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Ganz oder gar nicht -
The Full Monty


Musical in zwei Akten
Buch von Terrence McNally
Deutsche Texte von Iris Schumacher und Frank Tannhäuser
Musik von David Yazbek

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 22. Oktober 2011




Theater Dortmund
(Homepage)
Fühl dich frei!

Von Thomas Molke / Fotos von Thomas M. Jauk (Stage Pictures)

Aller guten Dinge sind drei. So hat der neue Intendant der Dortmunder Oper, Jens-Daniel Herzog, für die ersten drei Wochen der neuen Spielzeit direkt drei Premieren auf den Spielplan gesetzt, die unterschiedlicher nicht sein können. Nach einer recht modernen Deutung des fliegenden Holländers, die der neue Hausherr selbst inszeniert hat, und der recht unbekannten Barockoper L'Eliogabalo von Francesco Cavalli wird mit der Auswahl des Musicals deutlich, dass Herzog sein Versprechen einhalten will, Theater für alle zu machen. Folglich trifft man im Foyer auf ein teilweise ganz anderes Publikum, das bestimmt auch gekommen ist, um die Hüllen fallen zu sehen. Denn darum geht es letztendlich in David Yazbeks Musical Ganz oder gar nicht - The Full Monty, wenn auch im eigentlichen Sinne nur am Rande.

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Stripper Buddy (Markus Schneider) bringt Dolores (Johanna Schoppa) zum Kreischen.

Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Film The Full Monty, den der Regisseur Peter Cattaneo 1997 drehte und in dem sechs arbeitslose Stahlarbeiter aus Sheffield ihrer finanziellen und sozialen Misere entkommen wollen, indem sie für die weibliche Kundschaft eine Strip-Show organisieren, in der sie, anders als die von den Frauen angehimmelten Chippendales, versprechen, wirklich alle Hüllen fallen zu lassen. Dieser mit relativ niedrigem Budget produzierte Film entpuppte sich zu einem Überraschungserfolg und veranlasste Yazbek, gemeinsam mit dem Dramatiker Terrence McNally für den Broadway eine Musicalversion zu erstellen, die am 1. Juni 2000 in San Diego ihre Welturaufführung erlebte, bevor sie dann am Broadway zwei Jahre lang mit sehr großem Erfolg lief. Die Handlung wurde dabei nach Buffalo verlegt und die Namen der Protagonisten geändert. Da das Musical rund eine Stunde länger ist als der Film, gibt es die Möglichkeit, die einzelnen Charaktere intensiver aufzubauen. Für die Dortmunder Inszenierung ist es natürlich nahe liegend, den Ort der Handlung ins Ruhrgebiet zu verlegen, wo durch die Stilllegung von Zechen und den Strukturwandel die Situation mit der in Sheffield aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts durchaus vergleichbar ist, so dass zu dieser Produktion Dortmunds Slogan "Wo, wenn nicht hier", der in dieser Spielzeit die Programmhefte ziert, sicherlich seine Berechtigung hat und breite Bevölkerungsschichten der Region ansprechen dürfte. Bei der Premiere tobte jedenfalls der Saal.

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Jerry (David Jakobs, rechts) versucht, seinen Kumpel Dave (Patrick Stanke) von der Strip-Idee zu überzeugen.

Heike Meixner hat eine riesige Wand auf die Bühne gestellt, die die Rückseite einer Werkshalle darstellt. Diese Wand ist in zwei Ebenen bespielbar und übernimmt durch die darauf projizierten Bilder unterschiedliche Funktionen. Zum einen steht sie für die hässlichen grauen Wände eines Werkgeländes, zum anderen suggeriert ein Wald die Natur, in der Jerry und Dave joggen, um sich für den Auftritt fit zu machen. Auf der Bühne sind vor dieser Wand zwei Schienen angebracht, auf denen einzelne Bühnenbildteile wie beispielsweise das Herrenklo im Strip-Club, das Schlafzimmer der Bukatinskys oder Harolds hypermodern eingerichtetes Wohnzimmer auf die Bühne gezogen werden. Für die Bühne im Strip-Club fungiert ein Vorhang aus silbernen Glitzerstreifen, der vom Schnürboden herabgelassen wird. An der Decke prangt anfangs ein Plakat der Chippendales, das später gegen die sechs Arbeiter ausgetauscht wird. Die Band, bestehend aus acht Musikern, ist in einem verkleinerten Orchestergraben vorne links untergebracht und präsentiert unter der Leitung von Jürgen Grimm einen musikalischen Mix aus Soul und Motown und ist in Lautstärke mit den über Mikroports singenden Solisten gut abgestimmt, so dass eine nahezu hundertprozentige Textverständlichkeit erreicht wird. Kati Farkas hat für die Ensemble-Szenen sehr stimmige Choreographien erarbeitet, die vor allem am Schluss beim Strip der sechs Arbeiter das Opernhaus regelrecht zum Kochen bringen. Dazu tragen natürlich auch die Darstellerinnen bei, die als Groupies aus dem Zuschauerraum die Jungs auf der Bühne anfeuern.

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Malcolm (Tim Ludwig) ist verzweifelt und will sich das Leben nehmen.

Das Ensemble besteht durchweg aus Musical-erfahrenen Gästen, die Gil Mehmert in einer ausgeklügelten Personenregie neben den komischen Momenten der Inszenierung recht melancholisch anrührende Szenen herausarbeiten lässt, ohne dabei in Kitsch abzudriften. Da sind in erster Linie die sechs Arbeiter zu nennen, die eigentlichen Hauptpersonen des Stückes, die die Vielschichtigkeit ihrer Figuren sehr sorgfältig herauszuarbeiten. David Jakobs spielt Jerry Lukowski, den Initiator der Strip-Idee. Während er im Zusammenspiel mit den anderen Männern stets den Macho gibt, zeigt das Verhältnis zu seinem Sohn Nathan (Tina Haas), der bei seiner geschiedenen Frau Pam lebt, dass er nicht nur ein cooler Sprücheklopfer ist, sondern dass er mit seiner Coolness nur seine eigentliche Verzweiflung kaschieren will. Tina Haas versteht es, mit sparsamer Mimik und Gestik großartig zu zeigen, wie sehr Nathan an seinem Vater hängt. Regelrecht unter die Haut geht der Moment, in dem Nathan seinem Vater seine Ersparnisse gibt, um die Kaution für den Auftritt zu bezahlen. Auch wie Haas Jerry, der kurz vor dem Auftritt kneift, doch noch überzeugt, zu den anderen auf die Bühne zu gehen, ist eindringlich inszeniert und zeugt von großer Schauspielkunst.

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Unsicherheit bei Malcolm (Tim Ludwig, links), Noah (Frank Odjidja, 2. von links), Dave (Patrick Stanke, 3. von links hinten), Harold (Dirk Weiler, vorne) und Elton (Markus Schneider, rechts): Ist es das, was die Frauen sehen wollen? (auf der Brüstung von links: Joanne (Melanie Wiegmann, Estelle (Verena Mackenberg), Pam (Julia Klotz) und Georgie (Sabine Ruflair)).

Patrick Stanke begeistert als Dave Bukatinsky, den seine Arbeitslosigkeit in Depressionen und Fresssucht treibt. Wie sein Selbstbewusstsein als arbeitsloser Hausmann immer weiter sinkt und damit auch die Beziehung zu seiner Frau Georgie belastet, die ihn am Ende sogar verlassen will, wie es sehr viel Überredungskunst bedarf, erst von seinen Freunden, dann am Ende sogar von seiner Frau, an diesem Männer-Strip doch noch teilzunehmen, wird von Stanke sehr glaubhaft auf die Bühne gebracht. Auch Tim Ludwig gelingt als Malcolm ein sehr eindringliches Rollenportrait. Während er zu Beginn überhaupt kein Selbstbewusstsein besitzt, da er zum einen arbeitslos ist, zum anderen noch als Mama-Söhnchen bei seiner Mutter lebt und schon Selbstmord begehen will, lässt ihn die Freundschaft zu Jerry und Dave und die Idee mit der Strip-Nummer neues Selbstbewusstsein entwickeln, sich letztendlich von seiner Mutter lösen und in Elton einen Partner finden, der ihm Hoffnung für eine bessere Zukunft gibt. Markus Schneider überzeugt nicht nur in der Rolle des Elton, der stets mit dem Kopf durch die Wand will, sondern auch als professioneller Stripper Buddy, der Jerry die Idee zum Strippen gibt. Dirk Weiler legt den ehemaligen Abteilungsleiter Harold Nichols sehr verklemmt an, weil er sich einerseits schwer tut, mit den ehemaligen Arbeitern auf einer Stufe zu stehen, andererseits er alles daran setzt, die Aktion vor seiner Frau Vicky zu verheimlichen, der er sogar seine Arbeitslosigkeit verschwiegen hat und der er sonnigen Wohlstand vorgaukelt, bis ihr Mobiliar gepfändet wird. Frank Odjidja gibt den bereits etwas älteren Noah, genannt Horse, dessen bestes Teil, wie er am Schluss schamhaft eingesteht, gar nicht so gewaltig ist, wie sein Spitzname verspricht, ebenfalls sehr einfühlsam.

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Die Show beginnt: von links: Elton (Markus Schneider), Dave (Patrick Stanke) und Harold (Dirk Weiler).

Aber auch die Frauen überzeugen auf ganzer Linie. Johanna Schoppa begeistert zum einen als reifere Pianistin Jeanette, die mit witzigen Sprüchen die Jungs während ihrer Proben bei Laune hält, zum anderen aber auch als etwas pummeliger Groupie Dolores, die von den Strip-Shows der Männer sehr angetan ist. Besonders gelungen ist ihre Ansage der Strip-Nummer, die im Gegensatz zu der Ansage der Chippendales am Anfang des Stückes steht. Während die sehr schlanke und attraktive Sabine Ruflair als Daves Ehefrau Georgie zu Beginn Buddy als regelrechten Hingucker präsentiert, wird mit Schoppas Ansage der strippenden Männer am Ende klar, dass es hier vielleicht nicht um makellose äußere Schönheit geht, sondern dass es der Mut ist, sich so zeigen, wie man ist. Melanie Wiegmann gefällt als scheinbar oberflächliche Vicky Nichols, von der man sichtlich überrascht ist, mit welcher Vehemenz sie am Ende, wenn ihre Scheinwelt in Stücke zerfällt, dennoch zu ihrem Mann steht und ihm zeigt, dass seine ganze Sorge um sie unnötig gewesen ist. Auch Julia Klotz präsentiert sich als Jerrys geschiedene Frau Pam alles andere als unsympathisch, selbst wenn sie Jerry das Sorgerecht wegnehmen will. Verena Mackenberg, Daniel Berger und Erik Petersen gefallen in den kleineren Rollen durch sehr komödiantisches Talent. Die Beerdigungsrede, die Daniel Berger als Priester auf Malcolms verstorbene Mutter hält, ist dabei beinahe schon etwas makaber, genauso wie die Tatsache, dass während der Beerdigungsmusik Jerry, Harold und Noah in ihre Tanzschritte verfallen.

So wird man an diesem Sinne musikalisch und szenisch drei Stunden lang sehr gut unterhalten und wartet auf den spannenden Moment, ob denn am Ende wirklich alle Hüllen fallen. Und so viel sei verraten: Für einen kleinen Moment zeigen die sechs Jungs wirklich alles. Standing Ovations und nicht enden wollender Jubel am Ende der Vorstellung.

 

FAZIT

Mit dieser Inszenierung landet die Oper Dortmund einen richtigen Coup und kann es durchaus mit den kommerziellen Musical-Produktionen aufnehmen. Man sollte sich frühzeitig um Karten für die weiteren Vorstellungen kümmern.
(Weitere Termine: 5., 6., 11., 17., 19. und  27. November, 4. und 17. Dezember, 7. und 29. Januar, 24. Februar, 7. März, 27. April, 12. und 18. Mai und 6. Juni)


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jürgen Grimm

Inszenierung
Gil Mehmert

Bühne und Kostüme
Heike Meixner

Choreographie
Kati Farkas

Lichtgestaltung
Bernd Sack

Dramaturgie
Georg Holzer

 

Band
Axel Riesenweber
Bernd Zinzius
Raphael Klemm
Ralf Soiron
Stefan Turton
Marcus Bartelt
Bastian Ruppert

 

Solisten

Jerry Lukowski
David Jakobs

Dave Bukatinsky
Patrick Stanke

Georgie Bukatinsky /
Tanzlehrerin
Sabine Ruflair

Vicky Nichols / Joanne
Melanie Wiegmann

Malcolm MacGregor
Tim Ludwig

Buddy / Elton / Vortänzer /
Marty
Markus Schneider

Nathan Lukowski / Susan
Tina Haas

Harold Nichols/ Carl
Dirk Weiler

Noah "Horse" / Paul
Frank Odjidja

Pam Lukowski
Julia Klotz

Jeanette / Dolores
Johanna Schoppa

Estelle
Verena Mackenberg

Ralph / Tony / Gladiator /
Teddy / Molly / Inkasso / Priester
Daniel Berger

Arbeitsloser / Inkasso / Polizist
Erik Petersen


Weitere
Informationen

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Theater Dortmund
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