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Musiktheater
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The Turn of The Screw 

Oper in einem Prolog und zwei Akten 
Libretto von Myfanwy Piper nach der gleichnamigen Novelle von Henry James
Musik von Benjamin Britten


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Düsseldorf am 4. Mai 2012  
(rezensierte Vorstellung am 13. Mai 2012)


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Rheinoper
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Wirklichkeit, Traum oder Wahngebilde

Von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Hans Jörg Michel


Ein ereignisreicher 13. Mai 2012: Muttertag, Landtagswahlen in NRW, die BVB-Fans feiern den Pokalsieg und die Deutsche Oper am Rhein sammelt Unterschriften. Die seit mittlerweile 122 Jahren bestehende Kooperation zwischen Düsseldorf und Duisburg wird zum Sommer 2014 aufgekündigt. Die Oper muss den Erhalt ihres Niveaus, ihres großen Ensembles und breit gefächerten Angebots fürchten. Vor Beginn der Aufführung ergreifen Chefdramaturgin Hella Bartnig und die Gesangssolistin Anke Krabbe das Wort und bitten um Unterstützung und Unterschriften. (http://operamrhein.de/petition/)

Und dann beginnt das dritte Werk des Werkzyklus der Deutschen Oper am Rhein. In Kooperation mit der Oper Leipzig wird Brittens 1954 im Teatro La Fenice uraufgeführte Oper Turn of the Screw dargeboten, eine Kammeroper für 14 Musiker und sechs Gesangssolisten, in einer eindrucksvollen Inszenierung, die die Schauergeschichte ohne mediale Effekthascherei zeigt.
Der Vorhang aus einem stilisierten, tapetenähnlichen Blumenmuster hebt sich zunächst nicht. Er wird zum feinen Schleier für den sich dahinter öffnenden Bühnenraum. Mit dem Beginn des Erzählers im  Prolog erscheint die sensible Governess wie eine mit Reisekoffer, Mantel und Hut ausgestattete, rätselhaft durchbrochene Gestalt.
Das muntere, offene und fröhliche Verhalten der Kinder nimmt ihr zunächst die Unsicherheit,  der Erziehungsaufgabe ohne Hilfe und Unterstützung ihres Auftraggebers, des Vormunds und Onkels der Kinder gewachsen zu sein. Aber dann trüben Schatten, mysteriöse Ereignisse wie der Schulverweis des Jungen, geheimnisvolle Erscheinungen und Gestalten das Zusammenleben. Die pubertierenden Kinder werden zusehends provozierend und unzugänglich. Governess versteigt sich in die hysterische Fantasie, die Kinder retten zu müssen.

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Miss Jessel und die Governess

Regisseur Immo Karaman führt einfühlsam in das Katz- und Mausspiel von Ängsten und Sehnsüchten der jungen Frau ein. Unterstützt von einem fantasievoll immer leicht variierten Bühnenbild, passender Lichtgestaltung und überdimensionalen Schattenfiguren wird uns zunächst die veränderte Wirklichkeit oder Wahrnehmung plastisch vor Augen geführt. Mit jeder Szene verändern sich Raumkonstellationen und -dimensionen. Das Geschehen versteigt sich, scheint in immer höheren Stockwerken des leicht heruntergekommenen Landhauses stattzufinden. Die Raumtiefe weitet sich und wird mittels Deckenbeleuchtung vervielfacht. Wände beginnen zu schwanken oder sich leicht zu öffnen und das Eindringen der Geister zuzulassen, deren musikalische, atmosphärische Anwesenheit durch seitliches mondähnliches Licht aus einem quadratischen Turm immer wieder angedeutet wird. Zauberhafte, verführerische Geisterfiguren - Kalman verdoppelt die Rolle der Miss Jessel und des Peter Quint -  mischen sich sodann in tänzerischen, verlangsamten Zeitlupenbewegungen in das Schlafzimmer der Kinder. Es ist erstaunlich, mit welch einfachen, ur-theatralen, spielerischen Mitteln Kalman das Zustandekommen von Illusion zaubert, das Geschehen fantasie- und spannungsvoll verdichtet. Am Ende ist auch die musikalische Trennung von Szene und instrumentalem Zwischenspiel aufgehoben.

Auch Brittens Komposition spiegelt in seiner tonalen Verarbeitung eines 12-tönigen Themas das Nebeneinander von Faszination (des Bekannten) und Befremden (des Unbekannten), von strenger Form und musikdramatischer Lebendigkeit. Den 14 Mitgliedern der Düsseldorfer Symphoniker gelingt unter der Leitung Wen-Pin Chiens ein packender Film-Musikstrom, ein musikalischer Schauerroman mit spitzfindigen Instrumentalklangfarben und Farbkombinationen, dessen musikalischer Spannungsbogen nicht abreißt und nicht eine Sekunde lang ein großes Orchester vermissen lässt.

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Die Governess ist den aufmüpfigen, pubertierenden Kindern nicht mehr gewachsen.

Wunderbar auch die bruchlos sich einfügenden Geisterdoubles und textverständlichen, engagierten Darbietungen der Gesangssolisten, allen voran die klaren, hellen Sopranstimmen und das professionelle, spielfreudige Auftreten der jugendlichen Darsteller von Miles und Flora. Marta Márquez ist eine lyrisch schillernde, mit der Erziehung der Kinder leicht überforderte, ihr Äußeres vernachlässigende, rauchende Haushälterin. Anke Krabbes lyrischer Sopran schillert rätselhaft und passt gut zur Geisterfigur Miss Jessel. Silvia Hamvasis offener, klangschöner, schlanker und doch weich und warm grundierter lyrischer Sopran gestaltet anschaulich die immer hysterischer werdende, sich zunehmend isolierende und vernachlässigende Governess. Corby Welch gestaltet mit hell timbriertem, klangschönem lyrischen Tenor differenziert und ausdrucksvoll die Partie des Erzählers sowie die Rolle Quint. Es wäre schade, wenn die Landeshauptstadt künftig nicht mehr mit solch niveauvollen Operndarbietungen aufwarten könnte.

FAZIT

Eine in allen Bereichen stimmige, niveauvolle Inszenierung für jedes Alter.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Wen-Pin Chien  

Inszenierung
Immo Karaman   

Choreographie
Fabian Posca

Bühne
Kaspar Zwimpfer

Kostüme
Marie-Luise Walek

Licht
Michael Röger

Dramaturgie
Sonja Westerbeck  




Mitglieder der
Düsseldorfer Symphoniker

Statisterie der
Deutschen Oper am Rhein 


Solisten

The Prologue/ Peter Quint
Corby Welch

The Governess
Sylvia Hamvasi

Miles
Harry Oakes

Flora
Eleanor Burke

Mrs Grose
Mara Márquez

Miss Jessel
Anke Krabbe

Peter Quint II
Ulrich Kupas

Miss Jessel II
Anna Roura-Maldonado



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



Da capo al Fine

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