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Zeitblicke

Choreographien von Ji
ří Kylián,  Patrick Delcroix und Christopher Bruce

Petite Mort
Choreographie von Ji
ří Kylián, Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

End-Los
Choreographie von Patrick Delcroix, Musik von Jóhann Jóhannsson, Kerry Muzzey und David Lang

Rooster
Choreographie von Christopher Bruce, Musik von The Rolling Stones

Aufführungsdauer: ca. 2h (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 21. Januar 2012
(rezensierte Aufführung: 24.01.2012)




Theater Essen
(Homepage)
Kampf der Geschlechter

Von Thomas Molke / Fotos von Gert Weigelt

Zwei Jahre nach dem nahezu aus der Not geborenen Ballettabend Lichtblicke, in dem das Aalto Ballett mit relativ kurzfristig ins Programm genommenen Choreographien von Patrick Delcroix und Edward Clug einen großen Erfolg verbuchen konnte, widmet Ballettdirektor Ben Van Cauwenbergh die erste Premiere der diesjährigen Spielzeit Kreationen bedeutender zeitgenössischer Choreographen, um zum einen seiner Compagnie die Möglichkeit zu geben, durch die Arbeit mit anderen choreographischen Stilen und Tanztechniken ihr Spektrum zu erweitern, und zum anderen dem Publikum weitere Handschriften des Repertoires des Tanztheaters vorzustellen. Dabei kreisen alle drei Choreographien thematisch um zwischenmenschliche Beziehungen, so dass es auch inhaltlich eine Verbindung zwischen den drei Stücken gibt, auch wenn die musikalische Auswahl in den einzelnen Teilen kaum unterschiedlicher sein könnte.

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Petite Mort (vorne: Armen Hakobyan, Maria Lucia Segalin, hinten: Ensemble).

Der erste Teil Petite Mort  gehört zu einer Sammlung von abstrakten, handlungslosen Balletten, die Jiří Kylián unter dem Titel Black and White zusammengefasst hat, und erlebte 1991 zum 200. Todestag von Wolfgang Amadeus Mozart bei den Salzburger Festspielen seine Uraufführung. Zum Adagio in fis-Moll aus Mozarts Klavierkonzert KV 488 und dem berühmten Andante in C-Dur aus dem Klavierkonzert KV 467 lässt Kylián sechs Tänzer zunächst mit sechs Degen tanzen, was im weiteren Verlauf der Musik in einen Paartanz mit sechs Tänzerinnen übergeht. Ob die Degen als Phallus-Symbole oder Zeichen der männlichen Überlegenheit betrachtet werden sollen, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen, wenn die sechs Tänzer, noch bevor die Musik beginnt, die Degen mit aggressiver Energie schwingen und dann nahezu liebevoll liebkosen. Schemenhaft lassen sich im Hintergrund die Frauen erkennen, denen die Werbung zu gelten scheint. Mit einem großen weißen Tuch, welches die Tänzer über die Bühne ziehen, holen sie die Frauen in ihre eigene Welt. Und in dieser Welt der sinnlichen Leidenschaft tragen die Tänzerinnen hautfarbene Korsagen, in denen sie mit den Männern zu einer Einheit verschmelzen, was einen Bezug zum Titel herstellt, der im Französischen eine Umschreibung für den Orgasmus ist.

Während der Degen die Eigensinnigkeit und den ungestümen Drang der Tänzer repräsentiert, werden die Tänzerinnen eher als fremdbestimmt gezeigt. So schweben sie in einer Sequenz hinter Schneiderpuppen mit weiten ausladenden dunkelblauen Rokokokostümen über die Bühne, von denen sie sich während Mozarts sinnlicher Musik aus den gesellschaftlichen Konventionen befreien. Es folgen mehrere Pas de deux, die vor allem durch die Athletik des Ensembles überzeugen. Die Hebefiguren wirken dabei unkonventionell, ohne jedoch im Gegensatz zur Musik zu stehen. So entstehen ästhetisch anmutende Bilder, die sowohl ein inniges Gefühl zwischen zwei Liebenden als auch Eifersucht, Misstrauen und Kampf um die Vormachtstellung in einer Beziehung vermitteln.

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End-Los (vorne: Breno Bittencourt, Michelle Yamamoto, hinten: Denis Untila, Elisa Fraschetti).

Die zweite Choreographie End-Los ist ein Auftragswerk, das Patrick Delcroix extra für das Aalto Ballett geschaffen hat und mit Musik von Jóhann Jóhannsson, Kerry Muzzey und David Lang unterlegt hat. Am Anfang sieht man eine einsame Frau (Elisa Fraschetti) vor dem Vorhang stehen. Zu einem leichten Grummeln, welches an ein aufziehendes Gewitter erinnert, wird sie fast unmerklich in die Nebel verhangene Bühnenmitte gezogen, aus der dann erst zwei Paare auftauchen, die einen nahezu rituellen Geschlechterkampf führen, bevor zwei Männer und eine Frau wie aus dem Nichts erscheinen, wobei die beiden Männer um die Frau zu kämpfen scheinen. Neben den eindringlichen Percussions von Kerry Muzzey fasziniert vor allem die ausgeklügelte Lichtregie von Kees Tjebbes, der mit diffus gestreutem Licht eine wabernde Nebelwand auf der Bühne erzeugt, dann wiederum auf den Takt genau einzelne Paare in klaren kalten Lichtkegeln unbarmherzig hervorhebt. So geht das Licht eine einzigartige Symbiose mit der Musik ein.

Und auch die acht Tänzerinnen und Tänzer leisten in dieser circa 30-minütigen Choreographie Unglaubliches. In Alltagskleidung führen sie ihre Kämpfe aus, in denen sie versuchen, ihr Leben in einer sicheren Bahn zu halten. Ab und zu flackert in der Musik von Jóhann Jóhannsson eine träumerische Utopie von geordneten Lebensverhältnissen auf. Da wirken die Bewegungen der Tänzer langsam und introvertiert, bevor dann zu den Percussions wieder die aggressiven Interaktionen beginnen. Am Ende ist die Frau vom Anfang wieder allein. Wieder wird sie wie von Zauberhand in die Bühnenmitte gezogen. Alles scheint sich als endlose Schleife zu wiederholen. Misst man den Applaus des Publikums nach den einzelnen Teilen, lässt sich zumindest für die besuchte Aufführung konstatieren, dass diese Choreographie vor der Pause als die beeindruckendste beurteilt wurde.

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Rooster (von links: Alena Gorelcikova, Davit Jeyranyan, Igor Volkovskyy, Breno Bittencourt).

Nach der Pause folgt Rooster, ein Stück, das Christopher Bruce 1991 für das Ballett des Grand Théâtre de Genève kreiert hat und seit der Uraufführung zahlreiche Aufführungen in Europa und Nordamerika nach sich gezogen hat, was sicherlich auch an der Musikauswahl liegt. Zu acht Songs der Rolling Stones untersucht Bruce die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Den Anfang macht dabei "Little Red Rooster", in dem das Balzverhalten der Männer karikiert wird. In farbigen Rüschenhemden mit bunten Krawatten und gegelten Haaren treiben die fünf Tänzer die Macho-Allüren regelrecht auf die Spitze. Die Tänzerinnen wirken in ihren kurzen schwarz-roten Kleidern dagegen fast unscheinbar. Doch während das erste Lied noch komische Momente hervorruft, wirken die folgenden sieben Lieder recht zusammenhanglos aneinandergereiht. So entsteht anders als in den beiden vorangegangenen Teilen auch kein großer Bogen. Der Tanz zu den einzelnen Liedern ist zwar schön, erzählt auch jeweils eine Geschichte über zwischenmenschliche Beziehungen, erreicht aber weder die Stringenz des ersten Teils noch die emotionale Tiefe der zweiten Choreographie.

So genießt man zwar die Musik der Rolling Stones, wird aber vielleicht in den Erwartungen, die man vor der Pause aufgebaut hat, ein wenig enttäuscht, besonders wenn man im Gedächtnis hat, welch überwältigende Bilder Van Cauwenbergh in seinem Tanzstück Tanzhommage an Queen erzeugt hat. Dennoch gibt es auch nach diesem letzten Teil großen Applaus für die Compagnie, die an diesem Abend ihre Vielseitigkeit in zeitgenössischen Choreographien präsentieren kann.

 

FAZIT

Die drei Choreographien zeigen ein breites Spektrum des zeitgenössischen Tanzes und belegen erneut das hohe Niveau der Essener Compagnie.


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Produktionsteam

Petite Mort

Choreographie und Bühne
Ji
ří Kylián

Kostüme
Joke Visser

Licht
Joop Caboort

Einstudierung
Patrick Delcroix

Tänzerinnen und Tänzer

Ana Carolina Reis
Liam Blair
Paula Archangelo Guimaräes
Wataru Shimizu
Elisa Fraschetti
Simon Schilgen
Maria Lucia Segalin
Armen Hakobyan
Yulia Tsoi
Denis Untila
Michelle Yamamato
Igor Volkovskyy

 

End-Los

Choreographie und Kostüme
Patrick Delcroix

Bühne und Licht
Kees Tjebbes

Tänzerinnen und Tänzer

Elisa Fraschetti
Adeline Pastor
Yulia Tsoi
Michelle Yamamoto
Breno Bittencourt
Davit Jeyranyan
Denis Untila
Igor Volkovskyy

 

Rooster

Choreographie
Christopher Bruce

Design
Marian Bruce

Licht
Tina MacHugh

Choreographische Assistenz
Steven Brett

Tänzerinnen und Tänzer

Elisa Fraschetti
Alena Gorelcikova
Adelina Pastor
Yulia Tsoi
Michelle Yamamoto
Breno Bittencourt
Armen Hakobyan
Davit Jeyranyan
Denis Untila
Igor Volkovskyy




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(Homepage)



Da capo al Fine

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