Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Großstadt-Triptychon

Ein Abend inszeniert und choreographiert von Bridget Breiner

Zeus und Elida (Szenische Uraufführung)
Op. 5 A, Musikalische Groteske von Stefan Wolpe (1928)
nach Texten von Karl Wickerhauser und Otto Hahn

Leben in dieser Zeit
Lyrische Suite in drei Sätzen von Edmund Nick (1929)
Text von Erich Kästner, Strichfassung von Clemens Jüngling und Bridget Breiner

Mahagonny-Songspiel
Musik von Kurt Weill (Urfassung 1927)
Text von Bertolt Brecht


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 20' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Musiktheaters im Revier am 14. Januar 2012
(rezensierte Aufführung: 02.02.2011)


Homepage

Musiktheater im Revier
(Homepage)

Drei Blicke auf den Moloch der Großstadt

Von Thomas Molke / Fotos von Pedro Malinowski


Nachdem das Musiktheater im Revier mit Ralph Benatzkys Revue Im weißen Rössl im November und mit Franz Wittenbrinks musikalischem Schauspiel Die Comedian Harmonists im Januar die Beschäftigung mit der Musik der Goldenen Zwanziger Jahre als einen Schwerpunkt der diesjährigen Spielzeit präsentiert hat, widmet sich auch die Ballettsparte im Großen Haus diesem Thema. Herausgekommen ist dabei aber kein Tanzabend im klassischen Sinn, sondern eher ein Cross-Over-Projekt zwischen Opern- und Ballett-Ensemble, das schon aufgrund der drei ausgewählten Werke das Interesse des Opernpublikums wecken dürfte. Dass obendrein auch noch die designierte Ballettdirektorin Bridget Breiner, die ab der kommenden Spielzeit die Geschicke des ehemaligen Ballett Schindowski, das nun unter dem Namen "Ballett im Revier" firmiert, leiten wird, inszeniert und choreographiert hat, erlaubt vielleicht bereits einen Ausblick darauf, wohin sich das Ballett im Revier in den kommenden Jahren entwickeln wird. In der rezensierten vierten Vorstellung kam noch als weitere Besonderheit hinzu, dass aufgrund der Erkrankung von Alfia Kamalova, die in Zeus und Elida die Elida und im Mahagonny-Songspiel die Bessie singt, Sylvia Koke zwar kurzfristig für beide Partien eingesprungen ist, sie aber nur von der Seitenbühne einsingen konnte, so dass Bridget Breiner selbst für die Darstellung in die beiden Rollen schlüpfte.

Der Titel des Abends, Großstadt-Triptychon, ist einem Gemälde von Otto Dix aus den Jahren 1927 / 1928 entnommen, das auf drei Tafeln in altmeisterlicher Lasurtechnik die zahlreichen Facetten des Berliner Lebens in den Wirren der Zwanziger Jahre zeigt. Während auf der mittleren Tafel das Innere einer Tanzbar dargestellt wird, in der die Reichen und Schönen ihr Leben ausschweifend genießen, werden auf den beiden äußeren Tafeln die Schattenseiten der Großstadt präsentiert. Man sieht die vom Krieg gezeichneten Menschen, die keinerlei Beachtung finden. Wie dieses Bild ein Zeitzeugnis der ausgehenden Goldenen Zwanziger abgibt, zeigen auch die drei ausgewählten Zeitopern verschiedene Blicke auf das Leben in der Großstadt. Die Kostüme von Jürgen Kirner machen dabei deutlich, dass Breiner in ihrer Inszenierung die drei Opern in der Zeit ihrer Entstehung belässt und keine optische Aktualisierung anstrebt. Die Parallelität zu unserer heutigen noch schnelllebigeren Zeit ergibt sich auch ohne plakative Modernisierung.

Bild zum Vergrößern

Min-Hung Hsieh mit (von links) Mami Iwai, Priscilla Fiuza und Marika Carena hinter den Zeitungen (im Hintergrund: Chor).

Auch wenn die drei Kurzopern innerhalb von drei Jahren entstanden sind und als gemeinsames Thema das Leben in der Großstadt haben, könnten sie musikalisch und inhaltlich kaum verschiedener sein. Der Abend beginnt mit der szenischen Uraufführung von Stefan Wolpes Zeus und Elida. Der mythologische Gott Zeus landet als alternder Greis auf der Suche nach der Königstochter Europa auf dem Potsdamer Platz. Durch das hektische Treiben völlig irritiert und als Gottheit von der Masse nicht ernst genommen, glaubt er schließlich in einer Werbeikone für Parfümeriewaren die ideale Frau gefunden zu haben. Doch Elida (Anagramm für "ideal") entpuppt sich als die Eintänzerin Charlotte, die hofft, in dem greisen Mann einen zahlungskräftigen Begleiter gefunden zu haben. Die zwei Welten prallen nun in zahlreichen Missverständnissen aufeinander, durch die ein Tumult entsteht, den ein Staatsanwalt schließlich auflöst, indem er kurzerhand den gesamten Potsdamer Platz verbietet.

Bild zum Vergrößern

Zeus (Thomas Möwes, links) hat seine Macht verloren (oben rechts: Staatsanwalt (Joachim G. Maass), in der Mitte: Chor und Ballett).

So schräg wie die Handlung ist auch das von Jürgen Kirner konzipierte Bühnenbild. Nach hinten ragende weiße Bühnenelemente symbolisieren Hochhäuser, die einerseits umzukippen drohen, andererseits die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit einengen. Der Chor sitzt gewissermaßen zusammengepfercht in einem schwarzen Bühnenelement, das zwischen den weißen Hochhäusern liegt und verbirgt sich lesend hinter Zeitungen. Niemand nimmt den anderen noch wahr. In dieser hektischen Gesellschaft steigt Zeus vom Himmel herab. Mit einem riesigen weißen Blitz wird er aus dem Schnürboden herabgelassen und landet auf einer Standuhr, bevor er dann ein auf die Häuserfronten projiziertes Bild seines Ideals Elida sieht. Nun entwickelt sich ein Gespräch zwischen Zeus und Elida, welches immer wieder von einem Ansager und dem Chor kommentiert wird. Die Musik stellt dabei eine Mischung aus 12-Ton-Musik und Modetänzen dar und führt durch ihre zahlreichen Klangexplosionen zu einer regelrechten akustischen Überforderung. Glücklicherweise wird der gesungene Text übertitelt, weil man die Sänger und den Chor nahezu überhaupt nicht verstehen kann, da sie von der eruptiven Musik regelrecht übertönt werden. Es bleibt unverständlich, warum nicht auch in diesem Teil Mikroports eingesetzt werden, um die Sängerstimmen wie bei der zweiten Kurzoper zu verstärken. Der ständig Hilfe suchende Blick auf die Übertitel lenkt vom Geschehen auf der Bühne ab.

Thomas Möwes kämpft als Zeus ständig gegen das Orchester an, so dass er kaum die Möglichkeit hat, sich darstellerisch als Göttervater zu profilieren. Er wirkt sehr alt und matt. William Saetre gestaltet den Ansager mit expressiven Tönen und wird von einem Tänzer stets wie eine Marionette aufgezogen. Seine satirischen Bemerkungen, dass Hitler nun das Zepter des höchsten griechisches Gottes trage, verlieren durch diese Darstellung an Schärfe, was bedauerlich ist, da unter anderem auch diese zynischen Sprüche dazu geführt haben, dass Wolpes Werke 1933 von den Nationalsozialisten verboten worden sind. Joachim G. Maass wirkt mit festem Bass recht autoritär und löst das Chaos schlussendlich auf. Wenn er den Potsdamer Platz sperren lässt, werden nicht nur alle Bühnenelemente von der Bühne geschoben, sondern ihm auch seine Staatsanwaltsrobe geraubt, so dass er direkt in den Sprecher der zweiten Oper übergeht. Zeus, der am Ende noch etwas verloren auf der Bühne steht, wird mit einer Sackkarre von der Bühne geschoben.

Die zweite Oper, Leben in dieser Zeit von Edmund Nick, kommt musikalisch wesentlich ruhiger daher und ist ein Mix aus Modetänzen und anrührenden Chansons, die mit Texten von Erich Kästner unterlegt sind. Für die Vertonung der Kästner-Gedichte wurde ursprünglich Kurt Weill angefragt, doch dieser war gerade zu beschäftigt, da er das zwei Jahre zuvor mit Bertolt Brecht herausgebrachte Mahagonny-Songspiel nun zu der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny umarbeiten wollte. Also entschloss sich Edmund Nick, der Leiter der Musikabteilung des Schlesischen Rundfunks, die Vertonung selbst vorzunehmen. Clemens Jüngling und Bridget Breiner haben die ursprünglichen drei Sätze mit 17 Nummern auf 14 Lieder gekürzt und teilweise umgestellt. In lose verbundenen Sequenzen wird aus dem Leben von Kurt Schmidt erzählt, einem Durchschnittsmenschen der Großstadt der Zwanziger Jahre. Dabei schafft Jürgen Kirner für jede kleine Geschichte einen eigenen Bühnenraum. Wenn der Sprecher (Joachim G. Maass) Kurt Schmidt (Lars-Oliver Rühl) in "Kurt Schmidt, statt eine Ballade" vorstellt, wird im Hintergrund nur ein kleines Fenster auf die leere dunkle Bühne projiziert, um das Verlorensein des Individuums deutlich zu machen. Auch im zweiten Lied, dem "Chanson von der Majorität" steckt eine gewisse Todessehnsucht in der Großstadt, da die zahlreichen Fensterkreuze an Kreuze auf einem Friedhof erinnern.

Bild zum Vergrößern

Jakub M. Spocinski in "Die möblierte Moral".

Erst mit der Chansonnette (Christa Platzer in knallrotem Kleid) kommt ein wenig Farbe ins Spiel, auch wenn ihr Gesang recht melancholisch ist und der Chor und das Ballett an zahlreichen Schreibtischen die Akkordarbeit und die Hektik des Berufslebens darstellen. Nach der Pause können der von Christian Jeub einstudierte Chor und Extrachor des Musiktheaters im Revier nicht nur ihre gesanglichen Qualitäten zeigen, sondern einmal mehr ihr mimisches Talent präsentieren. Gemeinsam mit dem Ballett schlurfen sie expressiv Kaugummi kauend über die Bühne, bevor sie plötzlich von diesen recht trägen langsamen Bewegungen in einen absolut homogenen Rhythmus übergehen, der dann zum bitterbösen "Hymnus auf die Zeitgenossen" führt, in der Kästner sich wünscht, dass die Dummheit der Menschen in einem tiefen Loch versinkt. Während in dieser Nummer das Ballett noch inmitten des Chors agiert, bekommen die Tänzer in der "möblierten Moral" Gelegenheit ihr tänzerisches Können mehr in den Mittelpunkt der Aufführung zu stellen. Die Bühne wird bei dieser Nummer hochgefahren und offenbart eine sehr enge Wohnung, die man durch einen engen Schlauch betritt. Jakub M. Spocinski, der als erster den Zuschlag für diese Wohnung bekommt, muss erkennen, dass sie so klein ist, dass er noch nicht einmal aufrecht darin stehen kann, und als ihm das Geld ausgeht, wird er schonungslos aus dieser Wohnung entfernt. Nicht so deprimierend ist die "Elegie in Sachen Wald", in der der Sprecher mit der Chansonnette auf einer Parkbank von der ersten Liebe sinniert und Xiang Li und William Britt Hillard in einem romantischen Pas de deux diesen glücklichen Moment des ersten Verliebtseins verdeutlichen.

Zum Ende des Stückes steht wieder die Einsamkeit im Mittelpunkt. Christa Platzer berichtet im "Gesang vom verlorenen Sohn" von der Sehnsucht einer Mutter, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ihren Sohn, der in die Ferne gezogen ist, einmal wiederzusehen. Doch sie bringt es nicht übers Herz, eine Fahrkarte für die Bahn zu kaufen, da sie nicht sicher ist, dass ihr Sohn sich auch wirklich über ihren Besuch freuen würde. Auch Kurt Schmidt ist am Ende wieder allein auf der Bühne und wird wie Zeus am Ende der ersten Oper mit einer Sackkarre von der Bühne gefahren, um Platz für den letzten Teil zu machen.

Bild zum Vergrößern

Von links: Jimmy (Joachim G. Maass), Jenny (Christa Platzer), Bessie (Alfia Kamalova), Billy (Lars-Oliver Rühl), Bobby (Rafael Bruck) und Charly (William Saetre) mit dem Ballett im Revier im Mahagonny-Songspiel.

Ganz entsprechend dem epischen Theater kommentiert Joachim G. Maass den Aufbau für das Bühnenbild des Mahagonny-Songspiels. Bühnenarbeiter treten auf, die den weißen Streifen mit einem roten Teppich überkleben. Ein Vorhang aus goldenen Fäden wird aufgehängt, hinter dem das Songspiel stattfinden soll. Dieses 1927 von Kurt Weill komponierte Werk bildete den Grundstein für die folgende erfolgreiche Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht. Es berichtet von den vier Männern Charly (William Saetre), Billy (Lars-Oliver Rühl), Bobby (Rafael Bruck) und Jimmy (Joachim G. Maass), die in Mahagonny ihr materielles Glück suchen. Doch Mahagonny wird ihnen auf Dauer zu teuer. Jimmy schlüpft symbolisch in die Rolle des Gottes in Mahagonny, der die anderen alle zur Hölle schickt, wobei sie feststellen, dass Mahagonny bereits die Hölle ist. So geht unter Protest die Stadt in Flammen auf. Die Bühne hinter dem Fadenvorhang besteht aus Holzbänken und Holzrahmen, die in der Form an die Bühnenelemente des ersten Teiles erinnern und schräg nach hinten ragende Hochhäuser symbolisieren. In diesem dritten Teil kommt es den Tänzern zu, die emotionalen Zustände, von denen die Sänger singen, in Bewegungen umzusetzen. Dafür sind sie einheitlich in dunkelrote ärmellose Shirts und kurze Hosen gekleidet. Das Orchester hat mit schwarzen Melonen auf der Seitenbühne Platz genommen.

Den Sängern gelingt in der Weill-Oper eine sehr eindringliche Gestaltung der einzelnen Lieder. Vor allem Sylvia Koke und Christa Platzer harmonieren hervorragend im "Moon of Alabama". Das Ballett kann sich vor allem in dieser dritten Oper entfalten und gefällt durch homogene Bewegungen. Clemens Jüngling leitet die Neue Philharmonie Westfalen zielstrebig und sicher durch die unterschiedlichen musikalischen Stilrichtungen, so dass es am Ende verdienten Applaus für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

In diesem kombinierten Opern- und Tanzabend überwiegt eindeutig der Gesang, so dass sich noch nicht genau erkennen lässt, welchen Weg Bridget Breiner in den kommenden Spielzeiten mit dem Ballett im Revier einschlagen will. Man darf also gespannt bleiben.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Clemens Jüngling

Inszenierung / Choreographie
Bridget Breiner

Bühne und Kostüme
Jürgen Kirner

Choreinstudierung
Christian Jeub

Licht
Jürgen Rudolph

Dramaturgie
Anna Melcher

 

Opern- und Extrachor
des Musiktheater im Revier

Neue Philharmonie
Westfalen



Solisten

Zeus und Elida

Zeus
Thomas Möwes

Elida
Alfia Kamalova /
*Sylvia Koke (Gesang)
*Bridget Breiner (Spiel)

Ansager
William Saetre

Staatsanwalt
Joachim G. Maass

 

Leben in dieser Zeit

Sprecher
Joachim G. Maass

Schmidt
Lars-Oliver Rühl

Chansonnette
Christa Platzer

Quartett
William Saetre
Artavazd Zakaryan
Oliver Aigner
Rafael Bruck

 

Mahagonny-Songspiel

Charly
William Saetre

Billy
Lars-Oliver Rühl

Bobby
Rafael Bruck

Jimmy
Joachim G. Maass

Jenny
Christa Platzer

Bessie
Alfia Kamalova /
*Sylvia Koke (Gesang)
*Bridget Breiner (Spiel)

 

Ballett im Revier

Ai Boshiyama
Marika Carena
Priscilla Fiuza
Mami Iwai
Alina Köppen
Xiang Li
Ruth Olga Sherman
William Britt Hillard
Min- Hung Hsieh
Yun Liao
Pavel Roudov
Jakub M. Spocinski

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Musiktheater im Revier
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2012 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -