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Les Contes D'Hoffmann
(Hoffmanns Erzählungen)


Phantastische Oper in fünf Akten
Musik von Jacques Offenbach
Text von Jules Barbier und Michel Carré
Fünfaktige Fassung
basierend auf der Ausgabe von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck

in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 22. Oktober 2011


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Die Einsamkeit des Regisseurs

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu

Vergrößerung in neuem Fenster Pausenpublikum auf der Bühne: Man amüsiert sich über die Geschichte von Klein Zack. In dynamischer Schräglage Hoffmann (Thomas Piffka)

Am Anfang ist die Bühne leer. Hoffmann sitzt am Rand, allein. Dichter, Musiker? – es könnte auch ein Regisseur sein. Im Publikum erhebt sich eine Frau, beginnt (nach den Klängen des kurzen Vorspiels) französisch zu sprechen, gibt sich als Muse aus, wird etwas später einen Herrn im Parkett um den Anzug bitten und, damit bekleidet, als Niklausse in die Handlung eingreifen (im Besetzungszettel steht der erläuternde Zusatz: „eine Zuschauerin, die Hoffmanns Muse sein will“). Die Saalbeleuchtung bleibt den kompletten ersten Akt über an, der Chor steht in moderner Abendgarderobe mit Sektglas lässig an die Geländer der Parkettaufgänge gelehnt – schließlich beginnen Hoffmanns Erzählungen ja mit einer Opernpause während des Don Giovanni, und von da sind diese Herrschaften offenbar gerade gekommen. So wird die Bühne zum Pausenfoyer und doch wieder zur Bühne für Hoffmanns drei Erzählungen.

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Olympia (Rebecca Nelsen) in den Armen Spalanzanis (Marcel Rosca)

Früher schwappten Inszenierungen von Dietrich Hilsdorf regelmäßig in den Zuschauerraum, ja gelegentlich sogar ins Foyer über, waren beinahe so etwas wie ein Markenzeichen. Irgendwann hatte sich das überlebt und Hilsdorf fortan auf dieses Stilmittel verzichtet. Hier erweist es sich als überraschend unverbraucht, weil es sehr schlüssig Teil der Gesamtkonzeption ist. Der reale Zuschauer wird Teil der Inszenierung, oder besser: Teil des Schaffensprozesses, der aus dem leeren Raum heraus große Geschichten auf die Theaterbühne bringt. Hilsdorf nimmt die Künstlerproblematik beim Wort und denkt sie für die heutige (Theater-)Zeit fort, lässt seinen Hoffmann Theaterfiguren für unsere Zeit imaginieren und als Theatermensch unserer Zeit erscheinen. Am Ende bricht der zusammen, der Suizidversuch scheitert Der Schluss der Oper, wenn die Muse sich des Dichters annimmt, ist oft als Triumph der Kunst romantisiert - oder auch als den Künstler vernichtende bös-ironische Schlusspointe inszeniert worden. Bei Hilsdorf geht die junge Frau, die so gerne Muse sein möchte, ganz unspektakulär mit Hoffmann nach hinten ab. Keine Überhöhung, keine Katastrophe. Die Gegenwart nimmt das Künstlerdasein dann wohl doch pragmatischer.

Vergrößerung in neuem Fenster Anlehnungsbedürftig: Antonia (Olga Mykytenko, links) mit toter Mutter (Renée Morloc)

In Essen spielt man eine Fassung mit gesprochenen Dialogen, die sich, so weit sich das aus den sehr unsicheren und unvollständigen Quellen rekonstruieren lässt, weitgehend an die von Offenbach für die Pariser Opéra Comique geplante Fassung anlehnt (gleichzeitig schrieb Offenbach an einer Fassung mit Rezitativen für die Wiener Hofoper, starb aber vor der Fertigstellung des Werkes). Damit nähert sich Hilsdorf der Vorlage, einem Schauspiel von Jules Barbier und Michel Carré, und dem Sprechtheater an. Die Dialoge bleiben durchweg französisch, es wird in deutscher Sprache übertitelt. Dass in dieser fremden Sprache mehrfach auf den Handlungsort Berlin verwiesen wird – was ja eigentlich deutsche Sprache erwarten ließe – führt zu einer weiteren Brechung. Die Künstleroper per excellence wird nicht zum romatischen Überwältigungstheater, sondern ein sehr raffiniert angelegtes und exzellent ausgeführtes Vexierspiel, das mehrfach die Perspektive bricht.

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Venezianische Streitigkeiten: Hoffmann (Thomas Piffka) erschießt versehentlich Pitinacchio (Rainer Maria Röhr); Dappertutto (Thomas J. Mayer, vorne links) und Giulietta (Ieva Prudnikovaite) lassen es geschehen.

Die drei Mittelakte sind vergleichsweise konventionell, aber sehr konzentriert inszeniert. Ausstatter Johannes Leiacker reduziert das Bühnenbild im Olympiaakt auf ein Fenster eines bürgerlichen Palais, arbeitet ansonsten mit großen Vorhängen, was die doppelte Theatersituation noch unterstreicht. Die Puppe Olympia (mit angemessen virtuosem und hübschem, fast zu federleichtem Sopran: Rebecca Nelsen) verbindet grandios spieluhrenhafte Grazilität mit unterschwellig lasziver Gestik. Antonia (mit attraktiver Stimme, aber allzu schematisch gestaltend und in der Höhe angestrengt: Olga Mykytenko) singt sich in dem Sarg zu Tode, dem ihre Mutter (unauffällig: Renée Morloc) zuvor entstieg. Die schäbige Kneipe, in der Giulietta (stimmlich makellos, aber etwas pauschal im Ausdruck: Ieva Prudnikovaite) Hof hält, erinnert stark an Hilsdorfs/Leiackers Essener Carmen.

Vergrößerung in neuem Fenster Finale: Hoffmann deprimiert, die Muse (Michaela Selinger) wittert ihre Chance

Sehr beachtlich schlägt sich Thomas Piffka in der Titelpartie. Sicher muss er in der hohen Lage vorsichtig sein; wenn er forciert, wird der Ton metallisch und hart, aber solange er die Spitzentöne mit Vorsicht angeht, behält die Stimme auch in der Höhe eine Leichtigkeit, die dem französischen Fach entgegen kommt. Thomas J. Mayer ist ein grundsolider Bösewicht Lindorf, vom Aussehen dämonischer als vom Klang der Stimme. Michaela Selinger hat als jugendlich leichte Muse viele schöne Momente, singt sich aber mitunter fest. Nach wie vor imponiert Marcel Rosca (hier als Luther, Spalanzani, Crespel und Pitinacchio) mit profunder Stimme und kluger Gestaltung. Rainer Mari Röhr gibt die komischen Tenorpartien (Andres, Cochenille, Frantz, Pitinacchio) als grelle Verschnitte. Exzellent einstudiert und sehr klangschön präsentiert sich der Chor des Aalto-Theaters.

In gewohnt guter Verfassung spielen die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Chefdirigent Stefan Soltesz. Mit transparentem, nie dicken Klangbild arbeitet er viele Details schön heraus, erzeugt die „romantische“ Atmosphäre vor allem durch die delikate Behandlung der Bläser. Die Tempi sind flüssig und klug disponiert. Das es dennoch nicht das ganz große Orchesterglück wird an diesem Premierenabend, das liegt an der ungewohnt schlechten Abstimmung mit der Bühne. Da geht doch vieles auseinander, meist nur eine Nuance zwar (und große Wackler bleiben ganz aus), aber genau die verhindert, dass Sänger und Orchester organisch verschmelzen. Und bei den Sängern wiederum bleibt den ganzen Abend über der Eindruck, dass man im Zweifelsfall doch lieber auf Nummer sicher geht und sehr streng im Rhythmus, sehr „gerade“ singt, auch da, wo die musikalischen Emotionen mehr Freiheiten verlangen.


FAZIT

Dietrich Hilsdorf übersetzt das Künstlerdrama in den klaren Bildern von Johannes Leiacker schlüssig und spannend in die Theatergegenwart. Musikalisch ein durchweg solider, wenn auch nicht besonders glanzvoller Abend.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Inszenierung
Dietrich W. Hilsdorf

Bühnenbild und Kostüme
Johannes Leiacker

Chor
Alexander Eberle

Dramaturgie
Norbert Abels



Statisterie
des Aalto-Theaters

Opernchor
des Aalto-Theaters

Essener Philharmoniker


Solisten

Hoffmann
Thomas Piffka

Lindorf / Coppélius /
Doktor Miracle / Dapertutto
Thomas Johannes Mayer

Nathanael / Wolfram
Arman Manukyan

Luther, Spalanzani, Crespel, Schlémil
Michael Haag

Andrès / Cochenille /
Frantz / Pitinacchio
Rainer Maria Röhr

Hermann
Mateusz Kabala

Olympia
Rebecca Nelsen

Antonia
Olga Mykytenko

Giulietta
Ieva Prudnikovaite

Niklausse / Muse
Michaela Selinger






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(Homepage)




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