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Nur wer träumt, ist längst erwacht Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöss
Xin Peng Wangs Handlungsballette, die er in den letzten Jahren zu Szenarien von Christian Baier kreiert hat, sind mittlerweile ein regelrechtes Aushängeschild für das Theater Dortmund geworden. Ballettabende wie Krieg und Frieden und h.a.m.l.e.t. haben das Dortmunder Ballettensemble in die Riege der führenden Compagnien katapultiert. Auch für diese Spielzeit hat Wang erneut ein Handlungsballett auf die Bühne gebracht, das zwar mit dem Titel Fantasia Erinnerungen an den Disney-Klassiker wecken mag, mit diesem aber allenfalls gemein hat, dass der Abend ein Fest für die ganze Familie ist. Im Gegensatz zum Disney-Film wird eine fortlaufende Geschichte erzählt, die gerade zur Vorweihnachtszeit eine nette Alternative zum häufig präsentierten Nussknacker darstellt. Alicia (Barbara Melo Freire) leidet unter ihrer Beinschiene, die sie am Tanzen hindert. Zentrales Thema des Ballettabends ist die Ausgrenzung aufgrund einer Behinderung. Die beiden Kinder Alicia und Florian sind durch eine lange Krankheit an den Rollstuhl gefesselt. Doch während Florian sich mit seinem Schicksal abfindet und sich immer mehr von der Außenwelt isoliert, will Alicia auch mit einer Beinschiene an den Tänzen der anderen Kinder teilnehmen. Allerdings sind ihre Bewegungen so eingeschränkt, dass sie mit den anderen nicht mithalten kann und der große Tanzlehrer Dr. Zaponetti sie nicht wie die übrigen Kinder in seiner Tanzschule aufnimmt. Nur die Fee der Zuversicht spendet Alicia Trost und ermuntert sie, die Beinschiene abzulegen und sich auf den Weg in die Tanzschule zu machen. Was als Traum beginnt, scheint Realität zu werden. Auf ihrem Weg muss Alicia zahlreiche Gefahren überwinden, bevor sie scheinbar am Ziel, der Tanzschule ankommt. Doch diese Tanzschule entpuppt sich als Ort des Grauens. Dr. Zaponetti hält die Kinder in riesigen Glaskäfigen gefangen und entzieht ihnen mit Hilfe einer Maschine die Kräfte, mit denen er einen bösen Drachen speist. Gemeinsam mit der Fee der Zuversicht stellt sich Alicia dem Drachen und muss feststellen, dass dieser niemand anderes ist als Florian, der sich durch seinen Neid auf die anderen Kinder in einen Drachen verwandelt hat, der den gesunden Menschen die Kräfte raubt. Doch gestärkt durch ihre Erlebnisse verhilft Alicia auch ihrem Freund zum Laufen und lässt so auch seinen Traum Wirklichkeit werden. Dr. Zaponetti (Mark Radjapov, Mitte) verzaubert die Kinder mit seinem Tanz. Unterstützt wird er von seinen beiden Helfern Kribbel (Victor Villareal, links) und Krabbel (Tim Collins, rechts) (im Hintergrund: Alessandra Spada und Christopher Parker als Kinder). Frank Fellmann hat für diese Produktion ein sehr fantasievolles Bühnenbild entworfen. So zaubert er einen unheimlichen, surrealen Wald, in dem ein Großteil der Bäume vom Schnürboden herabgelassen wird und in den zackigen Formen die Baumwurzeln andeutet. Die Bäume, die in halber Höhe in der Luft schweben, scheinen in den Himmel zu wachsen und lassen die Tänzer in diesem Gewirr von Wurzeln und Ästen noch winziger und verlorener wirken. Ein Fuß und eine Hand im Gehölz deuten ebenfalls an, dass der Wald lebt oder Lebende verschlingt. Besonders gelungen ist auch der Eingang in die Tanzschule, der mit einem Loch, hinter dem sich eine spiralförmig drehende Scheibe befindet, die Kinder regelrecht aufzusaugen scheint. Die Glaskäfige, in denen die Kinder im zweiten Teil gefangen werden, erinnern an hohe Reagenzgläser, und der Drache, dessen Kopf sich bedrohlich aus dem Bühnenhintergrund nach vorne schiebt, speit sogar richtiges Feuer. Dabei bewegt er sich auf insgesamt acht Pfoten, die von einzelnen Tänzern dargestellt werden und die die entfliehenden Kinder immer wieder einfangen. Die Fee der Zuversicht (Monica Fotescu-Uta, Mitte) befreit mit Alicia (Barbara Melo Freire, rechts) die Kinder (Corps de ballet) aus den Glaskäfigen. Auch Maria Elena Amos kann bei den Kostümen ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Sehr authentisch gestaltet sie die beiden Käfer Kribbel und Krabbel, die mit großem braunen Panzer recht behäbig über die Bühne watscheln und trotz ihrer Bedrohlichkeit für Heiterkeit sorgen. Die Fee der Zuversicht wird in ihrem hellblauen Kostüm ebenfalls recht klassisch und märchenhaft gezeichnet. Die Baumkostüme und die Kitzelmänner, die in ihren Kostümen recht deformiert wirken, sind hingegen eher surreal gestaltet und vermitteln eine gewisse Bedrohlichkeit. Gleiches gilt für die schwarzen Raubvögel mit ihren überdimensionalen Flügeln, während die vier kleinen Vögel mit ihren gelben Kopfbedeckungen eher an harmlose niedliche Küken erinnern. Alicia stellt in ihrem weißen Kleid einen deutlichen Kontrast zu den finsteren Mächten des Waldes und des Labors dar. An dieser Stelle ist auch Stefan Schmidts hervorragende Lichtregie zu erwähnen, die es in der Szene mit den Glühwürmchen schafft, die Tänzer um Alicia so dunkel zu gestalten, dass die benutzten Lampen wirklich wie umherflatternde Glühwürmchen wirken, oder in der Kampfszene mit dem Drachen die Fee der Zuversicht scheinbar mit einem Feuerlichtkegel umgibt, in dem sie verglüht. Die Fee der Zuversicht (Monica Fotescu-Uta) im Kampf gegen den Drachen. In diesem Ambiente entwickelt Xin Peng Wang nun grandiose Bilder, die zum einen den märchenhaften Charakter der Geschichte bedienen, zum anderen aber auch starken symbolischen Gehalt besitzen. So lässt er Alicia zunächst von unten die tanzenden Kinder auf der hochgefahrenen Bühne beobachten. Die Kinder sind also in ihren Bewegungen für Alicia unerreichbar. Auch wenn die Bühne herabgelassen wird, bewegt sich Alicia wie ein Fremdkörper zwischen den anderen. Wenn sie jedoch am Ende gemeinsam mit Florian ihr Handicap überwunden hat, werden beide selbst durch die hochgefahrene Bühne erhöht und sind letztendlich dort angekommen, wo sie immer hin wollten. Auch Florians Entwicklung wird von Wang schon in der ersten Szene angedeutet, indem er mit einer Drachenpuppe spielt, die die anderen Spielkegel angreift und sie, nachdem sie nicht mehr benötigt werden, wegwirft. Für die Ensembles entwirft Wang großartige Tableaus. Hervorzuheben ist der Tanz der Raubvögel, die zu "Goldenberg und Schmuyle" aus Bilder einer Ausstellung in homogenen, bedrohlichen Bewegungen die scheinbare Ausweglosigkeit für Alicia aufzeigen, dieser Gefahr zu entrinnen. Im Gegensatz dazu zeigt der recht volkstümliche Tanz des Ensembles als Kinder zum Vorspiel der Oper Der Jahrmarkt von Sorotschinzy die naive Ausgelassenheit einer Jugend, die unter keinerlei Beeinträchtigungen leidet. Neben dem Ensemble kommen auch zehn Kinder der Ballettschule La Pointe zum Einsatz. Als Alicia glänzt Barbara Melo Freire, die vor allem zu Beginn mit der Beinschiene ein sehr eindringliches Rollenportrait vermittelt. Wie entschlossen sie gegen ihre Behinderung ankämpft, immer wieder Rückschläge einstecken muss, dann aber selbst mit der Schiene auf Spitze tanzt, zeigt die unglaubliche Ausdrucksstärke dieser jungen Tänzerin. Besondere Gestaltungsmöglichkeiten bieten ihr die zahlreichen Klavier-Soli, in denen sie die Bühne ganz für sich allein hat und ihren Reflexionen freien Lauf lassen kann. Ein Höhepunkt dabei ist ihr Blick zurück, wenn sie mit Elena Ana Stupar ihr Spiegelbild sieht, das die Gefahren der Welt scheut und sich mit einem Schicksal im Rollstuhl abfindet. Maria Fotescu-Uta tanzt die Fee der Zuversicht mit eleganten Bewegungen größtenteils auf Spitze und interpretiert die Figur entsprechend märchenhaft wie einen Traum, aus dem man nicht erwachen möchte. Eindringlich gestaltet sie die Szene, in der sie vom Drachen mit Feuer versengt wird und langsam verglüht. Mark Radjapov verzaubert mit kraftvollen Sprüngen und präzisen Drehungen und lässt somit verständlich werden, wieso dieser Dr. Zaponetti die Kinder in seinen Bann zieht. In seinem dunklen Anzug wirkt er wie ein Meister der schwarzen Magie. Arsen Azatyan kann als Florian seine tänzerischen Fähigkeiten erst am Ende des Abends im Pas de Deux mit Barbara Melo Freire entfalten. Auch vorher gestaltet er den in sich gekehrten Jungen intensiv. Großes komödiantisches Talent beweisen Victor Villareal und Tim Collins als Käfer Kribbel und Krabbel. Yuri Polkovodtsev, Philip Woodman und Luke Aaron Forbes gelingt es, die drei Kitzelmänner zum einen witzig, zum anderen aber auch bedrohlich zu gestalten. Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Motonori Kobayashi belegen durch einen sehr präzisen Mussorgsky-Klang, dass ein Live-Orchester den Abend wesentlich unmittelbarer erleben lässt als Musik aus der Konserve. So gibt es am Ende für alle Beteiligten lang anhaltenden und verdienten Applaus, der beim Auftritt des Ballettdirektors sogar in stehende Ovationen übergeht.
FAZIT Erneut ist Xin Peng Wang ein ganz großer Wurf gelungen, der Dortmunds führende Stellung in der Ballettlandschaft in NRW bekräftigt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
ProduktionsteamMusikalische Leitung
Inszenierung und Choreographie Bühnenbild Kostüme Lichtgestaltung Dramaturgie
Statisterie des Dortmunder Philharmoniker Klaviersolo
Solisten *rezensierte Aufführung Alicia Florian Die Fee der Zuversicht Dr. Zaponetti Kribbel, ein Käfer Krabbel, ein Käfer Drei Kitzelmänner Vier kleine gemeine Vögel Spiegelbild Kinder / Vögel / Drachen Kinder der Ballettschule La Pointe
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