Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



L'Eliogabalo

Dramma per musica in drei Akten
Textdichter unbekannt, Libretto bearbeitet von Aurelio Aureli
Musik von Francesco Cavalli

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 50' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 9. Oktober 2011 




Theater Dortmund
(Homepage)
Laxe Sitten im alten Rom

Von Thomas Molke / Fotos von Thomas M. Jauk

Jens-Daniel Herzog hat sich als neuer Intendant der Oper Dortmund für diese Spielzeit viel vorgenommen. Direkt eine Woche, nachdem er mit der Eröffnungspremiere Der fliegende Holländer seine Visitenkarte als Regisseur abgegeben hat, wird im Opernhaus die nächste Premiere präsentiert. Und um den Bogen möglichst weit zu spannen, folgt nach Wagners großer romantischer Oper ein völlig unbekanntes Barockwerk, bevor es in zwei Wochen mit der Musicalsparte weitergehen wird. Abwechslungsreicher kann man die Premieren innerhalb des ersten Monats kaum zusammenstellen. Schade ist nur, dass dieses breit gefächerte Angebot - zumindest bei der Premiere der Cavalli-Oper - noch nicht zu der ihr gebührenden Platzauslastung führt. So bleiben bei der Premiere die Ränge und die letzten Reihen im Parkett leider leer, wofür es mehrere Gründe geben mag. Zum einen gibt es zwei Premieren-Abonnements, die sich nicht in allen Veranstaltungen überschneiden. Somit geht L'Eliogabalo nur durch ein Premieren-Abonnement und scheint den Freiverkauf noch nicht sonderlich angekurbelt zu haben, zumal sich Dortmund überregional in den letzten Jahren nicht gerade den Ruf erarbeitet hat, eine Barock-Hochburg zu sein. Es bleibt Jens-Daniel Herzog zu wünschen, dass er das Dortmunder Opernhaus mit seinem ambitionierten Spielplan aus dem Platzauslastungstief der letzten Zeit herausholen wird. Die musikalische und szenische Qualität dieser Produktion hätte es verdient.

Bild zum Vergrößern

Eliogabalo (Christoph Strehl, Mitte) mit seinen beiden Dienern und Beratern Lenia (Elzbieta Ardam) und Zotico (Hannes Brock, links).

Cavallis letzte erhaltene Oper handelt von dem römischen Kaiser Marcus Aurelius Antoninus, der von 218 bis zu seiner Ermordung im Jahr 222 n. Chr. die Geschicke des römischen Reiches mehr schlecht als recht führte und wegen seiner sexuellen Ausschweifungen und unberechenbaren Grausamkeit als eine Art zweiter Nero unter dem Namen Heliogabal oder auch Elagabal in die Geschichte eingegangen ist. Das Libretto entfernt sich sehr weit von den historischen Ereignissen und stellt zwei Liebespaare ins Zentrum der Handlung: auf der einen Seite Eritea und ihren Verlobten Giuliano, den Chef der Prätorianer, auf der anderen Seite Giulianos Schwester Flavia Gemmira und ihren Verlobten Alessandro, den Cousin Eliogabalos und zukünftigen Kaiser Alexander Severus. Während Eliogabalo ein Verhältnis mit Eritea hat, was Giuliano schweren Herzens duldet, da er gemeinsam mit Eritea hofft, dass Eliogabalo sie zur Kaiserin machen wird, wird der Kaiser ihrer aber bald überdrüssig und möchte Gemmira verführen. Da diese aber ihrem Alessandro treu ist und Eliogabalo fürchtet, dass Alessandro beim Volk höher in der Gunst steht, beschließt er, sich Gemmira mittels eines präparierten Weins gefügig zu machen und Alessandro zu vergiften. Doch der Plan wird vereitelt. Derweil planen Gemmira, Giuliano und Eritea im Gegenzug, den Kaiser zu ermorden, woran sie aber von dem ahnungslosen Alessandro gehindert werden, der seinem Cousin bei allen Eskapaden die Treue hält, bis dieser ihn im Circus Maximus von einem Gladiator töten lassen will. Währenddessen wird Eliogabalo bei dem Versuch, Gemmira zu vergewaltigen, von einem Diener getötet, und die Konsuln krönen Alessandro, der dem Anschlag entkommen ist, zum neuen römischen Kaiser.

Bild zum Vergrößern

Eliogabalo (Christoph Strehl) versucht, beim Spiel Gemmira (Eleonore Marguerre) zu verführen.

Bei der Uraufführung 1668 war Cavallis Oper ein großer Misserfolg, der dazu führte, dass das Werk nach kurzer Zeit vom Spielplan genommen wurde und bis heute in Vergessenheit geriet. Hierfür mögen zwei Gründe angeführt werden. Zum einen war Cavallis Musik, die sich mit langen Rezitativen sehr nah am Sprechtheater orientierte und nur gelegentlich kurze Arien einstreute, nicht mehr am Puls der Zeit, die sich schon allmählich an die affektgeladenen Arien des 18. Jahrhunderts annäherte und Rezitative nur noch zu narrativen Aspekten gebrauchte. Zum anderen ging dem venezianischen Publikum die Geschichte über einen in sexuellen Ausschweifungen lebenden dekadenten Alleinherrscher mit dem anschließenden Tyrannenmord doch zu weit und erschütterte die Monarchie in ihren Grundfesten. In der heutigen Zeit scheint dieses Stück aber aktueller denn je, um zu betrachten wie weit ein Tyrann gehen kann, bevor ein Volk sich wirklich zur Wehr setzt und ihn entmachtet. Von daher verzichtet Irina Bartels auf historisierende Kostüme und kleidet die Figuren eher modern, wobei sie den einzelnen Charakteren sehr deutliche Farben zuordnet. So trägt Gemmira zunächst zartes Rosa, das sich auch im Hemd ihres Verlobten Alessandro wiederfindet und mit dem grauen Anzug bei ihm eine gewisse Charakterschwäche symbolisiert. Unter ihrem Kleid zeigen aber die knallroten Strümpfe, wie begehrenswert sie für den Kaiser ist. Wenn Eliogabalo sie später zum Rendezvous einlädt und zu verführen versucht, ist sie ganz in Rot gekleidet. Die sexuelle Komponente wird durch hochhackige Schuhe ausgedrückt, die nicht nur die von Eliogabalo begehrten Damen tragen, sondern auch die Lustknaben, mit denen sich der Kaiser in seinem Palast umgibt. Atilia, Gemmiras Rivalin, die unglücklich in Alessandro verliebt ist, trägt über ihrem weißen Kleid Gemmiras rosafarbenes Kleid, wenn sie Alessandro für sich zu gewinnen versucht. Eliogabalo selbst macht mit seinen exaltierten wechselnden Kostümen vom Pelzmantel über hohe Stiefel seine vielseitigen sexuellen Neigungen sehr deutlich.

Bild zum Vergrößern

Zoff zwischen Giuliano (Ileana Mateescu) und Eritea (Tamara Weimerich).

Die Bühne von Stefan Hageneier besteht größtenteils nur aus einer Zwischenwand, auf der in großen Lettern der Name des Kaisers mit einer Krone prangt. Wird diese Wand hochgezogen, befindet man sich im Kaiserpalast, wobei die Szenerie teilweise in einer Badewanne mit jeder Menge Schaum spielt oder auf einem riesengroßen Sofa. Rechts und links vom verkleinerten Orchestergraben führt eine Treppe in die Niederungen des einfachen Volkes herab. Wird die Zwischenwand herabgelassen, wirkt der Raum beinahe schon klaustrophobisch, was durch die eindringliche Lichtgestaltung von Ralph Jürgens noch unterstützt wird und zeigt, wie sehr die Figuren von der kaiserlichen Willkür eingeengt werden. Besonders eindrucksvoll gelingt der Einsatz einer Drehtür mit Glasscheiben, wenn Eliobabalo Gemmira mit dem Wein gefügig machen und Alessandro vergiften will. Zunächst nutzen Giuliano und Eritea die Glastür um von verschiedenen Seiten ihre Meinungsverschiedenheiten auszutragen. Dann versperrt der betrunkene Nerbulone den Eingang, so dass Alessandro nicht zum Essen erscheinen und somit nicht vergiftet werden kann. Später stellt diese Drehtür die Tribüne dar, von der aus Giuliano und Alessandro die Gladiatorenkämpfe, die zwischen Zuschauerraum und Orchestergraben stattfinden, beobachten.

Bild zum Vergrößern

Eliogabalo (Christoph Strehl) versucht erneut, mit Lenias (Elzbieta Ardam, links) und Zoticos (Hannes Brock, hinten) Hilfe, Gemmira (Eleonore Marguerre, Mitte) für sich zu gewinnen.

Katharina Thomas Inszenierung weist eine sehr ausgeklügelte Personenregie auf, die den Solisten einiges abverlangt. So schreckt sie nicht davor zurück, einen Blowjob in der Badewanne anzudeuten, wobei es ihr dabei nicht um Provokation des Publikums geht, sondern darum, Eliogabalo als Herrscher zu disqualifizieren. Der von Gemmira am Ende berichteten Ermordung des Tyrannen misstraut Thoma allerdings. So lässt sie den Kaiser am Ende in einem Trenchcoat wieder auftreten und inkognito dem Bericht über seine Ermordung lauschen. Die beiden Konsuln, die Alessandro zum neuen Kaiser ausrufen, sehen dabei aus wie Charlie Chaplin, um zu verdeutlichen, welche politische Farce hier eigentlich gespielt wird, und während die beiden Paare Gemmira und Alessandro und Giuliano und Eritea ihr neu gefundenes Glück bejubeln, feiert Eliogabalo mit seinen Lustknaben und jungen Frauen im Hintergrund weiter seine Orgien. Es wird sich nichts ändern. So endet die Oper musikalisch auch nicht im großen Jubel, sondern mit einem recht melancholischen Rezitativ der beiden Paare.

Musiziert wird auf sehr hohem Niveau. Fausto Nardi zaubert mit einer recht überschaubaren Besetzung der Dortmunder Philharmoniker einen zauberhaften Barockklang aus dem Orchestergraben, der die feinen Nuancen der Partitur sehr differenziert auslotet. Ergänzt wird das Orchester von einem glänzend aufgelegten Ensemble. Hannes Brock und Elzbieta Ardam begeistern stimmlich und darstellerisch als Dienerpaar Lenia und Zotico, die ihrem Herren bei seinen ganzen Verfehlungen treu zur Seite stehen. Christian Sist stattet Nerbulone und den gedungenen Mörder Tiferne mit kräftigem Bass und sehr viel Spielwitz für die komischen Momente aus. Anke Briegel überzeugt mit warmem Sopran als Atilia, die auf den geliebten Alessandro verzichten muss und sich kurzerhand für den stattlichen Tiferne entscheidet. Tamara Weimerich gestaltet die Rolle der Eritea mit sehr klarem Sopran und arbeitet die Doppelzüngigkeit des Charakters spielerisch gekonnt heraus. Ileana Mateescu gefällt als ständig leidender Giuliano mit wohl timbriertem Mezzo. John Zuckerman stattet den von der Regie etwas blass angelegten Alessandro mit einem recht lyrischen Tenor aus. Eleonore Marguerre begeistert als Gemmira mit leuchtendem Sopran und bewegt vor allem in den leidenden Momenten. Für Christoph Strehl stellt die Titelfigur eine regelrechte Paraderolle dar. Darstellerisch lotet er die dunklen Seiten der Figur differenziert aus und überzeugt dabei mit einem sehr kräftigen Tenor. So gibt es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten.

 

FAZIT

Die Oper Dortmund hat eine Barock-Perle auf die Bühne gebracht. Es bleibt zu hoffen, dass sich das herumspricht und die folgenden Aufführungen besser besucht sind.

 


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Fausto Nardi

Inszenierung
Katharina Thoma

Bühne
Stefan Hageneier

Kostüme
Irina Bartels

Licht
Ralph Jürgens

Dramaturgie
Georg Holzer

 

Statisterie des
Theater Dortmund

Dortmunder Philharmoniker

Cembalo
Andreas Küppers

Theorbe / Barockguitarre
Johannes Vogt

 

Solisten

Eliogabalo, Kaiser von Rom
Christoph Strehl

Alessandro, sein Cousin
John Zuckerman

Flavia Gemmira, dessen Verlobte
Eleonore Marguerre

Giuliano, Chef der Prätorianer
Ileana Mateescu

Eritea, dessen Verlobte
Tamara Weimerich

Atilia
Anke Briegel

Lenia, Dienerin des Kaisers /
Ein Konsul
Elzbieta Ardam

Zotico, Diener des Kaisers /
Ein Konsul
Hannes Brock

Nerbulone / Tiferne
Christian Sist


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Theater Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2011 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -