers Sparbüchsenbill. John Daszaks geht mit seinem Jim Mahoney sogar über seine stimmlichen Möglichkeiten, ein Preis, den man für diesen unterm Strich doch ziemlich packenden Abend gerne in Kauf nimmt.
Aviel Cahn, dem Intendanten der Flämischen Zwei-Städte-Oper, ist mit dieser Produktion ein ambitionierter Auftakt in eine Spielzeit gelungen, deren Auswahl der Stücke und Regisseure sich wie eine Herausforderung der Oper in Brüssel liest.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreinstudierung
Dramaturgie
Solisten
Leokadja Begbick
Fatty der Prokurist'
Dreieinigkeitsmoses
Jenny Hill
Jim Mahoney
Jack O'Brien/ Tobby Higgins
Bill (Sparbüchsenbill)
Joe (Alaskawolfjoe)
Acteur
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