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Musiktheater
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Siegfried

Zweiter Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Musik und Text von Richard Wagner


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h 15' (zwei Pause)

Premiere an der Oper Frankfurt am 30. Oktober 2011
(rezensierte Aufführung: 03.11.2011)



Oper Frankfurt
(Homepage)
Ritueller Tanz ums Feuer

Von Thomas Molke / Fotos von Monika Rittershaus


Von den diversen Ring-Zyklen, die noch vor dem großen Jubiläumsjahr 2013 geschmiedet werden, verdient die Tetralogie an der Frankfurter Oper sicherlich aus mehreren Gründen besonderes Interesse. Zum einen ist die Oper Frankfurt bei der Kritikerumfrage in der Platzierung wieder ganz vorne und wird nur vom Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel übertroffen. Zum anderen ist das Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit seinem GMD Sebastian Weigle von der Zeitschrift "Opernwelt" erneut zum besten Orchester gekürt worden, was die hohe musikalische Qualität des Hauses belegt. Des Weiteren hat seit der Produktion des Rheingolds in der vergangenen Spielzeit Jens Kilians wandelbares Bühnenbild mittlerweile einen vergleichbaren Kultstatus erreicht wie "The Machine", die Konstruktion in der derzeitigen Produktion von Robert Lepage an der Metropolitan Opera. Und unbestritten erfüllen auch im dritten Teil in Frankfurt die musikalische Gestaltung und das Bühnenbild die hochgesteckten Erwartungen in vollem Maße. Was die Inszenierung von Vera Nemirova betrifft, bleiben einige Regieeinfälle zumindest diskutabel.

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Siegfried (Lance Ryan) schmiedet Nothung beim rituellen Tanz um das Feuer neu.

Da ist zunächst einmal die Schmiedeszene des ersten Aufzuges, die ein wenig befremdlich wirkt. Dass Siegfried sich einer anderen Methode bedienen muss als Mime, um Nothung neu zu schmieden und dass Mime dieser Vorgang recht unorthodox vorkommen muss, ist sicherlich im Libretto so vorgegeben. Dass Siegfried dabei aber eine Art rituellen Tanz um das Feuer durchführt, bei dem er zunächst Teile des Schwertes in ein brennendes Loch, das wohl eine Art Kessel symbolisieren soll, in der Mitte der Scheibe wirft, dann die Späne wie geheimnisvolle Kräuter hinzufügt und anschließend nach scheinbar magischer Beschwörung selbst in diesen Feuerkessel springt, um mit dem neu geformten Schwert wie Phoenix aus der Asche zu entsteigen, wirkt doch ein wenig aufgesetzt. Wenn er hingegen mit dem neu geschmiedeten Schwert die große Bühnenbildscheibe an einzelnen Stellen durchbohrt, stellt dieses Bild eine Verbindung zum ersten Aufzug der Walküre dar, als das Schwert in Hundings Hütte in ähnlicher Form in der Scheibe steckte, bevor Siegmund es herauszog. Siegfried in seinem ersten Auftritt selbst als den Bären mit einem übergehängten Bärenfell auftreten zu lassen, passt zwar nicht ganz zum gesungenen Text, motiviert aber allemal dazu, Mime einen Schrecken einzujagen, auch wenn nicht klar wird, warum Mime hinterher ebenfalls dieses Bärenfell überzieht.

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Der Wanderer (Terje Stensvold, hinten) weckt für Alberich (Jochen Schmeckenbecher, vorne) den Riesen Fafner.

Im zweiten Aufzug beschäftigt Vera Nemirova vor allem die Frage, wie Fafner überhaupt die Gestalt eines Riesenwurms annehmen konnte. Hat er dazu den Tarnhelm benutzt, der die Verwandlung in jede beliebige Gestalt ermöglicht? Nemirova hält diese Idee für unwahrscheinlich, da Fafner den Helm bei seinem Auftritt nicht trägt und der Waldvogel Siegfried ja anweist, den Helm aus der Höhle zu holen. Stattdessen benutzt er in seiner Begegnung mit Siegfried den Ring - der müsste zwar gemäß Libretto ebenfalls in der Höhle sein - und sieht in seinem Kostüm (Ingeborg Bernerth) wie ein Ausstellungsstück der "Körperwelten" aus. Die sich gegenläufig drehenden Kreisringe der schrägen Bühnenbildscheibe vermitteln im Gegensatz dazu schon eher das Schlängeln eines enormen Riesenwurms. Eine ähnlich bedrohliche Atmosphäre schafft Kilian, wenn sich die Höhle durch das Drehen der inneren Kreisscheibe zu einem rot leuchtenden Loch öffnet, dem Nebelschwaden entsteigen. Dass Nemirova den Wanderer und Alberich in ihrer Auseinandersetzung hingegen pokern lässt, wirkt eher unmotiviert.

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Siegfried (Lance Ryan, links) tötet den Riesen Fafner (Magnús Baldvinsson, rechts).

Besonderes Gewicht legt Nemirova auf den Waldvogel, den sie darstellerisch mit dem Balletttänzer Alan Barnes besetzt, während Robin Johannsen die Partie aus dem Off singt. Mit grazilen Bewegungen und langen Federn an den Händen dominiert Barnes mit expressivem Spiel die Bühne und gibt mit sehr fließenden Bewegungen einen entsprechend der Musik recht flatterhaften Vogel ab. Dabei bringt er selbst das Rohr mit, das Siegfried ihm dann entwendet, um darauf erfolglos mit dem Vogel zu kommunizieren. Von Siegfrieds Spiel auf dem Jagdhorn, mit dem er letztendlich auch den Drachen weckt, zeigt sich der Waldvogel sehr angetan. Wenn Mime nach dem Kampf Siegfried vergiften will, nutzt Nemirova die Übertitel, um kursiv zu drucken, was Mime wohl wirklich zu Siegfried gesagt haben dürfte und was im Gegensatz zu dem steht, was Siegfried dank des Drachenblutes hört. Da Peter Marsh als Mime sehr textverständlich singt, ist dieser Regieeinfall eine gute Idee, Mimes Irritation darüber, dass Siegfried seine wahren Absichten durchschaut, zu motivieren.

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Nachdem Siegfried Wotans Speer zerbrochen hat, legt sich der Wanderer (Terje Stensvold) zu Erda (Meredith Arwady).

Im dritten Aufzug gelingt Nemirova eine gute Personenregie zwischen Erda und dem Wanderer. In einem eindrucksvollen Kostüm, das nur aus langen Haaren zu bestehen scheint, wird die in einer Höhle unter der Scheibe schlafende Wala von Wotan geweckt. In dieser Szene offenbart sich auch, dass der Kopfschmuck des Wanderers kein langes schwarzes Tuch ist, sondern ein Kleid, das beide an die gemeinsame Tochter Brünnhilde erinnert. Mit diesem Kleid versetzt Wotan die Allwissende auch wieder in den Schlaf, indem er es ihr über den Kopf legt. Während der folgenden Szene mit Siegfried ist die schlafende Erda die ganze Zeit noch sichtbar und das mit gutem Grund. Nachdem Siegfried nämlich Wotans Vertragsspeer zerschlagen hat, zieht der Gott sich zur Urmutter zurück, um in ihrem Schoß ebenfalls in ewigen Schlaf zu versinken, während er Siegfried das weitere Schicksal der Welt überlässt. Die enge Verbundenheit zwischen Erda und Wotan wird auch noch dadurch betont, dass Erda zuvor Wotans Mantel übergezogen hat.

Siegfrieds Ankunft am brennenden Walkürenfelsen erfolgt dann sehr klassisch. Auf einem hochgefahrenen runden Podest in der Mitte der Scheibe ruht die schlafende Brünnhilde und wird dabei von einem echten Feuerkreis umgeben, den Siegfried dann durchschreitet, um die Walküre zu erwecken. Nach Brünnhildes anfänglicher Freude über das Ende ihres Schlafes gibt sie sich auch gewohnt wehrig und bemüht, Siegfried doch zu einer platonischen Beziehung zu überreden, um ihre Jungfräulichkeit zu erhalten. Nachdem sie sich aber zu "leuchtender Liebe" und "lachendem Tod" bekannt hat, bleiben beide trotzdem räumlich noch sehr distanziert auf der Bühne und legen sich nach einer kurzen Umarmung und einem nahezu scheuen Kuss eher wie Bruder und Schwester auf einem Fell nieder. Da suggeriert die Musik doch wesentlich mehr Leidenschaft, die Nemirova den Darstellern zu verweigern scheint.

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Siegfried (Lance Ryan) erweckt die schlafende Brünnhilde (Susan Bullock).

Lance Ryan ist darstellerisch und stimmlich für den jungen Siegfried eine Idealbesetzung. Mit großer Beweglichkeit klettert er sogar an einem Seil die Scheibe herunter, trägt Alan Barnes als Waldvogel oder Susan Bullock als frisch erweckte Brünnhilde Huckepack über die Bühne und überzeugt als ungeduldiger Kraftprotz. Hinzu kommt eine bewegliche Stimme, die ganz leise Töne anzuschlagen vermag und dann aber mit strahlendem Heldentenor ohne Ermüdungserscheinungen auch noch im Duett mit Susan Bullock begeistert. Am Ende wirkt er sogar fast noch munterer als Bullock, die ihren Sopran eher vorsichtig dosiert einsetzt, in dieser recht kurzen, heiklen Partie aber auch durch dramatische Ausbrüche zu punkten weiß.

Terje Stensvold ist als Wanderer ein weiterer Höhepunkt des Abends. Mit fulminantem Bass und intensivem Spiel begeistert er vor allem in der Szene mit Erda, die Meredith Arwady mit einer unglaublich dunklen Stimmfärbung ausstattet. Peter Marsh überueugt als Mime mit hellem Tenor und hervorragender Diktion und arbeitet auch darstellerisch die Gefährlichkeit des unberechenbaren Zwerges sorgfältig heraus. Auch Jochen Schmeckenbecher und Magnús Baldvinnson werden mit kräftigen Stimmen den Rollen des Alberich und des Riesen Fafner mehr als gerecht. Robin Johannsen gefällt als Waldvogel mit leuchtendem Sopran.

Getoppt werden diese Leistungen nur noch vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Sebastian Weigle. Wie Weigle die Vorspiele der ersten beiden Aufzüge quasi aus dem Nichts entstehen lässt, um dann mit dem dunklen Klang den Zuhörern eine regelrechte Gänsehaut zu bescheren, ist unbeschreiblich. Auch im weiteren Verlauf gelingt es, die zahlreichen Nuancen der Partitur differenziert herauszuarbeiten und bei allem musikalischem Auftrumpfen dennoch die Sänger nicht zuzudecken. So gibt es am Ende lang anhaltenden und verdienten Applaus für alle Beteiligten.


FAZIT

Musikalisch erreicht die Produktion Weltklasse-Niveau. Nemirovas Inszenierung bleibt an manchen Stellen diskutabel.

Einen Kurzfilm von Thiemo Hehl zur Neuinszenierung von Siegfried finden sie hier.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sebastian Weigle

Regie
Vera Nemirova

Bühnenbild
Jens Kilian

Kostüme
Ingeborg Bernerth

Licht
Olaf Winter

Video
Bibi Abel

Dramaturgie
Malte Krasting




Frankfurter Opern- und
Museumsorchester


Solisten

*rezensierte Aufführung

Siegfried
Lance Ryan

Mime
Peter Marsh

Der Wanderer
Terje Stensvold

Alberich
Jochen Schmeckenbecher

Fafner
Magnús Baldvinsson

Erda
Meredith Arwady

Brünnhilde
Susan Bullock

Stimme des Waldvogels
*Robin Johannsen /
Kateryna Kasper

Waldvogel
Alan Barnes



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







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