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Musiktheater
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Das Rheingold

Vorabend des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Musik und Dichtung von Richard Wagner

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (keine Pause)

Premiere im Großen Haus am 6. Oktober 2006
(Premiere im Rahmen des Zyklus am 21.09.2010, rezensierte 3. Aufführung im Rahmen des Zyklus am 02.04.2012)

 

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Theater Freiburg
(Homepage)

Rot ist der Rhein

Von Thomas Molke / Fotos von Maurice Korbel

Am Anfang herrscht totale Finsternis, auch im Orchestergraben, so dass der berühmte Es-Dur-Akkord wie aus dem Nichts entsteht. Fabrice Bollon lässt sich mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg bei diesem Beginn viel Zeit, wobei gerade die Hörner hierbei aber mit den richtigen Tempi zu kämpfen haben und den Fluss des Rheins ein wenig holprig klingen lassen. Wenn das Licht auf der Bühne angeht, sieht man Alberich in einem beigefarbenen Mantel vor dem roten Hauptvorhang stehen, den er langsam öffnet, um dahinter zu blicken und durch die Vorhangsöffnung zu gehen, oder sollte man besser sagen einzutauchen? Erst wenn der Vorhang sich öffnet, wird dem Zuschauer nämlich klar, dass dieser Vorhang bereits Bühnenbild ist und den Rhein darstellt. So hat Bühnenbildner Volker Thiele an zahlreichen Stellen auf der Bühne rote Samtvorhänge aufhängen lassen, die durch ihre Bewegungen nach oben oder zur Seite das Wogen des Rheins andeuten. Was will uns das Regie-Team um Frank Hilbrich mit diesem roten Rhein sagen? Ist es ein Zeichen dafür, dass die Natur schon zu Beginn des Rheingolds keineswegs mehr unberührt ist, da Wotan mit seinem Speer die Weltesche bereits verletzt hat? Diesen Ansatz scheint Hilbrich wohl weniger zu verfolgen, da er den Ring als menschliche Tragödie ohne alle Magie liest. Von daher symbolisiert das Rot wahrscheinlich die sinnliche Liebe, die Alberich ja ursprünglich in den Fluten sucht, die dann aber zur Gier nach dem Gold wird. Damit ließe sich erklären, warum Alberich im dritten Bild, wenn er bereits lange der Liebe abgeschworen hat und noch im Besitz des Goldes ist, ein rotes T-Shirt trägt.

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Alberich (Neil Schwantes) in den Tiefen des Rheins.

Auch die Rheintöchter gehen mit ihren rot glitzernden Kleidern eine Einheit mit der Farbe des Rheins ein. Zu Beginn spielen sie ausgelassen mit einer blauen Kugel, die sich später beim Aufgang der Sonne als das Rheingold entpuppt, das Alberich ihnen mit seinem Fluch entreißt. Lini Gong als Woglinde, Sally Wilson als Wellgunde und Qin Du als Flosshilde gefallen mit klarer Diktion, homogenem Gesang und jugendlich frischem Spiel, wodurch die Unbekümmertheit der Wasserwesen glaubhaft wird. Der Einsatz der Vorhänge erweist sich im Spiel mit Alberich als gutes Mittel, den Nibelungen zu täuschen und ihm stets zu entwischen. Neil Schwantes stattet den Alberich mit kräftigem Bariton aus und überzeugt darstellerisch, wenn er vom verspotteten und nicht ernst genommenen Nachtalben durch den Fluch zum Besitzer des Rheingolds wird und damit die Rheintöchter ins Unglück stürzt. Im weiteren Verlauf des Abends wird der Vorhang nicht mehr eingesetzt, was konsequent gedacht ist, da der Rhein ja als Ort der Handlung nicht mehr vorkommt, den Bühnenbildner aber vor eine große Herausforderung stellt, da die folgenden Bilder trotzdem einen Wechsel von luftigen Bergeshöhen zu der unterirdischen Behausung der Nibelungen verlangen. Volker Thiele hat dazu ein Konstrukt aus Naturholz entworfen, das einen Umbau auf offener Bühne durchaus glaubhaft macht. So liegen im zweiten Bild die Holzwände und Türrahmen auf der Drehbühne und dienen den Göttern als Boden, auf dem sie sich bewegen, während die Nibelungen beim Übergang vom zweiten zum dritten Bild diese Holzwände aufstellen und somit das Gefühl suggeriert wird, diese Szene spielt sich wirklich unterhalb der Erde ab. Beim Wechsel zum vierten Bild werden die Holzwände dann wieder in die Position des zweiten Bildes gebracht.

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Wotan (Peteris Eglitis) mit seiner Gattin Fricka (Sigrun Schell) (im Hintergrund: Freia (Jana Havranová)).

Hilbrich sieht die Götter im Rheingold als junge Wilde, die mit revolutionären Ideen die Welt verändern wollen und bewusst mit alten Normen brechen. So wirkt Wotan in seiner schwarzen Lederhose, dem schwarzen T-Shirt mit seinem Namen im Graffiti-Schriftzug und dem langen schwarzen Mantel wie eine Figur aus einem Gothic-Comic. Seine lange blonde Mähne unterstreicht, dass es für ihn keine Grenzen gibt. So posiert er auf einer leichten Erhebung der Bühne mit seinem Speer wie ein Walter einer imaginären Welt, während Donner, Froh und Freia ausgelassen in jugendlichem Spiel über die Bühne tollen. Geht bei diesen Figuren Hilbrichs Lesart noch auf, wird es bei Fricka etwas problematisch, da sie als unbedarftes Hippie-Mädchen gezeichnet wird, was ihre Mahnungen an Wotan ein wenig verpuffen lässt. Loge kommt daher wie ein Intellektueller, der ständig Zigaretten selbst dreht und sie den anderen Figuren anbietet, wobei nicht klar ist, ob es Absicht ist, dass sein Feuerzeug dabei meistens nicht funktioniert. Auch unklar bleibt, wofür der rote Schal steht, den er trägt und den er beim Einzug der Götter in Walhall ablegt. Will man es auf das Rot des Rheins beziehen, könnte man es als Zeichen der Mahnung interpretieren, da er ja bis zum Schluss Wotan eigentlich immer wieder rät, das Gold den Rheintöchtern zurückzugeben.

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Wotan (Peteris Eglitis, Mitte) hat mit Loges (Roberto Gionfriddo) Hilfe Alberich (Neil Schwantes, rechts) überwältigt.

Hinter dem schwarzen Vorhang, der die Bühne nach hinten begrenzt, wird eine graue Wand sichtbar, die die Burg Walhall darstellen soll und aus der die beiden Riesen in grauen Anzügen mit braunen Spazierstöcken und Hüten als Geschäftsmänner auftreten. Auch wenn Jin Seok Lee aufgrund seiner zierlichen Statur als Riese Fasolt optisch nicht so glaubhaft wirkt, macht er die fehlende Größe durch seinen fulminanten Bass mehr als wett. Gary Jankowski begeistert als Riese Fafner ebenfalls mit kräftigem Bass. Peteris Eglitis gefällt als Wotan mit variablem Bariton, auch wenn seine Stimme in den Höhen bisweilen an Kraft einbüßt. Roberto Gionfriddo stattet Loge mit kräftigem Tenor aus, der für den listigen Feuergott fast schon ein wenig zu schwer ist. Sigrun Schell gibt die Fricka mit beweglicher Stimme zwischen Sopran und Mezzo und setzt Hilbrichs Konzept der Rolle konsequent um, auch wenn der Figur damit  die Ernsthaftigkeit genommen wird. Jana Havranová verfügt als Freia über einen beweglichen Sopran, und auch Sung-Keun Park als Froh und Matthias Flohr als Donner präsentieren ihre Rollen auf gutem Stadttheater-Niveau.

An den Regieeinfällen des dritten Bildes scheiden sich nun die Geister. Während der Umbau durch die Nibelungen zunächst noch beeindruckend ausfällt, ist es Geschmacksache, ob man das Volk der Nibelungen als ferngesteuerte Marionetten, die mit starrem Blick und quietschenden Turnschuhen apathisch über die Bühne laufen, sehen möchte. Besonders für die Musik ist das Quietschen der Turnschuhe störend. Ebenfalls diskutabel ist, ob man den Tarnhelm als schwarze Strumpfmaske deutet, zumal Hilbrich bei Alberichs Verwandlungen fast auf jegliche Magie verzichtet. So wird die Metamorphose zum Riesenwurm nur dadurch ausgedrückt, dass Alberich sich hinter einem roten Tuch - dem Gold des Rheins? - verbirgt, was von Wotan und Loge auch in keiner Weise ernst genommen wird. Da tröstet auch nicht der Plüsch-Frosch, den Alberich bei der zweiten Verwandlung als Art Handpuppe unter dem Vorhang hervorlugen lässt.

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Wotan (Peteris Eglitis, oben) raubt Alberich (Neil Schwantes, unten) den Ring.

Das von den Nibelungen geförderte Rheingold als silberne und goldene Plastiktüten darzustellen, hat sicherlich den Vorteil, eine große Masse von möglichst wenigen Personen schnell bewegen zu lassen. Warum allerdings Mime (Christoph Waltle mit jugendlichem Tenor und Spiel) der einzige ist, der das Gold aus Nibelheim herbeischaffen muss, bleibt fraglich. Vielleicht will Hilbrich damit schon auf Siegfried hinweisen, da er Mime die Geschehnisse im Anschluss aus einem Versteck beobachten lässt und somit klar macht, wieso der Zwerg genau weiß, zu welchem Zweck er den jugendlichen Helden erziehen muss. Einen großen Moment erlebt die Inszenierung mit dem Auftritt Erdas, die Hilbrich als innere Stimme Wotans im gleichen Kostüm auftreten lässt wie den Gott. Während ihres Auftrittes erstarren auch die anderen Figuren, so dass Erdas Erscheinen wirklich Wotans innerer Kampf mit sich selbst sein könnte, wenn nicht das Libretto im Anschluss die anderen Götter Wotan ermahnen ließe, Erdas Worten zu folgen. Anja Jung begeistert in ihrem kurzen Auftritt als Wala mit voluminösen Tiefen und satten Höhen.

So folgt der Einzug der Götter in die Burg Walhall zum Spiel des Philharmonischen Orchesters, das im Laufe des Abends nicht durchgängig überzeugt und stellenweise etwas holprig klingt, vom Publikum aber genau wie die Sänger und der Regisseur mit frenetischem Beifall bedacht wird.

FAZIT

Auch wenn nicht alle Regieeinfälle Hilbrichs aufgehen und sicherlich musikalisch kleinere Abstriche gemacht werden müssen, ist es eine enorme Leistung, die das Theater Freiburg hier bietet und die sich durchaus mit anderen Ring-Produktionen von größeren Häusern messen kann.

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Zu den weiteren Rezensionen:

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung

 



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Fabrice Bollon

Inszenierung
Frank Hilbrich

Bühne
Volker Thiele

Kostüme
Gabriele Rupprecht

Licht
Michael Philipp

Dramaturgie
Friedrich Sprondel
Dominica Volkert


Statisterie des
Theater Freiburg

Philharmonisches
Orchester Freiburg


Solisten

Wotan
Peteris Eglitis

Donner
Matthias Flohr

Froh
Sung-Keun Park

Loge
Roberto Gionfriddo

Alberich
Neil Schwantes

Mime
Christoph Waltle

Fasolt
Jin Seok Lee

Fafner
Gary Jankowski

Fricka
Sigrun Schell

Freia
Jana Havranová

Erda
Anja Jung

Woglinde
Lini Gong

Wellgunde
Sally Wilson

Flosshilde
Qin Du


Weitere Informationen
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