Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Träumer. Tanzen. Lieder

Zweiteiliger Ballettabend mit Choreographien von Christian Spuck und Mauro Bigonzetti

Sleepers Chamber
Musik von Martin Donner; Choreographie: Christian Spuck

Cantata
Traditionelle Musik aus Süditalien, arrangiert von "Gruppo Musicale Assurd"; Choreographie: Mauro Bigonzetti

Aufführungsdauer: ca. 1h 40' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 12. Februar 2012




Theater Dortmund
(Homepage)
Fest der Differenzen

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöss

Während Dortmunds Ballettdirektor Xin Peng Wang in der letzten Spielzeit unter dem Titel Körper. Tanzen. Formen mit Choreographien von George Balanchine, Benjamin Millepied und William Forsythe einen Gang durch die Geschichte des modernen Tanzes des 20. und 21. Jahrhunderts gemacht hat und der Titel des Ballettabends mit dem dritten Wort "Formen" auf die unterschiedlichen Tanzstile hinweist, die die Körper vertanzen (siehe auch unsere Rezension), ist der Titel des neuen Ballettabends, unter dem die beiden recht gegensätzlichen Choreographien von Christian Spuck und Mauro Bigonzetti zusammengefasst werden, vielleicht noch assoziationsreicher ausgefallen. Zum einen geht es in Mauro Bigonzettis Cantata um Lieder, die von Menschen in einer gewissen Trance, also wie in einem Traum, vertanzt werden. Zum anderen stehen die Träumer aber auch für schlafende Wesen, die in Christian Spucks Sleepers Chamber für einen kurzen Augenblick erwachen. So stehen am Anfang und am Ende des Titels zwei Begriffe, die über den Tanz verbunden werden.

Bild zum Vergrößern

Die Natur erwacht: vorne: Barbara Melo Freire und Sergio Carecci (im Hintergrund: Ensemble).

Sleepers Chamber entstand 2007 für das Stuttgarter Ballett, das Christian Spuck noch bis Ende der Spielzeit als Hauschoreograph leitet, bevor er ab der Spielzeit 2012 / 2013 die Direktion des Zürcher Balletts übernehmen wird, und ist Spucks erste choreographische Arbeit für das Dortmunder Ballett. Spuck spürt in dieser Choreographie dem Phänomen des Schläfers nach, der in einer Kammer hockt, bis er durch irgendein Signal zum Leben erwacht. Während man den Begriff des Schläfers heutzutage häufig mit Agenten oder Terroristen assoziiert, interessiert Spuck der Begriff allerdings nicht aus politischer Sicht, sondern bezüglich seiner ursprünglichen Vorkommnisse in der Natur. So zeigt der grau gehaltene abgeschlossene Raum auf der Bühne überdimensionale schwarze Heuschrecken in unterschiedlichen Größen, die auf verschiedenen Seiten der Bühne hocken. Vorne links befindet sich eine Bank, auf der ebenfalls einige Tänzer schlafen, daneben schwarzes Laub als Zeichen des Verfalls. Aus dem Schnürboden rieselt zu Beginn des Stückes weißer Schnee.

Bild zum Vergrößern

Der Schnee läutet das Ende ein: Ensemble.

In diesem Ambiente liegen nun an unterschiedlichen Stellen drei Tänzerinnen und fünf Tänzer, die alle einen langen schwarzen Frack und eine schwarze Hose tragen, somit wie Schattengestalten wirken. Einige von ihnen tragen hochragende kegelförmige Hüte in Grau. Andere setzen diese Hüte erst während der folgenden Tanzsequenzen auf. Das Erwachen erfolgt langsam zu recht surrealen Klängen von Martin Donner, die, wie sich im weiteren Verlauf herausstellt, Variationen eines Adagios von Arcangelo Corelli in verfremdeter und bearbeiteter Form darstellen. Nacheinander scheinen sich diese Tänzerinnen und Tänzer nun aus ihrer Erstarrung zu lösen und in recht klassischen Figuren und Schrittfolgen zu der unkonventionellen Klangcollage zu tanzen, die mal nur aus Beats, mal aus elektronischer Musik besteht und nur selten die barocke Musik Corellis anklingen lässt.  Auch wenn der Bewegungskanon dabei recht klassisch wirkt, verfallen die Tänzer immer wieder in starre Figuren, die mit gespreizten Armen befremdlich wirken, aber dennoch ein einheitliches Bewegungsmuster in ähnlichen Variationen aufzeigen.

Erst zur Mitte des Stückes taucht Mark Radjapov in einem Kostüm auf, das sich von den anderen Kostümen abhebt. Er trägt keinen schwarzen Frack, sondern ein Shirt, das sich vom Schwarz der Hose über verschiedene Graustufen bis zum Hals aufhellt und somit mit dem schwarzen Laub auf dem Boden und dem weißen fallenden Schnee korrespondiert. Dieses gleiche Kostüm tragen am Ende die drei Tänzerinnen, als ob sie im Verlauf des Stückes eine Metamorphose durchlebt hätten. Erst wenn am Ende der Schnee wieder aus dem Schnürboden rieselt, verfallen die Tänzer allmählich wieder in die gleiche Erstarrung, aus der sie zu Beginn erwacht sind. Barbara Melo Freire, Emilie Nguyen, Rosa Ana Chanza Hernandez, Mark Radjapov, Howard Quintero Lopez, Luke Forbes, Christopher Parker und Sergio Carecci begeistern in diesem ersten Teil durch absolut Homogenität in den recht schnellen Ensembles und expressiven Bewegungen zu den surrealen Klängen der Musik. So gibt es großen Applaus für die Tänzer und den Choreographen am Ende des ersten Teils.

Bild zum Vergrößern

Die Frauen verfallen durch den Spinnenbiss dem Wahn.

Mauro Bigonzetti ist dem Dortmunder Ballettpublikum spätestens seit Ommagio a Bach 2007 und Rossini Cards 2008 kein Unbekannter mehr. Seine lebensfrohe Tanzkreation Cantata, die er ursprünglich für das Aterballetto choreographierte, hat seit seiner Uraufführung bereits zahlreiche Übernahmen von Ballett-Compagnien in ganz Europa erfahren und fängt dabei das Flair eines archaischen Dorfplatzes in Apulien, im Süden Italiens, ein. Hier besitzen die Frauen des Dorfes vier Tage lang im Mai absolute Narrenfreiheit. Angeblich werden sie zu dieser Zeit von einer kleinen Spinne auf dem Feld gebissen, was einen gewissen Wahnsinn bei ihnen auslöst, von dem sie sich nur durch den Tanz befreien können. Als musikalische Untermalung wird traditionelle Volksmusik aus Süditalien gewählt, die von dem 1993 gegründeten italienischen Frauenquartett "Gruppo Musicale Assurd"  arrangiert worden ist. Die Wurzeln dieser Musik liegen in der typischen Erdverbundenheit der bäuerlichen Traditionen Süditaliens und dem Wunsch nach gemeinsamem Singen und Spielen. Dabei steht "Assurd" für eine vom Tanz inspirierte animalische Form altertümlicher Texte und Musik.

Bild zum Vergrößern

Alessandra Spada (vorne links) und Rosa Ana Chanza Hernandez (vorne rechts) (dahinter: Ensemble).

Ähnlich wie Pina Bausch lässt auch Bigonzetti seine Tänzerinnen und Tänzer reden und singen, um sich so wieder auf die ursprüngliche Form des Tanzes zu besinnen, in der die Tänzer sich nicht nur durch Bewegungen ausdrücken durften. Auf einer leeren Bühne stehen folglich zu Beginn neun Tänzerinnen und neun Tänzer dicht in ein Karree gedrängt und singen im Chor eine italienische Volksweise. Das Lichtdesign von Carlo Cerri lässt dabei zunächst kleine rechteckige Lichtflecken auf den schwarzen Seitenvorhängen erscheinen, die an erleuchtete Fenster in Hochhäusern erinnern. Von dieser scheinbaren Metropole bewegt man sich über die singenden Tänzer in die kleine Dorfgemeinde, die Helena de Medeiros in einfachen bunten Kostümen bäuerlich ausstattet. In dieser Gemeinde beginnen nun die Frauen zu tanzen, wobei sie immer wieder von den Männern gezügelt werden, was zunächst Ausdruck der dort herrschenden patriarchalischen Strukturen zu sein scheint. Doch dann beißen sich die Frauen bei der Pizzica, einer Art Tarantella, in die Hand, und ein hemmungsloser Tanz beginnt. Zwar sind es auch wieder die Männer, die die Frauen von hinten greifen und zuckend aus der Mitte der Bühne ziehen, jetzt aber selbst in einen zügellosen Tanz verfallen.

Ihr komödiantisches Talent können vor allem Rosa Ana Chanza Hernandez und Alessandra Spada beweisen, wenn sie in einem Dialog zunächst in einem stereotypen Frauengespräch über den Kollegen Giuseppe diskutieren und Hernandez anschließend despektierlich feststellt, dass es nach Frikadellen riecht, die jemand wohl in der Pause gegessen hat. Diese Szene erinnert unwillkürlich an Nazareth Panadero aus dem Pina-Bausch-Ensemble. Im Tanz zeigt das Ensemble pure Lebensfreude und steckt voller Energie. Manchmal verharren die Tänzer in einzelnen Posen, rasten sozusagen ein, um im nächsten Moment auszurasten und sich noch wilder zu bewegen. Erst am Schluss werden sie aus den wilden Tänzen wieder in ihr Karree geführt und singen wie zu Beginn im Chor die italienische Volksweise. Wie im ersten Teil des Abends der Schnee am Anfang und Ende steht, so rahmt auch der Chor im zweiten Teil den Abend ein und deutet den immer wiederkehrenden Kreislauf an. Großen Applaus gibt es für die Tänzer und den Choreographen auch am Ende des zweiten Teils. Auch Xin Peng Wang dankt man mit langer Akklamation für die Zusammenstellung dieser zwei doch recht gegensätzlicher Choreographien, die einmal den Tanz vom Bauch her, einmal vom Kopf her aufziehen und dabei das Publikum in der Mitte, im Herzen, bewegen.

 

FAZIT

Das Dortmunder Ballett zeigt, dass es auch singen und schauspielern kann, und belegt erneut, dass es mit einer großen Fangemeinde die Dortmunder Oper zu füllen weiß.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

 

Sleepers Chamber

Choreographie, Inszenierung und Bühne
Christian Spuck

Kostüme
Emma Ryott

Lichtdesign
Reinhardt Traub

Einstudierung
Patrick Teschner

 

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

*Barbara Melo Freire /
Jelena-Ana Stupar
*Emilie Nguyen /
Sayo Yoshida
*Rosa Ana Chanza Hernandez /
Esther Perez-Samper
*Mark Radjapov /
Andrei Morariu
*Howard Quintero Lopez /
Eugeniu Cilenco
*Luke Forbes / Yuri Polkovodtsev
*Christopher Parker /
Giuseppe Ragona
*Sergio Carecci / Arsen Azatyan

 

Cantata

Choreographie
Mauro Bigonzetti

Kostüme
Helena de Medeiros

Lichtdesign
Carlo Cerri

Einstudierung
Macha Daudel

 

Tänzerinnen und Tänzer

Rosa Ana Chanza Hernandez
Risa Tateishi
Barbara Melo Freire
Esther Perez-Samper
Emilie Nguyen
Alessandra Spada
Jelena-Ana Stupar
Eveline Drummen
Nora Brown
Arsen Azatyan
Mark Radjapov
Sergio Carecci
Philip Woodman
Andrei Morariu
Eugeniu Cilenco
Christopher Parker
Giuseppe Ragona
Luke Forbes

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Theater Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2012 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -