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Musiktheater
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Siegfried

Zweiter Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Musik und Dichtung von Richard Wagner

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h 15' (zwei Pausen)

Premiere im Großen Haus am 14. Juni 2009
(Premiere im Rahmen des Zyklus am 24.09.2010, rezensierte 3. Aufführung im Rahmen des Zyklus am 05.04.2012)

 

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Theater Freiburg
(Homepage)

Das Schwert als T-Shirt-Aufdruck

Von Thomas Molke / Fotos von Maurice Korbel

Bei der Inszenierung vom Siegfried sei das Regie-Team in eine Schaffens-Krise geraten, genauso wie Wagner, berichtet Regisseur Frank Hilbrich in einem im Programmheft abgedruckten Gespräch. Doch während Wagner den ganzen Ring zunächst einmal liegen gelassen habe, habe das Team weitermachen und sich neu orientieren müssen. Dies ist, mit Verlaub gesagt, jedoch gründlich daneben gegangen und führt auch beim Publikum, das selbst dem durchwachsenen Spiel des Orchesters gegenüber gnädig gestimmt ist und bis zum dritten Teil sogar die Inszenierung bejubelt hat, zu zahlreichen Buhrufen für Hilbrich beim Schlussapplaus. Die Idee, den Ring als Geschichte ohne jegliche Magie zu erzählen, führt bereits in den ersten beiden Teilen zu Widersprüchen, erreicht beim Siegfried allerdings mit unzähligen ärgerlichen Regieeinfällen einen Tiefpunkt.

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Siegfried (Christian Voigt) braucht ein Schwert.

Volker Thiele verzichtet im Bühnenbild auf jegliche Naturerscheinungen und stellt für jeden Aufzug einen großen Kasten auf die Bühne. So befindet sich Mimes Hütte inmitten einer Wohnsiedlung, die mit anderen Häusern um die Behausung herum angedeutet wird. Fafners Höhle ist ein Wohnzimmer mit braunem Ledersofa, wobei gestapelte Pizza-Kartons auf der einen und die in Plastiktüten aufgehäuften Schätze auf der anderen Seite eher an eine Messie-Wohnung erinnern, und auch der Walkürenfelsen ist ein abgeschlossener Raum, der sich nach Brünnhildes Erweckung flugs in ein Wohnzimmer verwandeln lässt, in dem auch das Spielzeug aus der Walküre seinen Platz findet. Was will uns das Regieteam mit diesem Ansatz sagen? Dass es im Siegfried um die Entwicklung eines jungen Mannes geht, der in einer häuslichen Umgebung verschiedene Entwicklungsstufen vom Kind zum Mann durchläuft, bis er schließlich durch das Erlangen einer Frau erwachsen wird? Wird uns deshalb der jugendliche Held im ersten und zweiten Aufzug in fünffacher Ausfertigung mit vier Statisten in unterschiedlichen Altersstufen präsentiert, vom kleinen Jungen bis zum hochgewachsenen Jugendlichen?

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Siegfried (Christian Voigt, auf dem Sofa) hört die Stimme des Waldvogels (vorne: der getötete Fafner (Gary Jankowski)).

Man könnte das Bühnenbild noch akzeptieren, wenn die Inszenierung wenigstens schlüssig wäre. Aber Hilbrichs Ideen verärgern eher, als dass sie irgendeine nachvollziehbare Sicht auf die Handlung offenbaren. So wird hier kein Schwert geschmiedet, wie denn auch, wenn Mimes Hütte nur aus einem Herd und Umzugskartons besteht. Schon der Auftritt des Zwerges verstört, wenn er zu den Hammerschlägen der Musik, mit denen er eigentlich versucht, ein neues Schwert für Siegfried zu schmieden, nur mit seinem Krückstock den Takt auf den Boden schlägt. Hierzu scheint Hilbrich gar nichts eingefallen zu sein, was auch nur ansatzweise mit dem gesungenen Text übereinstimmt. Aber es wird nicht besser. Siegfried packt die Stücke des zerschlagenen Schwertes - welch Wunder, die gibt es in der Inszenierung wirklich - in einen großen Kochtopf und schiebt sie in den Backofen, um mit seinen vier Doubles aus den Umzugskartons zwei Türmchen zu bauen, auf denen dann das Schwert Nothung neu entsteht, als T-Shirt-Aufdruck auf einem weißen Shirt, das Siegfried nun im Folgenden trägt. Wie er mit einem aufgemalten Schwert den Riesenwurm töten soll, bleibt fraglich, vielleicht aber auch der einzige Grund, der das Publikum veranlasst, nach der Pause wiederzukommen.

Im zweiten Aufzug kommt nun die Drehbühne zum Einsatz, die ermöglicht, Fafners "Haus" von außen und von innen zu zeigen. Alberich lauert als Obdachloser mit Plastiktüten und Bierflaschen vor der Höhle. Er trägt noch den gleichen beigefarbenen Mantel aus dem Rheingold, ist aber, wie die anderen Figuren auch, in die Jahre gekommen, was sich bei ihm in einem langen Bart ausdrückt. Während Hilbrich den Beginn des zweiten Aufzugs relativ nachvollziehbar inszeniert, scheint Siegfrieds Erscheinen ihn zu motivieren, durch abstruse Neudeutungen den eigentlichen Pfad der Geschichte zu verlassen. Zum "Siegfried-Idyll" rieselt es aus dem Schnürboden, doch was zunächst Blätter zu sein scheinen, entpuppt sich später als Vogelfedern. Erneut treten Siegfrieds Double auf, um mit Luftballons zu spielen, sich hinter einem Plüschteddy zu verstecken oder Turnübungen zu absolvieren, jeder für sich allein, damit der Zuschauer auch begreift, wie einsam Siegfried zeit seines Lebens gewesen ist. Für diese Erkenntnis hätte der übertitelte Text ausgereicht. Anders als im Libretto kommt Fafner nun aber nicht aus seiner Höhle, was kein Wunder ist, da er in einem Fat-Suit auf seinem braunen Ledersofa liegt und sich in seiner Masse gerade mal bis zu den leeren Pizzakartons bewegen kann. Also muss Siegfried hinein und sticht ihn kurzerhand mit einem herumliegenden Messer ab.

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Abgang des Wanderers (Peteris Eglitis).

Während dabei das Blut des Riesenwurms an seine Hände und seine Kleidung gelangt, fragt sich der aufmerksame Zuschauer natürlich, warum gemäß Libretto das Blut erst wesentlich später anfängt zu brennen. Aber das spielt bei Hilbrich ja keine Rolle, da es ja auch nicht die magische Kraft besitzt, Siegfried die Stimme des Waldvogels verstehen zu lassen. Der Waldvogel ist nämlich eine innere Stimme Siegfrieds, die dieser zu hören beginnt, wenn er konzentriert die Hände gegen seine Schläfen drückt. Die Idee der inneren Stimme hatten wir schon einmal, bei Wotan und Erda. Da war sie aber wesentlich überzeugender. Soll Siegfried also wirklich aus eigener Erkenntnis dazu gelangen, Ring und Tarnhelm an sich zu nehmen? Selbst wenn man dem tumben Helden diesen plötzlichen Geistesblitz noch durchgehen lässt, fragt man sich dennoch, wieso er ausgerechnete jetzt Mimes Absicht, ihn zu töten, durchschauen sollte. Aber auch hierfür entwickelt Hilbrich scheinbar eine Lösung, indem er Siegfried jeweils den Ring hochhalten und Mime in Gier nach dem Ring erstarren lässt, wenn dieser seine Mordabsichten kundtut. Das wirkt schon ein bisschen arg konstruiert. Dass Mime dann aber gar nicht von Siegfried getötet wird, sondern an seinem eigenen Trank stirbt, der laut Libretto eigentlich nur ein Schlaftrunk ist, geht nun wirklich gar nicht mehr auf und lässt den Zuschauer nach anfänglichem Hoffen erneut enttäuscht in die Pause gehen.

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"Leuchtende Liebe, lachender Tod" im neuen Eigenheim: Siegfried (Christian Voigt) und Brünnhilde (Sigrun Schell).

Im dritten Aufzug darf Wotan endlich sein albernes Wander-Kostüm und den Wanderstock ablegen und gegen einen passenderen langen schwarzen Mantel und den Speer eintauschen, den Siegfried dann an seiner Brust, also an seinem Schwert, zerschellen lässt. Es folgt das einzig richtig schöne Bild, mit dem der komplette Ring in Freiburg auf zahlreichen Postern beworben wird und das leider eine völlig falsche Erwartung an die Inszenierung weckt: ein gebrochener Wotan, der mit zertrümmertem Schwert in feurigem Licht abgeht. Während man insgeheim hofft, dass mit diesem Bild die Krise der Inszenierung überwunden ist, wird man bald eines Besseren belehrt, wenn die schlafende Brünnhilde gar nicht schläft, sondern wie in Trance auf einem Stuhl sitzt und versucht, sich die mittlerweile wieder offenen Haare zu flechten oder die Grablichter neu zu ordnen. Aus dieser Trance erweckt Siegfried sie, nachdem er auf etwas platte Art erkannt hat, dass es sich bei diesem Krieger in dunkelblauer Schulmädchenuniform nicht um einen Mann handelt. Und nach der üblichen Auseinandersetzung richten sich die beiden mit dem Herd und der Matratze aus Mimes Hütte und dem Sofa aus Fafners Höhle und diversen Stofftieren zu "leuchtender Liebe" und "lachendem Tod" recht glücklich in ihrer neuen Wohnung ein.

Glücklicherweise entschädigen die Solisten für die schwache Inszenierung. Roberto Gionfriddo überzeugt nach seinem Loge im Rheingold und dem Siegmund in der Walküre nun auch als Mime mit durchschlagendem Tenor. Das Theater Freiburg kann sich glücklich schätzen, einen solch großartigen Sänger am Haus zu haben. Gleiches gilt für Neil Schwantes, der erneut den Alberich sängerisch und darstellerisch eindringlich zeichnet. Peteris Eglitis rundet als Wanderer seine beeindruckende Wotan-Interpretation überzeugend ab. Höhepunkt in seiner Interpretation ist die Erda-Szene mit Anja Jung, die als Alter Ego von Wotan wie bereits im Rheingold mit satten Tiefen und dramatischen Höhen fasziniert. Gary Jankowski gefällt als Fafner mit sonorem Bass. Lini Gong verfügt für den Waldvogel über einen leuchtenden Sopran, der aber hätte verstärkt werden sollen, da sie als innere Stimme Siegfrieds aus dem Off singen muss und daher ein wenig leise klingt. Sigrun Schell scheint die Siegfried-Brünnhilde weniger zu liegen als die Brünnhilde aus der Walküre. Stellenweise wirkt ihre Stimme zu tief für die Partie. Christian Voigt hat als Siegfried in den Höhen enorme Probleme. Die Rezitative und die tieferen Passagen gelingen ihm, nach einem weniger überzeugenden ersten Aufzug, gut. Das Philharmonische Orchester Freiburg unter der Leitung von Fabrice Bollon überzeugt nicht vollständig, da zahlreiche falsche Töne zu hören sind. Dennoch wird es, ebenso wie die Sänger, vom Publikum mit großem Beifall bedacht. Der Unmut der Zuschauer entlädt sich nur auf den Regisseur.

FAZIT

Es bleibt zu hoffen, dass Hilbrich in der Götterdämmerung zu einer stimmigeren Aussage findet.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Fabrice Bollon

Inszenierung
Frank Hilbrich

Bühne
Volker Thiele

Kostüme
Gabriele Rupprecht

Licht
Michael Philipp

Dramaturgie
Friedrich Sprondel
Dominica Volkert


Statisterie des
Theater Freiburg

Philharmonisches
Orchester Freiburg


Solisten

Siegfried
Christian Voigt

Mime
Roberto Gionfriddo

Der Wanderer
Peteris Eglitis

Alberich
Neil Schwantes

Fafner
Gary Jankowski

Erda
Anja Jung

Brünnhilde
Sigrun Schell

Stimme des Waldvogels
Lini Gong


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Freiburg
(Homepage)





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