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Liebe mit Risiken und Nebenwirkungen
Von Joachim Lange / Fotos von Matthias Creutziger Händels Zauberinnen-Oper Alcina hat aufgeholt. Sie ist präsenter denn je. Was nicht nur an den musikalischen Arien-Prunkstücken liegt, mit denen vor allem Interpretinnen virtuos brillieren können. Es liegt auch an der Geschichte. Sie passt einfach genau in unsere Zeit, wo es mehr um psychologisierende Doppelbödigkeiten geht, als ums Ausschmücken eines möglichst irrationalen Handlungs-Wirrwarrs, so wie zur Londoner Uraufführung von 1735 üblich.
Alcina (Amanda Majeski ) und ihre abgelegten Liebhaber
Alcina folgt als Frau so radikal ihren Obsessionen, dass sie den Zauber der Leidenschaft zu entfesseln vermag. Und wenn sie sich längst dem nächsten Objekt der Begierde zuwendet, behält sie sogar ihre abgelegten Liebhaber als eine Art Männerzoo in ihrer Nähe. Erst als sie selbst vor der Zeit verlassen wird, büßt sie ihre Macht ein. Es gehört zu den Vorzügen der Inszenierung des für den nächsten Bayreuther Holländer engagierten Regisseurs Jan Philipp Gloger (30), dass er seine Alcina nicht zum Monster überhöht. In Dresden wird sie am Ende nicht mit großem Theaterdonner in den Orkus befördert, sondern bleibt, ganz menschlich, verletzt und allein zurück. Ihre Gegenspielerin (und Konkurrentin um die Liebe Ruggieros) Bradamante hingegen wird im Verlaufe ihrer Befreiungsmission, zu der sie (als ihr eigener Bruder getarnt) bei Alcina aufkreuzt, immer militanter.
Alcina und ihr letzter Liebhaber
Die Sympathien sind damit nicht mehr so eindeutig verteilt, wie man es gewohnt ist. Ruggiero jedenfalls kann sich zwischen den beiden Lebens- und Liebesentwürfen, als deren Vertreterinnen Gloger die beiden exponiert, nicht mehr entscheiden. Als Pointe aus diesem Spiel mit der Wahrheit und Täuschung, der greifbaren Wirklichkeit und der Erinnerung, also einem Kampf mit sich selbst (einmal auch ganz wörtlich mit einem Doubel), vernichtet dieser Ruggiero nicht Alcina und ihre Insel, sondern erschießt sich selbst. Ohne lieto fine. Da fahren dann die riesigen Wände von Ben Baur, die zuerst immer mehr Labyrinth und dann ein Gefängnis für Alcina waren, auseinander und sie entsorgt sich traurig in die zusammengeschobenen Kulissenreste.
Morgana und ihr Liebhaber
Glogers Inszenierung ist karg, jedoch nicht ohne dosierte Opulenz. Sie kommt ohne Mätzchen aus, bietet aber effektvolle Ambivalenzen. Und ist obendrein sängerfreundlich. Selbst wenn Alcina, als schlanke, blonde Schönheit im funkelnden Paillettenkleid, nur einsam an der Rampe leidet, stockt dem Publikum der Atem. Überhaupt die Sänger: Amanda Majeski muss keinen Vergleich mit einer der gegenwärtigen Alcina-Interpretinnen scheuen, nach einem so überzeugenden vokalen und darstellerischen Zauber muss man lange suchen. Doch auch sonst obwaltet der pure Luxus: Ob Nadja Mchantaf als ihre attraktive Schwester Morgana, ob der wunderbar strömende Ruggiero von Barbara Senator, oder Christa Mayers höchst souveräne Bradamante, der geschmeidige Simeon Esper als leichtfüßiger Morgana-Liebhaber Oronte, Markus Butters Melisso oder der Oberto von Elena Gorshunova hier hat die Semperoper-Chefin Ulrike Hessler ein barockversiertes Ensemble aus ihrem Haus zusammengestellt, das sämtlichen Händelfestspielen das Fürchten lehren müsste.
Die Befreier
Im hochgefahrenen Graben dirigiert Rainer Mühlbach kein historisches Spezialensemble, sondern eine nur leicht barock aufgerüstete Formation der Staatskapelle und imitiert auch nicht den Furor, den man mit historischen Instrumenten entfesseln kann. Seine gleichwohl faszinierende Sinnlichkeit setzt vokal an und taucht von da in den Orchesterklang ein. Das mag man etwa bei Ruggieros Tiger-Bravour Arie bedauern, und es wird auch den vorherrschenden Interpretationstrend nicht umkehren, aber eine Möglichkeit der Verführung ist es allemal.
Die Neuinszenierung von Händels Alcina an der Semperoper ist auch jenseits der üblichen historischen Musizierweise ein klug in Szene gesetztes musikalisches Prunkstück. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Bewegungscoach
Dramaturgie
Solisten
Alcina
Ruggiero
Bradamante
Morgana
Oronte
Melisso
Oberto
Chorista 1:
Chorista 2:
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